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In der Kammer zurück brauchte ich nicht lange zu überlegen, ich stellte meine Reisetasche auf den Schrank und legte mich ins Bett. Ich hatte schließlich über 40 Stunden nicht mehr richtig geschlafen. Michela maulte zwar rum, dass ich hier nicht bleiben kann und ich sollte mir gefälligst ein Hotel suchen. Bla, bla, bla Ich drehte mich zur Seite, zog die Bettdecke über den Kopf und schlief sofort ein.
Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein, als ich aufwachte. Das Bier wollte raus. Die Zimmertür war abgeschlossen. Eingeschlossen! Ich öffnete das kleine Fenster und pinkelte im hohen Bogen hinaus. Was sollte ich anderes tun? Irgendwann in der Nacht kam Michela zurück. Sie stupste mich zur Seite und kroch mit unter die Bettdecke. Das Bett war so schmal, dass man sich nicht umdrehen konnte, ohne dass der andere aus dem Bett fiel.
Es war herrlich als sich ihr warmer Körper an meinen schmiegte. Sie legte ihren Arm um mich und so sind wir dann eingeschlafen.
Wir beide haben lange geschlafen, es war schon mittags vorbei als wir aufwachten.
Und schon wieder ging die „such dir ein Hotel“ Arie wieder los. Ich schaute mich prüfend im Zimmer um und stellte fest, dass es mir hier gefällt. Mit lautem Geschrei schmiss sie meine Tasche auf den Flur. Ich stellte sie wieder auf den Schrank zurück, und sagte: „Basta“. Damit war die Sache für mich erledigt.
Wir machten uns auf um Mittag zu essen. In einer Seitenstraße lernte ich zum erstenmal ein spezielles Selbstbedienungslokal kennen. Man nimmt sich einen Teller, der wird an der Kasse gewogen, dann geht man an das Büfett und stellt sich sein Essen selber zusammen. Egal was man nimmt, alles wird nur nach Gewicht abgerechnet. Ich finde diese Restaurants einfach genial. Man kann auch einmal etwas mit auf den Teller nehmen um es zu probieren. Dann geht man wieder zur Kasse und es wird erneut gewogen. Die Getränke bezahlt man extra.
Danach machten wir einen Rundgang um den Kiez herum. Michela erzählte natürlich überall, dass ich einfach bei ihr eingezogen bin. Ich habe es genossen, wenn die Damen lebhaft am diskutieren waren, verstanden habe ich sowieso nichts. Außerdem wollte ich mir gar kein Hotel leisten. So war es viel günstiger, glaubte ich jedenfalls. Irgendwann hatte auch Michela eingesehen, dass da nichts zu machen war und ich bekam meinen ersten Kuss von ihr.
Beim Zug durch die Gemeinde schlossen sich noch zwei weitere Freundinnen an. Das belastete meine Kasse natürlich ungemein. Mit anderen Worten, meine paar Dollar in der Tasche waren schon am Abend aufgebraucht, und mein Traveler-Scheck den ich mit hatte wollte niemand eintauschen, aber ich wurde zumindest Kreditwürdig. Das Nachtleben im Hafengebiet bestand in der Hauptsache aus zwei Diskotheken. Dazwischen kleine Bars wo man etwas trinken konnte. Essen gab es nur an ein paar Ständen an der Straße. Es war alles ziemlich heruntergekommen. Viele leerstehende und zerfallene Häuser. Es wurde bis in die späte Nacht gefeiert und wir pendelten zwischen den beiden kleinen Musikschuppen hin und her. Das war schon etwas anderes als das triste Leben in einer deutschen Kleinstadt im Teutoburger Wald. Als ich dann zum Abschluss der Nacht, meine Schuldscheine einsammelte stellte ich fest, dass die Preise seit 1972 ganz schön gestiegen waren. Aber warum Sorgen machen, egal wie ich auch rechnete, mein Geld würde sowieso nur ein paar Tage reichen. Also genieße das Leben.
Mittags wurden wir wach und es wurde Zeit etwas Bargeld zu besorgen. Ich machte mich mit Michela auf den Weg zur „Banco Brasil“, denn hier konnte man Travelerschecks eintauschen. Es war nicht so, wie es der Bankmensch mir zu Hause erklärt hat, dass es damit keine Probleme geben könnte. Ich hätte zur American Express Zentrale nach Sao Paulo fahren müssen um sie kostenlos umtauschen zu können. Wo American Express in Santos war, konnte mir niemand beantworten. Bei der Banco Brasil lernte ich zum ersten mal das Bankenwesen in Lateinamerika kennen. Der Eingang war schon mit einer Schleuse wie in einem Hochsicherheitstrakt versehen. Der Metalldetektor schlug natürlich an, also zurück und alles Metallische entfernen und durch eine kleine Luke stecken. Beim nächsten Versuch schlug das Ding wieder an, ich hatte nichts Metallisches mehr am Körper. Ich konnte nur mit der Schulter zucken. Als ich dann die Schleuse hinter mir hatte, wurde ich am ganzen Körper abgeklopft. Dabei wurde der Abklopfende von einem Kollegen mit einer erhobenen Pump Gun abgesichert. War nix, war wohl eine technische Panne. Anstehen an der Information um zu klären wo ich die Schecks tauschen konnte. Schalter 43 Anstehen eine halbe Stunde an Schalter 43 Sorry, keine Travelerschecks Anstehen an der Information Mehrere Telefonate der Dame an der Information 6. Etage! Der Sicherheitsbeamte begleitet uns in den 6. Stock Die Information im 6. Stock nimmt unser Anliegen zu Protokoll Warten, warten, warten Nach einer Stunde dringen wir in ein Büro vor, die Schecks werden begutachtet, es wird telefoniert. Dann die Frage wie viel ich umtauschen möchte. Ich hatte nur kleine Schecks mit 50 Dollar Nennwert. Die Umtauschgebühr waren 20 Dollar. Mir viel die Kinnlade runter. Ich hakte nach. Was ist, wenn ich alle Schecks eintausche? Dann macht das auch 20 Dollar Bearbeitungsgebühr. Ich tauschte die Schecks auf einmal um und hatte nun meine gesamte Kasse in der Tasche. Genau das wollte ich ja vermeiden. Aber was soll es. Die Dame füllte ein Formular aus, mit dem Formular musste ich mich unten in der Schalterhalle wieder in eine Warteschlange einreihen. Das macht Laune. Als wir die Bank verließen, beschloss ich spontan mich schon am frühen Nachmittag zu betrinken. Daraus wurde nicht viel, das viele Geld in meiner Tasche machte die Dame an meiner Seite unruhig.
Michela meinte, das ich unbedingt ein paar Badelatschen kaufen müsste, weil der Weg zur Dusche so weit wäre und meine Füße auf dem Gang wieder schmutzig würde. Da sprach ja nichts dagegen. Hätte ich allerdings gewusst, was mich die Badelatschen anschließend „brutto“ kosten würden, dann hätte ich die schmutzigen Füße gerne weiter in Kauf genommen. Nein, Badelatschen konnte man nicht in dem kleinen Laden an der Ecke kaufen, da waren sie viel zu teuer! Also, Taxi nehmen und am Hafen zur Anlegestelle fahren, wo man sich zur anderen Hafenseite übersetzen lassen konnte. Also, ein kleines Fährboot bestiegen und quer durch den Hafen auf die viel billigere andere Seite. Ich dachte mir meinen Teil, aber Schweigen war wohl besser. Was folgte war eine Tour durch viele, viele Läden. Wir haben T- Shorts uns alles Mögliche gekauft, weil alles so günstig war. Ich hatte immer ein Bild vor Augen. Mein Geld befand sich in einer Sanduhr und rieselte ununterbrochen durch die Verengung. Und zum Schluss wurden tatsächlich auch noch ein paar Badelatschen für 1.99 Real gekauft. Damals war der Real noch mit dem Dollar gekoppelt.
In den folgenden Tagen, vertrödelten wir die helle Tageszeit in dem wir andere Damen besuchten. Der Goldesel musste ja vorgeführt werden. Die Abende waren schon besser, da konnte man wenigsten etwas die Sau raus lassen.
Dabei war das Nachtleben für die Putas nicht sehr ertragreich. Das Geschäft war sehr mau. Die Containerschiffe liegen nur noch ganz kurz im Hafen und von der Besatzung ging kaum einer an Land. Auf den Frachtern waren meistens Besatzungen aus fernöstlichen Ländern und die wurden so schlecht bezahlt, dass ein Landgang nicht möglich war. In den umliegenden Bars warteten abends ca. 200 Mädchen. Manchmal waren da nur ein gutes Dutzend Seeleute unterwegs. Es war für die Putas ein harter Überlebenskampf. Ich habe 14 Tage mitten unter ihnen gelebt, was ich dort an Not und Elend gesehen habe, kann man gar nicht schildern. Das Essen wurde geteilt so gut es ging.
Aber die Stimmung , zumindest am Abend zur „Geschäftszeit“war gut, auch wenn das Geschäft für die Mädchen nicht am Laufen war. Sie machten halt das Beste draus.
Die erste Woche war vorbei und mein Geld ging zur Neige. Ich kratzte alles zusammen und ich kam auf nicht einmal 80 Real, was umgerechnet 160 DM waren. Davon brauchte ich noch 12 Real um die Ausreisegebühr am Flughafen zu bezahlen und 7 Real für den Bus. Michela fiel zuerst aus allen Wolken als ich ihr meine finanzielle Schieflage erklärte. Aber sie hatte sich schnell gefangen. „Wir müssen sparen“, war das erste was ihr einfiel. Und schon kam Bewegung in den Laden. Zuerst wurde in ein anderes Zimmer umgezogen. Ein Zimmer mit Herd, wo wir selber kochen konnten. Die Gasflasche stand direkt neben dem Bett. Dann hielten die Mitbewohnerinnen ein Palaver ab, mit dem Ergebnis, dass es auf einen Mund mehr auch nicht an kam, der jetzt gestopft werden musste. Mein restliches Geld wurde zum Einkauf von Lebensmitteln ausgegeben.
Im Prinzip änderte sich nicht viel für mich. Meine Misere hatte sich sehr schnell verbreitet und wenn ich in einer Bar auftauchte, wurden mir Zigaretten angeboten. Ich durfte mittrinken und mitessen. Und so mancher Gast hatte am Ende beim Bezahlen, auch mein Bier mit auf seiner Rechnung. Michela ging wieder ihrer Arbeit nach und hatte sie mal einen Kunden, dann wurde ich kurzerhand bei einem anderen Mädchen einquartiert.
Ich habe dann tagsüber für die Mädchen gekocht. Das Geld was reinkam reichte immer so gerade um alle einigermaßen satt zu bekommen. Mal gab es reichlicher, mal reichte es nur zur Suppe. Es kamen auch immer wieder fremde Mädchen und fragten nach Essen. Sie hatten oft schon tagelang nicht anständiges mehr im Magen gehabt. Niemand wurde abgewiesen. Ich mutierte in dieser Wohngemeinschaft immer mehr zum Mädchen für alles. Ich räumte Möbel um, reparierte Stromleitungen, schleppte Wäschekörbe und was sonst noch so alles anfiel. Abends, wenn die Mädchen sich fertig machten, wurde ich gerufen um bei der Kleiderauswahl zu helfen, ob die Haare und das Make up in Ordnung waren. Ich war immer wieder erstaunt, wie sich eine graue Maus innerhalb von zwei Stunden in eine „Königin der Nacht“ verwandelte. Wir hatten jedenfalls viel Spaß. In dieser Woche habe ich viel gelernt, diese Woche hat mein Leben verändert.
Sie dem ich pleite war, war das Verhältnis von Michela zu mir, völlig unverkrampft geworden. Ich hatte das Gefühl, dass sie jemanden brauchte der ihr ein bisschen halt gab. Sie war zwar noch sehr jung, aber hatte mit ihren 22 Jahren schon viel Negatives erlebt. Heute weiß ich, dass man ein Mädchen aus der Gosse rausholen kann, aber die Gosse bleibt immer in ihr. Aber damals glaubte ich noch an das Gute im Menschen.
Die Mutter wohnte in Recife und es gab drei oder vier Väter mit denen sie die Geschwister von Michela gezeugt hatte. Als sie 17 Jahre alt war, wurde sie von dem letzten Mann der Mutter vergewaltigt. Die Familie hat es ihr in die Schuhe geschoben und sie wurde kurzerhand auf die Straße gesetzt. Sie hat dann lange Zeit auf der Straße verbracht. Für Männer war sie nun Freiwild geworden. Mit 18 war sie schwanger geworden. Nach einem Selbstmordversuch hat sie dann eine Bekannte aufgenommen. Es war Isabel, die ich später auch kennen lernen sollte. Das Kind kam krank zur Welt und es ist kurze Zeit später im Krankenhaus gestorben, weil niemand die Medikamente bezahlen wollte. Eine Bekannte erzählte ihr, dass man in Rio oder Santos viel Geld verdienen kann, wenn man dort seinen Körper verkauft. So war sie nach Santos gekommen. Aber Reichtum war hier nicht zu erwarten. Und zurück zur Familie wollte sie nur, wenn sie genug Geld zusammen hatte, um den anderen zu zeigen, dass sie es geschafft hat im Leben.
Wahrscheinlich war ich damals so eine Art „Rettungsanker“, der ihr aus dieser Welt hinaus helfen konnte. Ich glaube nicht, dass sie mich jemals geliebt hat.
Ich war jedenfalls hoffnungslos verliebt und hatte eine rosarote Brille auf.
Aber irgendwann saß ich wieder im Flieger nach Deutschland und hatte dieses berühmte Kribbeln im Bauch. Ich war auf dem Rückflug wie betäubt. Es waren nur 14 Tage, aber ich fühlte mich dort zu Hause. Ich war gleichzeitig sehr glücklich und zu Tode betrübt. Ich fühlte mich, als hätte jemand ein Stück von mir abgeschnitten. Es war ja nicht nur Michela, es war auch das Leben dort, das Land und die Menschen.
In Deutschland war ich zu nichts mehr zu gebrauchen, alles betrachtete ich aus einem anderen Blickwinkel. Die Arbeit machte keinen Spaß mehr. Freundschaften wurden beendet, weil mir das alles zu oberflächlich war. Ich sah nur noch Menschen um mich herum deren Mundwinkel nach unten hingen. Die Hektik beim Einkaufen. Niemand schien Zeit für den anderen zu haben. Wenn ich aus dem Fenster schaute, sah ich auf den Nachbargrundstücken jeweils einen Grill qualmen. Das Leben war so abgeschottet. Ich hatte kein Verständnis mehr für diese unsinnigen Sorgen, die sich andere machten, um Dinge die nicht der Rede wert waren. Ich hatte das wahre Leben gesehen. Jedenfalls glaubte ich das damals.
Ich zählte die Tage, den zu Weihnachten wollte ich wieder bei Michela sein.
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