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 Betreff des Beitrags: Brasiliens WM-Aus: Blues statt Samba
BeitragVerfasst: 02 Jul 2006 11:48 
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Brasiliens WM-Aus: Blues statt Samba

Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

Sie hatten ihre Mannschaft für praktisch unbesiegbar und den Gewinn des sechsten WM-Titels für eine Formsache gehalten. Jetzt mussten Brasiliens Fußballfans erleben, wie die Seleção schon im Viertelfinale scheiterte - aber sie tragen die Niederlage mit Fassung.

Der Samstag hatte eigentlich gut angefangen für José Pereira, den Besitzer der "Garota da Urca", einer Traditionskneipe von Rio. Morgens hatte er ein rotes Hemd angezogen, aus Solidarität mit seinem Geburtsland Portugal. Nach dem hart erkämpften Triumph der Portugiesen streifte er sich in Hoffnung auf einen zweiten Sieg ein gelbes Hemd über, schließlich fühlt er sich auch als Brasilianer.

Senhor José hat ein Bäuchlein, trägt mit Vorliebe spießige karierte Hemden mit kurzen Ärmeln und wacht misstrauisch über die Kasse, diese Attribute weisen ihn als typischen "Portugues" aus, wie die meisten Kneipenwirte, Bäcker und Krämer in Rio. Aber sein Herz schlägt für die Seleção. Wenn Ronaldo und Co. spielen, brummt seine Kneipe. Das Chopp, wie das Fassbier genannt wird, fließt in Strömen.

Rund 50 lärmende Fans hatten sich zum Viertelfinale in der "Garota da Urca" eingefunden. Sie dudelten die Nationalhymne von ihren Handys, trommelten Sambarhythmen auf die Tische, bliesen in ihre ohrenbetäubenden Tröten, schrieen und grölten jedes Mal, wenn die Brasilianer den Ball vor sich her trieben. Doch diese Momente waren rar, und in die Jubelhymnen mischten sich bald saftige Flüche und Schreie des Entsetzens.

Frankreich ist Brasiliens Angstgegner, seit dem blamablen Finale von 1998 ist jeder Einsatz gegen die "Blauen" mit traumatischen Erinnerungen verbunden. "Wir schicken Zidane in Rente", hatte die Tagezeitung "O Dia" am Spieltag noch getönt. Doch wer etwas von Fußball versteht - und das tun die meisten der 186 Millionen Brasilianer - ahnte, dass die Partie schwierig werden würde. Zum ersten Mal wurde die Seleção wirklich gefordert; die Siege über Australien, Japan, Kroatien und Ghana waren kein wirklicher Maßstab für den Titelverteidiger. Und schon nach wenigen Minuten war klar, dass in Frankfurt alles schief lief.

Keine Schuldzuweisungen an den Schiedsrichter

Zur Halbzeit waren die Fans in der "Garota da Urca" verstummt, bei den Kommentatoren von TV Globo verfinsterten sich die Mienen. Als das Tor fiel, hielt das Land den Atem an. Es war der Moment, als die Seleção entzaubert wurde, als die ganzen hochbezahlten Superstars auf fußballerisches Normalmaß zusammenschrumpften. "Robinho, Robinho", forderte der Fanchor, doch als Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira den flinken Dribbler endlich einsetzte, war es zu spät.

Während der letzten 15 Minuten brach in Senhor Josés Kneipe die Hölle los, jeden Ballkontakt befeierten die Fans mit beschwörenden Zurufen, sie verfluchten Parreira und seine Defensiv-Taktik, sie beschimpften Ronaldinho Gaucho, den spektakulärsten Flop dieser WM; sie applaudierten, als Parreira den in Minuten um Jahre gealterten Cafu endlich aus dem Spiel nahm, doch sie nahmen die Niederlage schließlich mannhaft hin.

"Die Franzosen haben besser gespielt", befand Senhor José, und niemand widersprach. Es fiel kein böses Wort über den Schiedsrichter, es gab keine melodramatischen Weinkrämpfe wie am Tag zuvor in Argentinien. Globo nahm rasch alle optimistischen TV-Werbespots aus dem Programm und schaltete auf "normale" Werbung um.

Hoffen auf die Portugiesen


Einige frustrierte Jugendliche warfen eine Mülltonne auf die Straße vor Senhor Josés Kneipe, doch von einer nationalen Tragödie war nichts zu spüren. Zehn Minuten nach Spielende dröhnte wieder der Klang von Sambatrommeln über die Guanabara-Bucht herüber. Der Zuckerhut, der aus Anlass der WM in den Nationalfarben angestrahlt wird, leuchtet weiterhin wie ein gigantischer gelbgrüner Hinkelstein in die Nacht.

Im Flamengo-Park, wo jede Nacht bei Flutlicht die Nachwuchskicker aus den Vororten gegeneinander antreten, herrschte eine Stunde nach dem Desaster von Frankfurt schon wieder normaler Spielbetrieb. Die Fußballnation Brasilien ist nicht untergegangen, die nächsten Robinhos und Ronaldinhos trainieren schon auf den Bolzplätzen.

Nur Senhor José wird sein gelbes Hemd erstmal einmotten, ab jetzt ist wieder Rot angesagt. Dann am Dienstag geht es erneut gegen Frankreich, und José wird wie ganz Brasilien die Elf von "Felipao" anfeuern: Luiz Felipe Scolari, der kauzige brasilianische Trainer von Portugal, ist seit dem Fiasko von Frankfurt die Hoffnung seiner Heimat. So hat Brasilien doch noch eine kleine Chance, das Endspiel zu erreichen.

Quelle: http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,424648,00.html



Wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten...


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