Takeo hat geschrieben:
Bei manchen von Euch habe ich dann den Eindruck, dass Ihr wie verwandelt aus dem Flugzeug steigt wenn ihr in Brasilien seid, dann muss man sich aber die Frage stellen, ob das Brasilien ist, oder ob man das nicht selbst ist!
Das trifft nicht nur auf Brasilien zu. Viele ändern ihr Verhalten spontan, wenn sie aus der gesellschaftlichen Klammer ihrer sozialen Umgebung entwichen sind. Das ist nichts neues und im Grunde nur sehr bekanntes. Und das trifft m.E. nicht nur auf Deutsche zu.
Gerade nach Urlaubszeiten fällt dieses jedem aufmerksamen Beobachter auf. Die graue Maus aus Wanne-Eickel mutiert zum Feger (würde die Fotos dazu aber nie im Büro rumzeigen) und der gehemmte Sachbearbeiter wird zum Überflieger, bevor er wieder hinter seinen zu bearbeitenden Sachen landet. Wie es die Gesellschaft von dem Feger und den Flieger erwartet.
Oder während der WM. Zuvor hätte jeder von ungebührlichem Verhalten (Störertum) gesprochen. Aber erst nachdem die Kritik aus dem Ausland positiv war, wurde die Stimmung hier so akzeptiert, wie sie war. Inzwischen - bezeichnenderweise - wird ja immer von "Sommermärchen" gesprochen. Eine a-posteri-Entschuldigung im Winter für etwas, was status quo hätte werden müssen (... Gott sei Dank, war der Winter super-mild und der Frühling ist jetzt sommerhaft, so dass nur wenig davon erfrieren konnte ...)
Und die brasilianische Gesellschaft hat die gleichen Erwartungen (Klammern) in deren sozialen Umfeld (favela, condominio, etc.). Jeder Zuwanderer dieser Gesellschaft hat einen neuen Stellenwert und muss sich seine Position in deren Gesellschaft erkämpfen. Nichts anderes geschieht für Zuwanderer auch hier in der deutschen Gesellschaft. So wurde ich letztens angeranzt, weil ich portugiesisch sprach. Ich solle gefälligst deutsch sprechen, denn ich befände mich hier in Deutschland. Ich habe dann auf Englisch gewechselt, wo ich dann von ihr das Wort vom "arroganten Inselaffen" auffing. Danach wechselte ich auf mein dialektfreies Hochdeutsch. Die Frau, die mich dort anklagend zur Ordnung rufen wollte, kam aufgrund der Nachfrage nach eigenen Aussagen aus Kroatien und lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Weder den deutschähnlichen Dialekt noch die deutsche Sprache beherrschte sie alltagssprachlichtauglich. Die Frau hatte ein Stück empfundener deutscher Da-Seins-Form übernommen und eine gesellschaftliche Position assimiliertend imitiert. Wäre es eine deutsche Person gewesen, würde jeder von Ausländerfeindlichkeit sprechen. Aber eine Ausländerin mit Ausländerfeindlichkeit?
Meiner Ansicht nach sind Deutsche genau so emotional wie Brasilianer. Nur die eigenen Ausdrucksmittel für diese Emotionalität sind unterschiedlich. Schlagworte wie "Dichter und Denker", "Ruhe ist erste Bürgerpflicht" oder auch "Wat der Buar nit kennt, dat friat he nit" charakterisieren die besondere Da-seins-Form. Diese Form stellt eine Art gesellschaftliche Klammer dar.
Kommt jemand in ein fremdes Land, fehlt diese Klammer, da die soziologischen Klammern der anderen Gesellschaft nicht bekannt sind. Manche lassen dann die Sau raus (der Extrovertierte), andere verkriechen sich ängstlich in sich selber (der Introvertierte) und andere versuchen das Fehlen dieser Erfahrung mit der eigenen Aufgeschlossenheit zu kompensieren, um eben diese Erfahrungen zu machen (der stetig Lernende).
Der Deutsche an sich ist dabei nicht lebensfeindlicher eingestellt als der Brasilianer oder der Japaner. Und das unabhängig vom finanziellen Auskommen.
Was mir beim Zitat von brasilblog einfiel, ist der Satz "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf." Rudeltier in einem Rudel. Und wer nicht zum richtigen Rudel gehört, muss sich auf Probleme einstellen, sollte er den ersten Eindruck verpatzt haben. Der Deutsche an sich soll ja Hunde lieben, aber einem Hundeleben generell ja abhold sein.
Was ich in Brasilien feststellen konnte, ist der Fakt, dass viele (nicht alle!) Deutsche sich irgendwie "klumpen". Finden Sie ihresgleiche dann bilden sie ein Netz. Ein Netzwerk. Was mich bei meinen Aufenthalten in Brasilien immer ein wenig irritiert hatte, war die Affinität der Deutschen zu der "Deutschen Welle", welche als das A und O ihrer aktuellen Ausgangsansichten zur deutschen Lage darstellte. Und das beinhaltete auch das unreflektierte Übernehmen von Kommentaren einiger Reporter der "Deutschen Welle".
Mit der Verbreitung des Internets und der Internet-Streams anderer deutscher Medien hat dieses aber abgenommen. Eine unreflektierte Tendenz zur Ver-BILD-zeitungisierung von Fakten hin zu Meinungsmache hatte ich bei den Deutschen in Brasilien ebenso beobachten können. Und - aber hallo - dann bewegen sich Deutsche emotional auf einer Stufe mit Brasilianer. Was dem Brasilianer seine "fofoca", das ist dem Deutschen sein "Getuschel". Beides hintervotzig, beides effizienter Schweinkram.
Insbesondere fiel mir dabei immer wieder auf, dass Expats besonders gerne sich abfällig über die Deutschen in Deutschland ausließen. Manche völlig verschubladet, andere dabei erfreulich differenziert. Nichts anderes findet sich letztendlich auch hier im Forum. Warum sollte diese Forum besser sein und kein Abbld der Realität?
Expats beaugapfeln ganz kritisch - um nicht zu sagen überkritisch - alle Aussagen über das Land, wo sie leben. Jedes Wort "pro brasil" wird gewichtet und gegebenenfalls sofort scharf korrigiert. Jedes Wort "contra brasil" wird mit Wohlwollen betrachtet und ebenfalls kommentiert. Die individuellen Erfahrungen des Einzelnen werden als individuelle Einzelansichten geclustert und abgeschoben, ohne überhaupt mal mit einem begründendem persönlichen Wort zu dieser Abqualifizierung Stellung zu nehmen. Das Abqualifizieren geht halt recht schnell und schmerzlos. Selten erfährt man mehr über deren "Richter und henker". Sie arbeiten effektiv und effizient, was dem Fortgang einer Diskussion anbetrifft. In dieser Killerphrasen-Technik versteht man sich aber sowohl als Brasilianer als auch Deutscher.
Mir fällt der zweite Teil der amerikanische Filmserie "National Lampoon" (hier als "Die schrillen Vier auf Achse" verkauft; mit Chevy Chase und Beverly deAngelo). Amerikaner kommen im Juni nach Deutschland. Und jeder Deutsche, dem sie begegnen, träg Dirndl oder Lederhose, macht nen Schuplattler oder trinkt, respektive trägt gefüllte Glasbierkrüge durch die Gegend. Die im Film nach Europa verreiste Familie Grisholm ("Die schrillen Vier") befand sich im Übrigen gar nicht in Bayern, sondern in der Kölner Gegend. Trotzdem öffnete der Familie eine deutsche Familie in bayrischer Tracht die Tür. Und redete im muntersten Kölschem Slang. Darsteller war im übrigen die Familie "Millowitsch" und in der Hauptrolle der inzwischen zur Kölner legende erhobene "Willi". Man kann sich jetzt überlegen, ob es die amerikanischen Filmemacher nicht besser wussten (und wirklich glaubten, das Oktoberfest findet im Juni in Köln statt) oder ob sie nicht einfach nur eine Gedankenvorstellung der eigenen Bevölkerung bedienten.
Ebenso verhält es sich auch mit Expats in Brasilien. Sie hassen - ihrer Ansicht nach - eindimensionalen Betrachtungen Brasiliens. Und jeder, von dem sie glauben, er würde einer eindimensionalen Betrachtungsweise Vorschub leisten, eben jenen verfolgen sie aufs härteste. Das habe ich mit einigen Deutschen in Brasilien immer wieder feststellen müssen.
Genau so machen es auch die brasilianischen Expats mit ihren eigenen Landsleuten. Ich habe schon manche hitzige Diskussion über bestimmte Ansichten in dieser Hinsicht verfolgen können.
Es sind wirklich spiegelbildliche Diskussionen. Da wehren sich die einen gegen eine Versexualisierung bestimmter Sachlagen, später aber führen diese genau eben jenes durch, wenn sie plötzlich völlig entspannt reden. Sie reden den gleichen Driss von "Arm und Glücklich" wie wir. Sie reden von "carneval" und seinen Affären wie der Rheinländer sein Abschlussselbstreinigungsgebet vom "Am Aschermittwoch ist alles vorbei" daher singt. Sie reden von "Strand, Frauen und Fussball" wie wir auch. Okay, woanders reden sie da eher vom "bumbum do boi", hier darüber, welche die ausladensten Extremitäten hat. Was hier der Ackerfurchen- oder Rindvieh-Adel schafft, dass kann in Brasilien der Boi-Conde oder caipira schon längst.
Es kommt nicht darauf an, der brasilianischen Gesellschaft und der deutschen Gesellschaft deren Defizite vorzuwerfen und/oder vorzuhalten, sondern diese anzunehmen und das beste daraus zu machen. Wenn hier alle mit dem Schmollmund durch die Gegend laufen, ist das genau so wenig schön, wie wenn in Brasilien die armen, unschuldigen, arbeitsamen Leute mit einem Lächeln auf den Lippen durch "balas perdidas" oder ähnlichen Grausamkeiten sterben. Aber es ist für mich kein Grund, die jeweils betroffene Gesellschaft vorbehaltlos zu verdammen.
Ich nehme mir das schönste aus beiden und das andere verdräng ich. Und zur eigenen Konstraststeigerung (um den Sinn nicht dafür zu verlieren, wie gut es mir geht) reg ich mich auch über das Miese beider Gesellschaftsformen auf.
Daher: Only bad news are good news.
Blauäugig?
Ungerecht?
Undifferenziert?
Naiv?
...