„Arme in Brasilien gucken“

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„Arme in Brasilien gucken“

Beitragvon mikelo » Sa 6. Jan 2007, 14:38

Rio de Janeiro - So also sieht alternativer, echter Rucksack-Tourismus aus: Suzi, eine junge Lehrerin aus England, sitzt mit anderen Gleichgesinnten an der Bar des Ipanema-Beach-Hostels und trinkt Rotwein. Man spürt, sie möchte eine Geschichte loswerden. Die Geschichte über ihr schönstes Urlaubserlebnis beginnt sie so: „Ich glaube, ich habe einen Gangster geküsst.“

Die Begegnung verdankt sie dem örtlichen Tourismusveranstalter „Be a local“ (Sei ein Einheimischer). Die Agentur verspricht den jungen Urlaubern Kontakt zu „echten“ Brasilianern und Lebenserfahrungen abseits des Pauschaltourismus. Zweimal täglich, sieben Tage die Woche, werden Fremde für umgerechnet 24 Euro dorthin gebracht, wo sie sich sonst nicht hintrauen: in die Favela Rocinha, einem der größten Elendsviertel Brasiliens.

Waltraud Schreiber-Krüger vom Institut „Sere“, in Rio de Janeiro 1992 von der Friedrich-Ebert-Stiftung gegründet und heute eine Einrichtung des öffentlichen Rechts, seufzt, wenn sie auf die Touristenführungen angesprochen wird. Seit 30 Jahren kümmert sie sich um Erwachsenenbildung der sozial und wirtschaftlich ausgeschlossenen Bevölkerung. Das „trügerische Gefühl von Favelaromantik“, das Touristen auf ausgesuchten Straßen der Elendsviertel präsentiert werde, versuche über „die harte Realität der Armen, Schwarzen und Arbeitslosen“ hinwegzutäuschen, sagt sie.

Tatsächlich ist Rocinha ein Vorzeige-Slum - vergleichsweise. Die Behausungen sind hier schon lange nicht mehr aus Wellblech und Holz. Kleine quadratische Steinhäuser mit vielleicht zehn Quadratmetern Grundfläche verschachteln sich zu einem unwirklichen Konstrukt. Hindurch führen schmale Gassen, höchstens einen Meter breit.

Marcio Balthazar führt die Touristen schon seit zweieinhalb Jahren durch die Favela. Der Brasilianer mit stolzer Brust unterm rosa T-Shirt erklärt auf Englisch, wie er sich selbst sieht: „Ich bin der Beschützer der Ladys und der beste Kumpel der Kerle.“ So wie er da steht, könnte er auch Animateur im Robinson Club sein. Er bezeichnet sich als Respektsperson, richtig zuzutrauen ist es ihm nicht. Der zehnköpfigen Gruppe eröffnet er den Rundgang mit den Worten: „Ich hoffe, ihr habt eure Kameras mitgebracht. Fotografiert die Kinder, aber keine Männer mit Waffen.“ Die Touristen sind erregt. Eine Neuseeländerin wiederholt die Worte gewissenhaft: „Keine Fotos von Waffen.“ Tatsächlich wird während der Führung keine einzige Waffe zu sehen sein. Marcio macht sich jedoch einen Spaß daraus, es so aussehen zu lassen, als könnte das in jedem Moment der Fall sein. Er führt die Gruppe zur „Straße des Todes“. „Hier kommt es immer wieder zu Schießereien zwischen den Gangs und der Polizei“, sagt er. „Im Moment ist niemand hier, aber wenn ihr möchtet, können wir ein bisschen warten.“ Für einen Augenblick verstummt die Gruppe. Eine junge Frau mit goldblonden Locken starrt ihn mit großen Augen an. Sie scheint sich zu fragen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit wäre, an diesem Ort erschossen zu werden. „Nur Spaß“, sagt Marcio ihr in beruhigendem Ton. Dass die letzte Schießerei hier zwei Jahre zurückliegt, sagt er nicht.

Waltraut Schreiber-Krüger nennt dies „Vorgaukelei“ von Gefahr einerseits und Verharmlosung der Wirklichkeit andererseits. Rocinha wird von drei Banden beherrscht. Den Ton soll derzeit „ADA“ (Amigos dos Amigos, Freunde der Freunde) angeben. Daneben existieren „CV“ (Comando Vermelho, Rotes Kommando) und „TC“ (Terceiro Comando, Drittes Kommando). „Wer offen gegen ihre Regeln verstößt, hat keine Chance, hier weiterhin vor Ort zu leben“, sagt Schreiber-Krüger. Aber davon würden die Touristen natürlich nichts mitbekommen.

Fremdenführer Marcio sieht das nicht so. Er sagt, er zeige den Leuten die Favelas so, wie sie sind. Es ginge ihm aber vor allem darum, deutlich zu machen, dass in jedem Winkel Brasiliens positive Energie und das brasilianische Lebensgefühl stecke.

Seine Gruppe läuft im Gänsemarsch hinter ihm her. Nicht sehr viele Bewohner kreuzen den Weg der Touristen. Unter einem Häuservorsprung sitzt eine Gruppe von alten Männern. „Ihr dürft die ruhig fotografieren“, sagt Marcio. Die Bewohner würde das in keinem Fall stören. Schließlich würde die Agentur viele Projekte, wie eine Kindertagesstätte, in der Favela unterstützen. Vor der Kindertagesstätte muss Marcio mit seiner Gruppe kurz warten. Eine weitere „Be a local“-Gruppe befindet sich noch im Gebäude. In einem etwa 20 Quadratmeter großen Raum mit zehn Kindern und zwei Betreuerinnen drängeln sich die zehn Urlauber und beobachten, wie sich ihr Fremdenführer zu den Kindern auf den Boden setzt. Ganz entzückt sind alle von einem kleinen Jungen, der auf Marcios Klatschen hin anfängt zu tanzen. „Die Brasilianer werden einfach mit Rhythmus im Blut geboren“, meint eine Neuseeländerin staunend und nimmt den kleinen Tänzer auf Video auf. Ein Israeli setzt sich auf den Boden und herzt die Kinder. Er bittet einen Freund, Fotos zu machen.

Die Tagesstätte unterscheidet sich nicht wesentlich von denen in Europa. An den Wänden fehlt zwar stellenweise der Putz, aber es ist sauber und kindgerecht. Marcio erinnert die Besucher daran, dass viele brasilianische Kinder krank seien. Wer etwa Medikamente dabei habe, solle sie ihm deshalb geben. Wie etwa Tabletten gegen Reiseübelkeit oder gar die Anti-Baby-Pille den Kindern der Station helfen sollen, bleibt rätselhaft. Gleichwohl werden für Marcio immer wieder Arzneimittel im Ipanema-Beach-Hostel hinterlegt.

Touristenbesuche würden, so Waltraud Schreiber-Krüger, in den Favelas toleriert, weil sie eine gewisse Neutralität schüfen, die etwa Drogendealern nütze. „Wenn sich Ausländer dort aufhalten, wird es sich die Polizei überlegen, ob sie eingreift“, sagt sie. Diese Polizei-Aktionen seien immer mit Schießereien verbunden. „Zuletzt sind bei solchen Auseinandersetzungen in Rio de Janeiro drei Kinder erschossen worden. Das nennt man dann »bala perdida« - verlorene Schüsse.“
http://www.ksta.de/html/artikel/1162473239241.shtml
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Re: „Arme in Brasilien gucken“

Beitragvon Bequimao » Sa 6. Jan 2007, 15:12

Das nennt man dann »bala perdida« - verlorene Schüsse.“
Die korrekte deutsche Übersetzung für "bala perdida" heißt Querschläger.
In dem Bild ist nichts beschönigendes.
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