Brasilianische Arbeitswelt und Umgang im Job

Allgemeine Fragen & Tipps über alles, was dem Gringo in Brasilien passieren kann

Brasilianische Arbeitswelt und Umgang im Job

Beitragvon Petersilie » Mo 8. Mai 2006, 18:38

Ich habe ein interessantes Jobangebot und überlege, für 2 Jahre nach BR zu gehen. In eine klassische brasilianische Firma, chemische Industrie in Sao Paulo. Da ich dort ein grosses Projekt leiten soll, interessiere ich mich einfach mal für die Art und Weise, wie es im Job abläuft:

Ich hörte von 50h- Wochen als Normalzustand. Auch Wochenende, oder ist der Sonntag in einem katholischen Land nicht heilig?

Die Löhne sollen relativ niedrig sein. Arbeiten die Leute trotzdem motiviert? Sind die nicht sauer auf dt. Projektleiter, die das x-fache verdienen? Muss ich Angst vor Sabotage haben?

Ich bringe meinen Leuten in Dtld mindestens einmal die Woche einen Pott Haribo mit, das motiviert ungemein. Funktioniert das auch in BR, oder trete ich da in ein Fettnäpfchen (von wegen überheblich oder so)?

Welche Vorurteile gibt es uns Dt. gegenüber?

Und dann noch eine Frage auf den Ort bezogen:
Ich habe die Wahl, ob ich in Fabriknähe (Sao Paulo Randgebiet Richtung Meer) oder mit Auto direkt am Meer wohne. Was ist besser?

Vielen Dank,
Peter.
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Re: Brasilianische Arbeitswelt und Umgang im Job

Beitragvon Lemi » Mo 8. Mai 2006, 19:09

Petersilie hat geschrieben:Ich hörte von 50h- Wochen als Normalzustand. Auch Wochenende, oder ist der Sonntag in einem katholischen Land nicht heilig?


Erstmal Glückwünsch zu deinem Job! Nun zu deinen Fragen, die ich dir allesamt beantworten kann, da ich beruflich in einer ähnlichen Situation wie du bin.

Normal ist in Brasilien eine 40-Std.-Woche. Gerade wenn man projektgebunden arbeitet, kann man schnell mal auf mehr oder bei fehlenden Projekten auf weniger kommen. Falls du viel reisen musst bzw. auf Baustellen bist, ist die Tendenz eher zu mehr.

Jedoch habe ich den Eindruck, dass das Wochenende in Brasilien heiliger als in Deutschland ist.

Petersilie hat geschrieben:Die Löhne sollen relativ niedrig sein. Arbeiten die Leute trotzdem motiviert? Sind die nicht sauer auf dt. Projektleiter, die das x-fache verdienen? Muss ich Angst vor Sabotage haben?


Sabotage? Nein, denn Niedriglohnempfänger wissen, dass ihre Chefs ein Vielfaches von ihnen verdienen. Das gilt nicht nur für deutsche Chefs, sondern auch für Brasilianer. Du solltest natürlich nicht gerade mit deinen Sonderkonditionen herumprahlen. :wink:

Im allgemeinen haben deutsche Ingenieure noch einen sehr guten Ruf als Experten in Brasilien. Was dir helfen wird ist, wenn du so schnell wie möglich portugiesisch lernst und versuchst dich zu integrieren. Bloss nicht irgendeine deutsche Bierrunde aufsuchen ..................

Petersilie hat geschrieben:Ich bringe meinen Leuten in Dtld mindestens einmal die Woche einen Pott Haribo mit, das motiviert ungemein. Funktioniert das auch in BR, oder trete ich da in ein Fettnäpfchen (von wegen überheblich oder so)?


Das ist etwas ungewohnt in Brasilien, aber die Brasilianer mögen es trotzdem. Du trittst damit in kein Fettnäpfchen, widersprichst aber etwas dem sonst in Brasilien üblichen Verhältnis Chef/Mitarbeiter, welches unter Umständen noch seine Wurzeln aus der Sklavenhalterzeit durchscheinen lässt.

Petersilie hat geschrieben:Welche Vorurteile gibt es uns Dt. gegenüber?


Reich und deshalb bei den Brasilianerinnen begehrt zu sein.

Im Prinzip sind wir aber eine geliebte Rasse in Brasilien, schon weil wir dem Schönheitsideal der Brasilianer (weisshäutig, blond + blauäugig) entsprechen. Unsere Intelligenz (besser gesagt: Bildung) wird auch nicht unterschätzt.

Petersilie hat geschrieben:Und dann noch eine Frage auf den Ort bezogen:
Ich habe die Wahl, ob ich in Fabriknähe (Sao Paulo Randgebiet Richtung Meer) oder mit Auto direkt am Meer wohne. Was ist besser?


Beides ist im Prinzip ok.

Falls du Nähe SP bleibst, steht dir das gesamte kulturelle Angebot einer der grössten Städte der Welt zur Verfügung. Einkaufs- und Vergnügungsmöglichkeiten sind schier unendlich. Verkehrschaos inklusive.

Mit "direkt am Meer" meinst du sicherlich die "Baixada Santista", die ich persönlich sehr liebe. Von SP bis Santos sind es ca. 70km über eine superausgebaute Autobahn. Kleiner Mangel: es fallen täglich 15 R$ Mautgebühr an.

Santos ist eine tolle Stadt. Sie bietet eine sehr gute Lebensqualität und hat ein gutes Ausgeh- und Nachtleben. Die Altstadt ist nett, das Hafenviertel hat internationales Publikum und bietet vor allem Junggesellen kurzweilige Unterhaltung. Die Strände von Santos selber sind nicht so besonders. Da hat man aber recht gute Ausweichmöglichkeiten. Lediglich der Verkehr ist v.a. an den Wochenenden chaotisch. Auch zur Rush-Hour wird es ziemlich eng. Bevorzugter Wohnbezirk ist Gonzaga.
Man sieht sich,
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Beitragvon Petersilie » Di 9. Mai 2006, 08:18

Danke schon mal für die Antwort. Das klingt ja wirklich interessant.
Naja, bei den Frauen beliebt sein ... das wird meine Frau nicht so gern hören, die kommt nämlich mit (arbeitet dann auch in der Firma).

Apropo, wie ist das Arbeitsleben für Frauen in BR?
Werden die als Vorgesetzte respektiert, oder ist dort auch noch eher eine Machogesellschaft wie in Mexiko?

Ja, protugisisch werde ich auf jeden Fall lernen müssen, das gehört zu meinem Arbeitsvertrag. Soll aber eine wirklich schwere Sprache sein. Wie lange habt ihr gebraucht? Und lohnen sich Kurse in Dtld überhaupt?

Peter
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Beitragvon Manfredo » Di 9. Mai 2006, 10:09

Oi Petersilie,

wenn Du beruflich in Brasilien erfolgreich d.h. auch ein zufriedenes leben führern möchtest, ist es gut Dir so schnell wie möglich die brasilianischen Kulturstandards anzueignen.

Der Vorteil ist, dass Du Deine (unsere Europäischen/Deutschen) eigenen besser Reflektierst und somit flexibler auf (für uns) sehr verwirrende und fast unglaubliche Sitationen kulturgerecht (Brasiliengerecht) reagieren kannst.

Das beginnt beim richtigen Feedbackgeben für Deine Mitarbeiter, dem daraus richtigen Einschätzen dass Deine brasilianischen Kollegen die Sache nicht von der Person trennen, bis hin zu Einladungen zum Wochenende, welche jedoch (oft nicht immer) Höflichkeitsfloskeln (ganz wichtig!) sind.

Wenn Du bisher keinen Brasilienbezug hattest, nimm jede Gelegnheit war um Informationen zu sammeln. Weniger über das Land Brasilien, alls vielmehr über das Verhalten von Brasilianern und deren Umgang mit diversen Alltagssituationen. Das ist erstmal das wichtigste für Dich. BiP, Politik, etc. lernst Du vor Ort. Konzentriere Dich bei Deiner Informationssammlung nur auf das was Beruflich in Brasilien für Dich wichtig ist, sonst verlierst Du Zeit und wirst erschlagen von der Fülle der Info über das Land und das Leben dort.

Nimm Dir Zeit und schreibe Dir auf welche Probleme Du mit Mitarbeitern oder Kunden hier in Deutschland täglich zu bewältigen hast. Versuche die Situationen detailiert zu beschreiben. Dann formuliere Deine (erprobte) Lösungsstrategie. Und jetzt versuche mit Brasilianern in Kontakt zu kommen und frag sie nach deren Meinung zu Deiner Lösungsstrategie, die in DLand meist erfolgreich angewandt wurde von Dir. Und jetzt wirst Du staunen :idea: und beginnst zu verstehen was ich mit Kulturstandards meine :lol: .

Das ist ein rießen Thema, das Du hier ansprichst.

Selbst Deutsche die schon lange in Brasilien leben und arbeiten und einen immens großen Erfahrungsreichtum angesammelt haben, sich an viele "Eigenarten" gewöhnt haben und auch wissen wie sie damit umzugehen haben, werden Schwierigkeiten haben, das zu Erklären was sie tagtäglich erfahren und erleben.

- Sprache lernen bei Profis, erkundige Dich, persönlich, an dem für Dich zunächst erreichbaren Brasilianischen Konsulat, meist sind die Mitarbeiter sehr nett, oftmals liegt Prospektmaterial aus. Google och mal nach "Institut für Brasilienkunde", ich hab momentan die Adresse nicht. Wenn Du keine Möglichkeit zur Teilnahme an Kursen hast, kann ich Dir das Autodidaktische PC-Programm "Rosetta Stone" empfehlen. Wenn Du konsequent und motiviert lernst, kannst Du Sprache in ca. 2 Jahren. Perfekt wirst Du sie nie sprechen, macht auch nichts. Wer Dich verstehen will, versteht Dich. Selbst Brasilianer haben Probleme mit ihrer Grammatik :D .

- besoge Dir Literatur über Brasilien welche die Menschen beschreibt. Gute Sozialwissenschaftliche gibt es auch beim Institut für Brasilienkunde.
z.B.auch: Titel: Beruflich in Brasilien, Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte, Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, ISBN 3-525-49059-3, http://www.v-r.de.

- es gibt Trainingsprogramme für Entsandte nach Brasilien. Na ja, kann ich da nur sagen. Jedoch für Dich ist es wichtig. Die Autoren des oben genannten Buches sind außerordentlich kompetent und können Dir hier weiterhelfen.

In höherqualifizierten Berufen haben Frauen die gleichen Möglichkeiten wie Männner und werden auch respektiert, wenn sie sich entsprechend verhalten. Das muß auch Deine Frau erst lernen (sofern sie keine Brasilianerinn ist) wie das geht.

Wenn Ihr noch nie in Brasilien wart, empfehle ich Euch eine kleine Urlaubsreise um schon mal die Luft geschnuppert zu haben.

Ach ja, Lemi hat (wie meistens :D ) recht. Meide Deutsche Stammtische in Brasilien weiträumig. Die Teilnehmer sind nie ihrem Kulturschock entflohen und leben klein DLand in Brasilien. Sie machen den gleichen Fehler wie viele Brasilianer(innen) in DLand und passen sich nicht an.

Ich wünsche Euch viel Spaß und gute Erfahrungen bei Eurer Reise, dem "Einarbeiten" auf Brasilien und dem Leben dort.

Und wenn ihr wieder zurück seid, habt ihr Euch verändert und wisst auch, hoffentlich, mit dem Begriff "Saudade" etwas anzufangen :D .

Grüße
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