Von ein paar tausend Touristen, so wie es jetzt ist, kann Brasilien nie und nimmer leben.
In Spanien oder auf der Domrep, wo es weitaus weniger interessant ist, urlauben eben nicht ein paar Tausend sondern mehere zig Millionen.
In Spanien leben mehr als 3 Millionen Menschen direkt oder indirekt vom Tourismus.
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"Eine Frage der Solidarität"
Tourismusforscher Theo Eberhard über die Hilfe für die Flutopfer in Südasien, über Urlaubsreisen und Schnäppchen-Angebote
07.01.2005
Wirtschaft - Seite 09
Petra Wache
Herr Professor Eberhard, was empfinden Sie, wenn Sie Bilder feiernder oder entspannter Touristen an thailändischen Stränden sehen, obgleich noch nicht einmal alle Toten geborgen sind? Ist das moralisch verwerflich?
Wenn Touristen jetzt in Thailand Urlaub machen, ist es im Prinzip nicht verwerflich. Es kommt auf den Stil und den Umgang an, vor allem auf die Pietät gegenüber den Toten und dem Leid der Hinterbliebenen. Es ist aber auch eine Frage der Solidarität mit den Lebenden. Das ist erstens die große Spendenbereitschaft im Anblick der Not. Zweitens aber muss man wissen, die Menschen leben vom Tourismus - es ist ihre Lebensgrundlage. Auch insofern kann man Solidarität zeigen.
Sollten also Urlauber trotz der Flutkatastrope in die betroffenen Länder reisen?
Mittelfristig auf jeden Fall. Denn die Katastrophe ist nicht hausgemacht, sondern ein Unglück. Deswegen diese Länder zu meiden, wäre eine zusätzliche Bestrafung für die Menschen. Immerhin waren sie stets freundliche, dienstbereite Gastgeber - ob in Thailand, Indonesien oder an anderen Traumstränden. Außerdem gibt es in diesen Ländern Regionen, die nicht betroffen sind, weshalb ich keinen Grund sehe, dort nicht Urlaub zu machen.
Mit bis zu 75 Prozent Preisnachlass werden derzeit Reisen nach Südasien angeboten. Sind solche Katastrophen-Schnäppchen vertretbar?
Der Preis entsteht aus Angebot und Nachfrage, selbst wenn eine Katastrophe dem voraus gegangen ist. Wenn ein Unternehmer nun mit Preisnachlässen noch einige Gäste anlocken möchte, um wenigstens einen Teil seiner Kosten hereinzubekommen, ist es ökonomisch vertretbar.
Und moralisch?
Moralisch ist es dann vertretbar, wenn Anstand, Sitte, Pietät und Mitgefühl vorhanden sind.
Tragen die Reiseveranstalter Mitschuld, wenn Küstenzonen direkt am Wasser so bebaut werden?
Teils, teils. Der Tourist ist am liebsten am Strand und will am besten auch dort sein Hotel. Dieser Nachfrage folgend bauen nicht nur die Reiseveranstalter, sondern vor allem die Hoteliers vor Ort und ebenso die Anbieter von Bungalows diese in unmittelbarer Strandnähe. Dennoch stellt sich aus ökologischer Sicht schon die Frage des Verbrauchs natürlicher Ressourcen und ob Küstenregionen oder erdbebengefährdete Gebiete so dicht bebaut werden sollten. Es stellt sich aber auch die Frage, wie der Schutz vor Fluten oder Erdbeben verbessert werden muss.
Müssen sich Reiseveranstalter mehr um ökologische Belange der Urlaubsländer kümmern, beispielsweise in Katastrophenschutz oder Frühwarnsysteme mitinvestieren?
Um es ganz klar zu sagen, Katastrophenschutz und Frühwarnsysteme sind nicht Aufgabe der Reiseveranstalter. Das können sie gar nicht leisten. Zudem haben wir nur eine Hand voll großer Reiseveranstalter auf dieser Welt. Der allergrößte Teil des Tourismus findet in völlig kleinen Einheiten statt. Gerade auch in den jetzt geschädigten Ländern gibt es massenweise kleine Hoteliers, kleine Dienstleister. Den können sie diese Bürde nicht aufladen. Katastrophenschutz ist eine staatliche Vorsorgeaufgabe ersten Ranges.
Wollen Sie die Reiseveranstalter ganz aus der Pflicht nehmen?
Nein, natürlich nicht. Was große Reiseveranstalter sehr wohl können: Verträge mit Anbietern vor Ort schließen, die nachweislich umweltfreundlich wirtschaften. Das betrifft Hotels ebenso wie Tauchbasen.
Wie lange wird es dauern, bis die zerstörten touristischen Gebiete wieder aufgebaut sind?
Das kann ich von hier aus nicht beurteilen. Es wird von Land zu Land sehr unterschiedlich sein.
Tourismus hat nicht nur etwas mit guter Infrastruktur, sondern auch mit Psychologie zu tun. Wie lange hält sich in den Köpfen der Leute so ein Katastrophenbild?
Nicht so lange. Der Mensch hat ein relativ gesundes Empfinden dafür, dass das Leben an sich ein Risiko ist. Ich kann zwar vorsichtiger durch die Welt gehen und mein Quartier nicht unmittelbar in Strandnähe nehmen. Aber das Risiko ganz ausschließen, kann ich nicht. Wenn die Urlauber in die Anbieter Vertrauen haben, dauert es nicht lange, bis die betroffenen Regionen wieder einen nennenswerten Tourismus aufweisen. Vielleicht in einem Jahr, das hängt natürlich vom Zerstörungsgrad ab. Und vergessen Sie nicht das menschliche Potenzial - die Höflichkeit, der Service, die Qualität, die Art und Weise, wie einen die Menschen willkommen heißen - das ist nach wie vor da. Deswegen fahren die Leute ja so gern dahin, weil es der Seele so schmeichelt. Tourismus ist weit mehr als Strand, eine schöne Unterkunft und gute Erreichbarkeit.
Welche Stellenwert hat der Tourismus für die Volkswirtschaften der betroffenen Länder?
Das ist unterschiedlich.
Wenn sie die Volkswirtschaften insgesamt sehen, lebt Thailand beispielsweise zu etwa acht Prozent vom Tourismus - als Volkswirtschaft. Aber betrachten Sie kleine Wirtschaftsräume wie die Insel Phuket oder Küstenabschnitte auf Sri Lanka und den Malediven, dort leben die Leute zu hundert Prozent vom Tourismus. Die makroökonomische Sicht verschleiert etwas den Blick auf die Gegebenheiten in den Regionen. In Bangladesch sind allein in den 90er-Jahren weit mehr als 100 000 Menschen durch Flutkatastrophen umgekommen. Eine vergleichsweise riesige internationale Anteilnahme ist nicht erinnerlich. Hat das damit zu tun, dass in Bangladesch keine Touristen als Opfer zu beklagen waren?
Nicht unbedingt. Bangladesch eignet sich nicht - brutal gesagt - für einen politischen Hilfe-Showdown. Thailand ist da besser geeignet, viele kennen das Land, eigene Leute sind betroffen, da kann man viel besser Mitgefühl mobilisieren. Wenn die Augen der Öffentlichkeit starr auf einer Region ruhen, muss auch Bundeskanzler Schröder sowohl vor Ort als auch daheim politisch ein Zeichen setzen. Das ist völlig legitim. So funktioniert nun mal Politik.
Was wünschen Sie sich für die nächsten Wochen, wenn Sie an Südasien denken?
Ich hoffe sehr, dass die Hilfe, die in überwältigender Weise gegeben wird, ganz schnell bei den wirklich Bedürftigen ankommt.
Interview: Petra Wache
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Zur Person // Foto: Prof. Dr. Theo Eberhard (56) ist seit zwei Jahren Dekan des Fachbereiches Tourismus an der Fachhochschule München, der Volkswirt seit Anfang der 90er-Jahre angehört.
Mit mehr als 1 000 eingeschriebenen Studenten leitet Eberhard die größte touristische Hochschule im deutschsprachigen Raum.
Quelle: BZ,
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... index.html
Brasilien könnte es ohne weiteres schaffen, 10-15% des volkswirtschaftlichen Einkommens im Tourismus zu erwirtschaften. Richtig vermarktet, hätte diese Strategie dazu geführt, dass Varig, Transbrasil und VASP nicht hätten pleite gehen müssen. Schon Brasilien Luftverkehrsmarkt ist mikrig gemessen an den Möglichkeiten.