Bloß nicht wehren! Rio de Janeiro ist von ausufernder ......

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Bloß nicht wehren! Rio de Janeiro ist von ausufernder ......

Beitragvon jochen » Mo 8. Jan 2007, 14:37

Bloß nicht wehren!
Rio de Janeiro ist von ausufernder Kriminalität geplagt. Bewohner wie Touristen müssen bestimmte Überlebensregeln befolgen

Wolfgang Kunath

RIO DE JANEIRO. Die Rua Campo Belo ist so genannte bessere Wohnlage: eine stille Sackgasse, die sich in zwei, drei Kurven den Berg hinaufwindet. Bougainvillea-Zweige hängen über die Mauern der Grundstücke, von deren Toren die Überwachungskameras herabspähen. Ab und zu nutzt eine Horde Äffchen die Telefonleitung, um den Baum zu wechseln. Eine grüne, noch dazu zentrumsnahe Idylle in der Großstadt Rio de Janeiro.

Die Bewohner des Anwesens Campo Belo 150 passen nicht zur Nachbarschaft. "Willkommen, Besucher, aber vermeiden Sie abrupte Bewegungen", heißt es auf einem übermannshohen Schild, auf dem ein weißer, von einem Dolch durchbohrter Totenschädel und ein Paar gekreuzter Pistolen zu sehen sind. Wer seine Besucher so begrüßt, bei dem vermutet man keine schöngeistige Neigung. Dennoch zitiert der Anrainer Campo Belo 150 auf seiner Homepage den Dichter Victor Hugo: "Wer den Wolf schont, opfert das Schaf."

Das "Bataillon für besondere Operationen", abgekürzt Bope, das hier residiert, ist Rios härteste Polizeitruppe, geschaffen für den Einsatz in den Elendsvierteln. Brutalität gehört zum Selbstverständnis der Truppe, die ihr Hauptquartier in der Rua Campo Belo selber "Totenkopf-Palast" nennt. Das riesige Grundstück grenzt auf der anderen Seite an eine Favela, wie die Elendsviertel in Rio heißen. "Hier laufen keine krummen Dinger", sagt einer der Bewohner, "hier hat die Bope alles unter Kontrolle".

Das Problem ist nur: Rio de Janeiro hat 700 Favelas. Zum Beispiel den Complexo do Alemão, in dem 200 000 Menschen leben - eines der zahllosen Einsatzgebiete der harten Bope-Burschen, die nicht erst lange fragen, wer Wolf und wer Schaf ist. Rios Polizei ist berüchtigt dafür, besonders viele Unschuldige zu erschießen, meist junge Männer, die irgendwie nach Drogenhandel aussehen. Deshalb wird sie in den Favelas oft so feindselig wie eine Besatzungsarmee betrachtet.

Der Complexo do Alemão ist eine der härtesten Ecken von Rio. Hier wurde vor über vier Jahren der Journalist Tim Lopes auf Befehl eines Drogenbosses namens "Verrückter Elias" zu Tode gefoltert. Ein Fall, der riesiges Aufsehen erregte - anders als die zahllosen, nicht weniger gruseligen Morde an Namenlosen. Und derzeit eskaliert die Gewalt in Rio mal wieder. Seit dem 28. Dezember hat allein eine Attentatswelle der Drogenmafia 24 Menschen das Leben gekostet. Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva hat deshalb jetzt beschlossen, die Streitkräfte nach Rio zu schicken. Außerdem soll eine Anti-Drogen-Eliteeinheit in die Millionenstadt am Zuckerhut kommen.

Schuld an der extremen sozialen Zerrüttung ist, mehr als die Armut, die Verarmung. In wenigen anderen Städten der Welt kontrastieren Elend und Wohlstand so schroff wie in Rio, und das vor der betörenden Kulisse der schönsten Stadt der Welt. Junge Menschen, zumal mit dunkler Haut, haben heute weniger Chancen denn je, einen halbwegs gut bezahlten Arbeitsplatz zu ergattern. Zahllose Industriebetriebe haben in den letzten Jahrzehnten geschlossen. Wenn die Stadtreinigung von Rio Straßenfeger sucht, bewerben sich Hunderttausende.

Überbezahlte, korrupte Politiker

Das schnelle, große Geld der Drogen kontrastiert mit dem bescheidenen Einkommen derer, die sich ehrlich durchs Leben schlagen wollen. Der Mindestlohn liegt bei 125 Euro, aber längst nicht alle kriegen ihn. Und das Verhalten der politischen Klasse unterstreicht die Erfahrung, dass offenbar nur Trottel redlich sind. Brasiliens ohnehin recht üppig bezahlte Abgeordnete wollten sich vor Weihnachten die Bezüge um rund 90 Prozent erhöhen - am Ende eines Jahres, in dem hunderte von Mandatsträgern in Korruptionsfälle verwickelt waren.

Auf der einen Seite die Campo Belo, auf der anderen die Favela, dazwischen der repressive Staatsapparat: Der geografische Frontverlauf entspricht dem sozialen. Gegenüber den 25 Prozent der Bevölkerung von Rio, die in Favelas leben müssen, ist die Mittelschicht zwar objektiv privilegiert. Dennoch sieht sie sich als Opfer: Der Staat kassiert diejenigen mit halbwegs guten Jobs kräftig ab. Brasiliens Steuerquote gehört zu den höchsten weltweit. Er gibt aber praktisch nichts zurück. Straßen, Schulen, Krankenhäuser sind miserabel oder, wenn privat, teuer. Und dann schützt der Staat seine Bürger nicht mal gegen Verbrecher!

Dass die Kassiererin im Supermarkt im Monat weniger verdient als der Wert eines Wochenendeinkaufs, das kommt in diesen Aufrechnungen der Mittelklasse selten vor. Auch heute noch werden 300-Quadratmeter-Apartments gebaut, die im Küchenbereich zwei fensterlose Zellen im Format 1,60 auf zwei Meter haben: für die Dienstmädchen. Und bei allem Gejammer über die Macht der Mafia - es ist die Mittelklasse, die sich am Wochenende gern mal eine Nase Kokain gönnt.

Die ausländischen Touristen bekommen schon bei der Fahrt vom Flughafen ins Hotel einen winzigen Vorgeschmack auf die gesellschaftlichen Zerklüftungen. Wenn sie das Taxi besteigen, sind sie in Rio sicher, Betrug ist selten; an der Oberfläche funktioniert Brasilien. Aber die Route führt über Autobahnen mit Videoüberwachung und Polizeistreifen, die ihre Autos hinter schusssicheren Betonbarrieren verbergen - über die stinkende Bucht von Guanabara hinweg, deren Sanierung seit Jahrzehnten an Korruption scheitert, zwischen riesigen ziegelroten Favelas hindurch, von denen die örtliche Presse eine besonders heiße Ecke auf den Namen "Gaza-Streifen" getauft hat.

Dass bei Staus manchmal junge Männer mit Revolvern auf die Straße springen und Autos ausrauben, wissen die Ausländer nicht. Auch die Gefahren der leeren Stadtautobahn ahnen sie nicht: Nachts, wenn wenig Verkehr ist, stoppen Verbrecher mitunter die Autos der Ankömmlinge und rauben sie aus, so wie es vergangene Woche sechs deutschen und kroatischen Touristen ergangen ist. Wenn es passiert, haben sie hoffentlich die erste Überlebensregel schon verinnerlicht: Bloß nicht wehren - es ist unwahrscheinlich, dass die Pistole nur ein Spielzeug ist.

Rendezvous im Einkaufszentrum

Die Gefahr und die Angst haben die Grenzen zwischen Öffentlich und Privat radikal verschoben. Eine lebenshungrige Stadt, in der in den 60er-Jahren die Träume vom leichten, sinnlichen und genussvollen Leben verwirklicht schienen, verkriecht sich nun in die Enklaven privater Sicherheit. Einkaufszentren sind in Rio zu Orten gesellschaftlichen Lebens geworden: Autos mit getönten, geschlossenen Scheiben fahren in die Tiefgaragen der kommerziellen Hochsicherheitszonen, wo ihre Insassen Freunde treffen, Rendezvous haben, ins Kino gehen, in Buchhandlungen stöbern oder sich in Sportstudios stählen. Selbst in den bürgerlichen Vierteln der Südzone, für die viermal so viele Polizisten pro Einwohner zur Verfügung stehen wie in den bescheideneren Quartieren der Nordzone, ist das Flanieren aus der Mode gekommen.

Dass Rio vermutlich die Stadt mit dem höchsten Anteil an grauen Autos weltweit ist, bemerken Touristen vermutlich nicht. "Não chamar a atenção", lautet die zweite Überlebensregel: Bloß nicht auffallen! In Rio fahren selbst Millionäre Volkswagen. Und Spaßvögel behaupten, Rio sei schon deshalb die Welthauptstadt der Schönheitschirurgie, weil man, anders als teuren Schmuck, einen neuen Busen nicht klauen könne.
Berliner Zeitung, 08.01.2007
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... 18510.html
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Beitragvon Severino » Mo 8. Jan 2007, 15:18

Na endlich Mal ein Journalist, der weiss wovon er redet, bzw. schreibt....
paz e amor
Severino
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Beitragvon Bequimao » Mo 8. Jan 2007, 17:44

Dieser Artikel ist schon im Estado de São Paulo beachtet worden:
http://estadao.com.br/ultimas/cidades/noticias/2007/jan/08/99.htm
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Beitragvon timbelo » Di 9. Jan 2007, 04:22

Wolfgang Kunath ist wie ich (ursprünglich) Stuttgarter und schreibt für die Stuttgarter Zeitung, deshalb lese ich schon seit längerem immer wieder Artikel von ihm. Ich bewundere, wie er das ambivalente Leben in Brasilien in verhältnismässig kurzen Artikel auch für Laien anschaulich erklären kann, ohne dabei inhaltlich grosse Abstriche machen zu müssen!
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