Gütesiegel rückt für das Schwellenland in greifbare Nähe
In den letzten Wochen haben Kredit- Rating-Agenturen Brasiliens Staatsanleihen höher gestuft. Für das Land, das noch 2002 vor dem Bankrott gestanden hatte, ist das Gütesiegel «Investment Grade» in greifbare Nähe gerückt. Ein Einbruch an den internationalen Finanz- oder Exportmärkten könnte Brasilien allerdings vorher noch stolpern lassen.
C. H. Rio de Janeiro, 23. Mai
Die Kredit-Rating-Agenturen haben dem Schuldner Brasilien in den letzten Wochen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Standard & Poor's etwa stufte Brasiliens Auslandsschulden auf BB+ hoch. Fitch hatte zuvor einen ähnlichen Schritt vorgenommen. Damit ist Brasilien nur noch einen Schritt vom begehrten Gütesiegel «Investment Grade» entfernt. Länder wie Chile, Mexiko, Indien, China oder Russland haben diese Auszeichnung längst für sich gewinnen können. Brasilien ist unter den Schwellenländern weltweit einer der grössten Schuldner. Die staatlichen Inlandschulden betrugen Ende März 1143 Mrd. Rl. (rund 603 Mrd. $), und die Auslandsschulden lagen bei 136 Mrd. Rl. (rund 72 Mrd. $). Das ergibt eine öffentliche Brutto-Gesamtverschuldung von rund 65% des Bruttoinlandproduktes (BIP).
Gütesiegel sichert die Bond-Nachfrage
Für Brasilien würde das Gütesiegel handfeste Vorteile mit sich bringen. Da das Siegel der Ausdruck dafür ist, dass das Risiko der Bonds geringer ist als bis anhin, würden auch die zu zahlenden Zinsen sinken. Das «Investment Grade» erlaubt es zudem auch grossen institutionellen Anlegern wie etwa Versicherungen oder Pensionsfonds, in brasilianische Staatspapiere einzusteigen; damit würde die Anlegerschaft verbreitert und die Schuldendienst wohl nochmals gesenkt. Nicht zu unterschätzen ist neben diesen monetären Vorteilen des Gütesiegels auch der psychologische Gewinn für ein Schwellenland wie Brasilien, das aufgrund seiner krisengeschüttelten Historie und seines den Industrieländern hinterherhinkenden Entwicklungsgrads immer auch mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hat.
Noch vor etwa fünf Jahren hätten Experten Brasiliens Entfernung vom Gütesiegel wohl mit der Masseinheit Lichtjahre gemessen. Damals war das Land im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen an den Rand des Staatsbankrotts gerutscht; der ehemalige linksradikale Gewerkschaftsführer Lula da Silva hatte sich in den Umfragen ganz vorn placieren können und Panik unter den Anlegern ausgelöst. Nur aufgrund eines milliardenschweren Kredites des Internationalen Währungsfonds gewannen die Anleger das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit - und -willigkeit - des Landes wieder. Als beinahe katastrophal für das Land hatte sich damals nicht nur die Grösse des Schuldenberges (vor allem Inlandschulden), sondern vor allem dessen Zusammensetzung erwiesen: Ein grosser Teil war von der Entwicklung des Dollars und der Zinsen abhängig. Als dann das Vertrauen in das Land schwand, liessen der damit einhergehende Werteverlust der Landeswährung und die in die Höhe schiessenden Zinsen Schuldenberg und Schuldendienst unkontrolliert gen Himmel wachsen.
Diesen Transmissionsriemen von externen Faktoren wie Währungsentwicklungen auf die Verschuldung hat Brasilien nahezu aus dem System ausbauen können. So lobt S&P in seinem Bericht als Stärke Brasiliens, dass die öffentliche Verschuldung mittlerweile derart strukturiert ist, dass Zins- und Währungsentwicklungen nicht den Schuldenberg zum Anwachsen oder Schwanken bringen können. Den Inlandschulden hat S&P denn auch letztens bereits den «Investment Grade» verliehen; ausschlaggebend ist allerdings das Rating der Auslandschulden. Einen weiteren Grund für die erfolgte Höherstufung macht die Rating-Agentur in dem stimmigen makroökonomischen Rahmen inklusive der Geldpolitik und des frei floatenden Wechselkurses fest. Des weiteren sehen die Analytiker u. a. in dem konstruktiven Übergang von der Vorgängerregierung zu Lulas Regierung in 2002 und 2003 ein Zeichen für historisch einmalige politische Stabilität.
Mehr Glück als Verstand?
Fitch hingegen geht in der Liste der Stärken vor allem auf die Verbesserung der Zahlungsbilanz ein. Dank boomenden Exporten und starken Zuflüssen von ausländischem Kapital in brasilianische Staatspapiere fliessen reichlich Dollars ins Land und lassen damit allfällige in Dollar denominierte Schuldendienstzahlungen leicht bewerkstelligen. Zweitens weist Fitch darauf hin, dass Brasilien dem Ausland gegenüber längst zu einem Netto-Gläubiger geworden ist: So übersteigen Devisenreserven der Zentralbank bereits die staatlichen Netto-Auslands-Schulden.
In beiden Berichten der Rating-Agenturen und auch in Kommentaren von Experten scheint durch, dass Brasilien die soeben erfolgte Höherstufung eigentlich eher in den Schoss gefallen ist, als dass sie auf grossen Anstrengungen beruhte. Sicherlich ist die stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik der Regierung lobenswert, bemerkenswert allerdings ist diese Leistung mittlerweile nicht mehr; schliesslich befindet sich Präsident Lula schon in seiner zweiten Amtszeit und dürfte in dem Buch der Wirtschaftslektionen schon über das erste Kapitel hinausgekommen sein. Vielmehr hat der kräftige Wind von den Export- und Finanzmärkten das Land nach vorne gebracht und deutlich dazu beigetragen, die Verschuldungssituation zu entspannen. Und schliesslich brachte auch noch die Neuberechnung des BIP durch das staatliche Statistikamt eine sehr viel höhere Wirtschaftsleistung hervor als bisher angenommen und liess damit wichtige, anteilig am BIP gemessene Verschuldungsindikatoren sinken.
Da sich die Regierung Lula bisher nicht auf Reformen hat festlegen wollen, wie etwa eine langfristig unerlässliche, den Haushalt stark entlastende Pensionsreform, ist Brasiliens Status als Schuldner und das Erreichen des «Investment Grade» weiterhin stark abhängig von externen Entwicklungen. Bleiben die Bedingungen auf den Export-Märkten und den internationalen Finanzmärkten weiterhin so positiv, könnte Brasilien das Gütesiegel auch ohne die Durchführung von Reformen erreichen. Experten rechnen mit einer Höherstufung per Ende 2008.
Aber was passiert, wenn der Export-Boom abflacht und den ausländischen oder auch inländischen Anlegern der Appetit auf Risiko vergeht? Bei der derzeitigen Schönwetterlage ist das kaum vorstellbar. Für ein solches Negativ-Szenario ist Brasilien heute sehr viel besser gerüstet als noch vor ein paar Jahren. Ein «Default» ist schwer vorstellbar. Aber in einem solchen Szenario würde der «Investment Grade», den die Regierung schon heute auf sicher zu haben glaubt, wieder in weite Ferne rücken.
http://www.nzz.ch/2007/05/24/bm/articleF7HYP.html