Auf der BR 101 (Recife)

Allgemeine Fragen & Tipps über alles, was dem Gringo in Brasilien passieren kann

Auf der BR 101 (Recife)

Beitragvon donesteban » Sa 2. Feb 2008, 20:13

Der Vorsatz für den ersten Carnaval-Abend war gut und ich habe mich den ganzen Abend an den Vorsatz gehalten. Dennoch ließ sich das spätere Ereignis auf der BR 101 nicht verhindern. "Egal wie frei die Strasse ist. Ich werde heute keinesfalls die 60 km/h überschreiten.", fand generell Zustimmung bei meinen Mitfahrern.

Die Fahrt in die Innenstadt zu Marisa Monte war wie erwartet zäh, wir dagegen locker und entspannt. Zu locker und entspannt vielleicht, jedenfalls war Marisa Monte vorbei, als wir schließlich am Marco Zero ankamen. Ein bisschen Frevo-Gehopse zugeschaut, zwei Whisky-Cola geschlürft und langsam wieder auf den Rückweg gemacht. Der erste Carnavals-Abend war nett aber nicht nett genug, um sich die Nacht um die Ohren zu schlagen.

Auf der Rückfahrt habe ich mich bereits auf den ruhigen Ausklang des Abends gefreut. Der Carnaval geht ja noch ein paar Tage und läuft mir nicht davon. Doch zum ruhigen Ausklang kam es nicht.

Recht früh gegen Mitternacht und mit nur drei Drinks auf den ganzen Abend verteilt habe ich mich in den Carnavals-Verkehr begeben. Ruhig und konzentriert. Selbst auf der BR habe ich mich an den 60 km/h Vorsatz gehalten, kleine Verstöße nicht gerechnet, obwohl außer ein paar vereinzelten Fahrzeugen und den üblichen "Brummies", kaum Verkehr herrschte. Eine unerwartete "Lombada" beendete den vergnüglichen Teil des Abends.

In dieser relativ kleinen Gefahrensituationen - im Falle der Lombada ging es lediglich um die Achse des Mietwagens - wurde ich durch den plötzlichen Adrinalinausstoß hellwach. Das Bremsmanöver kam blitzschnell und präzise. Ein paar Meter vor der "Lombada" war alles unter Kontrolle und ich ließ mich im üblichen Schritttempo über die Bodenwelle schaukeln. Dann kam der zweite Adrinalinstoß.

Es ist schon erstaunlich, wie das Gehirn blitzschnell und ohne bewusstes Denken, solche Reaktionen auslösen kann. Ich hörte einen lauten Aufprall und sah zeitgleich links von mir ein Blechklumpen, einen Helm und einen Körper vorbei fliegen. Seltsamerweise hatte ich im Bruchteil einer Sekunde die gesamte Situation erfasst.

Ein Mopedfahrer raste mir mit hoher Geschwindigkeit ins Heck, ich sah einen Helm nach links fliegen, einen Körper gerade aus und mitten drin die Überreste des Mopeds. War der Kopf noch im Helm? Der zeitgleiche Blick in den Rückspiegel zeigte keine weitere Gefahr von hinten. Das Absacken und kratzende Holpern des Wagens war auf einen kaputten Reifen zurückzuführen. Wo ist die Warnblinkanlage und runter von der Strasse. "Bleibt sitzen. Ruf zuerst die SAMU!". Das alles spielte sich in wenigen Augenblicken ab. Ein glasklares, übersichtliches, mentales Notprogramm lief ab.

Womit ich jedoch nicht gerechnet habe und was mich wieder in die bewusst wahrgenommene Realität zurück warf, waren die beiden Brummi-Fahren, die kurz zum offenen Fenster herausschauten und dann routinemäßig nach der Lombada ihre Zugpferde wieder beschleunigten.

Während ich nach einem nicht auffindbaren Warndreieck suchte, hatten meine Mitfahrer die SAMU verständigt und waren unterwegs zum verunglückten Mopedfahrer. Als ich ein paar Sekunden später dort ankam, fand ich zwei Mopedfahrer vor. Einer saß mit einer Platzwunde auf dem Mittelstreifen und der andere lag mit offenen Augen und bei Bewusstsein mit einem leicht verdrehten Bein in der Nähe von seinem Blechhaufen. Die auch hier wieder schlagartige Erkenntnis, dass zwei auf dem Moped saßen, dass kein "herrenloser" Kopf durch die Luft gewirbelt ist und dass es vermutlich keine Toten gibt, hat mich wohl endgültig zurück in die Normalzeit gebracht.

Es hielten noch zwei vollbesetzte Fahrzeuge, in denen, wie sich herausstellte, die Freunde der beiden Verunglückten saßen. Außer einer nahezu hysterisch heulenden Freundin, die den "Beinverdrehten" unbedingt bewegen und rumzerren wollte, was wir verhindern mussten, lief alles relativ geregelt ab.

Während der ca. halbstündigen Wartezeit auf den Krankenwagen hielten zwei Polizeistreifen und es fuhr eine Ambulanz vorbei, ohne anzuhalten. Die Bullen bleiben mit dem Kommentar: "es kommen gleich noch andere. Wir sind nicht zuständig" im Fahrzeug sitzen und sind nach drei Minuten wieder abgerauscht.

Der Krankenwagen hat die beiden einigermaßen anständig versorgt. Dem ohne Helm ist fast nichts passiert, der andere hatte laut Sani vermutlich keine Rückenverletzungen. "Mein Polizeibeamter" hat sich mit mir höflich unterhalten, hat brav die Daten von meinem abgelaufenen, internationalen Führerschein aufgenommen und mir noch auf den Weg gegeben, dass für mich damit alles erledigt sei. Das leicht aufkommende Gemurre bei den anwesenden Freunden der Verunglückten hat der Kollege mit dem Satz: "Wer auffährt ist immer Schuld und jetzt gibt es nichts mehr zu diskutieren." unterbunden.

Für mich gibt es mehrer Lehren aus dem Vorfall.

Zum einen fand ich sehr erstaunlich, wie das Gehirn in solchen Gefahrensituationen alle Gefühle ausschaltet und nur noch erfasst und reagiert. Auf dem Rückweg war ich heilfroh und unendlich erleichtert, dass es vermutlich keine Schwerverletzten gab. Als ich dass jedoch zum ersten Mal erkannte, war es nur eine Feststellung, ein Faktum ohne Erleichterung oder gar Freude. Tja, sehr seltsam.

Zum anderen hat mir die Gleichgültigkeit der beiden Lastwagenfahrer, der vorbeifahrenden Ambulanz und die Ignoranz der beiden Polizeistreifen zu denken gegeben. Die umstehenden Schaulustigen haben sich dagegen, halbwegs gesittet aufgeführt. Meine Bekannten haben sich vorbildlich um den "Beinverdrehten" gekümmert. Man merkte jedoch schon, dass viele hier in Brasilien ein Menschenleben nicht besonders wichtig nehmen.

Interessant war auch das Verhalten der zuständigen Polizisten. Korrekt, halbwegs professionell und gegenüber mir keinerlei Anzeichen von dem oft erwähnten "Gringo-Abschlag". Im Gegenteil. Ich war erstaunt, dass alles so locker und unproblematisch über die Bühne ging. Einer hat mir sogar kurz beim Reifenwechsel geholfen.

Ach ja. Noch ein wichtiges Detail zum Schluss. Die ursächliche Lombada wurde erst kürzlich im Dezember "gebaut". Einen "Sonorizador" haben die vergessen. Auf der Höhe der Lombada war rechts ein Schild. In meinem Fall war das Schild durch die zwei oben erwähnten Lastwagen verdeckt. Seit Dezember gab es bereits zwei Tote an dieser Lombada. Fast wären es gestern vier geworden!
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Re: Auf der BR 101 (Recife)

Beitragvon Schwobaseggl » Di 22. Jul 2008, 22:06

In unserem Nachbarort wurde ein Herr eines ehrenvollen Gewerbes verhaftet. Er trieb es etwas zu bunt mit dem Eintreiben seines Honorares. Eine honorige Witwe, deren Mann erst kurz vorher aus USA zurück kam, konnte wohl die Rate des Honorars nicht pünktlich zahlen, was den ehrenvollen Herrn in Rage versetzte.

Anscheinend verprasste die trauernde Witwe schon das zu erwartende Erbe, bevor sie dieses erhielt. Jedenfalls musste Sie einige Händler vertrösten mit der Ausrede "Der Matador wäre so ungeduldig" was die Händler natürlich verstanden. Allerdings denunzierte dies einer was nicht nur für die trauernde Witwe, sondern auch für den ehrenwerten Herrn, mit einer Verhaftung endete.

Bei der Durchsuchung fand die Polizei eine Liste mit 17 schon abgearbeiteten Klienten, sowie eine Liste mit noch zu bearbeitenden. Unter anderem der ehemalige Vice-Prefeito und jetzige Abgeordnete Chico Ueijo von Sao Gotardo.

Ein Leben zählte dort zwischen R$ 500 - R$ 5.000,-
Dieses Posting darf jeder auslegen wie er denkt.
Ich schreibe es ja auch wie ich denke.
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