Auswandern, warum nicht, Teil 2

Tipps und Fragen von Auswanderungswilligen und Leuten, die es schon in Brasilien geschafft haben / Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Beitragvon Lemi » Sa 19. Feb 2005, 22:10

Naja Bagi - einerseits hast du schon recht ....... ich meine mit der sozialen Ungerechtigkeit und dem in eine Klasse Hineingeboren werden, aber den von dir angesprochenen "Spagat" sollte man trotzdem beherrschen - vor allem wenn man zur Oberschicht gehört !

Ich persönlich kann mir absolut nicht vorstellen, die Augen vor der Armut der anderen zu verschliessen und ignoranterweise mein Leben als Spitzenverdiener mit Scheuklappen zu geniessen.

Ich fand es z.B. absolut legitim, dass Supergringo bei einem unserer Favelabesuche dem Bewohner Marcello, dessen Haus wir 2 mal besuchen durften (7 Kinder / 1 Bett), etwas Geld zusteckte. Er hatte zwischen unseren beiden Besuchen einen Teil seines Daches eingebüsst (ein Stück Wellblech hatte sich gelöst und war weggeflogen) und der nächsten Regen kündigte sich schon an. Marcello zeigt SG den Schaden, nachdem SG darum bat nochmal seine Familie sehen zu dürfen (von selber wäre Marcello wohl nie auf den Gedanken gekommen, ihn in sein Haus zu schleifen). Kurz nach seinem Besuch bot SG ihm etwas Geld für ein neues Stück Dach an (wahrscheinlich hätte es auch für einen Motelbesuch gereicht).............. Marcello lehnte ab. Erst als wir die Favela verliessen und SG ihm nochmals das Angebot unterbreitete, schlug er ein. Ich glaube es war ihm peinlich, aber er hatte wohl keine andere Möglichkeit, so schnell sein Haus zu reparieren.

SG und auch ich fragten uns auf dem Heimweg, ob Marcello jetzt in die Kneipe geht oder etwas Kokain besorgt oder hoffentlich das neue Dachteil kaufen geht. Man kann sowas nie wissen, aber die Augen zu machen und sich sagen "was geht mich fremder Leute Leid an", kann nicht die richtige Einstellung sein.

Leider ist sie es aber in grossen Teil der Oberschicht .............. armes Brasilien.

@ Belinda: ok - du kennst zwar SG nicht persönlich, aber ich kann dir so versichern, dass er schon ziemlich reif ist, was sein Lebensstil und auch sein Weltbild angeht.

Ernst ...... ja auch ein bisschen, aber ich hatte auch vorher nie den Eindruck, dass er ein Halodrian wäre. Gewisse Dinge bereiten ihm halt besonderes Vergnügen - ja das habe ich auch gemerkt. :wink:

Ich glaube aber definitiv nicht, dass er Übersiedlungsgedanken mit sich trägt, obwohl er vielleicht ganz gute Chancen hier hätte, da er sich so bewegt als wäre er schon etliche Jahre in Brasilien unterwegs. Keine Touri-Macken oder ständige Vergleiche DE/BRA - BESSER/SCHLECHTER.

(SG: Darfst mich gerne korrigieren, falls ich !&@*$#! schreibe.)
Man sieht sich,
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Beitragvon Bagi » So 20. Feb 2005, 00:17

Lemi hat geschrieben:Naja Bagi - einerseits hast du schon recht ....... ich meine mit der sozialen Ungerechtigkeit und dem in eine Klasse Hineingeboren werden, aber den von dir angesprochenen "Spagat" sollte man trotzdem beherrschen - vor allem wenn man zur Oberschicht gehört ! ]


Was ich sagen wollte, dass wenn Du Dich in der brasilianischen Mittel- und Oberschicht bewegst, wirst Du nie zu den "Favelados" gehören. Du wirst eventuell toleriert und akzeptiert und machen wir uns nichts vor, diese nur des Geldes wegen.




Lemi hat geschrieben:Ich persönlich kann mir absolut nicht vorstellen, die Augen vor der Armut der anderen zu verschliessen und ignoranterweise mein Leben als Spitzenverdiener mit Scheuklappen zu geniessen.

Das soll auch niemand.



Lemi hat geschrieben:Ich fand es z.B. absolut legitim, dass Supergringo bei einem unserer Favelabesuche dem Bewohner Marcello, dessen Haus wir 2 mal besuchen durften (7 Kinder / 1 Bett), etwas Geld zusteckte….

Selbstverständlich ist es legitim, wenn ihr in eine Favela geht und irgendjemand Geld in die Hand drückt.



Lemi hat geschrieben:…SG und auch ich fragten uns auf dem Heimweg, ob Marcello jetzt in die Kneipe geht oder etwas Kokain besorgt oder hoffentlich das neue Dachteil kaufen geht. Man kann sowas nie wissen, …

Stimmt, so etwas kann man nie wissen, aber auch ich würde mir erfahrungsgemäß auch diese Frage stellen.





Lemi hat geschrieben:…aber die Augen zu machen und sich sagen "was geht mich fremder Leute Leid an", kann nicht die richtige Einstellung sein.

Einfach die Augen verschließen ist nie die richtige Einstellung. Aber sehen wir den Tatsachen in die Augen:
Brasilien ist prinzipiell kein armes Land. Schon gar nicht wird es durch Naturkatastrophen, usw. gebeutelt. Ein Grossteil der Bevölkerung von Brasilien wird durch falsche Politik, Korruption, Ignoranz usw. ins Elend getrieben. Das Elend muss and der Wurzel angepackt werden!
Zum Beispiel werden die Kosten des von euch besuchten Kindergartens nur zu 40% von der Stadt getragen. Ich behaupte, dass mindestens weitere 40% in den dunklen Kanälen der Stadtverwaltung fließen und das kann nicht sein!
Spenden sehe ich persönlich nur in einigen Teilen von Brasilien als sinnvoll an. In den Teilen des Landes, welche von der UNO als 3. Weltregionen ausgewiesen werden. Regionen, in denen die Menschen tatsächlich an Hunger leiden.
Dass es in den Favelas in die Häuser regnet, die Kinder kein vernünftiges Schulmaterial haben, etc. ist eine traurige Tatsache. Diese Realität wird aber mit einer Einzelspende nicht aus der Welt geräumt, sondern ist für den Empfänger lediglich eine kurzfristige und vorübergehende Hilfe welche er gerne entgegennimmt. Dem Spender gibt es ebenfalls nur ein vorübergehendes befriedigendes Gefühl.
Bis dann
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Beitragvon Trem Mineiro » So 20. Feb 2005, 02:43

Oh Bagi

Irgendwie ist SG hier wohl in die falsche Spalte gerutscht. Auswandern will der sicherlich nicht.
Nun laufen die ganzen Beiträge in die Favela-Projekt-Richtung, vielleicht kann man die umsortieren in die Meinungen zum Projekt.



[quote="Bagi: Einfach die Augen verschließen ist nie die richtige Einstellung. Aber sehen wir den Tatsachen in die Augen:

Das Elend muss and der Wurzel angepackt werden!
.[/quote]


Ich habe mal diesen Satz von Bagi mal so aus dem Zusammenhang gerissen

Mit in Tatsachen die Augen sehen ist keinem geholfen, dem Mann nicht, dem es in die Hütte reinregnet, wo seine Kinder schlafen (heftigste Regenzeit) und
Dir nicht, weil ich ja davon ausgehe, dass du ein soziales Gewissen hast und dich vor direkter Not auch nicht abwenden kannst.

Wurzeln ausreissen hat auch noch niemanden echt geholfen und das ist mir als allgemeiner Lösungsvorschlag auch zu wenig.

Die Argument über Verantwortlichkeiten, die Korruption, den Schwund und selbst die Zweifel an der Ehrlichkeit des Geldempfängers kenn wir alle und brauchen die nicht zu wiederholen. Die gebrauchen die Leute gerne, die sich damit wegstehlen.

Wir hier (und zu dem wir zähle ich dich mit dazu, schließlich wohnst du in SP) haben dieses Elend direkt vor den Augen. Das sind nicht die großen Probleme Brasiliens, um die sich Lula und seine Politiker gerne kümmern. Nein, wir sehen die direkten Probleme hier vor Ort und wir sehen die Folgen und fühlen die manchmal auch.

Und weil wir vor Ort sind, können wir was tun und können wenn wir uns selber engagieren, auch mitbestimmen und kontrollieren, was mit unserer bescheidenen Hilfe geschieht. Und wir können vielleicht einigen Leuten in D, die ja auch mal was tun bzw. spenden würden, die aber berechtigten Zweifel haben, das das Geld teilweise versickert oder gar nicht ankommt, die Sicherheit geben, das diese Mittel hier wirklich in einem überschaubaren Projekt ankommen und auch eingesetzt werden.

Alle anderen Diskussionen sind sinnlos und gehen am Problem vorbei.

Dazu betreiben auch Brasilianer hier Unterstützungsvereine für soziale Projekte. Die sind keinesfalls alle hartherzig, ehr im Gegenteil. Aber leider gibt es für Einheimische (besonders die Mittelschicht, die noch Geld hat) doch Berührungsängste, wenn es um Favelas geht. Vielleicht können hier weniger belastete Gringos mal aufzeigen, das so was auch geht.

Ich hoffe, das sich das Projekt weiterentwickelt, meine Unterstützung hat es jedenfalls.

Gruß

Manfred
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Beitragvon Bagi » So 20. Feb 2005, 07:29

Trem Mineiro hat geschrieben:
Irgendwie ist SG hier wohl in die falsche Spalte gerutscht. Auswandern will der sicherlich nicht.

Mit meinem Beitrag wollte ich anfänglich lediglich darauf aufmerksam machen, dass es für den Einwanderer nicht einfach ist, sich von der Oberschicht zu distanzieren.


Trem Mineiro hat geschrieben:Nun laufen die ganzen Beiträge in die Favela-Projekt-Richtung, vielleicht kann man die umsortieren in die Meinungen zum Projekt.

Darüber, dass die Diskussion nun in Richtung Favela- Objekt läuft bin ich auch nicht richtig glücklich, aber auch dieses Thema ist interessant.



Trem Mineiro hat geschrieben:Mit in Tatsachen die Augen sehen ist keinem geholfen,… dem Mann nicht, dem es in die Hütte reinregnet, wo seine Kinder schlafen (heftigste Regenzeit) und Dir nicht, weil ich ja davon ausgehe, dass du ein soziales Gewissen hast und dich vor direkter Not auch nicht abwenden kannst.

Derjenige der die Tatsachen sieht, sieht zumindest die Fakten und baut seine Tätigkeiten nicht auf Irrtümer auf.
Dem Mann ist nicht geholfen, weil es spätestens in zwei Jahren wieder in seine Hütte regnet. Wenn nicht in seine, dann in die Hütte des Nachbarns. Die Chance, dass das Loch wieder mit Spendengeldern geflickt wird, ist wahrscheinlich mehr als gering.
Die wirkliche Armut in Brasilien findet man sowieso nicht in den Favelas. Dort regnet es in die Hütten, die medizinische Versorgung ist miserabel, und und und … aber immerhin sorgt der Traficante und die Gemeinschaft dafür, dass das Leben einigermaßen erträglich ist. Die richtige Armut findest Du irgendwo im Nord-Osten in der Pampa. Dort sterben die Kleinkinder an Unterernährung; Infektionen, verusacht durch das Dreckwasser welches sie trinken; usw.
Weil ich zumindest glaube die Tatsachen zu sehen ist meinem sozialen Gewissen in der Tat nicht geholfen. Auch wende ich mich deswegen auch nicht der Not ab.



Trem Mineiro hat geschrieben: Wurzeln ausreissen hat auch noch niemanden echt geholfen und das ist mir als allgemeiner Lösungsvorschlag auch zu wenig.

Da bin ich ganz anderer Meinung. Probleme können nur endgültig bewältig werden, wenn man sie an der Wurzel anpackt. Sei es im privaten Bereich, in der Politik, Berufsleben, etc. Alles andere führt über kurz oder lang wieder zu Rückschlägen.



Trem Mineiro hat geschrieben:Und weil wir vor Ort sind, können wir was tun und können wenn wir uns selber engagieren, auch mitbestimmen und kontrollieren, was mit unserer bescheidenen Hilfe geschieht.

Die bescheidene Hilfe meiner Frau und mir sieht so aus, dass wir jeden Monat unsere Steuern bezahlen, welche wahrscheinlich in ihrer Höhe das Jahreseinkommen der meisten Brasilianer übersteigt. Mitbestimmen und kontrollieren können wir allerdings nicht.



Trem Mineiro hat geschrieben:Und wir können vielleicht einigen Leuten in D, die ja auch mal was tun bzw. spenden würden, die aber berechtigten Zweifel haben, das das Geld teilweise versickert oder gar nicht ankommt, die Sicherheit geben, das diese Mittel hier wirklich in einem überschaubaren Projekt ankommen und auch eingesetzt werden.

Unter anderem aus diesen Gründen hat meine Frau eine Kinderpatenschaft bei World Vison für ein Mädchen aus Tansania übernommen.



Trem Mineiro hat geschrieben:Dazu betreiben auch Brasilianer hier Unterstützungsvereine für soziale Projekte. Die sind keinesfalls alle hartherzig, ehr im Gegenteil.

Ja, seit der Flutkatastrophe hängt in den meisten Restaurants und Bars über jedem Pissoir dazu ein Spendenaufruf des Roten Kreuzes.



Trem Mineiro hat geschrieben:Aber leider gibt es für Einheimische (besonders die Mittelschicht, die noch Geld hat) doch Berührungsängste, wenn es um Favelas geht.
Das sind meiner Meinung nach keine Berührungsängste, sondern beruht wie schon erwähnt auf dem Egoismus, Ignoranz, Interesselosigkeit, usw.



Trem Mineiro hat geschrieben:Vielleicht können hier weniger belastete Gringos mal aufzeigen, dass so was auch geht.

Wie die Gringos es aufzeigen verdeutlichen sehr schön die"Beweis- und Selbstdarstellungsbilder", welche man im andern Forum, bzw. auf Chechels Homepage findet. Der Weihnachtsmann (-frau) fährt mal schnell in die Stadt auf Shoppingtour und anschließend wird das ganze Zeug an die Kinder persönlich verteilt. Die leuchtenden Kinderaugen sind der Beweis, dass man etwas Gutes getan hat.
Bis dann
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Beitragvon belinda » So 20. Feb 2005, 08:12

...
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Beitragvon tinto » So 20. Feb 2005, 08:41

Bagi hat geschrieben:
Trem Mineiro hat geschrieben:Aber leider gibt es für Einheimische (besonders die Mittelschicht, die noch Geld hat) doch Berührungsängste, wenn es um Favelas geht.
Das sind meiner Meinung nach keine Berührungsängste, sondern beruht wie schon erwähnt auf dem Egoismus, Ignoranz, Interesselosigkeit, usw.

Ich weiß nicht, vor allem mit der Mittelschicht würde ich das differenzierter sehen. Wer ist denn Mittelschicht. Meistens doch Leute, die ein kleines Häuschen haben, ein Auto (meist Fiat Palio) und die es sich leisten können Geld für die Schule der Kinder und einen plano des saude (Krankenversicherung) zu haben. Die typisch brasilianische Mittelschicht-Familie hat ein oder zwei Kinder, eine empregada, meistens arbeitet nur der Mann, z.B. als Vertreter, Autoverkäufer etc. Sie können es sich leisten, wenigstens einmal in der Woche auszugehen (Restaurant, Club) und können vielleicht einmal im Jahr in den Urlaub fahren, (dh. mehr als 500 KM mit dem Auto unterwegs sein).

Aber ich bestreite, dass genau diese Schicht Ursache aller übel ist oder gar imstande wäre, alle Probleme des Landes zu lösen. Es sind ganz normale Leute, wie wir, die auch mit dem Geld haushalten müssen und ihre Probleme haben. So sind sie es, die unter der Inflation Anfang der 90er am meisten gelitten haben. Damals war gerade sogar in offiziellen Kreisen die Rede davon, dass die Mittelschicht ausbluten würde...Die Mittelschicht ist auch beliebtes Opfer von Anlagebetrügern und zwar auch im Baubereich, möchte nicht wissen, wie viele in Vorleistung bei dem Traum vom schönen Apartment in einer gepflegten Anlage getreten sind und ihre Wohnung nie gesehen haben. In SP und RJ ist das ein erhebliches Problem, das noch dadurch begünstigt wird, dass gerade diese Schicht sich kostspielige und langwierige Rechtsstreitigkeiten gar nicht leisten kann.

Diese Schicht ist auch ein beliebtes Ziel für Raubzüge, denn private Wachleute haben sie in der Regel ebenso wenig wie ein elektronisches Sicherheitssystem. Nach dem Besuch eines Bankautomaten kann man sie prima vor ihrer Garage abfangen, vor allem, wenn das Tor nicht elektrisch ist und man zum öffnen aussteigen muss, dann hat man das Geld und das Auto. So einfach ist das und so oft kommt genau das vor. Diese Schicht weiß aber, das sie so bedroht ist und sie weiß auch woher die Täter kommen. Sie wissen auch, dass ihr Geld, wenn es in Hilfsprojekte gesteckt wird, nicht ausreicht um irgendetwas an der Bedrohungslage zu ändern. Und genau diese Schicht ist es, die zur Kenntnis nehmen muss, dass wenn man gut ist, wie die jetzt ermordete Nonne, es niemanden vor Überfällen bewahrt. Deswegen stecken sie das Geld lieber in neue Gitter vor den eigenen Fenstern. Verständlicherweise muss ich sagen...

Ich seh es eher wie SG: die Oberschicht, die echte, die ist es auf die man schauen sollte, die geht los bei mehr als 3000 (Single/kinderloses Paar) oder 5000 (Familie) Euros netto im Monat und da reden wir nicht nur ein paar 10.000 Leuten:

Ich werde nie vergessen, als wir in SP mal nur 7 KM mit dem Hubschrauber zur Party geflogen sind und was dann da aufgetischt hat, das glaube ich, habe ich so in Deutschland noch nie gesehen. Natürlich war auch der Rückflug inclusive.

Ich wusste bis dahin gar nicht, dass im Grußraum SP für solche Zwecke täglich mehr als 200 Hubschrauber im Einsatz sind, voll ausgebucht und meist nur für Flüge von 5 Minuten. Bagi, Du wohnst doch dort -kannst Du das bestätigen? Selbst in Berlin ist das undenkbar und in den meisten Fällen ist auch in SP die Metro kaum langsamer.

Diese Schicht macht in Bariloche ihren Skiurlaub, hat in Búzios ihre Jetskis stationiert und fliegt wenigstens einmal im Jahr zu shopping nach Miami, schaut Euch doch mal an, wie oft täglich es die Linien- und Charterflüge es von Rio, SP, und sogar von Salvador, Recife, Fortalzeza, Belo Horizonte, Manaus,Curitiba nach Miami gibt. Diese Schicht hat meist mehrere Immobilien und Angestellte aller Art, die oft bestenfalls ein salario minimo erhalten und vom eigenen Wachpersonal auf Schritt und Tritt beim 14-Stundentag kontrolliert werden..

Und in der Provinz, da wird diese Schicht von den Landbesitzern repräsentiert. Meist erkennbar durch amerikanische Pickups und das eigene Körpergewicht....

Man sagt dieser Schicht nach mehr Geld zu besitzen als Brasilien Schulden hat. Das Geld auf alle verteilt würde ausreichen alle Not in dem Land auf der Stelle zu beseitigen.

In Nicaragua habe ich im Barcelo-All inclusive-Hotel Montelimar eine solche brasilianische Familie einige Tage in deren Urlaub begleiten dürfen. Sie war mir gegenüber nicht einmal unsympatisch. Ich war da zwecks einer Studienreise der katholischen Kirche „Armut und Reichtum –in Lateinamerika dichtbeieinander“. Da wurden wir in diesem riesigen Luxushotel direkt nach unserem Besuch auf der Müllhalde von Managua, wo tausende von Leuten obendrauf leben und Müll sortieren und das noch Essbare verzehren, eiquartiert. So etwas wirkt. Solche Gegensätze, die ja in Nicaragua noch viel viel krasser sind als in Brasilien, die prägen.

Und dann will man sich einfach mit den Ungerechtigkeiten nicht so ohne weiteres abfinden. Von der Armut in Brasilien will ich hier nicht reden. Es gibt sie.
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Schöne Grüße,
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Beitragvon Lemi » So 20. Feb 2005, 11:25

Hi Bagi,

ich muss jetzt noch mal was loswerden. Du schreibst, dass man das Problem (Armut / Soz. Ungerechtigkeit) an den Wurzeln packen müsste. Genau das hatte ich in meinem Beitrag vorher auch schon geschrieben, aber anschliessend wieder gelöscht. :idea:

Warum ? Ganz einfach .................. das Problem sind die desolaten politischen Verhältnisse - Desinteresse, Ignoranz, Ohnmacht und Bestechlichkeit von Regierung, Governadores und Bürgermeistern und all deren Zuschlägern (der Nordosten ist nicht arm, sondern er wird arm gehalten!).

Für eine tiefgreifende Veränderung bräuchte man politische Reformen. An erster Stelle eine Bildungsreform, dann auch Steuerreformen bzw. Rentenreformen.

Aber was sollen wir machen? Auf die Strasse gehen und protestieren? Oder sogar eine Revolution anzetteln (mit der Gefahr anschliessend 4-geteilt zu werden alá Tirandentes)? Selber in die Politik gehen?

Alles Dinge, bei denen ich mich ohnmächtig fühle und zum Zuschauen verurteilt bin ! Nein. Ich bin der Meinung, dass man zur Basis gehen muss, um wenigstens kleine bis mittlere Wunden zu schliessen, denn kurz- bzw. mittelfristig wird dies keine bras. Regierung schaffen.

Und wenn ich schon mal dort bin, ich meine an der Basis (ich rede hier nicht nur von Papagaio), dann lasse ich auch mächtig Dampf ab und versuche nach bestem Kenntnisstand die Ursachen der sozialen Missstände zu erklären, zu verurteilen und aufzuzeigen, dass es auch anders gehen könnte ......... als Beispiel nehme ich gerne das deutsche Bildungssystem, dass jedem Bürger - egal, ob arm, reich, schwarz oder weiss - die gleichen Chancen gewährleistet, was aus seinem Leben zu machen (kommt mir jetzt bitte nicht mit dieser blöden Pisa-Studie !) Ich nehme immer wieder wahr, wie die Leute staunen, dass es auch anders geht. Anscheinend nehmen sie die aktuelle Situation schlichtweg als gegeben hin - sozusagen unabänderbar, womit sie ja in Brasilien so ziemlich recht haben, da jede Regierung und jeder Bürgermeister, egal aus welcher Partei er kommen mag, erstmal das Goldene vom Himmel verspricht und sich anschliessend einen !&@*$#! drum kümmert. Einziges Ziel ist es, die eigenen Taschen zu füllen !

Wahrscheinlich bist du, lieber Bagi, genau wie ich, aufgrund dessen, dass du eine deutsche Ausbildung erfolgreich zu Ende geführt hast (wir sind Nutzniesser dieses Systems !!!), heute in der komfortablen Position in einem deutschen oder brasilianischen Unternehmen leitend tätig zu sein und beziehst ein Gehalt, von dem ein Brasilianer mit gleicher Ausbildung in Brasilien nur träumen kann - vor allem, wenn er den Weg über eine öffentliche Schule wählen musste.
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Beitragvon Hans » So 20. Feb 2005, 12:13

Lemi hat geschrieben:Für eine tiefgreifende Veränderung bräuchte man politische Reformen. An erster Stelle eine Bildungsreform, dann auch Steuerreformen bzw. Rentenreformen.

Aber was sollen wir machen? Auf die Strasse gehen und protestieren? Oder sogar eine Revolution anzetteln (mit der Gefahr anschliessend 4-geteilt zu werden alá Tirandentes)? Selber in die Politik gehen?

Alles Dinge, bei denen ich mich ohnmächtig fühle und zum Zuschauen verurteilt bin ! Nein. Ich bin der Meinung, dass man zur Basis gehen muss, um wenigstens kleine bis mittlere Wunden zu schliessen, denn kurz- bzw. mittelfristig wird dies keine bras. Regierung schaffen.


Lemi, sicher kann man als kleine Kraft keine Veränderung im Großen erreichen. Dies immer wieder anzukreiden und im Kleinen zu zeigen, wie es auch anders geht, ist gut, aber auch schon alles was man leisten kann.
Aber wenn sich dann einige zusammenschließen, um im Kleinen ein bisschen mehr zu machen, ist es eine gute und sehr menschliche Art um zu zeigen, dass man das Problem bekämpfen will und der Mensch an erster Stelle steht!!

Ich habe schon lange gedacht, dass man als kleines Rädchen keine Umwälzung der ökonomischen und gesellschaftlichen Realitäten entscheidend beeinflussen kann. Gerade die erste Veränderung sollte sich, wie du richtige sagtest, die Bildung sein, ABER wer von uns kann es beeinflussen??
Wir können schimpfen, solange wir wollen, ohne eine politische grundlegende Veränderung, die sich aber auch mit anderen Veränderungen in der Politik und Gesellschaft ZUSAMMEN vollziehen muß, wird es leider nicht gehen. Es ist zu komplex und von einer politischen und gesellschaftlichen "Macht" nicht durchführbar, nur zusammen mit ALLEN gesellschaftlichen Kräften möglich und das erst nach vielen Jahren.

ALSO habe ich schon länger beschlossen, im Kleinen zu helfen, da es das Einzigste ist, was ich machen kann und da haben mich die Berichte von dem Projeto UERÊ von Yvonne Bezerra de Mello vor einiger Zeit den Gedanken entwickeln lassen, demnächst etwas in dieser Richtung machen zu wollen. Es war absolut faszinierend, was diese Frau alles für die Kinder gemacht hat und wie sie an ihre Seele herankommt, um ihnen helfen zu können.

WIE KANN MAN HELFEN? Helfen beschränkt sich oft nur mit Spenden, die sein müssen, aber wenn das Geld nicht üppig ist, dann kann man nicht viel helfen! Spenden sammeln, Organisieren, das Projekt bekannt machen, Kontrollieren der Verwendung dieser Spenden usw. wären weitere Hilfe-Möglichkeiten!!

Eurer Projekt wird auf jeden Fall meine Unterstützung bekommen, vielleicht ist dieses Projekt der Anlaß, meinen Gedanken Formen annehmen zu lassen!

Hans
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Beitragvon tinto » So 20. Feb 2005, 12:25

Lemi hat geschrieben:
Anscheinend nehmen sie die aktuelle Situation schlichtweg als gegeben hin - sozusagen unabänderbar, womit sie ja in Brasilien so ziemlich recht haben, da jede Regierung und jeder Bürgermeister, egal aus welcher Partei er kommen mag, erstmal das Goldene vom Himmel verspricht und sich anschliessend einen !&@*$#! drum kümmert. Einziges Ziel ist es, die eigenen Taschen zu füllen !

.



Ich warte schon seit 20 Jahren af den Brasilianer oder die Brasilianerin, die alles gaaanz anders macht....ist nicht jeder von denen und ist nicht jeder von uns ein Politiker?
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Beitragvon Neto » Di 22. Feb 2005, 00:10

bei dem Beitrag dachte ich eigentlich nicht daran,
dass wir über:

was muss sich in Brasilien ändern, was ist wie zu verbessern,

diskutieren.

Ich habe manchmal Gäste mit Auswanderungsabsichten,
die wollen natürlich alles besser machen, oder gar grauenhaft verdeutschen.
Zum Glück schafft das niemand.
Wer Kleindeutschland sucht, hat in SC die besten Möglichkeiten,
incl Oktoberfest, Masskrug und Knöllchen für´s Falschparken.

Als ich früher öfter nach Salvador musste,
kam ich manchmal zu einem Gespräch von Ausgewanderten aller Klassen.
Viele schimpften nur noch auf Brasilien bzw. die Brasilianer,
oft schon nach wenigen Monaten.
Die jagen Deutschen Zeitungen hinterher und treiben sich im Internetcafe
am Pelo rum, weil man da leicht Gleichgesinnte trifft und das unterschichtige
Brasilianergesindel ( in deren Augen ) keinen Zutritt hat.
Viele verjagen hier ihr Erbgut, die Rente, die Frührente,
weil es ja so billig ist und alle Mädchen uns Ausländer lieben.
Was ich lange nicht wusste, selbst Drogen aller Art sind hier
billig und watsch´n einfach zu haben.
Zum Glück war ich seit über 1 Jahr nicht mehr in Barra und Pelo, nein Danke.

Es macht auch keinen Sinn, nur über Misstände zu schreiben,
da sollten wir uns an der eigenen Nase fassen.
Gespart wird in D bei den Kleinen, 1. Stelle die Schule und selbst Kindergarten.
Rentnerschröpfen ist angesagt und einige zahnlose Wesen
konnte ich auch sehen, in Oberbayern.
Immer auf die Schwächsten, ist in Brasilien nicht anders als anderswo.

Wobei ich hier Fortschritte sehe, deutliche.
Continental kommt nach Camaçari, ein Riesenwerk.
Schade für Hannover, die Arbeitnehmer freuen sich hier auf den Lohn
incl vieler sozialer Leistungen.

Die einzige Politik, über die wir uns Gedanken machen sollten, ist die von Bush.

Wer sich hier über jede Kleingkeit aufregt, hat bald Herzprobleme.
Kleines Beispiel:
Eine Beule im Auto ist und bleibt eine Beule.
Da braucht man keinen Sachverständigen, sondern Sachverstand.
Der Beulenverursacher steht sowieso dafür nicht gerade und ist meistens weg,
bevor man die Beule entdeckt.
Einem Bekanntem fehlte mal sein halber Aufbau beim nigelnagelneuem Pick Up.
Er meinte, zum Glück sass ich nicht drin, Schaden ca. 7.000 Reais.

Heute war mal wieder ein wundervoller Tag:

Im Restaurante gab es eine kleine Geburtstagsfeier,
die Getränke flossen reichlich.
Ein paar Burschen befestigten ein Seil an einer schrägen Palme und liessen sich mit hurra
in`s Wasser plumpsen, Plumpshöhe ca. 2 bis 3 Meter.
Ein Mädel sprang auch los, liess aber die Schnur nicht über dem Wasser los,
sondern nach dem Zurückpendeln am Ufer, weiss der Teufel warum.
Nachdem feststand, dass sie unverletzt war, war das Gelächter enorm.
Nicht nur wegen dieser gemeinen Schadenfreude war der Tag toll,
die Stimmung war herrlich und als erfreulicher Nebeneffekt stimmte auch die Abendkasse.

Neto
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