Parreira will offensiven Lucio
Sie sind des Redens müde. Bis zum Überdruss jeden Tag die gleichen Fragen beantworten nach Ronaldos Hüftspeck, nach Ronaldos Blasen, nach Ronaldos Discobesuchen. Die Weltstars der "selecao" sehen die Grenzen der Belastbarkeit dicht vor sich. Und wollen deshalb die Interview-Termine einschränken. Sie fürchten um die Konzentration, die sie benötigen auf dem Weg zur Titelverteidigung, die überschäumende Euphorie geht ihnen auf den Geist.
Soll seine Rolle offensiv interpretieren: Brasiliens Abwehrspieler Lucio.Trainer Carlos Alberto Parreira dämpft: "Wir wissen, was wir können. Aber wir sehen uns nicht als Favorit." Diesen Ball spielt er gerne weiter Richtung Argentinien: "Die sind in einer komfortablen Situation. Niemand spricht über sie."
Genauso wenig spricht man über die wirklichen Probleme der Brasilianer. "Parreira muss die Balance finden zwischen Defensive und Offensive", fordert Paulo Roberto Falcao, ehemaliger Nationalspieler- und -trainer, heute Kritiker des allmächtigen Senders "TV Globo". "Das ist seine wichtigste Aufgabe."
Auch so eine Sache, über die Parreira nicht gerne spricht. Fest gemacht wird sie meist an Lucio. Der Star von Bayern genießt in Brasilien nicht den besten Ruf, die vielen Kritiker bemängeln seinen Offensivgeist: "Blödsinn", sagt der Coach, "wir haben noch kein Tor kassiert, wenn er nach vorne gegangen ist. Er muss es machen, wenn die Situation es zulässt." Um Lucios Urgewalt die richtigen Bedingungen zu schaffen, verlangt Parreira von dessen Kollegen taktische Disziplin. In erster Linie von Emerson, aber auch die Außenverteidiger Cafu (feierte am Mittwoch seinen 36. Geburtstag) und Roberto Carlos sind gefordert, einzurücken, wenn Lucio stürmt. Der Münchner hört dies gerne: "Natürlich ist meine wichtigste Aufgabe die Defensive. Aber wenn die Situation es erlaubt, dann werde ich die Möglichkeit nutzen."
Seine Möglichkeiten nutzen will auch Ronaldinho. Der langhaarige "Weltfußballer" steht für all den Hype, der um seine Mannschaft gemacht wird. Zwar verloren sich während der ersten Trainingseinheiten des Weltmeisters nur ein paar Dutzend Schüler an der hermetisch abgeriegelten Sportanlage "Altkönigblick", doch die kreischten immer genau dann, wenn "ER" in Aktion trat. Jeder Eckball, jeder Freistoß geriet zum Ereignis, Nebensache, dass er die meisten der ruhenden Bälle versemmelte.
Die Erwartungshaltung, die Ronaldinho trifft, ist hoch. Angeheizt zusätzlich durch Aussagen wie die von Cafu ("Es ist nicht übertrieben, ihn mit Pelé zu vergleichen!"). Gut, dass der Junge über ein gewisses Phlegma verfügt: "Mir ist der Druck egal. Ich werde auch bei Barca immer gejagt." Erfolglos, er holte die Champions League mit seinem Klub. Folgt nun die Titelverteidigung mit Brasilien? Parreira vertraut auf ihn: "Seit der letzten WM ist er gereift. Als Mensch, als Fußballer. Das wird sich bei seinen Auftritten widerspiegeln."
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