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 Betreff des Beitrags: 23 Euro im Monat
BeitragVerfasst: 21 Sep 2005 23:14 
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Wie effizient ist Brasiliens Elendsbekämpfung?
„Vieles hat sich verbessert, vor allem unter Staatschef Lula gibt es brasilienweit sichtbare Fortschritte im Sozialbereich“, konstatiert Caritas-Mitarbeiter Rodrigo Vieira, der im Teilstaat Minas Gerais ein Projekt zur Integration von sechshundert verelendeten Slum-Familien in den Arbeitsmarkt leitet. „Heute existieren staatliche Hilfsprogramme aller Art, viel mehr als früher – für die Familien, die Kinder, für Schulbildung und medizinische Betreuung wird zweifellos mehr getan.“ Auf den ersten Blick scheint der 32-jährige Agraringenieur Vieira mit seinem Staatspräsidenten Lula übereinzustimmen – doch der Teufel steckt im Detail. Das über 180 Millionen Einwohner zählende Brasilien ist laut UNO-Angaben Weltmeister bei Sozialkontrasten und ein Land erstaunlichster Paradoxe. Lula zeigt sich überzeugt, daß Brasilien bis 2015 so gut wie alle von der UNO gesteckten Milleniumsziele bequem erreicht. „Extreme Armut und Hunger um die Hälfte zu reduzieren, allen Kindern den Schulbesuch zu garantieren – das haben wir doch schon fast geschafft.“ Und auch die brasilianische UNO-Expertin Maria Oliveira betont, daß im Bezugsjahr 1990 noch 8,8 Prozent der Brasilianer täglich mit weniger als einem Dollar umgerechnet auskommen mußten, also gemäß Weltbankkriterien in echter Misere lebten. „Heute sind es nur noch etwa halb so viel Betroffene – extreme Armut in Brasilien exakt zu definieren, ist jedoch sehr schwierig.“ Selbst die Regierung gehe von zwanzig Millionen Brasilianern in absoluter Misere aus.
Caritas-Koordinator Rodrigo Vieira trifft in Minas Gerais trotz der Sozialprogramme täglich auf viele Hungernde, Verelendete. Die Slumgürtel der brasilianischen Städte schrumpfen nicht, sondern wachsen rasch weiter. „Die Hilfen der Regierung sind nur Almosen, lindern die Misere etwas, aber beseitigen sie nicht – von einer Lösung des Problems sind wir noch weit entfernt!“ Er bestätigt Regierungsangaben, wonach derzeit siebeneinhalb Millionen Familien eine monatliche Hilfe von umgerechnet mindestens fünf und maximal 31 Euro erhalten, um sich das Nötigste kaufen zu können. „Dreißig Millionen Begünstigte von über fünfzig Millionen Berechtigten – das ist sehr wenig.“ Es reiche nicht aus, die Armen und Verelendeten von solchen Almosen abhängig zu machen – man müsse diese Menschen in die Gesellschaft, in den Arbeitsmarkt integrieren.
Den Betroffenen sind die Regierungs-Almosen jedenfalls sehr willkommen. Leticia Alves, Mutter von vier Kindern im nordöstlichen Guaribas, kann mit ihrer neuen Magnetkarte monatlich umgerechnet 17 Euro abheben:“Ohne die Karte wäre ich schon vor Hunger gestorben!“ Und Paulo Machado, Straßenverkäufer aus der selben Region, freut sich über die Zahlungen wegen seiner sechzehn Kinder:“Ohne das Geld müßte ich mich als Händler schier zerfetzen.“ Doch reicht es zur Flucht aus der Misere?
„Mit durchschnittlich 23 Euro pro Familie sind angesichts des brasilianischen Preisniveaus nicht einmal die Minimalbedingungen erfüllt, um extreme Armut überwinden zu können“, analysiert Eneas da Rosa, der die brasilianische Filiale der internationalen Hilfsorganisation FIAN(FoodFirst – Informations-und Aktionsnetzwerk für das Recht auf Nahrung) leitet und mit dem katholischen Hilfswerk Misereor kooperiert. Die staatlichen Sozialprogramme lösten nicht das Hungerproblem – jede bedürftige Familie brauche mindestens einhundert Euro monatlich vom Staat, also den ohnehin sehr knapp bemessenen Minimallohn Brasiliens, um sich einigermaßen ernähren zu können. „Bei politischem Willen wären die Mittel auch verfügbar.“ Schließlich ist das Drittweltland Brasilien die vierzehnte Wirtschaftsnation, dazu der weltgrößte Rindfleischexporteur, und hat die meisten europäischen Staaten, darunter auch Rußland, ökonomisch längst hinter sich gelassen. 2004 stieg die Zahl der Dollarmillionäre Brasiliens um über sieben Prozent, doch riesige Elendszonen, mit Sozialindikatoren von Haiti und Uganda, bleiben bestehen. Experten befürchten daher, daß Brasilien zwar die Milleniumsziele erreicht, ohne jedoch im Sozialsektor die erwarteten qualitativen Fortschritte zu machen.
Die bisherigen Hilfsprogramme, kritisiert auch die UNO, nützten gerade den am meisten unter Misere leidenden Brasilianern am allerwenigsten. Denn diese müsse man gewöhnlich erst einmal ausfindig machen, amtlich registrieren, ihnen dabei helfen, zustehende Gelder zu beantragen – und danach kontrollieren, ob sie die Hilfe auch tatsächlich erhalten. Über elf Prozent der Erwachsenen sind Analphabeten. Zwar gehen inzwischen die allermeisten Kinder armer Familien in öffentliche Schulen, doch die Qualität des Unterrichts ist extrem schlecht, was Chancengleichheit verhindert. Denn Mittelschichtskinder besuchen durchweg die weit besseren, teuren Privatschulen. Sozial und rassisch diskriminiert sind nach wie vor Schwarze und Mischlinge, die sechzig Prozent der Bevölkerung stellen.
Carlos Lopes, Chef der UNO-Mission in Brasilia: “Selbst wenn Brasilien insgesamt vorankommt, wird der Abstand zwischen den Ärmsten und den Reichsten nicht geringer.“


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BeitragVerfasst: 22 Sep 2005 10:57 
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Oi gente,

meine Schwiegermutter ist 60 Jahre alt und hat 6 Kinder zur Welt gebracht. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet, meist auf dem Felde für einen Salario Minimo. Mit ca. 58 Jahren konnte sie nicht mehr arbeiten. Körperlich war sie völlig am Ende. Das bescheinigen ihr auch die Ärzte. Vom Staat bekam sie aber deswegen nichts. Sie lebte von ihrer Witwenrente weiter (1 Salario minimo) , die sie erhielt, weil ihr Mann einige Jahre zuvor gestorben war. Da er INSS eingezahlt hatte, hatte sie ein Recht darauf. Dieses Recht erlöschte aber automatisch als der jüngste ihrer Söhne das Alter von 21 Jahren erreichte.

Plötzlich hatte sie nichts mehr. Sie ist eigentlich ein Pflegefall - kann unmöglich arbeiten - aber INSS zahlt nichts!

Beim zuständigen Rentenamt INSS hat sie eine Verlängerung der Rentenzahlungen ihres verstorbenen Mannes beantragt. Auf Anfrage des INSS legte sie die Arbeitsunfähigkeitsbescheingungen vor. Man sagte ihr, dass alle Dokumente ok sind und jetzt eine gerichtlicher Entscheidung getroffen werden muss. Diese würde jedoch bei der derzeitigen Gesetzeslage sicherlich zu ihrem Gunsten entschieden und sie müsse jetzt einfach nur auf einen Positivbescheid warten.

Sie wartet jetzt schon 2 Jahre. Trotz ständiger Nachfragen beim Rechtsanwalt kommt es zu keiner Entscheidung. "Die INSS- Behörde streikt laufend" ist die Antwort.

Parallel wurden sämtliche staatliche Hilfsgelder beantragt (Fome Zero usw.). Auch alles bisher ohne Ergebnis. Und das nun schon über 2 Jahre.

Der letzte Ausweg war Schwiegersohn Lemi. Wenn der ihr nicht monatlich einen Scheck geben würde, wäre die arme Frau jetzt tot ! Verhungert !

Und alles dank Lula, seiner uneffektiven Behörden und seinen tollen Hilfsprogrammen.

Soviel zur Realität in Brasilien. Wenn einer glaubt, dass sei ein Einzelfall, dürfte er sich beiweiten getäuscht haben.



Man sieht sich,
Lemi

http://www.brasilien-forum.net


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 Betreff des Beitrags: Generelle Rechtlosigkeit
BeitragVerfasst: 22 Sep 2005 13:24 
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Hallo Lemi, sowas kenne ich auch aus eigener Erfahrung, schon seit 1986. Ich würde mich freuen, wenn auch andere Leser solche Erfahrungen hier publizieren würden - denn im neoliberalen Deutschland wurde Lulas neoliberaler Kurs natürlich begeistert aufgenommen, gerade die Miserebekämpfung sehr gelobt.
Klaus


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BeitragVerfasst: 22 Sep 2005 13:55 
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Registriert: 07 Sep 2005 22:46
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schon mal in Deutschland einen Antrag auf Bewilligung von Pflegegeld gestellt? Dauert zwar nicht ganz so lange wie in Brasilien, aber automatische bekommt man es auch nicht.

Bei dem Bericht fällt mir auf, dass es bis dato keiner Hilfsorganisation gelungen ist, diesen Menschen beizubringen, dass sie nicht so viele Kinder in die Welt setzen sollen. 16 Kinder :shock: ist klar, dass dieser Mensch ohne einer großzügigen staatlichen Hilfe nicht leben kann.


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BeitragVerfasst: 22 Sep 2005 15:21 
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Registriert: 26 Nov 2004 21:23
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Chata hat geschrieben:
schon mal in Deutschland einen Antrag auf Bewilligung von Pflegegeld gestellt? Dauert zwar nicht ganz so lange wie in Brasilien, aber automatische bekommt man es auch nicht.


Gibts es denn in Deutschland auch so ein "schwarzes Loch" wie hier in Brasilien? Ich meine einen Zeitraum, wo man rein gar nichts bekommt.

Chata hat geschrieben:
Bei dem Bericht fällt mir auf, dass es bis dato keiner Hilfsorganisation gelungen ist, diesen Menschen beizubringen, dass sie nicht so viele Kinder in die Welt setzen sollen. 16 Kinder :shock: ist klar, dass dieser Mensch ohne einer großzügigen staatlichen Hilfe nicht leben kann.


Meinst du mit 16 Kindern meine Schwiegermutter ? Falls ja, hast du dich verlesen ......... sie hatte "nur" 6.

Ausserdem sind sie alle schon erwachsen (ich schrieb ja schon > 21 J.) und flügge. Es geht also ums reine Überleben dieser Frau, unabhängig davon wieviele Kinder sie hat.

Übrigens sind die Geburtenraten in Brasilien in den letzten 50 Jahren beträchtlich gesunken. Heute gibts immer weniger kinderreiche Familien. Es könnte durchaus ein Resultat besserer Bildung und Aufklärung sein, was sich ja auch in der Verteilung der kinderreichen und kinderarmen Familien widerspiegelt. In den Favelas leben die Familien mit vielen Kindern - ausserhalb die mit maximal 2-3 Kindern.



Man sieht sich,
Lemi

http://www.brasilien-forum.net


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BeitragVerfasst: 22 Sep 2005 19:54 
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Nein, Lemi. Chata meint den Strassenverkäufer aus Guaribas.

Lemi hat folgendes geschrieben:

Übrigens sind die Geburtenraten in Brasilien in den letzten 50 Jahren beträchtlich gesunken.
Heute gibts immer weniger kinderreiche Familien.

Stimmt.


Lemi hat es folgendes geschrieben:

Es könnte durchaus ein Resultat besserer Bildung und Aufklärung sein, was sich ja auch in der Verteilung der kinderreichen und kinderarmen Familien widerspiegelt. In den Favelas leben die Familien mit vielen Kindern - ausserhalb die mit maximal 2-3 Kindern.

Jein, Aufklärung gibt es genug. Ich würde eher sagen, dass es an Bildung fehlt, es ist unverantwortlich und es ist noch eine Arbeitskraft mehr für die Familie.
Natürlich gibt es Ausnahmefälle, bei denen die Mutter das Geld dringender fürs Essen als für Verhütung braucht.


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BeitragVerfasst: 23 Sep 2005 09:27 
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Maninha hat geschrieben:
Natürlich gibt es Ausnahmefälle, bei denen die Mutter das Geld dringender fürs Essen als für Verhütung braucht.
Ich lümmelte mal im Balcony und langweilte mich. Da kam ne Favelada mit hungrigem Baby auf dem Arm und bettelte mich an. Ich zögterte nicht lange und ging mit ihr an den nächsten Imbissstand ... Sie hatte eine bessere Idee ... und lief mit mir zum Supermarkt ... sie musste erst beim Wachmann um Erlaubnis fragen, eintreten zu dürfen, und erst als ich ihm zunickte, trat sie ein ... wir kauften Bohnen, Reis, Milch und Hastenichtgesehen ... Aufwand: 15 oder 20 Reais ... naja ...

Sie bedankte sich höflich und meinte, dass noch vier weitere Kinder zu Hause sässen ... außerdem war sie ganz offensichtlich schwanger ...

Wo bleibt der Jeitinho brasileiro??? In Marokko wissen selbst die dümmsten Slumkids, dass sie sich in die obere Option vögeln lassen müssen, um noch weiterhin als Jungfrau zu gelten ... das liesse sich doch auch auf Brasilien und das Thema Verhütung übertragen ... :idea: :mrgreen:


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BeitragVerfasst: 23 Sep 2005 09:52 
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Beiträge: 42
Lemi hat geschrieben:
Gibts es denn in Deutschland auch so ein "schwarzes Loch" wie hier in Brasilien? Ich meine einen Zeitraum, wo man rein gar nichts bekommt.

Oh ja, das gibt es. Ich hatte das nach meiner Scheidung. Vater die Hand hochgehoben, mich mit 100.000 DM Schulden + Kind sitzen gelassen. Weder das Sozialamt noch das Jugendamt wollten einspringen, weil sie alle erwartet haben, dass der Vater für sie einspringt. Das Arbeitsamt wollte auch nicht einspringen, weil ich keinen Kindergartenplatz hatte und somit dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen konnte. 4 Monate hab ich das Spielchen mitgemacht, bei Freunden gewohnt, Geld ausgeliehen usw.
Dann hab ich es bleiben lassen und hab mir einen Job gesucht, den kleinen in einem Privatkindergarten untergebracht, weil die staatlichen nur 1 x im Jahr Anmeldung haben und ich micht erst 10 Monate später dann arbeitslos hätte melden können. War ne schwere Zeit, aber sie liegt zum Glück hinter mir. Schade ist nur, dass ich nie wirklich Zeit für mein Kind hatte, weil ich nicht nur Vollzeit gearbeitet habe sondern auch nachts Schreibarbeiten erledigt habe, um die ganzen Schulden bezahlen zu können. Der Vater zahlt übrigens bis heute keinen Unterhalt für den Kleinen. Hat eine Gesetzeslücke entdeckt und mit Hilfe eines gewieften Rechtsanwaltes, hat ihm ein Gericht bestätigt, dass er zu blöd zum Arbeiten ist.

Lemi hat geschrieben:
Meinst du mit 16 Kindern meine Schwiegermutter ? Falls ja, hast du dich verlesen ......... sie hatte "nur" 6.

Ne, Klaus hatte etwas von einem Verkäufer mit 16 Kindern geschrieben.


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BeitragVerfasst: 23 Sep 2005 11:22 
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Chata hat geschrieben:
...Dann hab ich es bleiben lassen und hab mir einen Job gesucht,....

Das war eine sehr gute Idee.



Bis dann
Bagi


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BeitragVerfasst: 23 Sep 2005 12:50 
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Bagi hat geschrieben:
Chata hat geschrieben:
...Dann hab ich es bleiben lassen und hab mir einen Job gesucht,....

Das war eine sehr gute Idee.


Sähe ja etwas auch komisch aus, wenn sich die Oberschicht in Deutschland vom Sozialamt alimentieren lassen würde, nicht wahr!?! :twisted:


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