Im nachösterlichen Trubel Roms hat der Vatikan jetzt das Programm der sechsten Auslandsreise Papst Benedikts XVI. veröffentlicht. Vom 9. bis 14.Mai reist er nach Brasilien aus Anlass der fünften Vollversammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz und der Karibikstaaten. Die Reise wird bereits jetzt mit Spannung erwartet, denn es steht doch mehr dahinter, als nur Brasilien zu besuchen oder mit den Bischöfen zusammenzutreffen. Mit 80 Jahren geht Benedikt XVI. das Wagnis einer strapaziösen, in Teilen politischen und für das kirchliche Leben vor Ort bedeutenden Reise auf einen anderen Kontinent ein. Von Anfang an der Planungen war klar, dass man dem Papst nicht zumuten könnte, sieben Tage lang mehrere Staaten Lateinamerikas mit 36 Ansprachen zu besuchen, wie bei der ersten Südamerikareise Johannes Pauls II. im Jahre 1979. Benedikt XVI. muss Akzente setzen, die über die besuchten Orte hinaus wirken.
So fällt im Programm auf, dass der vom Vatikan genannte Anlass erst bei den letzten beiden Besuchstagen eine Rolle spielt, wenn das Kirchenoberhaupt in Aparecida eintrifft und am 13.Mai die Eröffnungsmesse des Bischofstreffens feiert und an der Auftaktsitzung des Gremiums teilnimmt. Wenige Stunden später tritt er die Heimreise an. Benedikt XVI. wird den Bischöfen des Kontinents ins Gewissen reden, sich nicht dem Zeitgeist anzupassen, der es Sekten und Pfingstkirchen leicht macht, Gläubige abzuwerben. Er wird die Bischöfe ermuntern, vielfältige Wege der Pastoral zu gehen und dabei nicht vom Lehramt abzuweichen. Ob er dabei die Befreiungstheologie erwähnt oder nicht, ist eher Nebensache: Bischöfen und Gläubigen geht es um eine Anerkennung ihrer Arbeit und eine Ermutigung. Der lateinamerikanische Kontinent sucht nach solchen Zeichen, auch symbolhaften Auftritten eines religiösen Führers in einer politischen Umwelt, die von Korruption und Misstrauen geprägt ist. Seit fünf Jahren – damals reiste Johannes Paul II. nach dem Weltjugendtag in Toronto nach Guatemala – hat kein Papst mehr den Kontinent besucht. Dass es Benedikt um die Menschen geht und nicht um kirchenpolitische Kontroversen, zeigen die anderen Tage: Mittwoch, Donnerstag und Freitag hält sich Benedikt XVI. in São Paulo auf, um mit den Menschen zu sprechen. Begegnungen mit Staatspräsident Lula und Vertretern anderer Religionsgemeinschaften stehen ebenso im Programm wie die Heiligsprechung des in der Bevölkerung verehrten Franziskanerpaters Frei Galvão.
Zwischen den Zeilen lesend merkt man, dass es sich weniger um eine politische Reise handelt als vielmehr um eine pastorale Visite. Benedikt XVI. will mit den Menschen den Glauben teilen, in Gebet und Gespräch. Vor allem erwarten die Gläubigen von ihm eine klare Botschaft – für ihr persönliches Leben, für die Politik, für die Kirche als Ganzes. Zu groß ist die Angst in der Bevölkerung Lateinamerikas, dass alte Gräben zwischen Kirche und Politik wieder aufgerissen werden könnten. Auf den Kirchenraum wollen sich die Katholiken nicht beschränken lassen. Ihre soziale Verantwortung und der Bildungsauftrag für alle Bevölkerungsschichten sind ihnen gegenwärtig. Und doch braucht der Kontinent eine Botschaft, die ein Gegenstück zu den Verlockungen der Sekten und schnell wachsenden kleinen Kirchen ist. Auf die Worte des Papstes, weniger auf symbolische Gesten, kommt es bei dieser Reise an.
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