Die Geschichte von São Paulo

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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon cabof » Do 21. Aug 2014, 05:54

So viel Text zu schreiben, dazu gehört sehr viel Zeit. Nehme an, es ist COPY insert und vielleicht ein paar kleine Änderungen - aber
nur für den interessant, der sich mit brasil. Geschichte befassen möchte. Aus dem Bauch raus, in den 500 Jahren Brasilien war mehr
los als 2000 Jahre Deutschland (Germanien damals)... trotzdem danke für die Mühe und viele Klicks.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon BrasilJaneiro » Do 21. Aug 2014, 06:51

Teil V:

Während so der Haupttrupp seinem Ziele entgegenzog, wählte Braun in Begleitung seines ältesten Sohnes mit sechs Maultieren den Weg längs dem Ufer des die Niederung durchströmenden Flusses, wobei man sämtliche sechs Tiere dicht geschlossen gehen ließ, deren Spur weithin sichtbar blieb.
Nachdem man so etwa zwei Meilen zurückgelegt hatte, führte man die Tiere in das Bett des Flusses und von hier aus mit umwickelten Hufen eine Strecke weit auf der vorigen Spur zurück, worauf man sie gleichfalls einzeln den Weg nach dem Ziele der Reise einschlagen ließ.
Erst spät in der Nacht wurde die Stelle, an der sich die übrigen bereits einige Zeit früher eingefunden hatten, erreicht und dann nach kurzer Ruhe der Marsch fortgesetzt.
Nachdem man, unter Anwendung der größten Vorsicht, noch eine weitere Tagesreise zurückgelegt hatte, ließ Braun an einer Stelle, welche alles zu einem längeren Aufenthalte Erforderliche: Wald, Wasser und Weide bot, haltmachen und ein Lager aufschlagen.
Man sperrte zunächst eine von einem kleinen Bach durchströmte und von dichtem Gebüsch umgebene Lichtung, welche man zur Aufnahme der mitgebrachten Pferde, Maultiere und Ziegen bestimmt hatte, vollends ab, indem man einzelne offene Stellen durch ausgespannte Stricke schloß, und errichtete dann aus Zweigen und Rohrgeflecht eine Anzahl Hütten, die man mit einem Dache von breiten Palmblättern versah.
Sie waren dazu bestimmt, sowohl als Wohnung zu dienen, wie auch den mitgebrachten Nahrungsmitteln, darunter namentlich einen größeren Vorrat von Mandiocawurzeln, bei einem etwa eintretenden Regen eine trockene Lagerstätte zu gewähren.
Sobald alles dies vollendet war, machte sich Braun in Begleitung seines ältesten Sohnes auf, um einen zur Errichtung der neuen Niederlassung geeigneten Ort auszusuchen.
Die beiden Entdeckungsreisenden führten, da man nicht wissen konnte, wie weit ihr Streifzug sich ausdehnen werde, außer je einem Pferde noch ein Maultier zur Fortschaffung ihres Gepäcks bei sich, das aus Nahrungsmitteln für etwa zehn bis zwölf Tage, einer Axt zum Holzfällen, einem kleinen Brattopf, sowie einer Hacke und einem Spaten bestand. Die letzteren beiden Dinge waren zur Untersuchung des Erdbodens bestimmt.
Zu guter Letzt pfiff Georg noch Heidenreichs großem Hund Fritz, der die nächtliche Bewachung der beiden Urwaldreisenden übernehmen sollte.
Zwei Tage lang zog die kleine Tropa durch eine wasserarme, meist mit dürrem Grase bewachsene und nur hin und wieder von kleinen Buschinseln unterbrochene Ebene, bis sie am Abend des zweiten Tages den Fuß einer schön bewaldeten Bergkette erreichte.
Jenseits derselben mußte der Rio Pardo fließen, dessen Tal das nächste Ziel ihrer Wanderung war.
Einer von der Höhe des Gebirgszuges sich herniedersenkenden Schlucht folgend, drang man mühsam durch das con Schlinggewächsen durchzogene Dickicht, durch welches man sich an vielen Stellen mit der Faca (Waldmesser) förmlich durchhauen mußte, zum Kamm des Gebirges empor.
Obgleich die Entfernung bis dorthin nur wenige Meilen betrug, so bedurfte man eines ganzen Tages, bevor man die Höhe des Gebirges erreicht hatte.
Der Abstieg war, trotzdem es jetzt zu Tal ging, fast noch beschwerlicher als der Aufstieg, da der nördliche Abhang des Gebirges einen bei weitem größeren Quellenreichtum zeigte und dementsprechend der Pflanzenwuchs hier ein noch üppigerer war als an dem jenseitigen Abhange.
Die Natur zeigte sich hier in einer Schönheit und Mannigfaltigkeit, welche die beiden Reisenden fast Schritt für Schritt zu lebhafter Bewunderung zwang.
Dunkle Felsmassen türmten sich zu ungeheurer Höhe auf, aus ihren von dichtem Blätterwerk überwucherten Spalten schäumende Sturzbäche in die Tiefe sendend.
Gewaltige Baumriesen reckten ihre Zweige weit über den Abgrund hinaus, während andere, bereits der Verwesung verfallene Stämme, von bunten Schmarotzerpflanzen bedeckt und von den von Fels zu Fels sich spannenden zähen Lianen umschlungen, drohend über der Tiefe schwebten.
Herrliche Blüten in den mannigfaltigsten Formen und Farben bedeckten Bäume und Sträucher, während an den deuchten Uferrändern der Quellen und Bäche ein bunter Teppich von gelben und roten Lianen prangte, deren Wohlgerüche die Luft mit betäubendem Dufte füllten.
Dazwischen gaukelten handgroße, schön gezeichnete Falter und goldig glänzende Käfer von Blüte zu Blüte; bunt gefiederte Papageien und Kolibris belebten die lauschigen Wipfel, in welchen außerdem ein Heer munterer Affen seine Seiltänzerkünste übte.
"Hier müßten wir wohen!" rief Georg beim Anblick aller dieser Schönheiten, die er zuvor noch niemals in solcher Fülle vereinigt gesehen hatte, bewundernd aus.
"Das würde wohl seine Schwierigkeiten haben," versetzte Vater Braun lächelnd,"denn ich möchte den sehen, der diese Felsenwildnis urbar zu machen vermöchte. Daß hier alles besser und üppiger gedeiht als in vielen anderen Gegenden und selbst am Rio Tiete, liegt wohl hauptsächlich an der Beschaffenheit des Bodens, und ich hoffe, daß wir diesen weiter talwärts nicht minder gut, vielleicht sogar noch besser antreffen, da dort die weiche Erdschicht noch stärker sein wird als hier oben."
Diese Erwartung fand während der beiden nächsten Tage ihre volle Bestätigung, und als man das Tal des Rio Pardo erreicht hatte, an dessen herrlichen Ufern Wald- und Grasflur in fortwährendem Wechsel vereinigt waren, erklärte auch Braun, daß es hier zu bleiben gedenke.
Bald hatte man einen zur Anlage der neuen Kolonie geeigneten Ort gefunden, und es galt nun, sich denselben zu sichern, wobei Braun, durch die gemachten traurigen Erfahrungen gewarnt, mit der größten Vorsicht zu verfahren beschloß.
Er begab sich zu dem nur etwa drei Meilen stromaufwärts gelegenen Städtchen São Mateus, um sich dort die erforderlichen Papiere zu verschaffen.
Der Delegado, ein freundlicher, alter Herr mit einem einnehmenden, vertrauenerweckenden Wesen, drückte sein Bedauern darüber aus, daß das nicht gehe, denn eine Landfläche könne nicht früher jemand zugeschrieben werden, als bis sie vermessen sei, und das war mit der von Braun ausgesuchten noch nicht geschehen.
Der Delegado verwies Braun deshalb an den zur Zeit an dem Orte sich aufhaltenden Feldmesser, damit derselbe ihm aus seinen Karten andere bereits vermessene Ländereien zur Wahl anweisen könne.
Der Kolonist, dem nichts anderes übrigblieb, als sich in das Unabänderliche zu fügen, so ungern er auch auf die Erwerbung des von ihm ausgesuchten Grundes verzichtete, suchte den Feldmesser auf, um ihn sein Anliegen vorzutragen.
Bald hatte er den leichten Bretterschuppen, welcher diesem als Wohnung und Büro diente, erreicht.
Er fand dort den Gesuchten unter der an der Frontseite des Hauses sich hinziehenden Veranda, wo er an einem auf zwei Holzböden ruhendem großen Brette saß und emsig zeichnete.
Als Braun sein Anliegen vorzubringen begann, hob der Feldmesser, ein noch jugendlich aussehender Mann mit blondem Bart und Haar, der den Ankommenden begrüßt hatte, ohne dabei von seiner Arbeit aufzusehen, lächelnd den Kopf.
"Ich glaube, Senhor," sprach er in gutem Deutsch,"wir werden einander am besten verstehen, wenn wir unsere Muttersprache reden. Mein Name ist Diefenbach; ich stamme aus Mainz und irre mich wohl nicht, wenn ich nach der Art und Weise, wie Sie das Portugiesische aussprechen, annehme, daß unsere beiderseitigen Heimatorte nicht allzuweit voneinander entfernt sind."
Der Feldmesser, der nicht minder als Braun erfreut war, hier mitten zwischen den Urwäldern Brasiliens Landsleute gefunden zu haben, ließ es sich nehmen, Vater und Sohn als Gäste zu bewirten, und erst nachdem man sich an einer Flasche feurigen Cachaça (Zuckerrohrschnaps) erquickt und dabei die Erinnerung an die alte deutsche Heimat aufgefrischt hatte, kam man wieder zu der Angelegenheit zurück, welche Braun hierhergeführt hatte.
Der Feldmesser erklärte sich, sobald er Brauns Wünsche und die ablehnende Antwort des Delegado erfahren hatte, sogleich bereit, den von Braun ausgesuchten Landstrich, und zwar gleich am nächsten Tage, zu vermessen, womit dann jedes Hindernis zu dessen Besitzergreifung gehoben war.
Mit lebhaftem Dank wurde dieses Anerbieten angenommen, und schon in der Frühe des nächsten Morgens ritten die drei zu der Stelle hin, an der "Neu-Hessendorf" demnächst erbaut werden sollte.
Mit Beihilfe Brauns und seines Sohnes, welche die Maßkette trugen und die Markierstäbe steckten, ging die Arbeit schnell vonstatten, so daß man bereits am nächsten Morgen dem Delegado die nötigen Nachweise vorlegen und dafür die Besitzurkunde in Empfang nehmen konnte, mit welcher Braun noch an demselben Tage den Rückweg zu den Seinen antrat.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon Itacare » Do 21. Aug 2014, 11:11

Egal ob abgekupfert oder selbst ausgedacht, ist jedenfalls kurzweilig zu lesen.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon BrasilJaneiro » Sa 23. Aug 2014, 07:59

Teil VI:

In den ersten Tagen nach der Abreise der beiden Landsucher aus dem Lager hatte sich bald hier, bald dort noch etwas zu bessern und einzurichten gefunden, so daß groß und klein vollauf Beschäftigung hatten.
Gleich in der ersten Nacht war eine Raposa (Fuchs) in den Behälter eingedrungen, welchen man zum Schutze des Federviehs hergestellt hatte, dessen Stäbe aber, wie sich jetzt zeigte, zu weit voneinander entfernt waren; dann hatten zwei Maultiere die ihnen angewiesene Lichtung verlassen und eine Exkursion in den Wald gemacht, von der sie erst nach langem Suchen wieder eingebracht werden konnten.
Kaum war man mit dem Dichtmachen des Hühnerstalls und dem Schließen der eingerissenen Umzäunung fertig geworden, als ein plötzlich entstehender, heftiger Sturm mehrere der errichteten leichten Rohrhütten wegriß und die Bewohner zwang, gegen den gleichzeitig herabfallenden Regen unter den Bäumen des Waldes Schutz zu suchen.
Durch die fleißige Hilfe aller der kleinen und großen Hände wurde, sobald das Unwetter glücklich vorübergegangen war, auch dieser Schaden schnell ausgebessert, und es begann nun allmählich für die Zurückgebliebenen eine Reihe stiller, einförmiger Tage.
Da man hier weder von Menschen noch von wilden Tieren etwas zu befürchten hatte und der Schutz eines anwesenden Mannes vollständig genügend schien, so sattelte Heidenreich an einem der nächsten Tage sein Pferd, um den auf der Ansiedlung zurückgebliebenen beiden Familien einen Besuch zu machen und zu erfahren, ob und wie weit der Schurke Machedo seine Drohung ausgeführt habe.
Franz, der zweite von Brauns Knaben, ließ, sobald er die Absicht seines Schwagers erfahren hatte, mit Bitten nicht nach, bis seine Mutter ihm die Erlaubnis gab, ihn begleiten zu dürfen.
Der Vorsicht wegen machte man auch diesmal den Ritt mit bedeutenden Umwegen, indem man fast eine Stunde lang die Tiere in dem Bette eines Baches gehen ließ, das man erst in der Nähe der Ansiedlung verließ, wo man den sich zeigenden älteren Hufspuren folgte.
Die beiden Reiter mochten sich der Ansiedlung, deren Dächer jetzt zwischen den Bäumen sichtbar wurden, bis auf ungefähr fünfhundert Schritte genähert haben, als Heidenreich sein Pferd anhielt.
"Es scheint mir dort etwas nicht in Ordnung zu sein," sprach er, zu Franz sich wendend,"ich habe dort soeben Gestalten gesehen, welche nicht auf die Ansiedlung gehören. Da es jedoch nicht ratsam ist, daß wir uns vor Machedo sehen lassen, wenn dieser etwa dort sein sollte, so bleibe du mit den beiden Pferden hier hinter dem Ufergebüsch zurück, bis ich entweder wiederkomme oder dich herbeirufe."
Franz, tat, wie ihm geheißen war, obgleich er viel lieber mitgegangen wäre.
Bald darauf wurde ihm, da er von seinem Versteck aus, das gleich einer grünen Wand jede Aussicht nach der Ansiedlung abschnitt, nicht das mindeste sehen konnte, dort Zeit und Weile lang, und er begann allmählich ungeduldig zu werden.
Plötzlich vernahm er von der Ansiedlung her laute Männerstimmen sowie zwei schnell aufeinander folgende Schüsse, dann wurde es wieder still.
Eine kleine Weile hielt der Knabe noch ruhig auf seinem Posten aus, als aber dann die Rückkehr des Schwagers nicht erfolgte, begann er unruhig zu werden und beschloß auf die Gefahr hin, hernach von jenem dafür ausgezankt zu werden, selbst zu sehen, was dort vorgehe.
Er schlang die Zügel der beiden Pferde um einen Zweig und schlich sich dann, dem buschigen Ufer des Tälchens entlang, zu der Ansiedlung hin.
Durch Langes Garten, der sich hier bis an den Fluß hinabzog, gelangte er glücklich zu dessen Hause, in welches er hineinschlüpfte.
Er fand das Haus leer, entdeckte aber gleichzeitig in den Holzwänden, sowie in der Tür und den Fensterläden zahlreiche Löcher, welche von Kugeln herzurühren schienen, und auf der Erde neben der Haustür einen großen, noch ziemlich frischen Blutfleck.
Durch die offenstehende Haustür erblickte er eine Anzahl fremder Männer, welche Sommers Hause gegenüber hinter Bäumen und anderen schützenden Gegenständen versteckt waren und das Haus zu beobachten schienen.
Von seinem Schwager vermochte er keine Spur zu entdecken, derselbe mußte von jenen Männern gefangen sein, wenn ihm nicht etwa gar noch etwas Schlimmeres zugestoßen war.
Der Knabe sah ein, daß er seinem Schwager am besten nütze, wenn er sogleich nach der Ansiedlung zurückkehre und dort dessen Schicksal mitteile.
Vorsichtig schlich er sich auf dem Wege, auf dem er gekommen war, zu den Pferden zurück und erreichte, sich fortwährend hinter den Ufergebüschen haltend, glücklich sen Wald, wo er gegen eine Entdeckung gesichert war und rascher reiten konnte.
Wenn die Tropa bei ihrem Zuge von der Ansiedlung bis zum Lager auch mehr als einen Tag gebraucht hatte, so hoffte Franz doch, das Lager bei raschem Reiten in etwa drei Stunden zu erreichen, da er die passierbaren Stellen des Waldes kannte und deshalb, ohne sich irgendwo aufzuhalten, darauflosreiten konnte.
Kurz vor Einbruch der Nacht langte er denn auch glücklich wieder in dem Lager an, wo seine Mitteilung lebhafte Bewegung hervorrief.
So sehr aber auch alle um Heidenreichs Schicksal in Sorge waren, so sah man doch ein, daß es unmöglich sei, vor Brauns Rückkehr etwas in der Sache zu tun, da Baumann, auch wenn er das Lager hätte verlassen wollen, allein nichts verrichten konnte und sich nur selbst der Gefahr ausgesetzt haben würde, Heidenreichs Schicksal zu teilen.
In der äußersten Unruhe verlebte man die Nacht und den größten Teil des folgenden Tages, und alle atmeten erleichtert auf, als Braun mit seinem älteren Sohne von dem Ausfluge wieder anlangte.
Braun schüttelte, als man ihm das Vorgefallene erzählte, bedenklich den Kopf.
Er hatte schon zu oft Gelegenheit gehabt zu erfahren, daß für einen Ausländer von den brasilianischen Gerichten nichts zu erwarten sei.
Wenn man auch fremde Auswanderer, namentlich Deutsche, ihres Fleißes wegen gern dorthin kommen sieht und alles mögliche tut, um sie in das Land zu ziehen, so werden sie doch, sobald sie einmal da sind, bezüglich ihrer Rechtsansprüche mit den Sklaven so ziemlich auf eine Stufe gestellt. Man sieht, da der Brasilianer über alle Maßen träge ist, eben nur brauchbare Arbeiter in ihnen, weiter nichts.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon BrasilJaneiro » Fr 29. Aug 2014, 10:35

Teil VII:

So durfte denn auch Braun von dem Delegado in Port Feliz, der Richter, Polizei- und Verwaltungsbeamter in einer Person war, kaum ein unparteiisches Verfahren erwarten, und so sehr jede Gewalttat gegen seine Natur war, so mußte er doch einsehen, daß hier nur Selbsthilfe zum Ziele führen könne.
Zunächst galt es zu versuchen, ob man vielleicht den ehemaligen Nachbarn auf der Ansiedlung Hilfe bringen und dann mit deren Beistand die Befreiung Heidenreichs bewirken könne, der sich nach dem Berichte des Knaben wahrscheinlich in der Gewalt Machedos befand.
Braun hielt es mit Rücksicht auf die mutmaßliche Überzahl der Gegner für der Vorsicht angemessen, daß man erst nach Eintritt der Dunkelheit dort anlangte.
Hiernach wählte er die Stunde zum Antritt des Rittes, an welchem sich sein Sohn Georg und Baumann beteiligten.
Franz hatte sich noch bis zum letzten Augenblick Hoffnung gemacht, gleichfalls mitgenommen zu werden, was er mit Rücksicht darauf, daß er es gewesen, der die Nachricht gebracht, als eine Art Recht betrachtete.
Sein Vater erklärte jedoch, daß er lieber zurückbleiben solle, um nötigenfalls das Lager zu beschützen, eine Ehre, die Franz diesmal nicht besonders hoch anzuschlagen schien und gern an seinen Bruder Georg abzutreten bereit gewesen wäre.
Als Braun mit seinen beiden Begleitern in der Nähe der Ansiedlung angelangt war, beschloß man zunächst, einen Kundschafter auszusenden, um zu erfahren, wie dort die Sache stände, und Georg, der hierzu geeigneste, näherte sich vorsichtig Sommers Hause.
Er fand dieses wie auch alle übrigen leer; es war überhaupt auf der Ansiedlung weder Mensch noch Tier mehr zu erblicken.
"Die Sache wird immer mißlicher," äußerte Braun, als ihm sein Sohn das Gefundene berichtete. "Wir müssen also nach Port Feliz und dort unser Glück versuchen."
Nachdem man einige Stunden in Brauns altem Hause auf einem schnell hergestellten Strohlager geruht hatte, brach man schon bald nach Mitternacht wieder auf und erreichte Port Feliz mit Anbruch des Tages.
Die Reiter begaben sich in das Wirtshaus des Städtchens, um hier eine Erfrischung zu nehmen und nebenbei über die Vorgänge der letzten Tage bei dem ihm bekannten Wirt Nachrichten einzuziehen.
Sie erfuhren hier, daß Machedo zwei Tage zuvor, eine Ermächtigung des Delegados zur Besitzergreifung seines Eigentums in der Tasche, in Begleitung eines verwundeten Gefangenen und einer Anzahl erbeuteten Viehes von dort zurückgekehrt sei.
Der Gefangene konnte nach der Beschreibung des Wirtes, der ihn indessen nur flüchtig und aus einiger Entfernung gesehen hatte, kein anderer als Heidenreich sein.
Von dem Wirtshause gegab sich Braun mit seinen beiden Begleitern zur Wohnung des Delegados, um bei diesem die Freilassung seines Schwiegersohnes zu erwirken, dessen Gefangennahme, wie er hoffte, nur auf einem Irrtum beruhen konnte.
Er ließ Georg und Baumann vor dem Hause warten und trat dann zu dem Delegado ein, der ihm grob bedeutete, daß er jetzt keine Zeit habe, ihn anzuhören.
Auf Brauns ruhige Anfrage, wann es ihm genehm sei, ihm Gehör zu geben, versetzte der Delegado, der übrigens müßig, und nur mit dem Drehen einer Zigarette beschäftigt, in einem Schaukelstuhl sich wiegte, in barchem Tone:
"Morgen!"
"Senhor Delegado," versetzte Braun, der gegenüber einer solchen Behandlung nur mit Mühe seinen Zorn bemeisterte, mit äußerlich gewahrter Ruhe,"ich komme wegen meines Schwiegersohnes, der sich, wie ich höre, verwundet im Gefängnis befindet. Sie können sich denken, daß seine Angehörigen und namentlich seine Frau seinetwegen -"
"Habe ich Euch nicht gesagt, daß Ihr Euch zum Teufel scheren und morgen wiederkommen sollt," fuhr der Delegado auf.
"Senhor Delegado," versetzte Braun mit fester Stimme, "ich verlange jetzt wenigstens zu wissen, wessen mein Schwiegersohn angeklagt ist, weiter nichts."
"Was - Ihr verlangt?" rief der Delegado, kirschbraun vor Wut, "verfluchter Alemão, ich werde Euch eine Antwort geben, wie Ihr sie verdient."
Damit sprang er auf und ergriff eine schwere lederne Reitpeitsche, mit der er auf Braun losstürzte.
Jetzt hatte aber auch dessen Geduld ihr Ende erreicht; denn er war nicht gewillt, zu den bereits ruhig hingenommenen rohen Beleidigungen seinen weißen Kopf noch durch Schläge beschimpfen zu lassen.
Mit raschem Griffe hatte er den zum Schlage erhobenen Arm des Delegados ergriffen und diesem die Peitsche entrissen.
"Keinen Laut, Senhor," sprach er dann mit kaltem aber ruhigem Tone zu dem unter seiner Faust sich windenden Delegado, "oder Ihr würdet mich nötigen, von dieser Peitsche Gebrauch zu machen. Ich bin ein friedlicher Mann, der jede Gewalttat haßt, und ich verlange von Euch nichts als mein Recht.
Mein Schwiegersohn befindet sich hier im Gefängnis, und da ich weiß, daß Ihr ein ganz gewissenloser Schurke seid, dem es auf eine Lüge mehr nicht ankommt, so will ich nun von meinem Schwiegersohn selbst hören, weshalb er hier gefangen sitzt. Hat er sich gegen das Gesetz vergangen, so soll er die ihm gebührende Strafe auch leiden, aber nach Recht und Gesetz und nicht nach Eurer Willkür, und erst dann, wenn seine Wunde es gestattet, denn so bestimmt es das Gesetz.
Ihr werdet mich jetzt zu ihm führen. Solltet Ihr einen Versuch machen, mir zu entrinnen oder Hilfe zu rufen, so würdet Ihr die Folgen davon selbst zu tragen haben. Vorwärts nun, ich folge Euch."
Bleich vor Wut, aber keine Erwiderung wagend, schritt der Delegado zur Tür, und beide begaben sich nun zu der im Erdgeschoß befindlichen Zelle, in welcher Heidenreich mit einer vernachlässigten Schußwunde im Schenkel, und ohne bisher irgendwelche Nahrung empfangen zu haben, in heftigem Wundfieber auf dem feuchten Boden lag.
"Also so würde der Gefangene bis morgen gelegen haben," wandte sich Braun in strafendem Tone an den Delegado, "wenn ich in diesem lande, wo, Gott sei es geklagt, nun einmal Gewalt vor Recht geht, nicht auch zur Gewalt gegriffen hätte."
Der Delegado, der einen bedeutenden Respekt vor dem grimmigen alten Alemão bekommen zu haben schien, versuchte zu seiner Entschuldigung vorzubringen, daß er nicht gewußt habe, daß der Gefangene so leidend sei, und daß man ihm nur aus Versehen nichts gereicht habe.
"Glaubt ihm nicht, Schwiegervater," stöhnte Heidenreich. "Er hat alles selbst so angeordnet. Ich sollte, wie ich ihn habe sagen hören, so lange ohne Speise und Trank hier liegen, bis ich angäbe, wo Ihr mit den übrigen hingezogen wäret."
Mit Hilfe Baumanns und seines Schwagers wurde nun Heidenreich, nachdem man ihm einen Trunk Wasser gereicht, auf eines der Pferde gehoben, um nach dem Lager transportiert zu werden.
"Ihr, Senhor, werdet uns so weit begleiten, als ich es zu unserer Sicherheit für nötig halte," wandte Braun sich an den Delegado. "Ihr braucht dabei keine Angst um Leib und Leben zu haben," setzte er hinzu, als er sah, wie der Feigling erbleichte. "Ihr dürft versichert sein, es wird Euch, wenn Ihr Euch ruhig fügt und keinen unnützen Lärm macht, kein Haar gekrümmt werden. Ich wünsche Eure Begleitung nur, weil ich sonst fürchten müßte, daß Ihr uns sogleich Eure Häscher nachsenden würdet, wenn wir ohne Euch wegzögen. Habt die Güte, dieses Pferd zu besteigen. Wenn Ihr rufen oder sonst Lärm machen solltet, so würdet Ihr im nächsten Augenblick ein toter Mann sein, denn ich würde es nicht für eine Schande halten, aus Notwehr und in der Verteidigung meines Rechts einen Schurken wie Euch über den Haufen zu schießen."
Völlig unbelästigt, verließ der seltsame Zug das Städtchen.
Mochten auch die Bewohner es sehr auffallend finden, daß der stolze Delegado sich plötzlich herabließ, in Gesellschaft der Ansiedler zu reiten, so dachten sie vielleicht, daß er, der für jeden Zahlenden zugänglich war, dabei sein Schäfchen schere. Den wirklichen Zusammenhang ahnte niemand.
Braun hatte, um den Delegado nicht auf die Spur zu leiten, absichtlich den Streckenweg, welchen man von Port Feliz zum Lager hätte nehmen können, vermieden und statt dessen den zu der alten Ansiedlung eingeschlagen, wo man gegen Mittag ankam.
"Es steht jetzt Eurer Rückkehr nichts mehr im Wege," wandte er sich an den Delegado, "doch werdet Ihr Euch nun entschließen müssen, den Weg zu Fuß zu machen, da wir unsere Pferde und Maultiere nicht gut entbehren können.
Ebenso bin ich auch nicht imstande, Euch ein Frühstück anbieten zu können, da unsere ehemaligen Wohnungen von Machedos Leuten völlig ausgeplündert sind und wir deshalb selbst nichts haben. Im übrigen, Senhor, habt Ihr nichts zu befürchten, daß Ihr mein Gesicht, welches Euch nach den heutigen Vorgängen nur unangenehme Erinnerungen hervorrufen könnte, nochmals wiederseht, da wir schon heute den Bezirk von Port Feliz für immer verlassen werden, um uns in einer anderen Gegend eine neue Heimat zu gründen."
Nicht wissen, aber Wissen vortäuschen, ist eine Untugend. Wissen, aber sich dem Unwissenden gegenüber ebenbürtig verhalten, ist Weisheit.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon Itacare » Fr 29. Aug 2014, 17:01

na endlich wird sich gewehrt, dachte schon das sind keine echten Alemaos!
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