„Wir haben kein Zimmer mehr für zwei Personen, nur noch eins für vier ... wir geben es ihnen zum selben Preis“, sagte der Rezeptionist vom Hotel in Olinda ... SG freute sich schon ... doch viel zu früh, denn das jämmerliche Zimmer hatte ein Hoch- und zwei Einzelbetten und war so eng, dass die beiden für Singles nicht neben einander gestellt werden konnten ...
Das sollte den Spaß an Carnaval in Olinda nicht trüben, entschloss ich mich, und ging nach einer kurzen Dusche gleich in Richtung Getümmel ...
Schon nach der ersten Ecke entdeckte ich eine blondierte Garota mit einem unglaublich aufreizenden Gang ... sie lief mit einer Freundin wenige schritte vor mir, etwa im selben Tempo und ich sah keinen Anlass, meine Geschwindigkeit in irgendeiner Form zu verändern ... so was hatte ich noch nicht erlebt, jeder Insasse der zahlreichen Autos, die an uns vorbei fuhren, jeder Passant, der uns entgegen kam – sofern männlich und nicht zusätzlich mit Namorada bestückt – blickte ihr hinter her und pfiff, was das Zeug hielt ... zurecht, der Bunda war nahezu perfekt, und durch den offensichtlich mit Absicht betont wippenden Gang, wurde immer wieder String und das in dem Fall aufreizende Tribal-Tattoo sichtbar ...
Irgendwann ging sie in ein Eckhaus, offensichtlich ihre Unterkunft ... ich beneidete die anderen Gäste der Herberge und lief weiter in Richtung Faschingstreiben ...
Einen Plan hatte ich nicht ... heute war Sexta, der beginn von Carnaval, so viel wusste ich ... dass der offizielle start in Olinda Samstag um Mitternacht eingeläutet wird, erfuhr ich erst am Sonntag ... machte aber nichts, denn in Olinda wird rund um die Uhr gefeiert ... egal, wann um welche Uhrzeit ich auf die Strassen ging, los war immer irgend was ...
So auch an diesem Freitag Nachmittag ... und was da los war ...
Ich stieg eine der steilen Strassen hoch, als ich auf den ersten Bloco traf ... aus einer Seitenstrasse zogen zwei Männer einen Holzwagen, der mit unzähligen Boxen bestückt war ... aus denen drang basslastige Musik, untermalt durch einen Sänger, der oben auf dem wagen hockte ... dahinter schloss sich eine Horde Musiker an, mit den unterschiedlichsten Schlagzeuginstrumenten, die so laut trommelten, wie es nur ging ... es mögen sicher an die 50 gewesen sein ... begleitet wurden der Zug vor dem wagen, daneben und dahinter von „gewöhnlichem“ Publikum, das überwiegend mittanzte und zumindest die Refrains mitsang ... angeführt wurde das ganze von zwei Standartenträgerinnen ... andere, traditionellere Züge werden i.d.rR. durch meist zwei übergroße Figuren, überwiegend Männlein und Weiblein, angeführt, die von muskelbepackten Trägern mittels Holzgestellen befördert werden ...
Der Bloco hieß „D´Breck“ und war, glaube ich, der einzige mit vokaler Unterstützung ... mich riss es mit ... ich begleitete die Gruppe, in dem ich an ihm zügig vorbei lief, stehen blieb, ihn an mir vorbeiziehen ließ und wieder zügig an den Anfang des Zuges eilte, um die Begeisterung der Teilnehmer aufzusaugen ...
Man spielte Ssamba, Axé und vor allem Frevo, der typischen Carnavals Musik Pernambucos ...
Fvero ist ein Tanz, der an Musikeinlagen in der Augsburger Puppenkiste erinnert, wobei ich nicht zu sagen wage, wer von wem beeinflusst wurde ... ziemlich merkwürdige, pogo-ähnliche Bewegungen, wobei halb hopsend, die Beine irgendwie nach vorne in die Luft geschmissen werden ... ich kann nicht gerade behaupten, dass der Tanz eine besondere Erotik ausstrahlt, lustig ist er aber allemal ... wenn dann eine Masse von mehreren Hundert, oder, wie ich später miterleben durfte, von Zehntausenden den Frevo tanzt, dann ist das ein wirklich atemberaubendes Erlebnis ... wenn die selben dann „Poeira“ („sorte grande“) oder die Carnavalshymne „Olinda“ mitsingen, gibt es Gänsehaut ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Frevo
„D´Breck“ riss mich irgendwann mit ... das Spielchen, den Bloco vorbei ziehen zu lassen, vorbei zu marschieren und wieder zu beobachten, reichte plötzlich nicht ...
So reihte ich mich in den Zug und machte mit ... für den sonst nur aus pragmatischen gründen tanzenden SG ein echtes Wunder ...