Der endlose Kampf um ein Stückchen Land

Aktuelle Tendenzen und Prognosen der brasilianischen Regierungspolitik und Wirtschaftsentwicklung / Daten und Fakten aus der mehr als 500-jährigen Geschichte Brasiliens

Der endlose Kampf um ein Stückchen Land

Beitragvon mikelo » Do 1. Mär 2007, 16:25

Das Ziel der brasilianischen Regierung ist gescheitert, hunderttausende Landlose auf ungenutzten Flächen anzusiedeln. Zwar erlauben Gesetze diese Umverteilung. Doch sie scheitert immer wieder. Die Folge: Illegale Landbesetzungen, massive Proteste und anhaltendes Elend. "Endlich fahren wir durch eine Landschaft ohne Zuckerrohr", sagt Carlos Lima: "Hier im Nordosten kenne ich kein Kind eines Zuckerrohrarbeiters, das studiert." Die Monokultur steht für die Bewegung der Landlosen als Schandmal elender sozialer Verhältnisse im eigentlich reichen Brasilien. Ihre patriotischen Lieder klingen aus dem Radio von Limas Jeeps. Doch ihre Stimmen besänftigen ihn nicht. Der Chefkoordinator der Landpastoralkommission (CPT) des Bundesstaates Alagoas, ist unterwegs, um in einem der 13 Landlosenlager zu vermitteln. Im Camp "Baixa Funda" bei Murici leben in Palmhütten 43 Alagoanos. Vergangenes Jahr besetzten sie die ungenutzte Parzelle: "Die Unterkünfte haben wir in drei Tagen hochgezogen", erzählt Lidiana, die mit dem hier geborenen Lucas auf eine Zukunft hofft. Jetzt droht der Räumungstermin. Die Incra, das Bundesinstitut für Landreform, verweigert die Legalisierung. Der Unterricht in der Schulhütte geht weiter. Bildung ist ein Hauptziel der CPT. Dafür gibt es auch Geld vom Staat. Doch die grüne Fahne der CPT weht wohl nur noch wenige Wochen über Baixa Funda. Dann campieren diese Landlosen wieder in der Millionenstadt Maceió, um von neuem auf brachem Land zu siedeln. Seit 1992 erlaubt ein Gesetz, ungenutzte Flächen zu besetzen. Die Agrarreformbehörde ist beauftragt, mit dem Besitzer den Verkaufspreis auszuhandeln, den der Staat als Kredit an künftige Landbesitzer vergibt. Doch die Umsetzung verläuft schleppend. So wurden in Alagoas erst 5500 Landlose in Agrarreformgebieten angesiedelt. Rund 12 000 Familien leben in dem Bundesstaat weiter in Lagern. In ganz Brasilien sind es 300 000. "Für diese Menschen ist alles besser als wieder im Zuckerrohr zu schuften", beschreibt Carlos Lima die Lage in Alagoas, dem zweitgrößten Zuckeranbaugebiet Brasiliens und zugleich ärmsten Bundesstaat. "Hunger ist für die Menschen hier etwas Normales." Der 36-Jährige kämpft im nationalen Verbund der ökumenisch orientierten, katholischen CPT für die Rechte der Landlosen. Das größte Land Lateinamerikas hat zwar perfekte Gesetze wie im Arbeitsrecht. Sie werden jedoch nach Gutdünken angewandt. "Der größere Teil Brasiliens lebt wie im Mittelalter, und hier in Alagoas kämpfen wir gegen feudale Strukturen", betont der studierte Historiker. "Es kann nicht sein, dass acht Clans die besten Grundstücke beanspruchen. Die Zuckerrohrfabriken haben alles zerstört." Fast die Hälfte der 2,8 Millionen Alagoanos lebt unter der Armutsgrenze. 44 Prozent sind Analphabeten. Lima kommt von seiner Besprechung zurück. In der Gemeinschaftsbaracke reichen sich die Landlosen die Hand zum Gebet. Eine Stunde später erreicht er Pedra Redonda, eine von neun Agrarreformsiedlungen in Alagoas. 200 Menschen haben sich legal niedergelassen. Cicero, ein Familiensprecher, erzählt: "Wir sind dabei, Häuser zu bauen und verkaufen unsere Produkte auf Märkten. Künftig haben wir zwei Hektar Anbaufläche." Aus Deutschland wird die CPT seit 1987 von Misereor unterstützt. Limas Mitstreiter sind vor allem Pfarrer und Schwestern. Doch Lima fühlt sich in Alagoas isoliert: "Kooperierende Gruppen gibt es wenige; und Intellektuelle, die uns einst unterstützten, sind heute für die Monokultur des Zuckers." Auch der Blutzoll an Landlosen geht weiter. 2005 wurden 38 ermordete Aktivisten beklagt. Den ungebrochenen Widerstand der Bewegung dokumentiert eine Liste mit 160 Aktivisten, die bereits Todesdrohungen bekamen. Verbrechen an Landarbeitern bleiben meist ungeahndet. Von 1400 getöteten Aktivisten wurden in 20 Jahren nur 15 Auftraggeber und 65 Täter verurteilt. Auch Carlos hat Angst, "einen Unfall zu haben", wie es hier heißt. Er steht seit Jahren auf der Todesliste der Großgrundbesitzer. Im Rahmen der Misereor-Fastenaktion kommt Carlos Lima am Sonntag, 4. März, 13 Uhr ins Pfarrheim nach Thannhausen/Kreis Günzburg.
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