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Ich kenne einige der beschriebenen Seiten.
Als Angestellter "zwang" uns niemand zur 75-Stunden-und-mehr Woche, aber dennoch war sie die Regel, nicht die Ausnahme. Wir verdienten viel Geld und es wurde viel von uns erwartet. Wenn Du nach zwölf Stunden in der Firma zu hören bekommst, dass diese oder jene Präsentation am nächsten Tag um 10:00 fertig sein muss, dann sagt der Boss natürlich nicht, dass das in der Nacht zu geschehen hat, aber wenn es bereits 19:00 Uhr ist und die Präsentation roundabout 5 Stunden in Anspruch nimmt, dann bleibt einem nicht viel Spielraum. Überstundenvergütung? Fehlanzeige. Ein Dankeschön? Natürlich auch nicht. Wir haben es häufig gerne getan, die Bezahlung stimmte ja auch - aber niemand hielt das länger als ein paar Jahre aus, manchmal nicht der Kollege, häufiger nicht die Familie. Freundeskreise zerbrachen nach und nach, wenn mal ein Bier gezischt wurde, dann im Kreise der Kollegen - natürlich mit dem Gesprächsthema "aktuelles Projekt/Problem/Lösungsansatz/...".
Da ich noch immer viele Kontakte in die Branche habe, kann ich verfolgen, dass es nicht besser wird, sondern härter - und da mittlerweile entsprechend viele qualifizierte Kräfte am Markt verfügbar sind, wird die Arbeit nun auch für weniger Geld gemacht (mit dem gleichen Druck, den gleichen Überstunden, den gleichen Verträgen mit 21 Tagen Urlaub, der irgendwann in der Zukunft vielleicht mal genommen werden kann - oder am Ende des Arbeitsverhältnisses ausbezahlt wird, sofern er nicht verfällt).
Als Unternehmer in Deutschland habe ich nicht weniger gearbeitet, aber einige Angestellte waren der Meinung, dass nach exakt 8 Stunden Arbeitszeit Schluss sein muss, schliesslich wartete der Kinobesuch, die Bar, die Freundin. Mit Zuckerbrot und Peitsche liess sich etwas Flexibilität (nicht Sklaventum) aufbauen - es ging besser und besser. Je mehr Verantwortung sie übernahmen, desto mehr identifizierten sie sich mit der Arbeit, desto stolzer wurden sie darauf.
Als Unternehmer in Brasilien ist es schwieriger, Arbeitskräfte dazu zu mobilisieren, dass sie sich für das Unternehmen einsetzen, dass sie mal länger arbeiten, dass Neuerungen nicht nur mehr Arbeit bringen, sondern auch mehr Kundschaft, in der Folge auch mehr Einkommen. Die Arbeitnehmerrechte hier sind gross - und wer gehen will, der geht - soll der Chef doch zusehen wo er bleibt. Im Gegenzug endet der Versuch, eine/n Angestellte/n zu entlassen, stets vor'm Arbeitsgericht und verursacht nicht unerhebliche Kosten. In dieser Hinsicht folgt Deutschland immer mehr Brasilien.
Die Löhne hier sind niedriger als in Deutschland, die Motivation der (meisten) Mitarbeiter ist es auch - die Lohnnebenkosten jedoch unterscheiden sich nicht wesentlich. Wer guten Service bieten will, der zahlt mehr als den Mindestlohn - und hofft, dass die Mitarbeiter sich auch nach ein paar Wochen noch daran erinnern.
Dieses ist übrigens kein Gejammer, es ist einfach die Realität (wer erinnert sich noch an Neto's Bericht über "schlaue" Arbeitskräfte?) und es liegt an jedem Einzelnen, wie er sich damit arrangiert. Meine Zeit hier in Brasilien ist noch recht kurz, so dass ich zur Beschreibung der Zustände hier auch auf Schilderungen von Bekannten zurückgreifen muss - ich sie aber nach meinen drei Monaten hier auch bestätigen kann.
Im Resultat ist der höhere Service wohl nur für den Kunden von Vorteil (und zwar nur so lange, wie er Kunde ist), für Unternehmer und Angestellte ist es ungleich schwieriger.
Florian
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