Bericht über PCC / Erstes Hauptstadtkommando

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Bericht über PCC / Erstes Hauptstadtkommando

Beitragvon brasilmen » Mi 8. Nov 2006, 06:37

Gefangen in der Barbarei
Organisierte Gefangene gewinnen in Brasilien inner- wie außerhalb der Knäste an Einfluss. An Nachwuchs herrscht kein Mangel

Von Thilo F. Papacek, São Paulo

Die unmenschlichen Bedingungen in Brasiliens Gefängnissen stärken das organisierte Verbrechen. Schärfere Repression treibt nur mehr Jugendliche in die Arme der Mafia. Am »Ersten Hauptstadtkommando PCC« kommt kaum ein Krimineller vorbei.

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»Die Politik in São Paulo hat das Monster ›Erstes Hauptstadtkom-mando‹ gezüchtet, mit dem sie nun nicht mehr zurecht kommt.« Marcelo Freixo von der Menschenrechtsorganisation Justiça Global lässt gegenüber dem Neuen Deutschland keinen Zweifel an Ursache und Wirkung der Gewalt- und Kriminalitätsspirale in Brasilien aufkommen.
Der Häftlingsmafia »Erstes Hauptstadtkommando« (PCC) gehört ein großer Teil der Kriminellen im Bundesstaat São Paulo an. Immer organisierter tritt die Gruppe in Erscheinung, per Mobiltelefon koordiniert sie Gefängnisrebellionen und Angriffe auf Polizeistationen. Im August entführte sie sogar einen Journalisten, den sie erst freiließ, nachdem eine Botschaft, in der sie bessere Haftbedingungen forderte, im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Erschreckt plädierten konservative Politiker für ein härteres Vorgehen gegen die Gruppe. Freixo hält dies jedoch für Unsinn. »Die Macht der Gefängnismafia liegt in den menschenunwürdigen Haftbedingungen in Brasilien«, sagt er.

Alltägliche Willkür der Polizei
Helio Costa (Name geändert) aus São Paulo weiß, wie die Situation in brasilianischen Gefängnissen ist. Schließlich hat er eineinhalb Jahre in einem verbracht. Im August 2003 wurde er als einziger gefasst, nachdem er mit Komplizen eine Lebensmittellieferung für einen Supermarkt geraubt hatte. Den Auftrag hatte ihm der Chef eines Konkurrenzunternehmens erteilt.
Schon bei der Verhaftung bekam er die Willkür der brasilianischen Militärpolizei zu spüren. Auf der Wache hängten die Polizisten ihn an eine Stange – das so genannte pau de arara, das Papageienholz – und schlugen ihm in die Rippen. Damit wollten sie ihn dazu bringen, die Namen des Auftraggebers und der Komplizen zu nennen. Die Polizisten versprachen sogar, die Untersuchungen fallen zu lassen, sollte der Auftraggeber die vereinbarte Bezahlung an sie statt an Helio zahlen. Für die unterbezahlte Militärpolizei sind solche Erpressungen ein ganz normaler Nebenerwerb.
Doch auf dieses Geschäft konnte sich Helio nicht einlassen. »In der Welt, in der ich damals lebte, gab es keine Kollaboration mit der Polizei. Sonst hätten mich die anderen abgeknallt«, erzählt er. Nur bei kleineren Raubüberfällen, die er alleine begangen hatte, konnte er sich auf solchen Handel einlassen.
Inzwischen ist Helio aus dieser Welt ausgestiegen, in der er seit seinem elften Lebensjahr gelebt hatte. Er hat nach seiner Gefängnisstrafe bei seinem Onkel das Malerhandwerk gelernt und sich inzwischen selbstständig gemacht. Allerdings tat er dies eher aus der Not heraus: »Wenn man vorbestraft ist wie ich, schlagen einem die Leute nur die Tür vor der Nase zu, wenn man sich um eine Stelle bewirbt«, erzählt er. Mit seinen über und über tätowierten Armen sieht er in der Tat wie ein schwerer Junge aus. Nach der Arbeit besucht der 24-Jährige die Abendschule, um wenigstens den Grundschulabschluss nachzuholen. Helio hat es geschafft, seine kriminelle Laufbahn abzubrechen. »Aber von 300 Gefangenen schaffen das vielleicht zehn«, meint er selbst.
Es gab eine Zeit, da dachte Helio auch, dass das Verbrechen seine Zukunft sei. Deshalb entschloss er sich, im Gefängnis dem »Ersten Haupstadtkommando« (PCC) beizutreten. Die Mafia kontrolliert inzwischen die Insassen fast aller Gefängnisse im Bundesstaat São Paulo. Will die Verwaltung einer Haftanstalt keinen Aufstand riskieren, muss sie den Mitgliedern des PCC gewisse Privilegien einräumen. Doch vor den Schlägen der Militärpolizei, die statt der normalen Wachen die Zellendurchsuchungen vollzieht, kann auch das PCC nicht schützen.
Helios Haftsituation besserte sich schlagartig, als er dem Verbrechersyndikat beitrat. »Ich hatte viel mehr Platz, als ich in den Gebäudeflügel des PCC kam. Außerdem kam ich ganz billig an Drogen«, sagt er. Gegen Drogen kann man im Gefängnis alles eintauschen, und an Dingen des täglichen Bedarfs fehlt es dort immer. »Ich habe gesehen, wie Leute wegen eines Stücks Seife umgebracht wurden«, erzählt Helio.
Doch bevor er in die Gruppe aufgenommen wurde, hatte Helio sich einer »Taufe« zu unterziehen, einer Art Aufnahmeprüfung. Er musste spießrutenlaufen, durch zwei Reihen, gebildet aus 300 Schwerverbrechern, die ihn boxten und traten. »Dadurch wollen sie rauskriegen, ob du wirklich Prügel einstecken kannst. Wenn du nämlich von der Polizei geschnappt wirst, darfst du auf keinen Fall Informationen rauslassen. Diesen Test habe ich bestanden, und dann war ich ein Cousin des PCC«, erzählt Helio und kann seinen Stolz, diese Prüfung absolviert zu haben, nicht verbergen.
»Cousins« werden die Mitglieder des PCC genannt, die noch keine wichtigen Aufgaben in der Organisation haben, aber bereits ihren Schutz genießen. Insbesondere im Gefängnis werden sie rekrutiert. Nach drei Jahren hätte Helio einer der »Brüder« werden können, die Aufträge zu erledigen haben. Diese bekommen sie von den »Piloten«, die den Kontakt zur Führungsriege des PCC halten.
Doch Helio erklomm diese »Karriereleiter« nicht. Das lag wohl auch daran, dass er sofort eine Funktion im Gefängnis erhielt. Helio wurde der pagodeiro. Bevor er ins Gefängnis kam, war Helio Sänger in einer Band, die pagodes – poppige Sambalieder – in kleinen Bars spielte. Im Gefängnis, wo jede Abwechselung willkommen ist, war er bald ein angesehener und geachteter Häftling. In jeder Haftanstalt Brasiliens findet sich jemand, der passabel singen kann und die anderen damit unterhält. Diese Sänger sind eine informelle Institution unter den brasilianischen Gefängnisinsassen.
Helio sang so gut, dass ihm sogar der »Pilot« seines Gefängnistrakts sagte, dass er das Verbrechen sein lassen solle. »Und im Gefängnis heißt es: ›Wenn der Pilot es gesagt hat, dann wird es so gemacht!‹ Ich hatte also gar keine Wahl, als ein anderes Leben anzufangen«, sagt Helio lachend. Normalerweise gibt es keine Möglichkeit, das PCC lebend zu verlassen.
Fernanda da Silva (Name geändert), Helios Lehrerin in der Abendschule, glaubt gerne, dass das PCC ihn ziehen ließ. »Helio ist schon etwas Besonderes. Er hat zwar nicht viel Schulbildung genossen, ist aber hochintelligent. Er hat eine ganze Menge Erfahrungen gesammelt und er kann sehr gut mit Menschen umgehen«, findet sie.
Jetzt singt Helio wieder mit seiner Band pagodes für ein Taschengeld in den Kneipen der armen Vorstädte São Paulos. Das ist neben dem Job und der Abendschule nicht leicht, doch er kriegt es doch immer wieder hin. Manchmal erkennt ihn sogar ein ehemaliger Mithäftling, erzählt er. Noch jetzt, nachdem er dem Verbrechen abgeschworen hat, verbindet ihn eine gewisse Dankbarkeit und Solidarität mit dem PCC. »Als ich im Gefängnis ankam, hatte ich nichts. Das PCC hat mich beschützt, hat mich unterstützt. Ansonsten wäre ich komplett auf mich allein gestellt gewesen«, sagt Helio.

Profitorientiertes Verbrechersyndikat
Mit der Unterstützung der Gefängnisinsassen gibt sich das PCC den Anstrich einer Widerstandsorganisation. Doch ist das Verbrechersyndikat streng hierarchisch organisiert. Inzwischen geht es mehr darum, finanziellen Gewinn zu machen. Die Organisation versucht immer stärker, in den Drogenhandel einzusteigen, wo sie bereits den direkten Verkauf an die Endverbraucher beherrscht.
In den Medien Brasiliens heißt es deshalb, das PCC bilde einen Staat im Staate. Der Menschenrechtsaktivist Marcelo Freixo hält dies für Unsinn. »Die Dealer in den Favelas sind die unterste Stufe im internationalen Drogenhandel. Auf sie konzentriert sich aber die Sicherheitspolitik«, meint er. Die großen Drogen- und Waffenschmuggler, die Geschäftsleute und korrupten Beamten, die die Geldwäsche organisieren, blieben dagegen von der Justiz unbehelligt.
Tatsächlich werde in Brasilien nur die Armut bestraft, nicht das Verbrechen, beklagt Freixo. In São Paulo leben derzeit etwa 100 000 Menschen in Gefängnissen. Vor zehn Jahren war dies noch die Anzahl der in ganz Brasilien inhaftierten Menschen. Auch kleinere Diebstähle werden mit Gefängnis-strafen geahndet. Für viele der – meist männlichen – Jugendlichen ist Kriminalität die einzige mögliche Überlebensstrategie in einer extrem ungleichen Gesellschaft. Doch statt von der sozialen Ungerechtigkeit in Brasilien zu reden, fordern konservative Politiker mehr Repression. Diese jedoch bringt nur mehr Menschen in die Gefängnisse. In den völlig überfüllten Haftanstalten, in denen Gewalt alltäglich ist, bleibt den Insassen kaum eine andere Möglichkeit, als sich dem PCC anzuschließen. Auch kleine Straftäter werden so zum schweren Verbrechen getrieben. Denn nur ganz wenige schaffen so wie Helio den Ausstieg aus dem kriminellen Milieu.

http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=99975&IDC=2
Gruss brasilmen Thomas
http://www.brasilmen.de
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