Die Quadratur des Erfolges
Vier Mannschaften sind im WM-Turnier verblieben, doch der Top-Favorit Brasilien ist nicht unter ihnen. Dabei präsentierten die Brasilianer ihr magisches Viereck voller Starspieler. Für einen WM-Erfolg sind jedoch andere Komponenten entscheidend.
Waren die Viertelfinalspiele nun gut oder schlecht? War früher alles besser? Oder gehen wir der Reklame auf den Leim, die uns seit Monaten erzählt, Fußball sei eine unendliche Abfolge von Kunststücken? Wer sonst nur Werbespots guckt, den mögen die Matches unendlich gelangweilt haben. Für den Fan des kalten Dramas, der melodramatischen Tragödie und des großen Heldenepos war allerdings eine Menge dabei.
Die Auferstehung Zidanes zum Beispiel. Als er nach einen gruseligen Auftritt gegen Südkorea vom Platz schlurfte, um die Kabinentür einzutreten, fürchtete so ziemlich jeder Fan: Dieser alte Mann steht nie wieder in Fußballschuhen. Nichts da. Er kam zurück. Und wie. Zidane hat jedem Mann über 30 Kraft gegeben für zehn weitere Jahre.
Oder das öffentliche Zerbröseln von Brechvogel Beckham. Mag ja sein, dass er sich gegen die Portugiesen wirklich arg verletzt hat. Der Psychologe würde indessen vermuten, dass ihm die innere Stärke fehlte, sich selbst und die Mannschaft zum Sieg zu führen, erst recht nicht durch ein Elfmeterschießen. Da hat er sich lieber rechtzeitig verkrümelt. Ausgerechnet die kleinen, frechen Portugiesen waren, was David und die Insel-Uschis so gerne gewesen wären: coole Säue.
Wer etwas über modernen Fußball lernen wollte, der bekam in diesen Viertelfinals jede Menge hochspannenden Unterricht. Individuelle Überlegenheit wie etwa die der Brasilianer reicht nicht mehr aus. Es ist vielmehr ein magisches Quadrat mit vier Pfosten gefragt: das Talent des Spielers, seine Fitness, die Strategie und das Psychoklima. Spitzenmannschaften sind auf allen Gebieten erstklassig vorbereitet, deswegen fallen die Ergebnisse auch so knapp, aber gerecht aus. Erdrückende Überlegenheiten gibt es kaum noch; es ist immer der Mix, der den Sieg macht.
Beim amtierenden Weltmeister stimmte diese Mischung gar nicht. Die ebenso selbstverliebten wie überspielten Brasilianer zeigten Beamtenfußball, der leicht auszurechnen war. Obendrein fehlte der Wille, von der ersten Minute an zu kämpfen. Frankreich hat diese offenkundigen Schwächen eiskalt genutzt. Les Bleues haben geringfügige individuelle Nachteile durch überlegene Psyche und schlaue Strategie ausgeglichen.
Ganz ähnlich war es bei Portugal und den Deutschen. Am Ende haben sie durch körperliche und geistige Kraft gewonnen, und zwar im wichtigsten Moment: beim Elfmeterschießen. Wie es um Kraft und Willen der Schützen bestellt war, ließ sich ablesen an der Art, wie sie zum Punkt gingen: Stracks und aufrecht oder verhalten grüblerisch. Den Rest erledigten die Torwarte.
Ob die Italiener in diesem Halbfinale etwas zu suchen haben, wird sich zeigen. Sie sind die einzigen, die bislang kein einziges großes Spiel machen mussten, um soweit zu kommen. Dienstag in Dortmund werden die Gutfrisierten erstmals die Chance bekommen, an ihre Grenzen zu gehen.
Quelle:
http://www.spiegel.de/sport/achilles/0,1518,424647,00.html