A Policia chegou!

Infos und Tipps zu Hotels, Pousadas, Städten und Regionen in den Bundesstaaten Rio de Janeiro, São Paulo, Minas Gerais, Espirito Santo. Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul

A Policia chegou!

Beitragvon supergringo » Sa 12. Jun 2010, 09:41

Der Titel ergibt sich später.

Nein, ich hatte es nicht leicht.

Vor vier Wochen flog ich nach meinen Ausflügen in den Norden und Nordosten des Landes zurück nach Rio de Janeiro. Um Geld zu sparen, quartierte ich mich ins "Casa", in Wahrheit ins Apartment, einer langjährigen Bekannten in der Favela Mangueira in der Zona Norte ein. Die Favela selbst empfinde ich als gruselig, am Wochenende sieht man viel zu viele Waffen, es gibt ungezählte Boca de Fumas, und sehr häufig Schießereien. In die Sambaschule zu gehen (jetzt ist allerdings kaum Saison), ist kein Problem, im ANschluss auf den Baile Funk hat schon eine andere Qualität ... doch, das versicherte mir meine Freundin und zeitgleich Ex, sie selbst wohne in einer ruhigen Ecke. Bis auf eine (entscheidende) Ausnahme ruhig, doch dazu ebenfalls später.

Nachdem ich knapp meiner Entführung entgangen war (siehe Thread "Beinahe entführt!), konnte ich meinen Ersatztaxifahrer überzeugen, mich vor die Haustüre des Mädchens zu fahren. Die Straße ist steil, auf etwa 200 Metern werden geschätzte 50 Höhenmeter überbrückt, aber sie ist gut befahrbar, fast gänzlich schlaglochfrei. Ihre beiden Buben jubeln über meinen Besuch, obwohl sie sich nur schwer an mich erinnern können. Immerhin habe ich sie vor rund 1,5 Jahren das letzte Mal gesehen. Der Kleine ist eh erst drei, der Größere mittlerweile elf.

Claudia ist vor einem halben Jahr aus ihrer Hütte ausgezogen. Sie war winzig, im "badezimmer" stand ein Mangobaum. Jetzt hat sie wesentlich mehr Platz. Aber kaum Möbel. Im Wohnzimmer stehen zwei Sofas, deren Zerfalldatum weit fortgeschritten ist. In der Ecke ein wackeliger Plastiktisch, auf dem der kleine Fernseher steht. Er läuft etwa zwischen 7 Uhr morgen sund drei Uhr nachts. oft auf die volle Lautstärke gedreht. Im Schlafzimmer findet sich das Familienbett. Im kleinen Nebenraum türmt sich Spielzeug, das überwiegend nicht mehr funktioniert. Der kleine Rotzer zerschmettert alles. Im von meiner Freundin als "freies Zimmer" angekündigtem Raum finden sich ein Schrank, eine "Kommode" aus Kunststoff, auf dem ein weiterer Fernseher steht, und in einer Ecke türmt sich Schmutzwäsche. Eine weitere Matratze oder Schlafmöglichkeit besteht nicht ... mir schwant schlimmes.DIe Küche hat eine Spüle, eine Kochplatte mit zwei Kochstellen, eine rieisge Gefriertruhe und einen Kühlschrank. Zudem gibt es einen kleinen Balkon, auf dem Wäsche trocknet, in einer Ecke ist die entsprechende Waschmöglichkeit. Man blickt auf eine andere Häuserwand, die sich in etwa 30 cm (Zentimeter) vor dem Balkon auftürmt. Ganz links hat man allerdings freie Sicht. Auf ein bisschen Favela weiter oben auf dem Hügel, den Garten eines größeren Anwesens unter uns und auf die Preifeitura. Man kann auch noch einen winzigen Teil des Stadions von Maracaná erkennen. Ach so, das Bad ... die Spülung funktioniert nicht mehr, man muss das Spielzeugplastikeimerchen mit Wasser füllen und in das Becken gießen. Die Dusche hat nur kaltes Wasser. In Wahrheit ist das Wasser nicht kalt, sondern eisig. Jedesmal ein Drama, wenn der jüngere Spross zum Duschgang mit der Mutter muss. Ich kann ihn gut verstehen. Einen Ventilator gibt es nicht, allerdings ist die Wohnung gut natürlich klimatisiert, das heisst, es ist keine künstliche Klimatisierung notwendig.
Benutzeravatar
supergringo
 
Beiträge: 2172
Registriert: So 28. Nov 2004, 18:40
Bedankt: 106 mal
Danke erhalten: 89 mal in 67 Posts

Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Re: A Policia chegou!

Beitragvon supergringo » Sa 12. Jun 2010, 13:54

Ich bin froh, dass die Familie im Erdgeschoss wohnt, und ich das Gepäck nicht die enge, steile Treppe herauf schleppen muss. Erdgeschoss vom Eingang aus gesehen, hinten raus fällt ein kleiner Abhang, deshalb der Balkon.

Ich hatte in der Vornacht in Salvador zum Abschluss ein bisschen zu viel "gefeiert", war zudem platt vom Flug und von meinem Taxiabenteuer. Den Kindern habe ich Süßigkeiten zugesteckt, Claudia drücke ich BRL 50 in die Hand. "Für was?", fragt sie skeptisch. "Na ja, für irgend etwas wirst Du das Geld schon brauchen können, oder?" Dann lege ich mich, nach Aufforderung, ins knochenharte Bett, in Wahrheit eine Holzplatte mit hauchdünner Matratze und so gut wie ohne Federung.

Nach meiner lediglich halbwegs entspannenden Mittagsruhe gibt es Mittagessen. Um 15 Uhr. Eines muss man Claudia lassen, sie kann gut kochen. Es gibt zwar eigentlich jeden Tag das Gleiche. Nur mit Variation: Reis und Bohnen und irgendwelches Gemüse sowie Fleisch (oder Calabresa), manchmal Eier, je nachdem, was die Haushaltskasse bzw. der Kühlschrank hergibt. Und das ist i.d.R. abhängig, von meinem Budget. Aber ihre Gerichte sind meist ziemlich lecker, das muss ich unterstreichen.

Dann ist es Zeit für den ersten Rundgang. Ich kenne die Mangueira, aber nicht besonders gut. Claudia ist im fünften Monat schwanger und bleibt lieber im Haus. Der Sohnemann muss herhalten, was er gerne macht, denn wir gehen ins Internetcafe und ein Eis (bzw. Acai) ist natürlich auch noch drin. Es gibt zwei Möglichkeiten, das Internetcafe anzusteuern. Von unten, also am Rand der Favela auf der Rua Visconde de Niteroi oder quer Beet durch die Mangueira. Der Kleine bevorzugt natürlich den abenteuerlichen Weg. Es geht rauf und runter. Erst jetzt wird mir bewusst, wie gross der Morro eigentlich ist. Wieder ernte ich sakeptische Blicke, aber ich werde erst auf einer der Haupteinfallsstraßen mehrfach angesprochen. Dort im Umkreis sind zig Verkaufspunkte von Drogen und entsprechend viele Waffenträger. Doch ich werde weder angeschnorrt noch blöde angemacht. Mein elfjähriger Begleiter ist, so lächerlich das klingen mag, mein Beschützer, und ich bleibe cool genug, um meinen Fragestellern kurz und bündig zu antworten, dass ich jetzt hier wohne. Die sind scheinbar so baff, dass sie mir das gleich glauben. Im Internetcafe, in einer verwinkelten Ecke nahe an einem der Haupteingänge gelegen, arbeiten zwei vielleicht 14-jährige Buben. Eine Stunde kostet, wie in allen anderen Internetcafes des Viertels auch, ein Real. Die Tastaturen sind hier unglaublich sauber (neu). Die Verbindung ausgesprochen gut. Um mich herum sitzen nur Kinder, die zehn-, elf- oder zwölfjährigen Mädchen beäugen mich besonders aufmerksam. Den meisten Jungs bin ich egal. Draussen wird es dunkel und ich habe alle Mühe, Paulo, den Sohn meiner "Vermieterin", dazu zu bewegen, mit dem Computerspiel aufzuhören. Die Stunde ist schon längst rum, aber das System läuft weiter. Die Angestellten sind zu sehr mit den eigenen Spielen beschäftigt. Mir ist, wie gesagt, diese Favela nicht geheuer, und diese Ecke ganz besonders nicht. Ich setze mich durch und wir gehen, wieder auf meine Bitte, den Weg unten herum zurück.

Claudia hat schon einen Plan für diese Nacht. Essen gehen in Andaraí. Oh je, das kostet. Ich will aber nichts sagen, sehe es als (ein weiteres) Einstandsgeschenk. Immerhin zahlt sie die Hinfahrt mit dem Van. Der Transfer der Kinder kostet nichts. Es gibt Picanha und Chopp von Brahma. In dem Lokal waren wir schon einmal vor Jahren, um die Ecke liegt die Favela Arará. Da gibt es stressfrei Drogen. Klar, dass wir im Anschluss einen Abstecher dorthin machen werden. Claudia hat in ihrer Kindheit in der Nähe des Eingangs gelebt, kennt noch einige Ex-Nachbarinnen. Eine ist heiss, aber zu jung, ausserdem zeigt Claudia zwar nicht ihre Eifersucht, aber sie "achtet" auf mich. Ich weiss, dass sie mich attraktiv findet. Vielleicht war sie früher auch mal ein bisschen in mich verliebt. Aber ich würde sagen, wir sind mittlerweile eher befreundet, finden uns sympathisch. Der Erzeuger ihres baldigen dritten Sohnes ist Brasilianer aus Sao Paulo, und ihren Angaben zufolge nicht über alle Berge , sondern sie war es angeblich, die den Laufpass gab. Kontakt hat sie noch, wie auch zum italienischen Vater eines der Jungs. Der erste Liebhaber, der ihre Bratpfanne im zarten Alter von 14 stopfte, ist noch vor der Geburt des gemeinsamen Sohnes auf tragische Weise verstorben. Auch ein Italiener. Claudia ist jetzt 27.
Benutzeravatar
supergringo
 
Beiträge: 2172
Registriert: So 28. Nov 2004, 18:40
Bedankt: 106 mal
Danke erhalten: 89 mal in 67 Posts

Re: A Policia chegou!

Beitragvon tinto » Sa 12. Jun 2010, 15:23

supergringo hat geschrieben:... Ich weiss, dass sie mich attraktiv findet. Vielleicht war sie früher auch mal ein bisschen in mich verliebt. Aber ich würde sagen, wir sind mittlerweile eher befreundet, finden uns sympathisch. Der Erzeuger ihres baldigen dritten Sohnes ist Brasilianer aus Sao Paulo, und ihren Angaben zufolge nicht über alle Berge , sondern sie war es angeblich, die den Laufpass gab. Kontakt hat sie noch, wie auch zum italienischen Vater eines der Jungs. Der erste Liebhaber, der ihre Bratpfanne im zarten Alter von 14 stopfte, ist noch vor der Geburt des gemeinsamen Sohnes auf tragische Weise verstorben. Auch ein Italiener. Claudia ist jetzt 27.


Ohje, lieber sg...immer diese Problemfälle...und schon wieder ein Senftöpfchen mit Tiefgang?
_________________________________
Schöne Grüße,
tinto
Benutzeravatar
tinto
Moderator
 
Beiträge: 3909
Registriert: Fr 7. Jan 2005, 09:37
Wohnort: Rheinland/Münsterland
Bedankt: 137 mal
Danke erhalten: 137 mal in 104 Posts

Re: A Policia chegou!

Beitragvon brasio » So 13. Jun 2010, 09:35

warte(n) schon gespannt auf ...die Fortsetzung :)
Benutzeravatar
brasio
 
Beiträge: 16
Registriert: Mi 28. Apr 2010, 18:48
Bedankt: 2 mal
Danke erhalten: 5 mal in 3 Posts

Re: A Policia chegou!

Beitragvon Frank-Rinkens » So 13. Jun 2010, 09:47

Interessanter Beitrag! Warte gespannt auf die Fortsetzung! :wink:
Benutzeravatar
Frank-Rinkens
 
Beiträge: 76
Registriert: Mo 22. Sep 2008, 10:04
Wohnort: Deutschland (geilenkirchen)
Bedankt: 82 mal
Danke erhalten: 8 mal in 6 Posts

Re: A Policia chegou!

Beitragvon supergringo » So 13. Jun 2010, 12:44

Ich war immer noch platt vom Vortag und dem recht ausgefüllten Tag, aber ich konnte kaum schlafen. Am harten Bett lag es kaum. Der kleine Sohnemann zappelte unruhig im Bett, die Mofa- und Motorradfahrer, die Fußgänger, aber vor allem die Verkäufer und die Konsumenten des nahegelegenen Boca de Fuma nervten. Direkt gebenüber befindet sich ein Zeltverschlag, in dem eine Horde Cracksüchtiger haust. Brasilianer sind es gewohnt, bei allerhand Krach einzuschlafen. Die Qualität ihres Schlafes kann ich nicht beurteilen, meinen Beobachtungen zufolge ist er oft nicht besonders gut. Das erklärt die müden Gesichter im Omnibus - egal zu welcher Tageszeit - und die Tatsache, dass Brasilianer bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Augen schließen. Für mich war es manchmal schlichtweg unmöglich, zur Ruhe zu kommen.

Donnerstag. Mein Geburstag. Einen Glückwunsch oder ein Geburstagsküsschen erhielt ich nicht. Erst am nächsten Tag kam die Ankündigung, mir zu Ehren einen Churrasco am Wochenende veranstalten zu wollen. Klar, auf wessen Rechnung die Supermarkteinkäufe zu gehen hatten. Dafür wurde eine Bitte an mich heran getragen. In Andaraí hätte Claudia ein gebrauchtes Kinderbett (inkl. Matratze) gesehen. Es solle 80 Reais kosten, ob ich es ihr kaufen würde. Ich hatte natürlich einkalkuliert, dass ich sie und ihre Kinder finanziell unterstützen müsste, aber selbstverständlich zu einem deutlich günstigeren „Tagessatz“, als ein Apartment an der Copa. 50 Reais Bargeld, schick Essengehen, jetzt das Bett, am Freitag oder Samstag Supermarkt, ...

Ich sagte natürlich zu und nahm mir vor, den Gürtel eben ab dem Wochenende enger zu schnallen.

Zuerst ging ich aber, diesmal alleine (und wieder unten entlang) zum Internetcafe. Jetzt wurde ich mehrfach angesprochen, nicht nur von Traficantes, sondern auch von Schnorrern. Ich kam glimpflich und ohne bösen Worte davon, einem gab ich 50 Centavos, um ihn abzuwimmeln. Das Internetcafe war aber noch geschlossen.

Ich kehrte um und fragte ein paar Meter später eine Kioskbesitzerin nach einer Alternative. „Em cima, weiter oben, da gibt es eins, fragst da oben aber noch mal nach dem genauen Weg.“ Ich hake nach, und will wissen, ob ich mich dort oben als Gringo alleine und sicher bewegen könne. Die Dame blickt zu einer Kundin und seufzt: „Soll ich jetzt sagen, dass er da sicher ist. Nein, das kann ich nicht ...“ Ich bedanke mich und ziehe trotzdem los. Ganz geheur ist mir die Sache aber nicht.

So spreche ich zwei Buben an, die sich freundschaftlich umarmend in meine Richtung laufen, und die ich gerade überhole. „Hey mocos ...“

„A Policia (civil) chegou (na Mangueira)!”, grölt der eine.

Was soviel heisst, wie “Die Zivilpolizei ist in die Favela Mangueira gekommen!“ (was fast schon poetisch ist und mehrere Interpretationsmöglichkeiten umfasst)

Ich grinse und erkläre den beiden Jungs meinen Wunsch nach einem Internetcafe. „Da oben? Nein, hier gibt´s gleich eins um die Ecke. Wir bringen Dich dorthin.“ Erst jetzt bemerke ich, dass die eine Gesichtshälfte eines der Beiden und auch sein Hals durch einen Brandunfall entstellt ist. Er scheint auch blind zu sein, deshalb die umarmende Haltung seines Freundes.

Ich werde nach meinem Namen gefragt. „Weißt Du, wir sind MCs (Rapper)!“ – „Ey, super legal, Jungs! Finde ich klasse!“ Die beiden lassen es sich nicht nehmen, eine Rapeinlage von sich zu geben: „supergringo chega --- na Favela da Mangueira, ...“

Der zumindest sehbehinderte Junge wartet auf der Visc. De Niteroi, der andere führt mich ein paar Meter in eine der zahlreichen Aufgänge des Gassengewirrs. Siehe da, tatsächlich, ein Internetcafe. Der Kleine betritt selbstbewusst den Laden, winkt mich herein, geht zur Theke und sagt forsch: „Mein Freund möchte Internet machen!“ Auch hier kostet die Stunde ein Real. Ich zahle sofort und gebe dem Jungen ebenfalls eine Münze. Er schaut mich mit großen Augen an: „Für was?“ – „Ein Real fürs Internet und ein Real für die MCs.“ – „Wow! Muito Obrigado!“
Benutzeravatar
supergringo
 
Beiträge: 2172
Registriert: So 28. Nov 2004, 18:40
Bedankt: 106 mal
Danke erhalten: 89 mal in 67 Posts

Re: A Policia chegou!

Beitragvon supergringo » Mo 14. Jun 2010, 14:40

Ich hatte Montag Abend das letzte Mal Sex. Sogar mit Abschluss. Allerdings fehlte hinterher mein Mobilfunktelefon. Nun war es Donnerstag, zudem mein Geburtstag. Aber anstelle von Sexaussichten musste ich Claudia nach meinem ersten Alleingang in der Mangueira, wie versprochen, wieder nach Andaraí begleiten, um das Kinderbett zu kaufen. Wir stiegen in irgendeinen Bus jenseits der Zugtrasse, der uns über Maracaná und Vila Isabel in die Nähe des Hinterhofladens brachte. Ich würde fast sagen, natürlich war er geschlossen. Die Besitzerin war beim Arzt und öffnet ihren Laden sowieso nur nach Lust und Laune. Ein Nachbar, der Zugang zum Laden hatte, half schließlich, telefonierte mit der Dona und das Bett wurde zum Verkauf freigegeben. Die lt. Claudia angeblich beinhaltete Matratze war nicht vorhanden. Typisch Claudia. Typisch Brasilianerin.

Das auseinandergenommene Bett bestand aus fünf Teilen, die zu Zweit relativ problemlos transportiert werden konnten. Warum Claudia den Bus zur Praca Bandeira nahm, an dem wir umzusteigen hatten, bleibt ihr Geheimnis. Aber ich nahm meine „Chance“ wahr, mir ein eigenes Geburtstagsgeschenk zu machen. „Ey Claudia, ich drehe eine kurze Runde in der Vila Mimosa, okay?!“ Sie schmunzelt. Also kein Problem. Die Bettteile wurden an der Fußgängerüberführung angelehnt, ich übergebe Claudia ihr Handy, dass ich zuvor zu sichern hatte und überlasse ihr eine Zigarette. Ich drehte in den drei wichtigsten, belebtesten Korridoren jeweils zwei Runden, fand aber kein Mädchen, was positiv ins Auge stach und ewig wollte ich meine „Vermieterin“ nun auch nicht warten lassen. Also kehrte ich immer noch sehr hungrig (und eigentlich hungriger als zuvor) zu ihr zurück.

Also mittlerweile kenne ich die Busverbindungen in die Mangueira schon recht gut. An der Praca Bandeira gibt es für beide Richtungen jeweils zwei Einstiegspunkte. An beiden hält ein Bus, der uns recht nah an unsere Straße führt. Der eine Haltepunkt liegt direkt beim Eingang zur Vila Mimosa, der uns den Auf- und Abstieg des Fußgängerübergangs erspart. Warum Claudia nicht auf den 249 oder den 457 wartet, bleibt schleierhaft. Wir nehmen einen anderen und müssen fast einen Kilometer nach Hause laufen. Jetzt nervt die Schlepperei schon langsam.

Ich nehme eine Dusche und als ich meine Körperpflege beendet habe, sehe ich, dass Mami und die zwei Kids schon mit dem Zusammenbau des Bettes beschäftigt sind. Oder vielmehr mit Zusammenbauversuchen. Es ist tatsächlich unmöglich, das Bett alleine aufzubauen, man benötigt im Minimum zwei Personen. Allerdings sollte einer davon logisch denken können ...

Ich brauche mehrere Anläufe, um mich durchzusetzen. Allerdings mangelte es mir auch zunächst an Konsequenz, ich wollte erst die Dramen der vergeblichen Bemühungen live miterleben. Es gab zwar ein nichgt unerhebliches Detail, bei dem die Brasilianerin meinte, es – sozusagen naturgemäß – besser zu wissen, eber hinterher musste sie dann doch dem Gringo recht geben ... also, kurz gesagt, das Bett stand endlich.

Puh.

Jetzt stand Ausruhen auf dem Plan. Ich selbst war zwar nicht müde, hatte aber sonst nichts auf dem Zettel, und da abends Ausgehen und Baile Funk anstanden, setzte ich mich eben zusammen mit der Familie auf eines der beiden Sofas und glotzte mit. Es liefen immerhin Nachrichten und keine Novela.

Eine Schreckensbotschaft jagte die andere, hinzu kam ein bisschen Fußball. Bei einer Meldung schreckte Claudia besonders auf, die PM hatte an der Metrotrasse einige illegale Hütten abreissen lassen: „Oje, das gibt Ärger.“, nuschelte sie. Ich sollte erst später erfahren, was sie damit meinte ...

Mit ein bisschen Fußball auf der Straße vor der Haustür und im Apartment, mit ein paar Zigarettenpäuschen, Plausch und dem Abendessen verstrich die Zeit.

Ich fragte Claudia sicherheitshalber: „Wir gehen doch nachher auf den Baile Funk?“ Unter Baile Funk Veranstaltungen in einer Favela muss bzw. darf man sich nicht immer große Veranstaltunshallen vorstellen. Da reicht oft irgendeine Bar, auch eine in der verwinkelsten Gasse, ein selbsternannter DJ und möglichst ein Boca de Fuma in der Nähe. Basta. Am Wochenende ist das eine andere Sache, aber jetz am Donnerstag war eine der vorgenannten Bars gemeint. Man muss eigentlich nur dem Bass folgen, der irgendwann von irgendwoher erklingt. Und zwar nicht unbedingt erst um 3 Uhr nachts, sondern bereits kurz nach Einbruch der Dunkelheit. „Wir gehen doch nachher auf den Baile Funk?“

„Nee“, meint Claudia emotionslos trocken, „heute sind alle Bars geschlossen. Es gibt Ärger wegen den abgerissenen Barracken.“

Die genauen Hintergründe bleiben mir verschlossen. Aber es gibt tatsächlich „Ärger“. Zum Teil heftige, etwa ab 19 Uhr. Die letzten Schüsse höre ich gegen 7 Uhr.

Wir müssen also zu Hause bleiben. Auch wenn unsere Straße etwas abseits vom Geschehen liegt, tatsächlich schlagen im Verlauf der stundenlangen Ballerei drei, vier verirrte Kugeln in unmittelbarer Nachbarschaft ein.

Alle, auch die Kinder, wissen, dass wir hier relativ sicher sind. Die beiden Jungs toben für gewöhnlich nach Einbruch der Dunkelheit auf den Straßen herum, so dass sie deshalb traurig sein könnten, in den eigenen vier Wänden wegen der Schießerei gefangen zu sein. Trotzdem ist die Stimmung gedrückt. Die sonst herrschende „Festbeleuchtung“ wird deaktiviert. Nur in der Küche brennt gelegentlich das Licht. Und, selbstverständlich, der Fernseher läuft. Die Kids und ihre Mutter gucken einen Film, sind aber merklich leiser, als sont, wenn irgendwas im Fernseher läuft.

Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden, den Geburtstagsabend ziemlich trübe beenden zu müssen, verabschiede mich und lege mich ins Bett.

Ja, die Schüsse der Gewehre und Maschinenpistolen hört man schon. Mittlerweile kann ich sie, genauso wie Handgranateneinschläge, von üblichem Feuerwerk unterscheiden. Sie haben keinen Nachklang, sind dumpfer.

Aber dafür hört man keine spielende Kinder, keine brabbelnden Fußgänger, keine grölenden Besoffenen. Die Crackfritzen haben sich ebenfalls zurück gezogen, kein Auto oder Motorrad fährt am Haus vorbei. Und das soll die gesamte Nacht so bleiben. Die Lichter sind allesamt aus (im Apartment gibt es außer im Bad, keine Türen, die man richtig schließen kann, wenn es überhaupt Türen gibt).

Ich kann endlich gut schlafen. In Wahrheit soll es ausgerechnet diese Nacht sein, in der ich in bei meinem Aufenthalt in der Mangueira wirklich gut schlafen kann.
Benutzeravatar
supergringo
 
Beiträge: 2172
Registriert: So 28. Nov 2004, 18:40
Bedankt: 106 mal
Danke erhalten: 89 mal in 67 Posts

Re: A Policia chegou!

Beitragvon supergringo » Mo 14. Jun 2010, 23:25

Ach so? Zu langweilig? Fußball-WM-Fieber? Titel falsch gewählt? Nee, Ihr wollt mehr Sex. Den könnt Ihr haben ...


Ich blieb länger als der Rest der Familie im Bett. Augeruht nahm ich den Kaffee in Empfang. Nur nebenbei und emotionslos wurde erwähnt, dass das nächtliche Gefecht im Bairro wohl fünf Menschenleben gekostet hätte. Ich nahme es ebenso schulterzuckend zur Kenntnis.

Ich erinntere mich bei der Morgendusche daran, dass ich meinem Steuerungssystem seit Tagen etwas schuldig blieb. Doch zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wir, die schwangere Claudia, ihre beiden Söhne und ich, stiegen die steile Gasse ab auf die große Avenida und warteten auf einen Van, auf den wir fast eine Viertelstunde warten mussten. Ich war es bereits gewohnt, dass Claudia die Hinfahrt bezahlte. Sie hatte sich allerdings auch bereits mein Okay für die Rückfahrt im Taxi eingeholt. Ich ahnte schon, warum: Nicht nur wegen den zu überbrückenden Höhenmetern zwischen Haltepunkt und Eingangstür, sondern wegen Gewicht und Anzahl an vollgepackten Tüten.

Ich selbst brauchte eigentlich nur Rasierzeug. Vielleicht ein paar Liter Kaltgetränke. Das Bier, Antartica Sub Zero, bekam ich für 3 Reais in der großen Flasche bei meiner Stammbar um die Ecke. Da lohnt der Kauf von und die Schlepperei der Dosen kaum.

Claudia füllte den Einkaufswagen gründlich. Allerdings, das muss ich sagen, keinen Schnickschnack. Ich sagte keinen Pieps. Natürlich packte sie auch ordentlich Fleisch und andere Köstlichkeiten ein, Sachen, die für das Grillfest, das, wie ich glaubte, am Sonntag stattfinden sollte, gedacht waren.

Sechs Hände schmissen die Lebensmittel und aufs Laufband an der Kasse, der Kleine saß unten auf dem gefakten Rennauto im Wagen. Die Artikel wurden eingescannt und die Zahlen schnellten nur so in die Höhe. „SG, wir haben schon 100. Du sagst Stopp, wenn Dein Geld nicht reichen sollte, okay?“

Was für ein Schwachsinn. Die Sachen waren willenlos aufs Band gestapelt worden, sollte ich jetzt irgendwann „Halt“ brüllen, und dafür auf Klopapier oder die Molho de Pimenta verzichten?

Bei 186 Reais stoppte der Computer der Kassierin die Addition. Tja, was sollte ich machen? Natürlich verstärkte ich meinen Vorsatz, ab dem Wochenende den Gürtel enger zu schnallen.

Es war kein Einpacker zur Hand und so mussten wir selbst die Tüten stopfen. Ehrlich, ich hatte noch keinen Grund, ärgerlich zu sein. Ich sah das ganze sozusagen als Mietvorauszahlung, profitierte selbst von dem Einkauf, wurde bekocht, meine Wäsche, das hatte ich noch nicht erwähnt, gewaschen und gebügelt. Als ich aber noch draußen Zigaretten und eine Zeitung kaufen wollte, Claudia aber ungeduldig und egoistisch zum Ausgang des Supermarktareals stürmen wollte („kannste doch im Morro kaufen“), wurde ich etwas grantig. „Die Zeitung, die ich will (O Globo) kriege ich im Bairro nicht, da gibt´s nur Revolverblättchen. Und einen Real mehr für Zigaretten ausgeben, das kann ich mir nicht leisten. Ich bin kein Krösus!“

Es ist nicht unbedingt einfach, für Konstellation schwangere Negerin und zwei Mischlingsakinder, einen taxifahrer zum Anhalten zu bewegen. Für mich schon. Solange ich weder auf meine Begleiter zeigte, noch auf die zig Einkaufstüten. Die größte Kunst bestand aber darin, den Taxifahrer dazu zu bewegen die Gasse in die Favela hinein hoch zu fahren. Als wir endlich in einem Taxi saßen und ich während der ersten Meter das Reiseziel bekannt gab, geriet der Fahrer glatt in Panik: „Rein in die Mangueira? Nein, heute (heute = entweder der Wochentag, Freitag, oder wegen der vornächtlichen Schießerei) nicht. Ich glaube, es ist besser, wenn Ihr hier aussteigt. Sucht Euch ein anderes Taxi!“

Wir standen wieder auf der Straße. Irgendwann gelang es uns dann doch. Und diesmal konnten wir den Fahrer auch zur Auffahrt überzeugen. Puh.

Ich stieg aber noch auf der Visconde de Niteroi aus, drückte Claudia 10 Reais in die Hand, das reichte für die Fahrt. Dann ging ich die pöaar Meter zur Trem-Station (Estacao Mangueira), lief über den Fußgängerübergang zur anderen Trassenseite, kaufte in der kleinen Favelagasse für 2 Reais einen leckeren Acai, überquerte die riesige Kreuzung und stieg in den schnellsten Bus zur Praca Bandeira, den 249. Ich hatte meinem Steuerungssystem schließlich dringend Schuldigkeit zu tun.
Benutzeravatar
supergringo
 
Beiträge: 2172
Registriert: So 28. Nov 2004, 18:40
Bedankt: 106 mal
Danke erhalten: 89 mal in 67 Posts

Re: A Policia chegou!

Beitragvon Frankfurter » Di 15. Jun 2010, 07:40

@ SG

Deine Berichte bringen mich immer wieder zum Schmunzeln :D

Grund: Deine lebensechten Schilderungen. Zuletzt die Sache mit dem Umgang "fremdes Geld". Auch ich muss immer wieder feststellen, dass die Familie denkt, ich verfüge über u n e n d l i c h e Geldbeschaffungsmöglichkeiten. Ohne Scheu wird da auf bras. Art und Weise "abgeschöpft".

... aber dafür gibts auch gute Seiten.

Bin auf weitere Schilderungen gespannt.
Frankfurter
 
Beiträge: 948
Registriert: Mo 1. Jan 2007, 18:14
Bedankt: 180 mal
Danke erhalten: 191 mal in 158 Posts

Re: A Policia chegou!

Beitragvon Campinense » Di 15. Jun 2010, 12:02

Hey SG, komm aus den Puschen! Raus aus der Hütte, um die Ecke ins Favela-Lani-Housi, die News eingehämmert und auf senden klicken! Ich bin heiß auf den VM-Bericht :!: (Gerne auch per PN :mrgreen: ) Gibts denn im Morro nix für´s Steuersystem? Ich meine, wo Du ja nun offiziel dort wohnst :lol: Könntest ja auch mal jemand anderem (die sich dankbarer bzgl. des "Notstandes" zeigt) nen Einkauf spendieren. Kommt Dir eventuell billiger?
Benutzeravatar
Campinense
 
Beiträge: 648
Registriert: Do 22. Apr 2010, 13:51
Wohnort: in der geilsten Stadt der Welt
Bedankt: 112 mal
Danke erhalten: 74 mal in 59 Posts

Nächste

Zurück zu Reiseziel: Südosten & Süden

 



Berechtigungen in diesem Forum

Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

Persönlicher Bereich

Anmelden

Empfehlung

Wortübersetzer

Deutsch/Portugiesisch - Übersetzer in Kooperation mit Transdept

Neu im IAP PortalNetwork

Please enable / Bitte aktiviere JavaScript!
Veuillez activer / Por favor activa el Javascript![ ? ]