Auswandern, warum nicht, Teil 2

Tipps und Fragen von Auswanderungswilligen und Leuten, die es schon in Brasilien geschafft haben / Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Auswandern, warum nicht, Teil 2

Beitragvon Neto » Fr 18. Feb 2005, 11:31

Ich habe bei ´Kippe`einen Teil 2 zwecks
Auswanders, warum nicht, begonnen.
Da ich auch in diesem Forum viele Freunde habe,
versuche ich zweigleisig zu fahren, sofern Ihr Interesse habt.
_____________________________________________________________


Keine Sekunde bereue ich, seit etwas über 2 Jahren hier zu sein.
Wie schon im Teil 1 geschrieben, ist Jacuipe ein vom int. Tourismus
vergessenes Dorf und für mich gibt es nichts schöneres,
als in Brasilien mit Brasilianern zu leben.

Die angesprochenen Höhen und Tiefen will ich etwas erklären:

Zu Beginn verliert man an Körpergrösse, denn man steht sich
bei den Behörden- und Bankgängen die Füsse in den Bauch.
Das Nervenband sollte auch noch halbwegs intakt sein,
sonst schafft man diese Hürde nicht.

Einiges, was ich erlebt hatte, steht im Teil 1, also zum Teil 2:

Da ich keine Euroeinkünfte habe, bin ich auf das Geldverdienen
in diesem Dorf angewiesen.
Das Mitgebrachte Kleingeld ist schneller weg, als man denkt
und schon beginnt das Leben, Brasilien pur.
Die Sitio Pousada, wunderschön und herrlich, ( mit Investor ),
bringt halbwegs die Einnahmen zur Instandhaltung.
Das nötige Kleingeld zum Überleben kommt von der Beira Rio Bar,
ein paradiesischer Fleck.

Eine Tiefe, bzw. Überraschung bekam ich letztes Jahr zu spüren.
Die Banken streikten über 1 Monat, keine Chance,
auf in der Bank deponiertes Geld zu kommen.
Dementsprechend ging es auch den Wochenendausflüglern von
Salvador, also nichts los im Wirtshaus, niemand kam.
Logisch war ich etwas nervös, denn es sind auch Kinder im `Haushalt`.
In dieser Zeit habe ich am meisten über Brasil pur erlebt und gelernt.
Reis und Bohnen fehlten nicht, Nachbarn brachten Hühnchen ( pudelarm )
eine tolle Gemeinschaft.

Die Autofahrerei gehöhrt auch zu den Schattenseiten.
Fahrradfahrer nachts ohne Licht, mitten auf der Strasse,
Idioten mit dem Auto, die auf 20cm auffahren, obwohl ich sehr zügig unterwegs bin,
das nervt.
Vor 2 Tagen wurde hier eine Frau plattgefahren, d.h., sie flog wie wie ein Engelchen,
obwohl sie noch gar kein Engelchen war, aber jetzt hoffentlich ist.
Ein Fahrradfahrer wurde tagsüber vom Sattel geholt und ein Junge brach sich die Knochen,
weil ein Besoffener seine Karre nicht auf der Strasse halten konnte.
3 Opfer an einem Tag, nur in diesem kleinem Fleck?

Was mich riesig freut, ist der Besuch von vielen Forumsteilnehmern.
Ich glaube, einige Eindrücke über meine Brasilienliebe hinterlassen zu haben.
Einigen konnte ich auch das Hinterland zeigen, wo der Spass ein Ende hat,
aber die Menschen lächelnd den Tatsachen gegenüber stehen.
Dieses Lächeln wird jetzt wahrscheinlich gleich wieder falsch verstanden,
aber die Freunde, die mit mir waren, wissen was ich meine.

Als ich hier ankam, gab meine Armbanduhrbatterie den Geist auf.
Ich dachte mir, eine Batterie schnell zu kaufen.
Bis heute liegt die Uhr in der Schublade, für was denn?
Die Zeit vergeht auch ohne Uhr, der Tag ist wichtig,
ein hoffentlich glücklicher Tag und die gibt es hier mehr,
als in Deutschland, jedenfalls für mich.

Das war´s für den Anfangsteil von Teil 2,
ich hätte noch mehr zu schreiben, aber die Zeit drängt.

Übrigens war ich die letzen Tage trotz langsamen PC ( ein Baiano )
weg vom Netz.Wegen gewaltiger Regenfälle hatten wir keinen Strom.

bis demnächst

Neto
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Re: provinz

Beitragvon vasco » Fr 18. Feb 2005, 16:17

supergringo hat geschrieben:jetzt erlebe ich gerade das von itaipu


Wenn du zu dem kleinen Strand von Itaipu neben der Lagoa fährst, biegst du etwa 1 Km vorher an dem Schild "Itaipuacu" links ab. Hinter dem Berg kommst du ziemlich schnell zu Chechel ;-)
Wo er wohnt ist es auch ziemlich provinziell.

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Beitragvon belinda » Fr 18. Feb 2005, 16:26

...
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Beitragvon Lemi » Fr 18. Feb 2005, 16:32

Oi Neto,

es wäre schön, wenn es nur die Behördengänge und die bekloppten Autofahrer wären, die einen manchmal nerven ............ meines Erachtens braucht man noch etwas mehr, um hier zurechtzukommen. Es ist schlecht zu definieren, aber ich nenne es mal einfach Anpassugsvermögen.

Ich weiss, dass du diese Gabe hast ........ sich an andere Lebensgewohnheiten anzupassen, so dass du nicht überrascht wurdest ........ eher das Gegenteil: du wolltest sie.

Das unterscheidet viele Auswanderer und trennt den Weizen von der Spreu ....... man kann auch sagen: Glück und Unglück oder vielleicht auch Zufriedenheit und Hass !

Meines Erachtens braucht man in Brasilien vorallem eine positive Lebenseinstellung - sprich: den nötigen Optimismus. Auch eine Note Gleichgültigkeit gehört dazu - manchmal erspart das Kopfschmerzen.

Auch wichtig: die Liebe zum Land und seinen Bewohnern. Ohne die läuft nix. Wer ständig mit Deutschland vergleicht und meint den Brasilianer umerziehen zu können, kommt auch nicht weiter oder verzweifelt schlichtweg.
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Beitragvon Trem Mineiro » Fr 18. Feb 2005, 18:45

Hallo Galera

Ich weis nicht, ob Brasilien so das geeignete Land zu Auswandern ist. Auswandern heißt für mich, dass eine Land zu verlassen und in einem anderen etwas neu anzufangen .

Die in Brasilien lebenden Brasilienfreunde kann man ja in mehrere Gruppen aufteilen.


Gruppe 1
Dazu zählen die mit dem Entsendevertrag, die ja in der Regel für ihre Firma was aufbauen, selber aber in der Regel wieder (mit mehr oder weniger Schwierigkeiten) zurückkönnen und sei es um ihre Rente in D zu verjubeln oder ihre Krankheiten zu pflegen.

Gruppe 2
Das sind die, die hier den ersten Teil ihres Vorruhestandes einleiten, d.h. mit ein wenig Kapital und bescheidenen Ansprüchen hier etwas kleines Aufbauen, möglich wenig Stress aber auch nicht mit dem Willen hier Bäume auszureißen und Millionär zu werden. Zu dieser Gruppe gehören auch die, die nach mehrjähriger Tätigkeit hier hängen geblieben sind. Ihre berufliche Qualifikation hier vermarkten und/oder gelegentlich als Berater für deutsche Firmen tätig sind. Aber auch hier ohne Stress und ohne große Anforderungen an das Leben.

Gruppe 3 – die Echten
Übrig bleiben die dynamischen Jungen, denen es in D zu eng ist, die trotz Qualifikation keinen Job finden und die meinen in D wenig zu verlieren zu haben. Wenn diese Leute hier ankommen, wird so mancher feststellen, das Brasilien ein schweres Land ist um was Neues aufzubauen.

Mit einem Überangebot von gut ausgebildeten jungen Leuten, viele mit Universitätsstudium und den Mangel an geeigneten Arbeitsplätzen für eben diese Leute bekommen selbst brasilianische Väter mit guten Beziehungen ihre Söhne kaum noch unter.
Dazu sind die Gehälter dieser Jungingenieure, Diplomkaufleute etc. äußerst bescheiden und kaum geeignet, Wohnung, Auto, Annschaffungen etc. zu bestreiten. In B helfen da natürlich die Eltern aus, bis es irgendwann mal klappt. Brasilien ist sicherlich nicht das Land in dem man als Lohnabhängiger Angestellter sein Glück macht.

Die alternative ist natürlich die Selbstständigkeit. Allerdings sind hierzu natürlich die bürokratischen Hindernisse enorm, Visa / Arbeitserlaubnis / Geldmittelbeschaffung / Sprachkenntnisse. Dazu gibt’s wahrscheinlich jede Art von Dienstleistung in irgendeiner Form. Tausende IT-Berater, Grafikfirmen, Druckereien, Berater, Transportunternehmen. Alles natürlich auf einem niedrigen Niveau und mit Mängeln und nicht perfekt, aber zu absolut günstigen Preisen. Da ist sicherlich Qualität verkaufbar und sicher auch bald zum Euro Niveau, aber man ist begrenzt durch die eigene Leistungsfähigkeit, vermindert um Schlafen und Essen. Ein Ausbau eines Geschäftes durch lokales Personal, selbst geschult, lässt Euch selber kaum noch zum Arbeiten kommen, weil ihr nur noch den Scheiß eurer Angestellten ausbügeln müsst. Ist mal einer wirklich gut, macht er euch in 6 Monaten mit einem eigenen Laden Konkurrenz und verdirbt dir die Preise.

In Brasilien ist kaum jemand wohlhabend geworden, weil er sich vom Tellerwäscher zum Restaurantkettenbesitzer hochgearbeitet hat, oder weil er das Telefon oder Windows erfand. Der Wohlstand der Mittelschicht-Brasilianer basiert auf zu früheren Zeiten erworbenen Besitz, der mehr oder schlecht verwaltet wurde. Dazu gab es Jobs in Politik und Staatsbetrieben die einen nicht nur gut ernährten, sonders wo auch noch was übrig blieb. Und es gab Einkommen über die ich aus Höflichkeit gegenüber unseren Gastgebern nicht sprechen möchte.

Trotz dieser Schwierigkeiten, hat es der eine oder andere geschafft, sich etwas aufzubauen. Nur, wer die Schwierigkeiten hier überwunden hat, hätte sie auch in D überwunden. Wenn ich partout nicht in D bleiben will, sind Länder wie Australien, Kanada und selbst USA sicherlich leichter zu bewältigen.
Wer nach Brasilien geht, muss das Land bereits vorher lieben und viele sind dann auch bereit, Abstriche in Kauf zu nehmen. Was machen wir mit unseren Kindern, mit einer brasilianischen Ausbildung ist es selbst in B schwer ohne Vitamin B unterzukommen und der Weg zurück nach D ist noch schwieriger. Also ist Auswandern in der Regel auch die Festlegung für unsere Kinder, dass diese später mal mit den brasilianischen Chancen leben müssen. Derzeitig erlebt Brasilien mal wieder eine Phase guter wirtschaftlicher Entwicklung, aber Mehrheitlich durch die günstige Weltwirtschaftslage beeinflusst, an der D derzeitig nicht partizipiert. Ich kenne Brasilien lange genug, um zu wissen, dass sich das ratz-schnatz ändern kann. Und die Entwicklung bei Armut, sozialen Spannungen, Kriminalität Umweltbelastung, Verkehr etc ist vorhersehbar und geht in eine ganz andere Richtung. Und wer dann nicht wieder zurückkann, landet auf niedrigem Niveau bruch.

Ich, und sicher auch alle anderen Interessierten würden gerne wissen, wer sich den von Euch zur Gruppe 3 rechnet und wie er seine Situation beurteilt. Ich falle da leider aus, weil ich zur Gruppe 1 mit Airbag gehöre.

Viele Grüsse

Manfred

Die Gruppe der Aussteiger und echten Rentner habe ich mal bewusst ausgeklammert.
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Beitragvon Hans-Joachim Menzel » Fr 18. Feb 2005, 22:49

Trem Mineiro hat geschrieben:Ich, und sicher auch alle anderen Interessierten würden gerne wissen, wer sich den von Euch zur Gruppe 3 rechnet und wie er seine Situation beurteilt. Ich falle da leider aus, weil ich zur Gruppe 1 mit Airbag gehöre.

Viele Grüsse

Manfred




Hallo,

dem Manfred erzähle ich ja nichts Neues, denn wir kennen uns.
Möglicherweise hat Manfred ja in der Mehrheit der Fälle Recht, was die Beschreibung der "Gruppe 3 - Die Echten" betrifft, zu der ich mich auch zähle. Es muß aber gar nicht immer so schwierig sein, wie von Manfred beschrieben. Ich kenne noch vier weitere deutsche Kollegen, drei davon habe ich in Recife an der UFPE kennen gelernt, die heute an brasil. Universitäten arbeiten, weil es eben, abhängig vom Fachgebiet, nicht immer so einfach ist, eine Stelle an einer deutschen Universität oder in USA, Australien etc. zu bekommen.
Die Vorteile als Hochschullehrer in Brasilien sind die, daß man genau wie an anderen Universitäten maximal viele Freiheiten genießt und für brasil. Verhältnisse recht gut verdient. Darüber hinaus besitzt man als brasil. Beamter Arbeitsplatzsicherheit, was ja heute überall auf der Welt nicht zu verachten ist. Das gibt einem zumindest eine gewisse Planungssicherheit.
Nebenverdienstmöglichkeiten gibt es auch ncoh und nach der in diesem Jahr wohl zu verabschiedenden Hochschulreform kann die Situation eigentlich nur besser werden, jedenfalls für diejenigen, die wirklich arbeiten wollen.
Die eingebauten Sicherheitssysteme sind in meinem Fall eine Eigentumswohnung in D, die vermietet ist und mit der ich meine private Altersvorsorge in D finanziere. Ob in D oder BR das Rentensystem zusammenbricht, was ich mir weder im einen noch im anderen Fall komplett vorstellen kann, auch wenn die Renten stark gekürzt werden sollten, so bedeutet das dann auch nicht die Verelendung unter diesen Bedingungen, denn in Brasil habe ich demnächst auch mein eigenes Haus in einem Condomínio Fechado. So lebt es sich eigentlich ganz komod. Der Campus der UFMG ist übrigens sicher, sauber und hübsch angelegt und so habe ich es tagsüber in meinem Beruf mit gebildeten, intelligenten und freundlichen Mitmenschen zu tun, die auch noch wenigstens eine Fremdsprache beherrschen und i.a. die Welt auch schon mal von der Perspektive außerhalb Brasiliens gesehen haben. Was will ich mehr ???

Gruß

H-J
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Beitragvon Trem Mineiro » Fr 18. Feb 2005, 23:34

Hallo H-J

An dich habe ich natürlich nicht gedacht. Für dich gründe ich die Gruppe 4
Ausländer die in den Staatsdienst oder sonstigen öffendlichen Dienst gehen. Da kommen dann auch Politiker und Studenten und Pfarrer rein. Das sind aber sicherlich Sonderfälle, die nicht den typischen Auswanderer darstellen.

Gruß

Manfred
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Beitragvon Lemi » Sa 19. Feb 2005, 12:54

Trem Mineiro hat geschrieben:Gruppe 3 – die Echten
Übrig bleiben die dynamischen Jungen, denen es in D zu eng ist, die trotz Qualifikation keinen Job finden und die meinen in D wenig zu verlieren zu haben. Wenn diese Leute hier ankommen, wird so mancher feststellen, das Brasilien ein schweres Land ist um was Neues aufzubauen.



Jaja TM als so einer bin ich hier auch mal angekommen. Sehr gut ausgebildet an der Uni (wie immer in der gesamten Ausbildung einer der Besten :wink: ), aber Einstellungsstopp in Deutschland in der Branche, in der ich ausgebildet worden bin. Ca. 100 Bewerbungen europaweit abgeschickt, auch branchenfremd - immer die gleiche Antwort: "bewerben sie sich später nochmal bei uns........."

Bis dann mal eine Einladung ins Haus flatterte: "ja ...... man stelle ja eigentlich im Moment nicht ein, aber wir haben da so ein Betrieb in Brasilien - nähe Belo Horizonte (nie gehört davon) - dort fehlt ein Ingenieur. Blablabla ...................

Nachdem ich einen 10-minütigen Film vom Betrieb und der angrenzenden Siedlung gesehen hatte (mitten im Urwald), sagte ich zu ............... ohne zu wissen, auf was ich mich da überhaupt einlasse.

Kurzum: Ich fing damals mit ca. 2000 R$ Lohn dort an zu arbeiten. Ich erinnere mich noch: mein 1. Nettolohn war 1700 R$ ............. alleine für die Möbel und Küchenutensilien hatte ich aber schon mindestens 6000 R$ in der 1. Woche auf den Kopf gestellt. Damasls pumpte ich mir 5000 R$ bei meiner Firma, die ich innerhalb von 2 Jahren mühevoll abzahlte.

Der nächste Schock war der Autokauf. Ich war damals stolz wie Hanne auf meinen VW Golf 3, den ich für 23.000 DM als Vorführwagen erstanden hatte. Nach nur einem Jahr musste ich ihn verkaufen - wegen des Umzugs nach BRA .................... ich bekam immerhin noch 20.000 DM - also kein schlechtes Geschäft ............... das aber kam nachher in Brasilien. :?

Da ich kein Geld hatte, musste ich die 20.000 DM nach Brasilien transferieren. Damals (1994) bekam man ca. 10.000 R$ von der Bank dafür. Ich suchte also ein Auto für 10.000 R$ ............... und fand eins: ein 3 Jahre alter VW Gol .................. ohne Servolenkung, Klimaanlage ..... nicht mal Heizung hatte er. Nach solchen Details wie höhenverstellbare Sitze oder Lenkrad suchte ich erst gar nicht. Es war ein mieses Tauschgeschäft, aber der Markt gab damals nicht mehr her.

Auch die Lebensmittelpreise waren damals enorm hoch. An Ersparnisse war überhaupt nicht zu denken. Glücklicherweise brauchte ich nie in 12 Raten oder auf Pump bei der Bank zu kaufen ......... ich glaube, das wäre mein Bankrott gewesen.

Mein grosses Glück war in der Siedlung neben der Fabrik zu wohnen. Dort hatte ich ein ca. 25 Jahre altes Haus (ca. 77 m2) mit herrlichen Blick in die Natur und bezahlte nur 24 R$ Miete. Strom und Wasser waren kostenlos. Hinterm Haus wuchsen Orangen- und Limonenbäume - davor standen riesige Sträucher mit herrlich gelben und rosa Blüten.

Ich war sehr zufrieden. Es war eben nur alles sehr schwer am Anfang, weil das Geld hinter und vorne fehlte. Aber mit 26 schlägt man sich da durch und aus Studentenzeit ist man ja gewöhnt nur von trocken Brot und Bier zu leben.

Das Klima war prima - und nach der 1. Salmonellenvergiftung (am 3. Tag nach meiner Ankunft) schmeckte mir auch die Minas-Küche hervorragend. Churrascos am Wochenende waren das Salz in der Suppe.

Portugiesisch lernte ich kontinuierlich. Auf Arbeit hatte ich keine andere Möglichkeit und nach Feierabend nahm ich mir eine Lehrerin, die mich 2-3 mal pro Woche unterrichtete. Nach ca. 6 Monaten verstand ich schon ziemlich gut und konnte mich auch einigermassen artikulieren. Das war auch notwendig, da man ja im Job vorankommen musste (mitschleifen war nicht) und meine Lehrerin mit 33 Jahren an Leukämie verstarb. Meine Blutspende in letzter Minute half nichts mehr ......... obwohl ich eigentlich gar nicht Blutspenden darf (ich kipp jedesmal mittendrin in Ohnmacht). So erlebte ich mein 1. Begräbnis in Brasilien. Und so ging das Leben eigentlich kunterbunt weiter und die Zeit verstrich ..........

Nach ca. 3 Jahren hatte ich es endlich geschafft: eine Beförderung stand an ......... ich wurde zum Leiter einer Anlage ernannt und bekam auch endlich mehr Geld. Ich weiss nicht mehr ganz genau wieviel, aber es müssen so um die 4000 R$ gewesen sein. Zuvor hatte der Betrieb ein paar schlechte Jahre, so dass die Direktion gegenüber den Gewerkschaften 2 Nullrunden durchboxte ....... in diesen beiden Jahren hatten wire aber jeweils eine Inflation von ca. 10% .......... also 20% Lohnverlust.

Komischerweise spielte ich nie mit dem Gedanken nach Deutschland zurückzugehen. Warum eigentlich nicht ? Durch die Geldentwertung des R$ war mein bras. Lohn so ca. auf die Hälfte gesunken, von dem, was ich wohl in Deutschland hättee verdienen können !

Nein - aber ich wollte das nie. Ich fühlte mich wohl in dem anfangs ziemlich fremden Land. Die Brasilianer machten mir den Einstieg eigentlich leicht. Ich war überall willkommen. Ich wurde behandelt wie einer von denen - manchmal zeigte man mich auch stolz vor: "Schau - mein Kumpel ist Deutscher" ...... ich glaube, wenn man auf dem Lande lebt, passiert sowas auch heute noch. Ich wurde öfters für Fotos herzitiert - sei es für das örtliche "Futebol de areia" - Team, in dem ich mitkickte oder von einer Dame, die wegen meiner Augenfarbe dahin schmolz. Als "Ehrengast" wurde ich sogar auf so heiligen Familienfeiern wie Weihnachten eingeladen. So rutsche ich immer tiefer in die Kultur Brasiliens rein ............. ich war integriert !
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Beitragvon Bagi » Sa 19. Feb 2005, 19:37

supergringo hat geschrieben:...jeder muss fuer sich entscheiden, ob er in diesem land zurecht kommt oder nicht ... ich fuer meinen teil glaube, recht gut klar zu kommen, sofern ich nichts mit der oberschicht zu tun haben muss ... [/size]


Tja SG, Deine Vorstellung nichts mit der Oberschicht zu tun haben müssen ist in Brasilien nicht leider nicht so einfach in die Praxis umzusetzen.
Ich weiß nicht, ob Du hier in Brasilien zur Oberschicht gehören würdest (da ist Geld wirklich absolut gar kein Thema) oder vielleicht "nur" zur gehobenen Mittelschicht. Aber das ist Jacke wie Hose, denn die egoistische Denk- und Lebensweise ist bei beiden Klassen vorhanden.
In Brasilien wirst Du in eine der Gesellschaftsklassen hineingeboren und in dieser wirst Du dann in der Regel auch sterben (ähnlich wie in Indien). Nicht anderes passiert mit Dir, wenn Du als (Super-) Gringo nach Brasilien kommst. Je nach Deiner finanziellen Lage wirst Du hier in eine Gesellschaft hereingepresst.
Wie Du schreibst würdest Du zwar liebend gerne auf Schlips und Krawatte verzichten, aber so wie ich Dich einschätze bist auch Du ein Freund der angenehmeren Dinge im Leben, welche Du in Brasilien nicht missen möchtest. Nur den wenigsten Gringos gelingt es mit nichts (aus finanzieller Sicht gesehen) hier in Brasilien ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.
Auf der einen Seite die Vorzüge der Mittel- und Oberschicht zu genießen und auf der anderen Seite die teilweise unbeschwerte Lebensweise mit den Favelados zu teilen ist ein Spagat, der auf lange Sicht nicht gelingen wird.

Wer nach Brasilien auswandert muss sich zuerst mit einem abfinden und klarkommen: die soziale Ungerechtigkeit.
Bis dann
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Beitragvon belinda » Sa 19. Feb 2005, 20:32

...
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