Millionen Brasilianer sind unzureichend ernährt. Doch an Lebensmitteln fehlt es nicht, ja sie werden gar in Unmengen weggeworfen.
Carl D. Goerdeler/Rio
Die Zuschauer waren schockiert, als in der populären brasilianischen Fernsehsendung «Fantastico» vor kurzem behauptet wurde, dass in dem südamerikanischen Land 40 Prozent der Lebensmittel auf den Abfallhalden landen – und nicht bei den Bedürftigen. Dazu wurde gezeigt, wie mit Kartoffeln voll beladene Lastwagen im Bundesstaat Parana an den Favelas, den Armensiedlungen, vorbeirasen und ihre Ladung in Gruben kippen.
Zur Stützung der Preise
«Unsere Einnahmen decken heute nicht einmal 30 Prozent der Produktionskosten», klagte der Bauer René Bandeira vor der Fernsehkamera. Deshalb sei es billiger, die Kartoffel-Rekordernte zu vernichten – um den Preis zu stabilisieren.
Gegen solche Vernichtungsaktionen in einem Land, in dem Millionen Bürger zwar nicht unter-, aber unzureichend ernährt sind, protestierte die Bevölkerung in Parana. Andere erinnerten sich an die 30er-Jahre, als in Brasilien Millionen Tonnen Kaffee vernichtet wurden – auf staatliche Verordnung hin und ebenfalls um die Preise zu stützen.
Schlecht gelagert und verteilt
Das Agrarland Brasilien produziert (und exportiert) zwar mehr als genug Lebensmittel – aber der Umgang mit den einzelnen Gütern lässt stark zu wünschen übrig: Es wird zu viel weggeworfen, zu schlecht gelagert und miserabel verteilt. Nach Statistiken der Welternährungsorganisation FAO in Rom werden in Brasilien jährlich 26 Millionen Tonnen Lebensmittel vergeudet – damit könnten 35 Millionen Menschen ernährt werden. 1,2 Milliarden Tonnen Fracht mit landwirtschaftlichen Produkten verrotten auf den Strassen, weil die Transportmöglichkeiten schlecht sind.
Export funktioniert
Das ist das Janus-Gesicht des grössten lateinamerikanischen Landes: Brasilien exportiert Rekordernten an Kaffee, Soja und Rindfleisch, jeder zweite Orangensaft in Deutschland kommt aus Brasilien. Die Agro-Industrie ist das Zugpferd der Wirtschaft. Im eigenen Land aber erhalten viele Brasilianer diese Lebensmittel nicht.
«Wir sind ein reiches Land mit armen Leuten», sagt Luciana Quintao; sie leitet seit sieben Jahren in São Paulo eine Bürgerinitiative, die pro Monat mehr als 30 Tonnen Lebensmittel an etwa 18 000 Haushalte verteilt.
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