pocoto hat geschrieben:
Oi,
ich frage mich schon die längste Zeit wie Menschen die z.B. im Rollstuhl sitzen in Brasilien überleben können. Nichts (Busse, Zugang Metro, Aufzüge usw.) ist dort behindertengerecht aufgebaut und der Staat wird diese Menschen wohl auch nicht gerade mit Geld überhäufen, sodass sie sich z.B. eine Wohnung behindertengerecht ausstatten können. Was ich weiss ist, dass Menschen mit Behinderung z.B. gratis im ganzen Land herumfahren können, aber das ist für einen Rollstuhlfahrer wohl nicht interessant, wenn er ja nichtmal in den Bus einsteigen kann. Wie läuft das dort, wer hat Erfahrungen?
Danke!
pocoto
In Brasilien werden die meisten Behinderten noch von ihren Verwandten versteckt. Ich war selbst einmal bei einer angesehenen Familie in einer Kleinstadt nähe SP eingeladen und habe miterlebt wie eine ca. 30-40 jährige Frau mit geistiger Behinderung versuchte zu uns zu gelangen. Sie wurde umgehend auf ihr Zimmer eingesperrt. Es traute sich aber keiner zu fragen, wer sie ist, wo und wie sie lebt etc. Später habe ich über Umwegen erfahren, daß sie die behinderte Tochter des Gastgebers war und seit ihrer Kindheit versteckt wird, weil man sich dessen schämt.
Zuerst wollte ich dies nicht galuben. Doch dann habe ich erfahren, daß dies kein Einzelfall ist. Behinderte werden von sozial schwachen Familien in staatlichen Heimen abgegeben und meistens danach nie wieder kontaktiert. Familien mit Geld suchen schon bessere Heimplätze aus, die sie auch aus eigener Tasche bezahlen. Sehr reiche Leute behalten meistens ihre behinderten Familienmitglieder im Haus und beschäftigen einen Pfleger. Der kostete vor 5 Jahren noch ca. 500 Reais/Monat.
Es gibt auch viele Ausländer, die ihre behinderten Kinder in Brasilien leben lassen und das entsprechende Personal bezahlen. Ist immer noch billiger, als in Deutschland bezahlen zu müssen. Außerdem ist die Pflege rund um die Uhr gewährleistet.
In der Öffentlichkeit sind nur sehr selten Behinderte wegen diesen Gründen zu treffen. Wenn man welche sieht, dann meistens aus der Unterschicht krank, verletzt und verlaust in irgendwelchen dunklen Gassen. Die Öffentlichkeit ist auch darauf nicht eingestellt. In RJ kann man auch als gesunder junger Mann zum Krüppel werden, wenn man in einem Bus einsteigt. Zu empfehlen ist die Strecke Tijuca nach Barra über die Berge. Berg abwärts kennt der Busfahrer nur noch Gas, so daß alle Passagiere nur noch am schreien vor Angst sind.
Behinderte haben leider in der Öffentlichkeit kaum Möglichkeiten normal sich zu bewegen. Leider lappt das auch auf Teilbehinderte und Ältere über. Wenn ein 80jähriger nicht schnell genug über die Straße läuft, dann wird er überfahren, weil der Autofahrer auch nur Gas geben kann. Rücksicht wird in Brasilien ganz klein geschrieben.
Trotzdem habe ich festgestellt, daß die meisten Brasilianer sehr sozial und human eingestellt sind. Daran kann es nicht liegen, daß Behinderte nicht gemeinsam mit ihren Nichtbehinderten Bürgern leben können. Vielmehr sind es die Staatsträger, die die Behinderten am gemeinsamen Leben benachteiligen. Es hat sich bei den vielen Protektionisten und Korruptionisten noch nicht rumgesprochen, daß man nicht nur von Geburt an behindert sein kann, sondern auch es jederzeit jeden treffen kann. Dann würden diese Herren viel mehr für ein gemeinsames besseres Leben von Behinderten tun.