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Brasiliens Schwachpunkt ist der Torwart
Dida, das Sicherheitsrisiko
Brasilien ist der haushohe Favorit dieser WM. Darin sind sich die meisten Trainer, Spieler, Fans und Journalisten einig. Die offensive Schlagkraft eines Ronaldo, eines Adriano, eines Kaka oder eines Ronaldinho sucht in dieser Konzentration weltweit ihresgleichen.
Doch jede Mannschaft, auch die stärkste, hat einen Schwachpunkt. So wie Achill, der tapferste Krieger im Kampf um Troja, eine verwundbare Ferse besaß. Brasiliens Achillesferse ist, zumindest nach den Eindrücken der vergangenen Monate, Torwart Dida (32).
Beim AC Mailand durchlebte Dida in der abgelaufenen Saison seine mit Abstand schlechteste Phase seit 2002. Konzentrationsmängel, falsches Timing beim Herauslaufen und Fangschwächen selbst bei vergleichsweise harmlosen Bällen führten zu Punktverlusten der Rossoneri. Dennoch hielten die Trainer zu ihrer Nummer1 - sowohl Carlo Ancelotti in Mailand als auch Carlos Alberto Parreira in der Selecao. Der brasilianische Nationalcoach hält ohnehin gerne an seinen Stammkräften fest. "Ich beurteile die Spieler vor allem nach ihren Leistungen in der Nationalelf." Dort hatte sich Dida in der Tat bislang nichts Gravierendes zu Schulden kommen lassen. Und "wegen ein oder zwei Fehlern werde ich Dida nicht aus dem Tor nehmen", stellt Parreira klar.
Doch auch er kann nicht ignorieren, dass sein Schlussmann keine Souveränität und Sicherheit ausstrahlt. Was wiederum unmittelbaren Einfluss auf das Abwehrverhalten von Didas Vorderleuten hat. Die Feldspieler nehmen den Keeper trotz allem in Schutz. "Es stimmt schon, dass Dida in einigen Spielen Fehler gemacht hat. Aber das passiert jedem Torwart. Außerdem sehen die Leute oft nur die Gegentore und nicht die vielen guten Aktionen, in denen er Treffer verhindert", verteidigt Kaka seinen Teamkollegen, mit dem er beim AC Mailand täglich arbeitet. Verständlich, dass der in der Nationalmannschaft beliebte schwarze Hüne nicht öffentlich kritisiert wird. Ein Sicherheitsrisiko ist er in seiner gegenwärtigen Form allemal.
Dass Dida dennoch im Tor bleibt, hat auch mit den Alternativen zu tun. Nummer Zwei ist Rogerio Ceni (33). Der Mann vom FC Sao Paulo sorgt mit seinen Elfmeter- und Freistoßtoren für Spektakel und wurde von den Medien protegiert. Tatsächlich ist er auf der Linie stark und dank seiner Ballsicherheit auch gut in der Spieleröffnung. Aber die Strafraumbeherrschung ist mangelhaft. Die Nummer3, Julio Cesar (26), ist zu unkonstant und dem Druck einer WM-Endrunde wohl noch nicht gewachsen. Der mutmaßlich beste brasilianische Torwart Marcos (32) - die Entdeckung der WM 2002 - war in den vergangenen Jahren zu häufig verletzt und verpasste mangels Spielpraxis den Sprung in den WM-Kader.
Folglich ist der Konkurrenzdruck bei Dida nicht besonders groß. Keine neue Situation. Brasiliens Torhüter hatten nie den besten Ruf und in den Weltmeisterteams fielen sie kaum besonders positiv auf. Denn der Stellenwert des Torwarts ist in Brasilien niedriger als in anderen, vor allem europäischen, Nationen. Beim Straßen- und Jugendfußball will in der Regel niemand freiwillig ins Tor und wenn, dann nur der Untalentierteste. Das ist in vielen Ländern nur wenig anders, doch existiert zum Beispiel in Deutschland eine tradierte Verehrung von Torwartidolen, die es zumindest einigermaßen interessierten Nachwuchsleuten erleichtert, sich mit dieser Position anzufreunden und Anerkennung zu gewinnen. So konnte man sich hierzulande an allseits beliebten WM-Helden wie Toni Turek oder Sepp Maier orientieren, oder später auch an Toni Schumacher oder Oliver Kahn, die zwar in ihrem Auftreten polarisierten, sportlich aber internationale Spitzenklasse repräsentierten.
Solche Vorbilder fehlen in Brasilien völlig. Idole sind hier in der vergleichbaren zeitlichen Epoche Offensivspieler wie Garrincha oder Pelé, später Zico oder Socrates und aktuell Ronaldo oder Ronaldinho. Partien werden mittels ihrer Genialität gewonnen - nicht dank aufmerksamer Torhüter. Ganz anders bei Niederlagen. Hinzu kommt, dass das schwerste brasilianische Fußballtrauma mit einer unglücklichen Torwartaktion verbunden ist. Im entscheidenden Spiel der WM 1950 ließ Moacir Barbosa einen haltbaren Schuss von Alcides Ghiggia zum 1:2 passieren und Uruguay wurde Weltmeister. Brasilien verpasste ausgerechnet im eigenen Land den Titel. Die Torwartposition war damit dauerhaft diskreditiert.
Erst in den 90er Jahren hat sich daran etwas geändert. Mit Claudio Taffarel besaß die Selecao endlich einen stabilen, wenn auch nicht überragenden Schlussmann, der sich sogar bei europäischen Topklubs (Parma, Galatasaray) etablieren konnte. Inzwischen spielen mehr brasilianische Torhüter in Europa als je zuvor. "In den Vereinen und im Nationalteam trainieren die Torhüter länger und intensiver als die Feldspieler. Der Schwerpunkt liegt auf Fitnesss und Beweglichkeit", erklärt Wendell Ramalho, Torwarttrainer der Selecao, den positiven Trend. Tatsächlich ist Dida bereits ein Produkt dieser verbesserten Ausbildung. Er hat auch in den Spielzeiten 2002/03 und 2003/04 bei Milan bewiesen, dass er zu den besten seines Faches gehört. Nur eben nicht in den letzten Monaten. Und diese Formkrise lässt sich nicht wegdiskutieren. Selbst in den Testspielen gegen harmlose Kontrahenten wie Neuseeland wirkte Dida in den wenigen Momenten, die sein Eingreifen erforderten, seltsam indisponiert.
Seit dem Pechvogel Moacir hat übrigens nie wieder ein dunkelhäutiger Torhüter während einer WM-Endrunde als Stammkraft zwischen den Pfosten der Brasilianer gestanden. Dida ist nach 56 Jahren der erste und sich der besonderen Bedeutung dieser Tatsache durchaus bewusst: "Ich bin sehr froh, dass ich dieses Tabu brechen kann. Das bedeutet für mich einen zusätzlichen Ansporn. Es ist ziemlich ungerecht gewesen, ihn allein für diese Katastrophe verantwortlich zu machen." Der 32-jährige Routinier weiß andererseits genau, dass ihm bei einem vergleichbar folgenreichen Patzer ein ähnliches Schicksal droht.
M.Münchrath /F. Kohl
kickker.de
Gruss brasilmen Thomas
http://www.brasilmen.de
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