Die Ölgesellschaft Petrobras soll Anlagen an das Volk von Bolivien „zurückgeben“.
Rio de Janeiro. Die Nachbarn Brasilien und Bolivien reden nicht mehr miteinander. Auslöser der Verstimmung ist eine Aussage von Boliviens Präsident Evo Morales anlässlich des Energie-Gipfels der Südamerikaner in Porlamar (Venezuela). Morales ließ seinen brasilianischen Kollegen Lula da Silva wissen, dass Petrobras als Entschädigung für die Verstaatlichung seiner Gasförderanlagen in Bolivien mit keinen nennenswerten Beträgen rechnen könne. Seither herrscht eisiges Schweigen zwischen BrasÃlia und La Paz.
Lula hatte Evo Morales unmissverständlich klargemacht, dass er weitere Provokationen des Linkspopulisten nicht hinnehmen werde. In BrasÃlia und Rio de Janeiro (dem Sitz der staatlichen Petrobras) arbeitet man fieberhaft an der Ausarbeitung eines „Plans B“, der Brasilien künftig unabhängig von den Gaslieferungen und Pressionen aus Bolivien machen soll.
Preise verdreifacht
Zum Valentinstag, dem Tag der Verliebten, der Herzen und der Liebesgaben, hatten sich Evo Morales und Luiz Inácio Lula da Silva im Pokern um den Erdgaspreis noch mit äußerster Kraftanstrengung auf einen Kompromiss geeinigt. Dabei hatte der Indio aus Bolivien im Vorfeld seines ersten Staatsbesuchs in Brasilien gefordert, dass der übermächtige Nachbar künftig dreimal so viel für das Erdgas bezahlen solle. Die brasilianischen Diplomaten hatten eine derartige Forderung hinter den Kulissen als „infantil“, bezeichnet – und es sah tatsächlich so aus, als ob der konfrontative Stil von Evo Morales jede Menge politisches Porzellan zerschlagen könnte.
Gas gegen Investitionen
Am 1. Mai des vergangenen Jahres hatte Morales die „Nationalisierung“ aller Bodenschätze Boliviens dekretiert und Soldaten zur Besetzung der Förderanlagen der brasilianischen stattlichen Petrobras vorgeschickt. Daraufhin hatte Petrobras – der weitaus wichtigste Förderer und Verarbeiter fossiler Brennstoffe in Bolivien – angekündigt, keine weiteren Investitionen mehr im Nachbarland zu tätigen. Die Eskalation ging weiter: Bolivien werde Petrobras auch keine entsprechenden Entschädigungen zahlen, was in Brasilia ganz offiziell „Unbehagen“ hervorrief.
1999 hatten Bolivien und Brasilien einen auf 20 Jahre laufenden Erdgas-Vertrag geschlossen. Petrobras finanzierte daraufhin den Bau einer Gasleitung von den Quellen in Ostbolivien bis nach São Paulo und bekam im Gegenzug Erdgas zu einem besonders niedrigen Preis. Allerdings mit regelmäßigen Preisangleichungen, die sich im Grunde nach dem Dollarkurs richteten. Das vergleichsweise günstige bolivianische Erdgas war ein Segen für die brasilianische Industrie – die eigenen Vorkommen (die etwa die Hälfte des Bedarfs abdecken) konnte man „schonen“.
Aber dann kam der Kokabauernführer Evo Morales ans Ruder, und alles änderte sich. Seine Politik des „Friss-Vogel-oder-Stirb“ löste in Brasilien (und Argentinien) nationalistische Reaktionen aus. Doch Staatspräsident Lula, selbst ein in Streiks und Tarifverhandlungen erfahrener Ex-Metaller, ließ sich nicht beeindrucken. Bolivien ist schließlich auf den Verkauf seiner fossilen Treibstoffe ebenso angewiesen wie Brasilien auf dessen Lieferung. Irgendwo in der Mitte müsste man sich doch treffen, so die Devise. Das gelang auch gerade noch – nämlich mit einer Vervierfachung der Gaspreise, die Brasilien akzeptierte.
Nun aber droht die Gasblase zu explodieren. Am 1. Mai hatte Morales wieder eine kleine Show inszeniert: Das „Volk“ soll die Petrobras-Anlagen „in Besitz nehmen“. Und die Brasilianer sollen mit Almosen in Höhe von rund 100 Mio. Dollar abgespeist werden. Sie haben mindestens den zehnfachen Wert davon in die Förderanlagen und die Gas-Pipeline gesteckt.
Chávez ist der lachende Dritte
Brasilien dürfte daraufhin wohl jede Nachbarschaftshilfe einfrieren und zusehen, dass es das Gas über den Seeweg von woanders bekommt. Der lachende Dritte, der diesen Konflikt eher schürt als besänftigt, ist Hugo Chávez in Venezuela, der den Brasilianern mit einer Gas-Pipeline winkt, die aber erst in einem Jahrzehnt – wenn überhaupt – fertiggestellt werden könnte. Aus dem Streit mit dem bis dahin gutmütigen Nachbarn Brasilien könnte Evo Morales kurzfristig innenpolitisches Kapital schlagen. Ökonomisch aber führt der Weg Boliviens wohl direkt in die Tiefe.
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