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 Betreff des Beitrags: Behindert in Brasil
BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 10:23 
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Registriert: 08 Sep 2006 23:43
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Oi,

ich frage mich schon die längste Zeit wie Menschen die z.B. im Rollstuhl sitzen in Brasilien überleben können. Nichts (Busse, Zugang Metro, Aufzüge usw.) ist dort behindertengerecht aufgebaut und der Staat wird diese Menschen wohl auch nicht gerade mit Geld überhäufen, sodass sie sich z.B. eine Wohnung behindertengerecht ausstatten können. Was ich weiss ist, dass Menschen mit Behinderung z.B. gratis im ganzen Land herumfahren können, aber das ist für einen Rollstuhlfahrer wohl nicht interessant, wenn er ja nichtmal in den Bus einsteigen kann. Wie läuft das dort, wer hat Erfahrungen?

Danke!

pocoto



Paz, Justiça e Liberdade


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BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 10:58 
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Registriert: 08 Jul 2006 10:05
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es gibt in Salvador seit einigen jahren auf den wichtigsten verkehrsstrassen (nur bis Itapoa) busse mit einer hebebühne.
wenn also ein rollstuhlfahrer (wie z.b. ich) an einer busstation sitzt und darauf wartet mitgenommen zu werden ist er darauf angewiesen, dass es dem motorista nicht stinkt, seinen hintern zu heben, nach hinten zu kommen und die hebebühne runterzulassen, damit er einsteigen kann. durschnittliche wartezeit bis ein bus mit hebebühne kommt und auch anhält, ca. 1 std.
übrigens wurde in Salvador gerade vor einigen monaten die gratis-mitfahrt für den begleiter eines behinderten abgeschafft!! man geht ja davon aus, dass ein behinderter mensch einen begleiter mitnehmen muss.
damit ist jetzt schluss!
aber für rollstuhlfahrer mit improvisationsfähigkeit, einem guten gedächtnis (damit er sich immer erinnert wo die nächste erreichbare toilette ist) und einer guten portion frechheit ist auch in Salvador ein fortkommen möglich.

amarelina



não há diferença entre um sábio e um tolo quando ambos estão apaixonados.


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BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 11:19 
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Oi amarelina,

ich kenne ja nur Rio und dort ist es unmöglich in den Bus einzusteigen. Hebebühnen habe ich dort an den Bussen noch nie gesehen. Während der Rushhour wäre es auch unmöglich dies durchzuführen. Der Bus bleibt ja nichtmal mehr stehen für "normale" Fahrgäste. Die Wartezeiten von 1 Stunde kommen als auch in Rio vor. Das mit den erwähnten Frechheiten braucht man überall in Brasil, egal ob Amt, Bank oder eben im Bus. Das die Mitfahrer nicht mehr gratis mitfahren dürfen ist auch typisch Brasil. Wie funktioniert das mit der Versorgung dort? Gibts behindertengerechte Wohungen dort wo du bist? Was leistet der Staat für Behinderte Menschen in Brasil? Wie wirst du von deinen Mitmenschen aufgenommen?

Sorry für die Fragen, aber es ist echt ein Interessantes Thema und es kann jeden von uns treffen!

Danke!

Pocoto



Paz, Justiça e Liberdade


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BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 11:32 
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Registriert: 08 Jul 2006 10:05
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in den vielen jahren, da ich in Salvador unterwegs bin, auch allein, habe ich sehr sehr viel hilfsbereitschaft erfahren und die leute haben wenig berührungsängste, ja manchmal muss man sogar aufpassen, dass man im überschwang der gefühle nicht von einem netten mitmenschen an der trottoirkante vorwärts aus dem stuhl auf die strasse gekippt wird...aber das sind details
viele behinderte bekommen eine IV-rente, die ist aber in den meisten fällen sehr niedrig und was hilfsmittel betrifft ist die versorgung ganz schlecht. eine rollstuhlgerechte wohnung zu finden ist sehr schwierig, am besten man baut sich selber eine. andererseits habe ich schon erlebt, dass der besitzer des mercadinho wo ich immer einkaufte eines schönen morgens, als ich ankam eine betonrampe hingeklatscht hatte...
ich kenne einige, die sich ihre stühle selber zusammenschrauben. das meinte ich unter anderem auch mit improvisationsfähigkeit.

amarelina



não há diferença entre um sábio e um tolo quando ambos estão apaixonados.


Zuletzt geändert von amarelina am 10 Jul 2007 14:30, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 13:40 
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Hier in Belo gibt es auch auf den wichtigeren Buslinien Hebebühnen. Alledings habe ich in den letzten 9 Monaten nur gerade einmal gesehen dass diese auch tatsächlich benutzt wird. Dabei war der Cobrador sehr hilfsbereit.

Was mir hier im Rollstuhl bedeutend mehr Sorgen machen würde wäre das Überqueren der Strassen. Selbst mit grün, Fussgängerstreifen und zwei gesunden Beinen ist es jedesmal eine ziemliche Herausforderung heil rüberzukommen...



Creative Offshore IT Outsourcing in Brazil


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 Betreff des Beitrags: Positive Überraschungen
BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 17:49 
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Beiträge: 345
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Hallo,

Ich habe auch ein paar positive Überraschungen erlebt, gerade im Interior. So bin ich in Bom Jesus da Lapa (BA), Wallfahrtsort am Rio São Francisco, an einen taubstummen Friseur geraten. Ich hätte niemals erwartet, daß ein Mensch mit dieser Behinderung in dieser chronisch armen Region nicht nur Sprechen und Lippenlesen lernen kann, sondern sogar einen Beruf!

In einem anderen Thread habe ich selbst geschrieben:
Dann habe ich in Janaúba eine Schule für Schwerstbehinderte gesehen (APAE). Ich war äußerst überrascht. Das Gebäude war geräumig, hell und sauber. Relativ viele äußerst engagierte Erzieher (hauptsächlich Frauen) für wenige Kinder. Nach den Gehältern habe ich natürlich nicht gefragt. Das ist eine brasilianische Einrichtung ohne jede Unterstützung von ausländischen Spendern! Es gibt einen kostenlosen Schulbus und einen jährlichen Umzug mit Musik durch die Stadt.


Viele Grüße
Bequimão



Não bebo, não fumo, não cheiro,
Às vezes minto um pouco.


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BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 19:06 
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Hier in Toledo haben auch verschiedene Busse Hebebühnen. Habe selbst einen Nachbarn, der im Rollstuhl sitzt (Querschnittsgelähmt und Beine teilamputiert) und konnte das schon mehrfach beobachten.

Alle öffentlichen Gebäude hier sind rollstuhlgerecht, alle Krankenhäuser, Postos de Saúde, Apotheken, Supermärkte, Schulen (!!!) haben Rampen, etc.

Das scheint - auch nach seiner Aussage nach - nicht das Problem zu sein. Vielmehr zahlt der Staat halt kaum etwas an Unterstützung, und da wird es schon schwieriger .... (allerdings kenn ich mich da nicht besonders aus, was neben der SUS nach geleistet wird).

Es gibt hier auch eine Sonderschule für geistige Behinderte Kinder. Soll auch sehr gut sein, habe mich da vor längerem mal mit einer Lehrerin (deutsche Nachkomme) mal unterhalten.



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 Betreff des Beitrags: Re: Behindert in Brasil
BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 19:40 
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Registriert: 20 Mai 2007 14:31
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Wohnort: Wiesbaden, Rio & São Paulo
pocoto hat geschrieben:
Oi,

ich frage mich schon die längste Zeit wie Menschen die z.B. im Rollstuhl sitzen in Brasilien überleben können. Nichts (Busse, Zugang Metro, Aufzüge usw.) ist dort behindertengerecht aufgebaut und der Staat wird diese Menschen wohl auch nicht gerade mit Geld überhäufen, sodass sie sich z.B. eine Wohnung behindertengerecht ausstatten können. Was ich weiss ist, dass Menschen mit Behinderung z.B. gratis im ganzen Land herumfahren können, aber das ist für einen Rollstuhlfahrer wohl nicht interessant, wenn er ja nichtmal in den Bus einsteigen kann. Wie läuft das dort, wer hat Erfahrungen?

Danke!

pocoto


In Brasilien werden die meisten Behinderten noch von ihren Verwandten versteckt. Ich war selbst einmal bei einer angesehenen Familie in einer Kleinstadt nähe SP eingeladen und habe miterlebt wie eine ca. 30-40 jährige Frau mit geistiger Behinderung versuchte zu uns zu gelangen. Sie wurde umgehend auf ihr Zimmer eingesperrt. Es traute sich aber keiner zu fragen, wer sie ist, wo und wie sie lebt etc. Später habe ich über Umwegen erfahren, daß sie die behinderte Tochter des Gastgebers war und seit ihrer Kindheit versteckt wird, weil man sich dessen schämt.
Zuerst wollte ich dies nicht galuben. Doch dann habe ich erfahren, daß dies kein Einzelfall ist. Behinderte werden von sozial schwachen Familien in staatlichen Heimen abgegeben und meistens danach nie wieder kontaktiert. Familien mit Geld suchen schon bessere Heimplätze aus, die sie auch aus eigener Tasche bezahlen. Sehr reiche Leute behalten meistens ihre behinderten Familienmitglieder im Haus und beschäftigen einen Pfleger. Der kostete vor 5 Jahren noch ca. 500 Reais/Monat.
Es gibt auch viele Ausländer, die ihre behinderten Kinder in Brasilien leben lassen und das entsprechende Personal bezahlen. Ist immer noch billiger, als in Deutschland bezahlen zu müssen. Außerdem ist die Pflege rund um die Uhr gewährleistet.
In der Öffentlichkeit sind nur sehr selten Behinderte wegen diesen Gründen zu treffen. Wenn man welche sieht, dann meistens aus der Unterschicht krank, verletzt und verlaust in irgendwelchen dunklen Gassen. Die Öffentlichkeit ist auch darauf nicht eingestellt. In RJ kann man auch als gesunder junger Mann zum Krüppel werden, wenn man in einem Bus einsteigt. Zu empfehlen ist die Strecke Tijuca nach Barra über die Berge. Berg abwärts kennt der Busfahrer nur noch Gas, so daß alle Passagiere nur noch am schreien vor Angst sind.
Behinderte haben leider in der Öffentlichkeit kaum Möglichkeiten normal sich zu bewegen. Leider lappt das auch auf Teilbehinderte und Ältere über. Wenn ein 80jähriger nicht schnell genug über die Straße läuft, dann wird er überfahren, weil der Autofahrer auch nur Gas geben kann. Rücksicht wird in Brasilien ganz klein geschrieben.
Trotzdem habe ich festgestellt, daß die meisten Brasilianer sehr sozial und human eingestellt sind. Daran kann es nicht liegen, daß Behinderte nicht gemeinsam mit ihren Nichtbehinderten Bürgern leben können. Vielmehr sind es die Staatsträger, die die Behinderten am gemeinsamen Leben benachteiligen. Es hat sich bei den vielen Protektionisten und Korruptionisten noch nicht rumgesprochen, daß man nicht nur von Geburt an behindert sein kann, sondern auch es jederzeit jeden treffen kann. Dann würden diese Herren viel mehr für ein gemeinsames besseres Leben von Behinderten tun.


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 Betreff des Beitrags: Re: Behindert in Brasil
BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 20:16 
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Registriert: 08 Jul 2006 10:05
Beiträge: 1193
BrasilJaneiro hat geschrieben:
Wenn man welche sieht, dann meistens aus der Unterschicht krank, verletzt und verlaust in irgendwelchen dunklen Gassen.

ich muss da schon widersprechen, weil sich sonst ein ganz falsches bild ergibt. es gibt viele behinderte die den (brasilianischen) umständen entsprechend ein selbstbestimmtes leben leben. sicher gibt es einige die im Pelourinho betteln, aber das ist die ausnahme. ich kann auch nur von Salvador sprechen, da ich dort die gegebenheiten gut kenne.
ich war immer wieder erstaunt, wenigstens am anfang, wie gut organisiert und untereinander vernetzt, die leute ihr sicher nicht einfaches leben bewältigen. arbeiten, sport treiben, feste feiern...eben einfach alles was ein nicht behinderter auch tun würde.
allerdings habe ich in all den jahren sehr sehr wenig frauen im rollstuhl gesehen. in den letzten sieben monaten z.b. nur eine einzige die allein in der stadt herumkurvte.
das eine ist: es sind erstens mehr männer im rollstuhl als frauen und das andere: in einem land, wo die körperkultur so gross geschrieben wird, brauchen frauen doppelt soviel selbstvertrauen und selbstsicherheit, sich in der öffentlichkeit zu zeigen.
aber wenn ich dann einmal eine angetroffen habe, waren es ausnahmslos starke, selbstsichere frauen.
im vergleich zu europa schätze ich, ist brasilien, was bauliche hindernisse und akzeptanz in der öffentlichkeit betrifft noch etwa 20 jahre hintendrein, aber es gibt auch immer stärker und grösser werdende vereinigungen (ABADEF z.b.) die für die rechte der behinderten kämpfen.

amarelina



não há diferença entre um sábio e um tolo quando ambos estão apaixonados.


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 Betreff des Beitrags: Re: Behindert in Brasil
BeitragVerfasst: 10 Jul 2007 20:23 
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Registriert: 20 Mai 2007 14:31
Beiträge: 473
Wohnort: Wiesbaden, Rio & São Paulo
amarelina hat geschrieben:
BrasilJaneiro hat geschrieben:
Wenn man welche sieht, dann meistens aus der Unterschicht krank, verletzt und verlaust in irgendwelchen dunklen Gassen.

ich muss da schon widersprechen, weil sich sonst ein ganz falsches bild ergibt. es gibt viele behinderte die den (brasilianischen) umständen entsprechend ein selbstbestimmtes leben leben. sicher gibt es einige die im Pelourinho betteln, aber das ist die ausnahme. ich kann auch nur von Salvador sprechen, da ich dort die gegebenheiten gut kenne.
ich war immer wieder erstaunt, wenigstens am anfang, wie gut organisiert und untereinander vernetzt, die leute ihr sicher nicht einfaches leben bewältigen. arbeiten, sport treiben, feste feiern...eben einfach alles was ein nicht behinderter auch tun würde.
allerdings habe ich in all den jahren sehr sehr wenig frauen im rollstuhl gesehen. in den letzten sieben monaten z.b. nur eine einzige die allein in der stadt herumkurvte.
das eine ist: es sind erstens mehr männer im rollstuhl als frauen und das andere: in einem land, wo die körperkultur so gross geschrieben wird, brauchen frauen doppelt soviel selbstvertrauen und selbstsicherheit, sich in der öffentlichkeit zu zeigen.
aber wenn ich dann einmal eine angetroffen habe, waren es ausnahmslos starke, selbstsichere frauen.
im vergleich zu europa schätze ich, ist brasilien, was bauliche hindernisse und akzeptanz in der öffentlichkeit betrifft noch etwa 20 jahre hintendrein, aber es gibt auch immer stärker und grösser werdende vereinigungen (ABADEF z.b.) die für die rechte der behinderten kämpfen.

amarelina



20 Jahre zurück ist noch untertrieben. Meine Hoffnung bleiben die vielen guten Helfer der unzähligen kleinen Vereinigungen. Ich bin mir sicher, daß sich Brasilien zum positiven verändern wird. Schließlich treffe ich auch heute mehr Nichtraucher in Brasilien an als Raucher. Wenn ich das mit vor 20 Jahren vergleiche, dann bin ich doch ziemlich irritiert heute.


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