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Hallo, Leute,
viel wissen wir ja nicht über brasilianische Konzerne. Selten genug verbringen sie ein Schattendasein, weil sich das Interesse auch europäische und nordamerikanische Multis konzentriert. Dabe geschied auch in Lateinamerika beachtliches. Klar wir alle kennen Petrobras. Aber diese Nachricht zeigt, was geht:
Der Welt größter Ölkonzern?
Venezuela, Brasilien und Argentinien gründen ‚Petrosur’
Von Elmar Getto
Der Wiener ‚Standard’ berichtet in einem interessanten Artikel über das Ergebnis des Gespräches zwischen den Präsidenten Cháves von Venezuela, Lula von Brasilien und Kirchner von Argentinien am Rande des Südamerika-Arabischen Gipfels: Es wurde der Zusammenschluss der drei staatlichen Ölgesellschaften PDVSA (Venezuela), Petrobras (Brasilien) und Enarsa (Argentinien) zur ‚Petrosur’ auf den Weg gebracht. Die drei Länder wollen mit ihr die Ölförderung und die Raffinerien vernetzen. Doch der wirkliche Clou der Geschichte liegt noch gar nicht darin, sondern in der Attraktion, die das auf die mexikanische Pemex ausüben könnte. Alle zusammen wären der größte Ölkonzern der Welt.
Im heimischen München pflegte man zu sagen: Das schönste an Wien ist der D-Zug nach München. Aber man muß zugeben, daß es sich manchmal lohnen kann, eine Wiener Zeitung zu lesen, in diesem Fall den ‚Standard’. Hier einige Auszüge aus dem Artikel der Druckausgabe vom 12.5.05 unter dem Titel ‚Allianzen für einen lateinamerikanischen Erdölriesen’:
„In der Nacht zum Dienstag ... wurde "Petrosur" bei einem südamerikanisch-arabischen Gipfeltreffen in BrasÃlia feierlich aus der Taufe gehoben. (...)
Erste Projekte von Petrosur sollen eine gemeinsame Gas- und Erdölexploration in Argentinien und der Bau einer gemeinsamen Raffinerie im Norden Brasiliens sein.
(...) es ist klar, worum es eigentlich geht: um die energiepolitische Emanzipation Südamerikas. Das hat mehrere Gründe: die hohen Erdölpreise, die Energiekrise, die zahlreiche Länder Lateinamerikas aufgerüttelt hat, und die linksnationalistischen Regierungen, die zurzeit in Südamerika an der Macht sind. (...)
Gut zehn Prozent der weltweiten Erdöl -und sechs Prozent der Gasreserven befinden sich in Lateinamerika. Die staatlichen Energiekonzerne wie die venezolanische PDVSA, die mexikanische Pemex und die brasilianische Petrobras sind einzeln genommen nur Mittelklasse. Alle zusammen aber fördern täglich 8,5 Millionen Faß Öl und könnten als größter Ölkonzern der Welt gemeinsam ganz anders auf dem Markt auftreten. (...)Die mexikanische Pemex ist interessiert an der Tiefsee-Bohrtechnologie von Petrobras, und Argentiniens Präsident Nestor Kirchner hat auf Chávez' Drängen extra ein neues, staatliches Energieunternehmen gegründet, um bei Petrosur mitmachen zu können. (...)
Auch Bolivien will seine Gasreserven in das Projekt einbringen. Mißtrauisch zeigen sich hingegen Mexiko und Chile, was weniger an der Integration selbst liegt, sondern an der politischen Färbung, die die Venezolaner dem Projekt geben, und den Vorbehalten Washingtons. "Petrosur ist ein Gegenprojekt zum Neoliberalismus und hat den Zweck, die Armut und Ungleichheit zu bekämpfen", tönt Venezuelas Vizepräsident José-Vicente Rangel.“
Soweit ganz gut, lieber ‚Standard’, aber es fehlen noch ein wenig Informationen. Wollen wir sie nachliefern:
Lateinamerika hatte nach der Statistik von 2002 an den bekannten globalen Ölreserven nach dem Nahen und Mittleren Osten die zweitgrössten, wenn auch mit weitem Abstand.
In der Produktion war Mexico an 5.Stelle international unter den Ölnationen mit etwa 3,6 Millionen Faß pro Tag, Venezuela an 8. Stelle mit etwa 3,1 Millionen Faß pro Tag und Brasilien an 15. Stelle mit etwa 1,6 Millionen Faß pro Tag. Alle drei zusammen hätten etwa 8,3 Millionen Faß Förderung pro Tag im Jahre 2002 gehabt, das wäre fast die gleiche Grösse wie Saudi-Arabien, das größte Ölförderland bis heute. Nur hat sich das bis 2005 bereits zugunsten der Lateinamerikaner verschoben. Alle lateinamerikanischen Ölfunde sind erst aus jüngerer Zeit, das heißt die Fördermengen sind noch kräftig am Steigen, während über der saudi-arabische Förderung bereits das Damoklesschwert des ‚peak–oil’ schwebt, des absoluten Höhepunkts, ab dem es nur noch abwärts geht.
Ein gutes Beispiel ist Brasilien. Als vor nunmehr 51 Jahren die ‚Petrobras’ gegründet wurde, hatte man es schriftlich vom damals weltweit führenden US-Prospektionsunternehmen, das fast ein Jahrzehnt lang Proben genommen und Bohrungen durchgeführt hatte: Brasilien hat kein Erdöl! Auf der 50-Jahr-Feier letztes Jahr zeigte die Petrobras dieses Dokument der Öffentlichkeit.
Aber die Brasilianer erwiesen sich als Dickköpfe, und wie erfolgreiche Dickköpfe! Die neu gegründete Petrobras begann die kleinen Funde auszubeuten (Kleinvieh macht auch Mist) und unverzagt weiter zu suchen. 1965 fand man das erste Mal im Meer vor der Küste Rio de Janeiros ein beachtliches Ölfeld. Doch bald wurde klar: Die Meerestiefe war bei 500 Meter gelegen. Dafür gab es zu jener Zeit keine Förderanlagen. Die Petrobras, ohne Hilfe aus den klugen, reichen Staaten der Nordhalbkugel, begann mit brasilianischen Ingenieuren Methoden zur Bohrung und zur Förderung in tiefen Wassern zu entwickeln.
Und siehe da: Man war in der Lage, aus 500 Meter Tiefe zu fördern, später auch aus 800 und heute ist bereits die Technik für Tausend Meter Wasser zwischen dem Bohrungsschiff bzw. der schwimmenden Förderplatform und dem Meeresgrund normales business. Man ist bereits sicher, auch aus 2000 Meter tiefem Wasser Erdöl fördern zu können. Die Erdölfelder in der ‚Bacia de Campos’ vor der Küste erwiesen sich als riesig. Es arbeiten bereits Ölplattformen im Meer so weit draußen, daß ein schneller Hubschrauber zwei Stunden braucht, um sie zu erreichen. Inzwischen hat man bereits an zwei anderen Stellen vor der Küste neue Felder entdeckt. Ebenso fand man jetzt im Amazonasgebiet Öl. Kurz: Brasilien erwartet in zehn Jahren etwa genauso viel Rohöl zu fördern wie heute Venezuela. Bis zum Jahr 2010 wird man Selbstversorger sein.
Die Petrobras ist heute der Eigner der am weitest fortgeschrittenen Technik für Bohrung und Förderung in tiefen Wassern. Dies könnte einer der Gründe sein, warum Mexikos Pemex interessiert sein dürfte, dem gemeinsamen Projekt beizutreten. Auch die mexikanischen Vorkommen liegen größtenteils im Meer.
Da ist noch etwas anderes mit Mexiko. Der jetzige Präsident ist denkbar unbeliebt. Der sozialdemokratische Bürgermeister von Mexiko City führt alle Umfragen für die Präsidentenwahlen im nächsten Jahr. Soeben wurde er durch Massendemonstrationen davor bewahrt, für unwählbar erklärt zu werden. Aller Voraussicht nach hat Mexiko in einem Jahr einen Präsidenten, der die nordamerikanische Freihandelszone mit den USA im wesentlichen als Nachteil ansieht und einer Kooperation mit den anderen lateinamerikanischen Ländern extrem aufgeschlossen sein wird.
Wenn Mexiko die Pemex in das Ölprojekt einbringt, könnte sich erstmalig eine Firma der Entwicklungsländer an die Spitze eines ganzen Industriezweiges setzen. Dann könnte das ursprüngliche Projekt Chávez, die Petroamérica, Wirklichkeit werden.
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Schöne Grüße,
tinto
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