Die Geschichte von São Paulo

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Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon BrasilJaneiro » Sa 16. Aug 2014, 18:12

Für alle Fans von abenteuerlicher und geschichtlicher Literatur möchte hier die Geschichte von São Paulo als Roman niederschreiben. Je nach Zeit immer einen Teil.
Nicht wissen, aber Wissen vortäuschen, ist eine Untugend. Wissen, aber sich dem Unwissenden gegenüber ebenbürtig verhalten, ist Weisheit.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon BrasilJaneiro » Sa 16. Aug 2014, 18:13

Teil 1:

Etwa fünf Meilen von Port Feliz in der brasilianischen Provinz São Paulo, in einem der fruchtbaren Seitentäler, die von den Zuflüssen des Rio Tiete durchströmt werden, hatte sich eine Gesellschaft deutscher Auswanderer niedergelassen und eine neue Heimat gegründet.
Die kleine Kolonie bestand aus fünf Familien, welche, aus einunddemselben Dorfe stammend, die Reise über den Ozean gemeinschaftlich gemacht, in dem fremden Lande bei gegenseitiger Hilfe ihre ferneren Schicksale in guten und bösen Tagen gemeinsam zu tragen beschlossen hatten und nun hier in guter Freundschaft und Nachbarschaft zusammen lebten.
Ursprünglich war es die Absicht unserer Auswanderer gewesen, sich nach der weiter südlich liegenden Provinz Rio Grande zu wenden, deren Klima und sonstige Verhältnisse ihnen als für Deutsche ganz besonders passend empfohlen waren.
Während ihres Aufenthaltes in Rio de Janeiro hatten sie jedoch durch einen Agenten, mit welchem sie zufällig zusammengekommen waren, in Erfahrung gebracht, daß eben an der Stelle, welche sie jetzt bewohnten, eine noch unbesiedelte Regierungskolonie sich befinde.
Unter dieser Bezeichnung versteht man Land, welches noch im Besitz der Regierung ist und gegen Zahlung der gewöhnlichen Staatsabgaben vergeben wird; im Gegensatz zu solchen Kolonie-Distrikten, welche bereits in die Hände von Landspekulanten übergegangen und entweder gegen hohen Preis oder gegen Übernahme meist sehr drückender Verpflichtungen, namentlich persönlicher Dienstleistungen, von diesen erworben werden muß.
Die Bewohner der Kolonie "Hessendorf", wie man die Ansiedlung zur Erinnerung an die einstige Heimat nannte, hatten bis jetzt alle Ursache gehabt, dem Zufall, der sie hierhergeführt, dankbar zu sein; denn nachdem sie einmal das unvermeidliche Lehrgeld gezahlt hatten, welches dem Auswanderer in der Fremde, wo ihm überall neue, ungewohnte Verhältnisse entgegentreten, niemals erspart bleibt, nahm die kleine Kolonie einen erfreulichen Fortgang, und die zur ersten Urbarmachung des Bodens angewandte Mühe begann sich reichlich zu lohnen.
So hatten die fünf Familien etwa zwei Jahre hier gewohnt; statt der anfänglichen Hütten hatten sie sich während dieser Zeit geräumige Häuser gebaut, sodann bequeme Wege durch Feld und Wald hergestellt, Sümpfe ausgetrocknet und Brücken geschlagen. Sie durften nun, wo das Schwerste hinter ihnen lag, mit Stolz auf ihr Werk zurückblicken, an dem so mancher Schweißtropfen klebte.
Die letzte Ernte war so günstig ausgefallen, daß man nach Deckung des eigenen Bedarfs für das nächste Jahr noch einen nicht unbeträchtlichen Teil zum Verkauf übrigbehielt.
Heute nun war Andreas Braun, der älteste von den fünf Familienvätern, dem man stillschweigend die Leitung der Kolonie übertragen hatte, in Begleitung seines und des ältesten Sohnes des Kolonisten Lange nach Port Feliz geritten, um auf dem Markte die Ladung Produkte abzusetzen, die man mit Rücksicht auf den noch nicht überall fahrbaren Weg auf Maultieren dorthin gebracht hatte.
Der Tag ging zur Neige.
Die Sonne war hinter den hohen Wipfeln des die Kolonie umgebenen Urwaldes hinabgesunken, und die Ansiedler hatten sich, von der Arbeit ausruhend, mit ihren Familien, wie gewöhnlich um diese Tageszeit, unter dem vor Brauns Hause stehenden, breitästigen, alten Kastanienbaum versammelt, um dort von den Vorkommnissen des Tages, dem Wetter, dem Vieh und der Ernte zu sprechen oder auch von der fernen Heimat zu plaudern.
Nicht wissen, aber Wissen vortäuschen, ist eine Untugend. Wissen, aber sich dem Unwissenden gegenüber ebenbürtig verhalten, ist Weisheit.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon BrasilJaneiro » So 17. Aug 2014, 11:22

Teil II:

Heute durfte man sich von diesem Zusammensein einen ganz besonderen Genuß versprechen, da es um die Zeit war, in der man die Marktgänger zurückerwartete, von denen man außer den Mitteilungen über die von ihnen gemachten Geschäfte auch vielleicht noch eine neue Nachricht aus der Welt zu erfahren hoffte.
Nach kurzer Zeit vernahm man denn auch aus der Ferne den Klang des Glöckchens, welches das Leittier einer Tropa - ein Trupp von Maultieren - zu tragen pflegt, und zugleich kam das Söhnchen des Kolonisten Heidenreich, welches mit den übrigen Kindern in der Nähe gespielt hatte, jubelnd herbeigelaufen und verkündete, daß der Großvater komme, worauf es sich schleunigst umwandte und den Ankommenden entgegenstürmte, um zu erfahren, was man ihm von der Reise mitgebracht habe.
Während die beiden jungen Leute die ermüdeten Maultiere abschirrten, trat Braun zu den versammelten Nachbarn, welche ihn grüßend und mit Fragen bestürmend von allen Seiten umringten.
Aus dem Tone, mit welchem der Alte ihre frohe Begrüßung erwiderte, konnte man sogleich entnehmen, daß er schlechter Laune sei, und daß man demnach wohl nicht allzuviel von dem gemachten Geschäfte erwarten dürfe.
Sichtlich erschöpft, ließ sich der Alte auf den ihm freigemachten Sitz nieder und wischte sich, den breitrandigen Basthut vor sich auf den Tisch liegend, mit dem Ärmel seiner Jacke den Schweiß von der Stirn.
Der sonst so gesprächige und mitteilsame Mann schien heute gar nicht zu bemerken, wie aller Blicke erwartungsvoll auf ihn geheftet waren, denn er verharrte trotz der an ihn gerichteten vielen Fragen in stummem Vorsichhinbrüten.
"Du bist doch nicht krank, Vater?" unterbrach endlich Brauns Tochter das beängstigende Schweigen.
"Nein, mein Kind," versetzte Braun in einem weichen und gedrückten Tone, der seinen sonstigen munteren, frischen Wesen wenig entsprach und den seine Nachbarn und Angehörigen nicht an ihm gewohnt waren, "krank bin ich, Gott sei Dank, nicht, aber es ist mir doch recht schlecht und jämmerlich zumute, und du könntest mir wohl einen frischen Trunk bringen, denn es sitzt mir etwas in der Kehle, was nicht herauf noch hinunter will. - Na, einmal muß es ja doch gesagt werden," setzte er, wie zu sich selbst sprechend, leise hinzu - "und vielleicht wird mir auch besser, wenn ich`s erst einmal vom Herzen herunter habe. - Um es kurz zu machen," fuhr er, zu seinen Nachbarn gewandt, fort, "wir müssen von hier weg, und zwar bald, in ein paar Tagen schon, da das Land hier einem anderen gehört, und zwar jenem Agenten Machedo, der uns damals veranlaßt hat hierherzuziehen."
"Das ist ja aber gar nicht möglich," warf der Kolonist Sommer ein, "woher habt Ihr denn die Nachricht?"
"Nachdem wir heute morgen unsere Produkte zu guten Preisen verkauft hatten," fuhr Braun fort, "ging ich zum Delegado (Bezirksbeamten), um ihm die Abgaben für das laufende Jahr zu entrichten, und erfuhr dort, was ich euch eben berichtet habe. Der Agent Machedo hat ihm den Landschein über das von uns in Besitz genommene Land vorgelegt und verlangt nun auf Grund desselben, daß wir es ihm entweder nach dem jetzigen Wert abkaufen oder sogleich verlassen."
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon Itacare » Mo 18. Aug 2014, 19:47

Da sieht man es wieder: wer schreibt, der bleibt!
Und wie geht es weiter?
Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon Cheesytom » Di 19. Aug 2014, 01:44

Zitat Brasiljaneiro: "Für alle Fans von abenteuerlicher und geschichtlicher Literatur"

Mir fehlt bis jetzt das abenteuerliche, aber warten wir es ab und bei "geschichtliche Literatur" fällt mir als erstes "Krieg und Frieden" von Tolstoi ein. Daran z.Bsp. sollte man sich dann messen lassen, wenn man sich soweit aus dem Fenster lehnt.

Natürlich bin ich fies, wenn man mich beleidigt...

Übrigens hat dieses Werk 5 von 5 möglichen Sternen in meinem Verständnis von abenteuerlichem und geschichtlichen Romanen und hier habt ihr es total legal (70-Jahre Uhrheberrecht, also 70 Jahre nach dem Tod des Autors) auf eurem Kompi:

http://upload.studwork.org/order/71112/Tolstoj,%20Lev%20Nikolaevic%20-%20Krieg%20und%20Frieden.pdf
Gruss aus Maceió, Alagoas
Thomas
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon BrasilJaneiro » Di 19. Aug 2014, 06:08

"Wenn es einmal nicht anders sein kann," unterbrach der Kolonist Lange nach einiger Zeit das infolge der Mitteilung Brauns entstandene Schweigen, "so müssen wir eben in den sauren Apfel beißen und den Versuch machen, uns mit dem betrügerischen Agenten abzufinden; denn es ist besser, seine, wenn auch unrechtmäßige Forderung zu befriedigen, als uns von dem einmal besiedelten und uns liebgewordenen Boden zu trennen. Es versteht sich dabei von selber, daß der Agent nur den Preis für den Boden, wie er bei unserer Ankunft war, fordern kann; nicht aber den jetzigen Wert desselben, denn wir müßten ihm ja sonst unsere und unserer Frauen und Kinder Arbeit bezahlen."
"Wollte Gott, daß die Sache so stände, Nachbar, wie Ihr sie anseht," versetzte Braun, "das ist aber leider nicht der Fall. Der Agent verlangt als Kaufpreis für die Ansiedlung den Betrag von fünfhundert Milreis, eine Summe, welche zu erschwingen uns völlig unmöglich ist, um so mehr, als er, im Falle wir die Ansiedlung kaufen wollen, unsere Produkte und etwa entbehrliches Vieh, was er alles gleichsam als sein Eigentum ansieht, zu verkaufen."
Trotz den geringen Hoffnungen, welche die Ansiedler nach Brauns Mitteilung für die Erhaltung ihres Eigentums hegen konnten, beschloß man, noch einen Versuch zu machen, ob Machedo, welcher sich zur Zeit in Port Feliz befand, nicht doch der Billigkeit Gehör gebe und mit sich handeln lasse.
Gleich am nächsten Morgen ritten die fünf Männer zur Stadt, um ihr Glück zu versuchen. Wie Braun vorhergesagt hatte, war alle Mühe, mildere Bedingungen zu erlangen, vergebens.
Der Bösewicht ging so weit, daß er sogar das bewegliche Eigentum der Ansiedler als Entschädigung für die zweijährige Benutzung seines Bodens beanspruchte, während er jede Entschädigung für die Urbarmachung des Bodens, den Bau der Häuser, Wege und Brücken, wodurch die Ansiedlung erst ihren Wert bekommen hatte, höhnisch lachend zurückwies, da er zu jenen Arbeiten keinen Auftrag gegeben hatte.
Die Kolonisten standen einer solchen Willkür und Rücksichtslosigkeit rat- und schutzlos gegenüber, denn so klar auch das Unrecht auf der Hand lag, welches der Agent mit seiner Forderung beging, so hatte er doch das Gesetz auf seiner Seite.
Der Kolonist Sommer, ein etwas aufbrausender Mann, sprang in der Erregung über eine so himmelschreiende Ungerechtigkeit, durch welche fünf fleißige Familien um den Erfolg aller ihrer Mühen gebracht und als Bettler in das Elend getrieben wurden, auf den Schurken los und würde ihn zu Boden geschlagen haben, wenn nicht der alte Braun ihm den Arm gehalten und ihn so von einer unüberlegten Tat abgehalten hätte.
"Um des Himmels willen, Nachbar, begeht keine Torheit," bat er. "Mit Gewalt richtet Ihr hier nichts aus, sondern macht die Sache damit nur schlimmer. Der Agent hat den Buchstaben des Gesetzes für sich, und wir müssen uns fügen. Ihr könnt mir glauben, daß ein Mann, der wie ich seine sechzig Jahre auf dem Rücken hat, gewiß nicht gern seine bisherige Heimat aufgibt und mit den Seinen hinauszieht; aber dennoch werde ich es ohne Widerstreben tun, weil ich es unterden gegenwärtigen Verhältnissen für das Klügste halte."
Mit schwerem Herzen traten die Männer den Rückweg zur Ansiedlung an, wo ihre Frauen und Kinder in banger Spannung ihrer harrten, und mehr als einmal fuhren Worte des Zornes über ihre Lippen, während der alte Braun in stiller Ergebung sein Schicksal trug.
Wohl fühlte auch er sein Auge feucht werden, als man das Tal erreichte und er nun seine ihm liebgewordene Heimat vor sich liegen sah, auf der jeder Stein und jede Scholle die Spuren seiner Arbeit trug, und die er nun nach zweijähriger vergeblicher Mühe verlassen mußte, statt, wie er gehofft, hier seine Tage in Ruhe beschließen zu können; doch schnell hatte er die ihn überkommende Schwäche besiegt, denn er fühlte, daß er, den alle als ihren Führer und Ratgeber betrachteten, und dem also jetzt aufs neue die Sorge für das Wohl aller oblag, jetzt mehr als jemals seinen Kopf oben behalten müsse, wenn es gelingen sollte, die Frauen und Kinder, die daheim ihrer Männer und Väter harrten, in dem fremden Lande vor Not und Elend zu bewahren und ihnen eine neue und glückliche Zukunft zu bereiten.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon Karmapa » Di 19. Aug 2014, 23:30

Wenn ich wieder Zeit habe, werde ich deinen Beitrag in Ruhe lesen.
Danke,schon jetzt fuer deine Liebe und Aufmerksamkeit die du dieser Stadt entgegenbringst.
Fora Cunha !
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon BrasilJaneiro » Mi 20. Aug 2014, 06:54

Teil IV:

Brauns sämtliche Nachbarn waren der Ansicht, daß man, da in Güte nichts zu machen gewesen sei, es nun darauf ankommen lassen und nötigenfalls Gewalt der Gewalt entgegensetzen solle.
"Wir sind, Euren und Langens ältesten Sohn mitgerechnet, sieben waffenfähige Männer," sprach Sommer zu dem Alten, "und ich glaube nicht, daß Machedo, wenn er nicht eine zehnfache Übermacht gegen uns auf die Beine zu bringen vermag, es wagen wird, uns anzugreifen; denn diese Brasilianer sind feiges Gesindel und wissen, daß wir Deutschen nicht mit uns spaßen lassen. Gehen wir aber, daß wir unterliegen würden, so können wir noch immer die Ansiedlung verlassen und uns anderswo eine neue Heimat suchen."
"Sommer hat recht," riefen auch die übrigen,"also laßt uns bleiben, wo wir sind."
"Ich bin nicht eurer Ansicht," versetzte Braun. "Dass man uns ein himmelschreiendes Unrecht antut, weiß ich jaselbst und würde deshalb, wenn wir fünf, wie wir hier sind, für uns allein zu sorgen hätten, nichts dagegen haben, daß wir durch einen gemeinsamen Widerstand den Agenten zwängen, uns gerechte und billige Bedingungen zu bewilligen; doch wir müssen zunächst an unsere Frauen und Kinder denken.
Ich kann es nicht verantworten, die Meinigen den Gefahren auszusetzen, welche mit einem bewaffneten Widerstande verknüpft sein würden. Dass die Brasilianer, die, wo es gegen uns Ausländer geht, alle unter einer Decke stecken, kurzen Prozeß mit uns machen und zu den strengsten Gewaltmaßregeln schreiten würden, davon könnt ihr überzeugt sein. Mein Rat ist deshalb, daß wir uns in das Unvermeidliche fügen und wenigstens unsere bewegliche Habe zu retten suchen.
Diese, auf welche dem Agenten keinerlei Recht zusteht, werde auch ich, wenn es sein muß, verteidigen, weil ich das meinen Kindern schuldig bin, deren Zukunft zum Teil von der Erhaltung des beweglichen Eigentums abhängt. Wenn wir unser Vieh und Geschirr nebst den für einige Monate nötigen Nahrungsmitteln retten, so können wir mit Gottes Hilfe an einer anderen Stelle bald das wiedererlangt haben, was wir jetzt hier aufgeben.
Wem also die Sorge für Frau und Kinder mehr gilt als sein harter Kopf, der folge meinem Rate."
Baumann, Brauns Schwiegersohn, und Heidenreich erklärten sich nach kurzem Überlegen für dessen Ansicht, während Sommer und Lange auf ihrem ersten Plan bestanden und auch ohne die Hilfe ihrer drei Nachbarn ihr Recht verteidigen zu wollen erklärten.
Die von den Männern mitgebrachten Nachrichten erregten bei den Daheimgebliebenen lauten Jammer. Brauns Haus war das einzige, in welchem man sich still fügte, wenn auch dort von Brauns Frau, welche gleichfalls schon bei Jahren war und mit banger Sorge der Zukunft ihrer zahlreichen, zum Teil noch kleinen Kinder gedachte, manche heimliche Träne vergossen wurde.
Vater Braun fühlte angesichts der ihm und den Seinen drohenden Gefahr seine alte Tatkraft wiederkehren.
Zu Hause angelangt, bestimmte er sogleich alles das, was beim Verlassen der Ansiedlung mitgenommen werden solle, und packte dann mit Hilfe seiner Kinder alles so ein, daß man es ohne Zeitverlust auf die Maultiere laden konnte.
Es ging, als amn mit diesen Vorbereitungen fertig geworden war, schon stark auf den Abend zu, und Braun begab sich nun zu seinen Nachbarn, um zu sehen, wie weit diese gekommen seien.
Heidenreich und Baumann waren gleichfalls zum Verlassen der Ansiedlung gerüstet; Sommer und Lange hingegen hatten die Zeit benutzt, um sich in ihren Häusern zu verschanzen, und blieben auch jetzt noch dabei, nur der Gewalt weichen zu wollen.
Vergebens bot Braun nochmals alles auf, um sie von ihrem unsinnigen Vorhaben abzubringen.
Man hörte jedoch nicht auf seine Worte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als von den alten Nachbarn Abschied zu nehmen, was er mit schwerem Herzen tat.
Schon wieder auf dem Wege zu seinem Hause begriffen, vor welchem sich jetzt die mit der Habe der Wegziehenden beladene Tropa zu ordnen begann, kam ihm plötzlich ein guter Gedanke, der ihm, ungeachtet seiner trüben Stimmung, ein Lächeln abnötigte.
"Wenn Ihr durchaus nicht mit uns ziehen wollt," sprach er zu Sommer, der ihn hatte kommen sehen und ihn an der Tür erwartete,"so könnt ihr mir Euer Pferd und drei von Euren Maultieren auf ein paar Tage überlassen. Ich kann mit den meinigen nicht alles, was wir mitnehmen wollen, wegschaffen."
Sommer erklärte sich sogleich bereit, die Tiere, die ihm bei einem etwa bevorstehenden Kampfe nur lästig waren, abzugeben, und Braun sandte, sobald er mit ihnen vor seinem Hause angelangt war, seinen Schwiegersohn ab, um bei Lange ein gleiches Ansuchen zu stellen, welches ebenfalls bewilligt wurde.
Diese Vermehrung der Packtiere machte es den Wegziehenden möglich, eine größere Menge Lebensmittel mit sich zu führen, als man anfänglich vermocht hätte; dann aber - und das war für Braun die Hauptsache und der eigentliche Grund, der ihn zum Leihen der Tiere veranlaßt hatte - wurden diese ihren Eigentümern erhalten, wenn der Agent, wie Braun nicht zweifelte, zur Ausführung seiner Drohung schritt.
Braun hatte im Einverständnis mit Heidenreich und Baumann beschlossen, sich nordwärts zum Rio Pardo zu wenden, wo man sicher war, noch Regierungsland anzutreffen.
Der größte Teil der Tropa schlug gleich unterhalb der Ansiedlung, wo weite Campos (Grasflächen) sich ausdehnten, die Richtung dorthin ein, wobei man die Vorsicht anwandte, die Tiere einzeln und soviel als möglich durch weite Zwischenräume voneinander getrennt gehen zu lassen, um so das Zurückbleiben einer auffallenden Spur zu vermeiden.
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon Berlincopa » Mi 20. Aug 2014, 17:28

BrasilJaneiro hat geschrieben:Für alle Fans von abenteuerlicher und geschichtlicher Literatur möchte hier die Geschichte von São Paulo als Roman niederschreiben. Je nach Zeit immer einen Teil.



Schreibst Du das ab oder fasst Du verschiedene Bücher zusammen?
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Re: Die Geschichte von São Paulo

Beitragvon Cheesytom » Do 21. Aug 2014, 03:48

Ein Kasten 600 ml Heineken dafür, dass dieser Text nicht aus seiner Feder ist. Irgendjemand dagegen?

P.S.: Bico molhado beim Gewinner...
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