Bernado hat geschrieben:
Was Brasilien und andere Lateinamerikanische Länder betrifft, kann ich mir vorstellen angesichts der Konflikte wegen geistigen Eigentum sprich Patente, dass einige Leute auswandern. Man hat hier eine Idee und wird verklagt bis zum geht nicht mehr. Deutschland ist durch die Bürokratie gelähmt. Es ist nicht mehr so einfach hier was auf die Beine zustellen.
U
Ich hatte am Donnerstag das Glück in einem Vortrag zu erfahren, dass Brasilien nur an Position 32 in der Welt liegt, was das Einreichen von Patenten betrifft. Und die Position ist nur unter den ersten Hundert, weil Patente, die von im Ausland lebenden Brasilianern eingereicht werden, mitgezaehlt wurden. Die Bürokratie um hier in Brasilien ein Patent einzureichen ist um Groessenordnungen gigantischer als in Deutschland. Zumal es ein Diensterfindergesetz wie in der EU in Brasilien so nicht gibt und deswegen erst einmal der Arbeitgeber alle Royalties einstreicht. Daher produzieren die Universitäten hier zum Beispiel keine Patente, weil es sich für die Professoren und die anderen Beteiligten einfach nicht lohnen würde, denn bis der erste Centavo in deren Tasche landet sind sie gestorben. Das passiert Dir so in der EU oder den Staaten nicht.
Zitat:
Man erstickt hier an Vorschriften und Regelungen. Jeder Verein hat was zu sagen und einzukassieren, wie Handwerkskammer, IHK und und und.
Dazu kommen noch Vorschriften wie ein Ladenlokal auszusehen hat (Ordnungsamt). Das Finanzamt hält auch direkt mal die Hand auf bevor auch nur ein Cent verdient wurde.
Du kannst noch nicht mal in deiner Garage ein eigenes Büro einrichten.
Hier gibt es dafür die Conselhos Federais für alle möglichen Berufsklassen, in denen Du Zwangsmitglied sein musst, wenn Du einen bestimmten Beruf ausüben willst. Diese Conselhos existieren in der grossen Mehrheit nur um ihrer selbst Willen und um eine monatliche Zeitschrift zu verlegen und um - nicht zu vergessen - die Zwangsmitgliedsbeiträge einzustreichen. Letztes Jahr hat meine Frau nur mal so eben 600 R$ abdrücken müssen um ihre Mitgliedschaft beim Conselho Regional de Farmácia zu erneuern.
Zitat:
Der nächste Hammer ist die Vorratsdatenspeicherung, da brauch sich nur mal ein Krimineller mal verwählt zu haben. Ich möchte die Fragen nicht beantworten müssen, warum hat der Sie vor 5 Jahren angerufen.
Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es hier so etwas wie Vertraulichkeit oder Datenschutz gibt. Versuch doch einfach mal eine Wohnung mit Bürgen (Fiador), das ist der normale Weg hier, anzumieten. Da werden Details in der Öffentlichkeit breitgetreten (Gehaltsbescheinigung, Grundbuchauszüge etc.), die ich Deutschland nichtmal meinen engsten Freunden anvertrauen würde. Davon abgesehen, und das ist ein ganz anderes Beispiel, werden in jeder Nachrichtensendung, wenn z.B. über einen Unfalltod berichtet wird, der Namen des Opfer, Beruf und Familienstand sowie Anzahl der Kinder landesweit verbreitet. Soviel zum Datenschutz hier.
Brasilien ist mit Sicherheit schwieriger als es sich viele vorstellen und das hängt genau mit eben diesem brasilianischen Jeitinho zusammen, denn hier probiert jeder immer alles für sich zurechtzubiegen und als Reaktion darauf werden Regeln für alles mögliche verfasst und somit die Bürokratie erhöht. Du müsstest Dir mal den Studienplan und die Prüfungsordnung an unserer Uni durchlesen, in denen im Prinzip festgeschrieben ist, wieviel Atemzüge ein Professor pro Vorlesungsstunde höchtens machen darf, damit ihm die Studenten nicht verklagen, wenn sie durch die Prüfung fliegen. Kein Witz!!
Und ich kann nur jedem empfehlen, der es hier versuchen will, genügend Ruhe zu bewahren. Mir gelingt es fast immer, aber letzte Woche ist mir mal wieder der Kragen geplatzt, als ich beim Imobileinmakler einen Vertrag rückwirkend zum 1.11. unterschreiben sollte, obwohl ich erst zum 1.12. umziehen kann. Das ist das berühmte "passar conversa" und das passiert Dir hier jeden Tag. Wenn´s ums Abkassieren geht, dann sind die nämlich auf einmal ganz schnell und wenn´s ums Leisten oder Schuften geht, wird erstmal Kaffee getrunken.
...SWK!