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Mal empfangen sie ihn mit einem Hagel von Pfeilen, mal flüchten sie überstürzt – Sydney Possuelo stößt bei jenen, die er vor Ausrottung schützen will, anfangs stets auf Mißtrauen und Feindseligkeit. Seit über vierzig Jahren streift Possuelo als „Sertanista“, Waldläufer, nur zu oft monatelang ganz allein durch Amazonien, sucht Kontakt zu den letzten, völlig isoliert lebenden Indiostämmen. Derzeit sind es noch etwa zwei Dutzend, die ebenfalls allen Grund haben, den Weißen nicht zu trauen, von schlimmsten Untaten erfuhren, Massaker überlebten. „Früher war es völlig normal, daß bei Expeditionen der staatlichen Indianerbehörde FUNAI in Stammesgebiete stets vierzig, fünfzig Indios getötet wurden – das konnte ich nicht akzeptieren!“ Die staatliche Erdölgesellschaft Petrobras steckte ganze Indiodörfer in Brand. 1987, kurz nach der Militärdiktatur, gründet Possuelo eine eigene FUNAI-Abteilung für isolierte Stämme, will mit allen Mitteln das brachiale Eindringen von bewaffneten Goldgräbern, Großgrundbesitzern und Bergbaufirmen in den Lebensraum der Ureinwohner verhindern. Denn stets wurden auch Seuchen eingeschleppt, tödliche Krankheiten verbreitet, gegen die Indianer keine Abwehrkräfte besitzen, deshalb zu hunderten, gar tausenden starben. Possuelo erzielte zumindest Teilerfolge, wird Brasiliens auch international bekanntester Indianerexperte. Sogar die britische Königin ehrt ihn letztes Jahr in London für seine Verdienste. Kaum zu glauben – das Tropenland hat nur noch vier Sertanistas. „Viele waren wir nie – in Brasilien hat immer nur eine kleine Minderheit die Menschenrechte verteidigt.“
Der bärtige Possuelo, Vater von sechs Kindern, überlebte Abstürze von Kleinflugzeugen im Urwald, versank mit dem Kanu immer wieder in reißenden Strömen, verlor gar Zähne, als ihn Indiogegner attackierten, sich mit ihm prügelten. Kaum jemand verwirklichte wohl den Traum von Abenteuer und Urwaldromantik so intensiv wie er „Man muß im Leben auch ein bißchen verrückt sein, Grenzen überschreiten, nicht nur immer brav im Gatter bleiben.“ Als Possuelo am Rio Jutai auf ein isoliertes Indiodorf stößt, rennen wiederum die rund fünfzig Bewohner vor ihm und seinen wenigen Begleitern, akkulturierten Indios, davon, verstecken sich im Urwald. In den Tontöpfen auf dem Feuer brutzeln noch sieben verschiedene Sorten von Affenfleisch, zurückgelassen werden auch das Pfeilgift Curare und vier Meter lange Blasrohre, mit denen wilde Tiere lautlos und präzise erlegt werden. Ein mulmiges Gefühl in der kleinen Expedition – jeden Moment könnten vergiftete Pfeile schwirren. Doch alles geht glimpflich ab. Possuelos Waldläufer-Kollege Meirelles Junior indessen wurde erst unlängst von einem „Indio isolado“ mit einem Pfeil am Kopf getroffen, mußte per Hubschrauber in eine Klinik geflogen werden. In den letzten Jahren kamen auf ähnliche Weise immerhin über hundert FUNAI-Mitarbeiter ums Leben. „Alles Konsequenz des Drucks, unter dem die Indios leiden“, analysiert Meirelles Junior. Waren die fern der sogenannten Zivilisation lebenden Stämme früher tatsächlich glücklicher? Possuelo bejaht dies. „Je mehr sich Brasiliens Indianer unserer materialistisch-technologischen, doch spirituell so armen, modernen Welt kulturell annähern, umso unglücklicher werden sie.“ Große Ethnien mit einer reichen Feierkultur seien dramatisch dezimiert worden. „Deshalb treffen wir heute bestenfalls noch auf isolierte Gruppen von vierzig, siebzig oder maximal einigen hundert Angehörigen – manchmal hat sogar nur noch ein einziger Indio überlebt.“ Der Waldläufer nennt es skandalös, direkt unanständig, solche Stämme ohne Schriftsprache und Geldverkehr sozusagen gewaltsam in das Universum der Weißen hineinzustoßen. Annäherung und Integration seien unaufhaltsam, sollte aber so lange wie möglich aufgeschoben werden. „Andererseits könnten die Indios eines Tages von sich aus ihre Isolation aufbrechen.“ Wütend macht ihn die Zerstörung Amazoniens durch das Agrobusiness, die hochtechnisierte Landwirtschaft. „Der massenhafte Soja-Anbau ist eine regelrechte Pest, vernichtet immer mehr Urwald, bedroht die Existenz der Indianer!“ Brasiliens Soja wird größtenteils in die USA und nach Europa exportiert, dient dort als billiges Viehfutter.
-- Indio-Infantizid—
Vor allem in Europas Medien wurde es Mode, aus scheinheiliger „politischer Korrektheit“ völkerkundliche Fakten aus der Dritten Welt gezielt zu unterdrücken. Sydney Possuelo hat indessen keinerlei Probleme damit, außergewöhnliche Stammestraditionen, darunter die Kindstötung, zu erläutern. So halten Indiomütter verschiedener Stämme weiterhin an dem Brauch fest, mit Mißbildungen wie Blindheit oder Bewegungsschäden zur Welt gekommene Babys sofort zu töten. Nach indianischer Logik wären diese Kinder unter den harten Bedingungen der Wildnis nicht überlebensfähig. In einer Entbindungsstation der Amazonasstadt Manaus hatten Hebammen, ohne Kenntnis des Brauchs, einer Yanomami-Mutter die Defekte an den Geschlechtsorganen ihres gerade geborenen Sohnes erklärt und sie daraufhin alleine gelassen. Die Frau tötete das Kind auf der Stelle. Sie kann dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden, da laut Gesetz nicht akkulturierte Indios als strafunmündig angesehen werden. Gemäß einem Experten der staatlichen Indianerschutzbehörde FUNAI dulden die über zehntausend Yanomami-Indios keine Kinder mit Geburtsfehlern:“Wenn ein Baby mit einem physischen Problem zur Welt kommt, das später verhindert, alle Lebensfunktionen zu übernehmen, wird es sofort eliminiert.“
Das Indianerkulturzentrum in Sao Paulo erläutert, daß bei den noch traditionell lebenden Stämmen zudem bei Zwillingsgeburten stets eines der beiden Babys getötet wird. Die Mütter sähen es als unmöglich an, sich im komplizierten Urwaldalltag um zwei Kinder gleichzeitig zu kümmern und daneben auch noch die Wildnis zu durchstreifen, alle nötigen Arbeiten zu tun. Jedes erwachsene Individuum müsse dazu fähig sein, ohne fremde Hilfe zu überleben.
Indianergruppen, die im Einflußbereich kirchlicher Missionsstationen leben, haben den Angaben zufolge den Brauch der Kindstötung abgelegt, ließen sich davon überzeugen, daß es sich dabei um eine Sünde handele. Auch ist bekannt, daß Nonnen jene Kinder aufziehen, die andernfalls getötet worden wären.
Im Alto Xingu gehört bei den Stämmen der Iaualapitis,Camaiuras, Cuicuras und Meinacos noch diese Art der Kindstötung zum Alltag, betonen Anthropologen. Die Mütter, heißt es, verscharren Kinder mit Behinderungen, aber auch solche, die Resultat von Ehebruch, Inzest oder sexueller Gewalt sind, sofort nach der Geburt. Zudem gibt es Stämme, die beide Zwillinge töten. Nach indianischem Glauben sei eines der Kinder gut, das andere böse. Da man nicht wisse, welches das gute sei, opfere man eben beide.
Sydney Possuelo ist der Meinung, daß solcher „Infanticidio“ keineswegs als Straftat angesehen werden dürfe:“Es handelt sich hier um seit vielen Generationen überlieferte Traditionen.“ Possuelo erinnert an die Niederschriften des Brasilienreisenden Pero Vaz de Caminha, der die Schönheit der indianischen Körper herausstellte. „Die Europäer, mit einer ganzen Serie von Krankheiten befallen, trafen auf dunkelhäutige Indianer, mit schöner, glatter Haut. Physische Defekte waren mit der Zeit durch den Infantizid eliminiert worden, wie durch eine Auswahl der besten Gene. Derartiges schockiert unsere Gesellschaft – aber wir provozieren doch viel heiklere Dinge, die nicht den geringsten Nutzen bringen. In einer indianischen Gemeinde ist jeder einzelne verantwortlich für alles, was er ißt und benutzt. Ein Behinderter kann nicht richtig jagen. Im Falle der Zwillinge tötet man manchmal das Erstgeborene. Man muß einfach sehen, daß sich eine Indiomutter vom Morgen bis in die Nacht um ihr Kind kümmert. Sie wird erst dann ein weiteres Kind bekommen, wenn das andere nicht mehr gestillt werden muß. In jedem Kontext handelt man auf bestimmte Weise, aber ich denke, wenn die Tradition bestimmt, daß ein Baby nicht lebenbleiben soll, würde ich das respektieren, selbst wenn es wehtut. Andernfalls würde ich die Indianerrechte verletzen. Ich weiß von Leuten, die eingegriffen haben, aber ich würde das nicht tun.“
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