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 Betreff des Beitrags: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 17 Apr 2009 22:10 
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Die rosarote Brille

Ich kann mich noch genau an den Augenblick erinnern, als ich auf meinem Sofa saß und über mich und meine Situation nachdachte.
Ich hatte ein Haus gebaut, das meiste mit eigenen Händen. Meine Ex- Frau hatte mich, nach 13 Jahren Eheleben verlassen. Meine beiden älteren Söhne, sind bei mir geblieben. Den jüngsten hatte sie als Pfand mitgenommen, wegen der Zukunft. (Unterhalt)

Dann zog Beatrix mit ihren beiden kleinen Kindern, Julia 7 Jahre und Dennis 4 Jahre ein. Beatrix war damals 22 Jahre und ziemlich grün hinter den Ohren. Sie war mit 17 Jahren aus einem sehr behüteten Elternhaus raus, um sich in eine Ehe zu stürzen. Sie hatte viel Nachholbedarf. Ich hatte ihr die Freiheit gegeben, sich richtig auszutoben. Nach 5 Jahren war dann Schuss, ich war es Leid sie mit irgendwelchen Liebhabern zu teilen.

Ein Jahr habe ich Trübsal geblasen, und war depressiv.

In der Zeit hat mir Daniela, die Schwester von Beatrix, großen Beistand gegeben. Und sie war lange meine große heimliche Liebe aber auch in festen Händen.

Meine Jungens veranstalteten inzwischen ein Haus der offenen Tür. Manchmal wurde in jeder Etage eine Fete gefeiert.

Ich saß also auf dem Sofa und wie ein Blitz kam mir die Erleuchtung.
Ich fragte mich, warum ich mich so hängen lasse? Seit über 20 Jahren habe ich das getan was andere wollten. Immer nur der Familie gedient. Kinder großgezogen. Ich hatte immer den Traum, später einmal, wenn die Kinder aus dem Haus sind mit der Frau die Welt zu bereisen. Die Orte zu besuchen, wo es soviel Erinnerungen gab. Mit ihr die Welt zu teilen, die ich im Laufe der Jahre kennen gelernt hatte. Ich kannte soviel wunderbare Orte.

„Bist du eigentlich blöd?“ Sagte ich zu mir. „Jetzt hast du doch alle Freiheiten der Welt, du kannst tun und lassen was du willst. Du bist niemanden Rechenschaft schuldig. Anstatt das positive zu erkennen, sitzt du hier rum und beklagst Gott und die Welt.“

Von einer Sekunde zur anderen war meine depressive Stimmung verflogen. Ein kribbeln im Bauch machte sich bemerkbar, als wenn ich frisch verliebt wäre.

Ich war frei, ich war ein freier Mensch.

Damals hatte ich noch kein Internett, also besorge ich mir eine Zeitschrift. Ich meine sie hieß „Reisen und Sparen“ dort waren Restflugticket in alle Welt aufgelistet.
Noch in der selben Woche buchte ich für 999 DM einen Flug nach Sao Paulo. Und eine weitere Woche später saß ich mit 1000 DM in der Tasche in einem Flugzeug der Aerolineas Argentinas. Es war mein erster Flug überhaupt. Die Stewardessen waren schon sehr alt, aber das Flugzeug noch älter. Aber sie waren sehr nett und haben mich bestens versorgt.

Morgens um 9 Uhr landete die Maschine in Sao Paulo. Wenig später stand ich vor dem Flughafengebäude. Die feuchtwarme Morgenluft mit dem Geruch von Abgasen und vermodernden Abfällen schlug mir entgegen. Ich atmete tief durch, wie hatte ich das doch vermisst. Ich fühlte mich in meine Jugendzeit zurückversetzt.

Ich war unbeschreiblich glücklich.

Ich war in meinem geliebten Brasilien. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich mein Ziel Sao Paulo erreicht hatte. Weiter hatte ich noch gar nicht gedacht. „Und was nun?“ Fragte ich mich.
Ich ging zurück ins Flughafengebäude, und schlenderte die Boxen der Busgesellschaften lang.
Rio de Janeiro, Brasilia, Fortaleza, Salvador Bahia und so weiter stand dort geschrieben. Ja wohin, ich konnte mich nicht entschließen.

Dann sah ich ein großes Schild auf dem „Santos“ stand. Irgendetwas in mir sagte du fährst nach Santos. Da waren sie wieder die Erinnerungen. Vor meinen Augen setzten sich die Bruchstücke der Erinnerung, wieder zu einer ganzen Geschichte zusammen. (Ich bin als Seemann zur See gefahren)
Santos, meine Lieblingshafenstadt. Ich sah Helena, meine Verlobte von damals, wieder vor mir. Mit ihr wollte ich damals die „Hamburgo Bar“ von einem Östereicher übernehmen. Ihre Freundin „Dicke Maria“, eine stämmige resolute Schwarze, welche die Kasse an Ausgang bewachte. An ihr kam niemand ohne zu bezahlen vorbei.

Ich sah die bunten Neonlichter, der vielen Bars, die Lichter welche sich in der oftmals auf den regennassen Straßen wiederspiegelten. Ich hörte die Musik, die aus den Bars bis auf die Straße schallte. Mädchen, die auf uns Matrosen warteten um uns für die Entbehrungen der langen Überfahrt zu entschädigen. Das bunte Treiben, der Menschen aus aller Welt, die sich dort versammelten um zu trinken und um zu lieben. Damals war dort ein riesiges Vergnügungsvierten, so wie St. Pauli in Hamburg in den sechziger Jahren.

Eine Fahrkarte nach Santos in der Hand, schritt ich die Bushaltestellen vor dem Flughafen ab. Es gab für alle Städte Haltestellen, nur Santos konnte ich nirgendwo sehen. Und der Bus sollte bereits in 20 Minuten gehen. Zurück zum Ticketschalter um noch einmal zu fragen.
Wie sollte ich mich nur verständlich machen? Ich kannte kein Wort portugisisch nur ein paar Brocken spanisch, vielleicht 20 Vokabeln. Nur ein paar notdürftige Brocken englisch.
Die Mädchen am Stand antworteten mir auf mein „Santos“, mit vielen schönklingenden Worten und eleganten Gesten. Das half mir nicht weiter.
Mir blieb nur mit der Schulter zu zucken, und wie ein Idiot, immer wieder „Santos?“ Zu wiederholen.
Eines der Mädchen erbarmte sich schließlich und nahm mich nicht nur wörtlich bei der Hand und brachte mich zum Bus. Die Haltestelle nach Santos war nicht vor dem Hauptgebäude, sondern wir gingen ein paar Flure lang, und vor einem Nebengebäude wartete der Bus. Sie gab mich direkt bei dem Fahrer ab. Sie unterhielten sich kurz und lachten dabei. Ich kam mir so klein vor, den sie lachten bestimmt über mich.
Aber der Fahrer klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und sagte „Vamos“.

Ich konnte es kaum fassen, ich war auf dem Weg nach meinem geliebten Santos. Die Fahrt ging mitten durch Sao Paulo. Wie ein Ertrinkender, sog ich die vielen Eindrücke vom Busfenster aus, auf. Überall auf den Straßen quirlte das bunte Leben. Kleine Verkaufsbuden mit allem was der Mensch so braucht, oder auch nicht, Imbissstände mit all den fremdartigen Speisen, die auf mich warteten. Das Verkehrchaos und ein Gehupe, kreischende Bremsen röhrende Auspuffe, Musik, Hundegebell. Händler, die ihre Waren zum Fenster hochhielten.
Für mich war es ein Traum, es war ein neues Leben.

Mein neues Leben.

Dann erreichten wir den Stadtrand von Sao Paulo, hier konnte man die Kehrseite des schönen Lebens sehen kilometerlang reihte sich eine Hütte an die andere, manche aus Brettern mit Wellblechdach, doch die meisten nur aus Holz, Pappe und Plastikfetzen. Es ging hinaus in die Berge, hier war die üppige bunte Vegetation zu bestaunen. Große Wasserfälle ergossen sich ins Tal.

Dann kam Santos, der Bus spuckte mich am Stadtrand aus. Da stand ich wieder in einer fremden Stadt, wo mir nichts bekannt war. Ich hatte Hunger, aber bis auf ein paar Dollar hatte ich nur Traveler Checks in Höhe von 1000 DM in der der Tasche. Ich wusste nicht einmal wie die Landeswährung hieß, noch was die Preise an den Ständen zu bedeuten hatten. Wie viel waren 2,20 in DM? Ich beschloss die Dollar zu sparen.

Es gab zwar einen Taxistand, aber ich kannte mein Ziel ja nicht. Ja wohin?
Schließlich bestieg ich ein Taxi. Der Fahrer fuhr los und wollte ein Ziel wissen, jedenfalls vermutete ich, dass er mich danach fragte.
Mir viel nur Puerto ein. Also fuhren wir zum Hafen. Der Hafen war groß, es lagen dort auch nicht viel Schiffe. Nichts kam mir bekannt vor. Es gab nichts was ich aus der Vergangenheit in Erinnerung hatte. Vieles war verfallen und unwirtlich. Ich fragte nach einer Bar, etwas besseres viel mir nicht ein. Doch ein Wort viel mir noch ein. „Discoteka“.
Damit konnte der Taxifahrer endlich etwas anfangen.
Wir hielten vor einem Schuppen, welcher eine große Veranda hatte. Ich trat ein. Die Stühle waren alle hochgestellt. Eine ältere Schwarze war am Wischen. Ich nahm die vier Stühle vom Tisch, stellte meine kleine Reisetasche ab und setzte mich. Mehr als etwas Handgepäck hatte ich nicht dabei.

Die Schwarze schaute kurz von ihrer Arbeit auf und nahm nicht weiter Notiz von mir.
Am Nachmittag in einer Diskothek zu sitzen, war bestimmt nicht die richtige Zeit um besonderen Service zu erwarten.
Ich bemühte mich zur Theke, die Putzfrau kam um mir klar zu machen, das noch geschlossen ist. Ich sah ein großes Bierschild darauf stand „Cerveca Antarktika“.
„Cerveca“, versuchte ich mit meinen frisch erworbenen Sprachkenntnissen.
„Nada“, war die Antwort.
Ich legte einen Dollar auf die Theke, keine Reaktion. Dann einen zweiten. Eine Flasche Bier stand auf der Theke und die beiden Dollar verschwanden in der Kittelschürze.

Ich setzte mich zurück an den Tisch und schaute auf die Straße, dort fuhren meistens Lkws zu den Schiffen und wehten den Staub der Straße in die Bar.

Dann ging ein junges Mädchen an der Diskothek vorbei, drehte kurz den Kopf, schaute mich an und ging weiter. Sie ging nicht weit, sie drehte um und kam zurück. Sie betrat den Laden, ging an mir vorbei, dabei kniff sie mich in die Seite.
Sie sprach mit der Schwarzen, kam mit einem Glas in der Hand zurück, setzte sich zu mir an den Tisch und schenkte sich wortlos von meinem Bier ein.

Sie musterte mich eine Weile, zeigte auf sich und sagte „Michela“. Dann zeigte sie auf mich und ich sagte, „Bernd“. Brnd, Bend versuchte sie meinen Namen zu wiederholen. Ich sagte: „Bernado“.
„Ah Bernado“. Das war also geklärt.

....


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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 17 Apr 2009 22:31 
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@ Brasil 53

Sehr spannend zu lesen. Du hast einen tollen Schreibstil. Kompliment. Würde gerne mehr von Dir lesen.

In diesem Sinne


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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 17 Apr 2009 22:32 
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Beiträge: 10
... schön so etwas zu lesen. Bin zwar neu hier, aber das Gerangel in vielen anderen Threads finde ich doof. Naja, ganz so "romantische" Liebesgeschichten habe ich zwar nicht, aber ...

aber die Geschichte von 53 hat mir gefallen


Zuletzt geändert von Elna am 17 Apr 2009 22:50, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 17 Apr 2009 22:38 
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Elna hat geschrieben:
...aber ...
...aaaaaber????? Kommen jetzt auch von dir Beiträge?!


@Brazil53: Bitte weiter so!


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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 17 Apr 2009 22:48 
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Tuxaua hat geschrieben:
Elna hat geschrieben:
...aber ...
...aaaaaber????? Kommen jetzt auch von dir Beiträge?!


Eher nicht. Bin ab Mitte Mai in Salvador, bis dahin schaue ich mal. Ist doch manchmal ziemlich blöd, was manche hier so loslassen. Mal sehen ..


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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 17 Apr 2009 23:55 
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Wohnort: Stuttgart 7/12 Recife 5/12
Elna hat geschrieben:
Tuxaua hat geschrieben:
Elna hat geschrieben:
...aber ...
...aaaaaber????? Kommen jetzt auch von dir Beiträge?!


Eher nicht. Bin ab Mitte Mai in Salvador, bis dahin schaue ich mal. Ist doch manchmal ziemlich blöd, was manche hier so loslassen. Mal sehen ..

Elna, so ein Forum ist nur so gut, wie die Teilnehmer. Jeder blöde Beitrag macht es ein bisschen blöder und jeder gute Beitrag macht es bisschen guter ;-) (na sagen wir einfach besser dazu). Gib Dir ein Ruck....

...aber ich möchte nicht den Fluss der Geschichte hier unterbrechen...


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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 18 Apr 2009 00:10 
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Mehr davon bitte!
Ist ja wie im TV, an der spannendsten Stelle kommt Werbung #-o


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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 18 Apr 2009 06:07 
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Beiträge: 348
In der Kammer zurück brauchte ich nicht lange zu überlegen, ich stellte meine Reisetasche auf den Schrank und legte mich ins Bett. Ich hatte schließlich über 40 Stunden nicht mehr richtig geschlafen. Michela maulte zwar rum, dass ich hier nicht bleiben kann und ich sollte mir gefälligst ein Hotel suchen.
Bla, bla, bla
Ich drehte mich zur Seite, zog die Bettdecke über den Kopf und schlief sofort ein.

Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein, als ich aufwachte. Das Bier wollte raus. Die Zimmertür war abgeschlossen. Eingeschlossen!
Ich öffnete das kleine Fenster und pinkelte im hohen Bogen hinaus. Was sollte ich anderes tun?
Irgendwann in der Nacht kam Michela zurück. Sie stupste mich zur Seite und kroch mit unter die Bettdecke. Das Bett war so schmal, dass man sich nicht umdrehen konnte, ohne dass der andere aus dem Bett fiel.

Es war herrlich als sich ihr warmer Körper an meinen schmiegte. Sie legte ihren Arm um mich und so sind wir dann eingeschlafen.

Wir beide haben lange geschlafen, es war schon mittags vorbei als wir aufwachten.

Und schon wieder ging die „such dir ein Hotel“ Arie wieder los. Ich schaute mich prüfend im Zimmer um und stellte fest, dass es mir hier gefällt. Mit lautem Geschrei schmiss sie meine Tasche auf den Flur. Ich stellte sie wieder auf den Schrank zurück, und sagte: „Basta“.
Damit war die Sache für mich erledigt.

Wir machten uns auf um Mittag zu essen. In einer Seitenstraße lernte ich zum erstenmal ein spezielles Selbstbedienungslokal kennen. Man nimmt sich einen Teller, der wird an der Kasse gewogen, dann geht man an das Büfett und stellt sich sein Essen selber zusammen. Egal was man nimmt, alles wird nur nach Gewicht abgerechnet. Ich finde diese Restaurants einfach genial. Man kann auch einmal etwas mit auf den Teller nehmen um es zu probieren.
Dann geht man wieder zur Kasse und es wird erneut gewogen.
Die Getränke bezahlt man extra.

Danach machten wir einen Rundgang um den Kiez herum. Michela erzählte natürlich überall, dass ich einfach bei ihr eingezogen bin. Ich habe es genossen, wenn die Damen lebhaft am diskutieren waren, verstanden habe ich sowieso nichts.
Außerdem wollte ich mir gar kein Hotel leisten. So war es viel günstiger, glaubte ich jedenfalls.
Irgendwann hatte auch Michela eingesehen, dass da nichts zu machen war und ich bekam meinen ersten Kuss von ihr.

Beim Zug durch die Gemeinde schlossen sich noch zwei weitere Freundinnen an. Das belastete meine Kasse natürlich ungemein. Mit anderen Worten, meine paar Dollar in der Tasche waren schon am Abend aufgebraucht, und mein Traveler-Scheck den ich mit hatte wollte niemand eintauschen, aber ich wurde zumindest Kreditwürdig. Das Nachtleben im Hafengebiet bestand in der Hauptsache aus zwei Diskotheken. Dazwischen kleine Bars wo man etwas trinken konnte. Essen gab es nur an ein paar Ständen an der Straße. Es war alles ziemlich heruntergekommen. Viele leerstehende und zerfallene Häuser.
Es wurde bis in die späte Nacht gefeiert und wir pendelten zwischen den beiden kleinen Musikschuppen hin und her. Das war schon etwas anderes als das triste Leben in einer deutschen Kleinstadt im Teutoburger Wald.
Als ich dann zum Abschluss der Nacht, meine Schuldscheine einsammelte stellte ich fest, dass die Preise seit 1972 ganz schön gestiegen waren.
Aber warum Sorgen machen, egal wie ich auch rechnete, mein Geld würde sowieso nur ein paar Tage reichen. Also genieße das Leben.

Mittags wurden wir wach und es wurde Zeit etwas Bargeld zu besorgen. Ich machte mich mit Michela auf den Weg zur „Banco Brasil“, denn hier konnte man Travelerschecks eintauschen. Es war nicht so, wie es der Bankmensch mir zu Hause erklärt hat, dass es damit keine Probleme geben könnte. Ich hätte zur American Express Zentrale nach Sao Paulo fahren müssen um sie kostenlos umtauschen zu können. Wo American Express in Santos war, konnte mir niemand beantworten.
Bei der Banco Brasil lernte ich zum ersten mal das Bankenwesen in Lateinamerika kennen. Der Eingang war schon mit einer Schleuse wie in einem Hochsicherheitstrakt versehen. Der Metalldetektor schlug natürlich an, also zurück und alles Metallische entfernen und durch eine kleine Luke stecken. Beim nächsten Versuch schlug das Ding wieder an, ich hatte nichts Metallisches mehr am Körper. Ich konnte nur mit der Schulter zucken.
Als ich dann die Schleuse hinter mir hatte, wurde ich am ganzen Körper abgeklopft. Dabei wurde der Abklopfende von einem Kollegen mit einer erhobenen Pump Gun abgesichert. War nix, war wohl eine technische Panne.
Anstehen an der Information um zu klären wo ich die Schecks tauschen konnte.
Schalter 43
Anstehen eine halbe Stunde an Schalter 43
Sorry, keine Travelerschecks
Anstehen an der Information
Mehrere Telefonate der Dame an der Information
6. Etage!
Der Sicherheitsbeamte begleitet uns in den 6. Stock
Die Information im 6. Stock nimmt unser Anliegen zu Protokoll
Warten, warten, warten
Nach einer Stunde dringen wir in ein Büro vor, die Schecks werden begutachtet, es wird telefoniert. Dann die Frage wie viel ich umtauschen möchte. Ich hatte nur kleine Schecks mit 50 Dollar Nennwert. Die Umtauschgebühr waren 20 Dollar. Mir viel die Kinnlade runter.
Ich hakte nach. Was ist, wenn ich alle Schecks eintausche? Dann macht das auch 20 Dollar Bearbeitungsgebühr.
Ich tauschte die Schecks auf einmal um und hatte nun meine gesamte Kasse in der Tasche. Genau das wollte ich ja vermeiden. Aber was soll es. Die Dame füllte ein Formular aus, mit dem Formular musste ich mich unten in der Schalterhalle wieder in eine Warteschlange einreihen.
Das macht Laune.
Als wir die Bank verließen, beschloss ich spontan mich schon am frühen Nachmittag zu betrinken. Daraus wurde nicht viel, das viele Geld in meiner Tasche machte die Dame an meiner Seite unruhig.

Michela meinte, das ich unbedingt ein paar Badelatschen kaufen müsste, weil der Weg zur Dusche so weit wäre und meine Füße auf dem Gang wieder schmutzig würde. Da sprach ja nichts dagegen. Hätte ich allerdings gewusst, was mich die Badelatschen anschließend „brutto“ kosten würden, dann hätte ich die schmutzigen Füße gerne weiter in Kauf genommen.
Nein, Badelatschen konnte man nicht in dem kleinen Laden an der Ecke kaufen, da waren sie viel zu teuer! Also, Taxi nehmen und am Hafen zur Anlegestelle fahren, wo man sich zur anderen Hafenseite übersetzen lassen konnte. Also, ein kleines Fährboot bestiegen und quer durch den Hafen auf die viel billigere andere Seite.
Ich dachte mir meinen Teil, aber Schweigen war wohl besser.
Was folgte war eine Tour durch viele, viele Läden. Wir haben T- Shorts uns alles Mögliche gekauft, weil alles so günstig war.
Ich hatte immer ein Bild vor Augen. Mein Geld befand sich in einer Sanduhr und rieselte ununterbrochen durch die Verengung.
Und zum Schluss wurden tatsächlich auch noch ein paar Badelatschen für 1.99 Real gekauft. Damals war der Real noch mit dem Dollar gekoppelt.

In den folgenden Tagen, vertrödelten wir die helle Tageszeit in dem wir andere Damen besuchten. Der Goldesel musste ja vorgeführt werden. Die Abende waren schon besser, da konnte man wenigsten etwas die Sau raus lassen.

Dabei war das Nachtleben für die Putas nicht sehr ertragreich.
Das Geschäft war sehr mau. Die Containerschiffe liegen nur noch ganz kurz im Hafen und von der Besatzung ging kaum einer an Land. Auf den Frachtern waren meistens Besatzungen aus fernöstlichen Ländern und die wurden so schlecht bezahlt, dass ein Landgang nicht möglich war. In den umliegenden Bars warteten abends ca. 200 Mädchen. Manchmal waren da nur ein gutes Dutzend Seeleute unterwegs. Es war für die Putas ein harter Überlebenskampf. Ich habe 14 Tage mitten unter ihnen gelebt, was ich dort an Not und Elend gesehen habe, kann man gar nicht schildern. Das Essen wurde geteilt so gut es ging.

Aber die Stimmung , zumindest am Abend zur „Geschäftszeit“war gut, auch wenn das Geschäft für die Mädchen nicht am Laufen war. Sie machten halt das Beste draus.

Die erste Woche war vorbei und mein Geld ging zur Neige. Ich kratzte alles zusammen und ich kam auf nicht einmal 80 Real, was umgerechnet 160 DM waren. Davon brauchte ich noch 12 Real um die Ausreisegebühr am Flughafen zu bezahlen und 7 Real für den Bus.
Michela fiel zuerst aus allen Wolken als ich ihr meine finanzielle Schieflage erklärte. Aber sie hatte sich schnell gefangen. „Wir müssen sparen“, war das erste was ihr einfiel.
Und schon kam Bewegung in den Laden.
Zuerst wurde in ein anderes Zimmer umgezogen. Ein Zimmer mit Herd, wo wir selber kochen konnten. Die Gasflasche stand direkt neben dem Bett. Dann hielten die Mitbewohnerinnen ein Palaver ab, mit dem Ergebnis, dass es auf einen Mund mehr auch nicht an kam, der jetzt gestopft werden musste.
Mein restliches Geld wurde zum Einkauf von Lebensmitteln ausgegeben.

Im Prinzip änderte sich nicht viel für mich. Meine Misere hatte sich sehr schnell verbreitet und wenn ich in einer Bar auftauchte, wurden mir Zigaretten angeboten. Ich durfte mittrinken und mitessen. Und so mancher Gast hatte am Ende beim Bezahlen, auch mein Bier mit auf seiner Rechnung.
Michela ging wieder ihrer Arbeit nach und hatte sie mal einen Kunden, dann wurde ich kurzerhand bei einem anderen Mädchen einquartiert.

Ich habe dann tagsüber für die Mädchen gekocht. Das Geld was reinkam reichte immer so gerade um alle einigermaßen satt zu bekommen. Mal gab es reichlicher, mal reichte es nur zur Suppe. Es kamen auch immer wieder fremde Mädchen und fragten nach Essen. Sie hatten oft schon tagelang nicht anständiges mehr im Magen gehabt.
Niemand wurde abgewiesen.
Ich mutierte in dieser Wohngemeinschaft immer mehr zum Mädchen für alles. Ich räumte Möbel um, reparierte Stromleitungen, schleppte Wäschekörbe und was sonst noch so alles anfiel. Abends, wenn die Mädchen sich fertig machten, wurde ich gerufen um bei der Kleiderauswahl zu helfen, ob die Haare und das Make up in Ordnung waren. Ich war immer wieder erstaunt, wie sich eine graue Maus innerhalb von zwei Stunden in eine „Königin der Nacht“ verwandelte.
Wir hatten jedenfalls viel Spaß.
In dieser Woche habe ich viel gelernt, diese Woche hat mein Leben verändert.

Sie dem ich pleite war, war das Verhältnis von Michela zu mir, völlig unverkrampft geworden. Ich hatte das Gefühl, dass sie jemanden brauchte der ihr ein bisschen halt gab. Sie war zwar noch sehr jung, aber hatte mit ihren 22 Jahren schon viel Negatives erlebt.
Heute weiß ich, dass man ein Mädchen aus der Gosse rausholen kann, aber die Gosse bleibt immer in ihr. Aber damals glaubte ich noch an das Gute im Menschen.

Die Mutter wohnte in Recife und es gab drei oder vier Väter mit denen sie die Geschwister von Michela gezeugt hatte. Als sie 17 Jahre alt war, wurde sie von dem letzten Mann der Mutter vergewaltigt. Die Familie hat es ihr in die Schuhe geschoben und sie wurde kurzerhand auf die Straße gesetzt. Sie hat dann lange Zeit auf der Straße verbracht. Für Männer war sie nun Freiwild geworden. Mit 18 war sie schwanger geworden. Nach einem Selbstmordversuch hat sie dann eine Bekannte aufgenommen. Es war Isabel, die ich später auch kennen lernen sollte. Das Kind kam krank zur Welt und es ist kurze Zeit später im Krankenhaus gestorben, weil niemand die Medikamente bezahlen wollte.
Eine Bekannte erzählte ihr, dass man in Rio oder Santos viel Geld verdienen kann, wenn man dort seinen Körper verkauft.
So war sie nach Santos gekommen. Aber Reichtum war hier nicht zu erwarten. Und zurück zur Familie wollte sie nur, wenn sie genug Geld zusammen hatte, um den anderen zu zeigen, dass sie es geschafft hat im Leben.

Wahrscheinlich war ich damals so eine Art „Rettungsanker“, der ihr aus dieser Welt hinaus helfen konnte. Ich glaube nicht, dass sie mich jemals geliebt hat.

Ich war jedenfalls hoffnungslos verliebt und hatte eine rosarote Brille auf.

Aber irgendwann saß ich wieder im Flieger nach Deutschland und hatte dieses berühmte Kribbeln im Bauch. Ich war auf dem Rückflug wie betäubt. Es waren nur 14 Tage, aber ich fühlte mich dort zu Hause.
Ich war gleichzeitig sehr glücklich und zu Tode betrübt. Ich fühlte mich, als hätte jemand ein Stück von mir abgeschnitten.
Es war ja nicht nur Michela, es war auch das Leben dort, das Land und die Menschen.

In Deutschland war ich zu nichts mehr zu gebrauchen, alles betrachtete ich aus einem anderen Blickwinkel. Die Arbeit machte keinen Spaß mehr. Freundschaften wurden beendet, weil mir das alles zu oberflächlich war. Ich sah nur noch Menschen um mich herum deren Mundwinkel nach unten hingen. Die Hektik beim Einkaufen. Niemand schien Zeit für den anderen zu haben. Wenn ich aus dem Fenster schaute, sah ich auf den Nachbargrundstücken jeweils einen Grill qualmen. Das Leben war so abgeschottet.
Ich hatte kein Verständnis mehr für diese unsinnigen Sorgen, die sich andere machten, um Dinge die nicht der Rede wert waren.
Ich hatte das wahre Leben gesehen. Jedenfalls glaubte ich das damals.

Ich zählte die Tage, den zu Weihnachten wollte ich wieder bei Michela sein.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 18 Apr 2009 06:30 
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Registriert: 08.07.2006
Beiträge: 1868
=D> =D> =D> =D>

bitte erzähl weiter Brazil53, du bist autenthisch und sympathisch....

amarelina



"Wenn man sich mit einem langweiligen, unglücklichen Leben abfindet, weil man auf seine Mutter, seinen Vater, seinen Priester, irgendeinen Burschen im Fernsehen oder irgendeinen anderen Kerl gehört hat, der einem vorschreibt, wie man leben soll, dann hat man es verdient."
Frank Zappa


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 Betreff des Beitrags: Re: Die rosarote Brille
BeitragVerfasst: 18 Apr 2009 07:17 
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Registriert: 28.11.2004
Beiträge: 1887
amarelina hat geschrieben:
bitte erzähl weiter Brazil53, du bist autenthisch und sympathisch....
Dem kann ich mich nur anschließen. =D> =D> =D> =D>

Bitte weitermachen! :popcorn:


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