„Ohne die Modelschule wäre ich die Frau eines Drogenhändlers geworden oder schwanger oder eine Prostituierte", sagt Gisèle. Die 20-Jährige hat den Sprung aus der Wellblech-Siedlung auf den Laufsteg geschafft. Eine Model-Schule hilft auch anderen jungen Mädchen, diesen Traum wahr zu machen.
Bittere Realität statt schöner Schein – so lautet das Motto des Fotografen Tony Barros, der junge Mädchen aus dem berüchtigten brasilianischen Elendsviertel Favela Cidade de Deus (Stadt Gottes) vor der Kulisse ihres Wohnortes ablichtet. Barros hat in der Favela bei Rio de Janeiro eine Model-Schule gegründet, die den jungen Frauen Selbstwertgefühl und vielleicht ein besseres Leben bringen soll. „Wir zeigen Luxus in einem heruntergekommenen Dekor“, sagt der 40-Jährige. Sein auf ehrenamtlicher Arbeit beruhendes Nicht-Regierungsprojekt heißt „Objektiv der Träume“ („Lente dos sonhos“) und hat schon einigen Mädchen den Sprung auf den Laufsteg ermöglicht.
„Am Anfang wollte ich nur den Kontrast zwischen der Schönheit der Mädchen und der verkommenen Siedlung zeigen“, berichtet Barros, der seit 2002 fotografiert und zu Beginn für die Internetseite der Privatorganisation „Viva Rio“ arbeitete, die gegen die Gewalt in den Favelas kämpft. Er stammt selbst aus dieser Barackenstadt und hat lange als Sozialarbeiter in den Straßen gegen Armut und Gewalt gekämpft. Die aus dem Erfolgsfilm „City of God“ weltberühmte Favela zählt nach amtlichen Angaben 45.000 Einwohner, „doch in Wirklichkeit gibt es hier 120.000“, sagt Barros.
Die Model-Schule in der Siedlung funktioniert nur, weil ehrenamtliche Mitarbeiter sie am Leben halten. Doch ist sie mittlerweile zu einer echten Brücke zwischen den Einwohnern und der Welt der Mode geworden. „Ich weiß noch, anfangs wollten wir nicht, dass Tony uns hier fotografiert“, erinnert sich Gisèle Guimarães. Die Frau ist 22 Jahre alt und hat es geschafft: Sie wurde vor einem Jahr von der brasilianischen Filiale der legendären Model-Agentur Elite engagiert.
Fotos vor Kloaken
Die Fotos der jungen Schönheiten vor dem Hintergrund von Kloaken, verworrenen Stromdrähten und Müll „waren ein großer Erfolg“, erzählt Gisèle mit strahlendem Lächeln. Es sei das erste Mal gewesen, dass Fotos aus der Favela auf den Titelseiten der Zeitungen landeten, ohne dass es dabei um Gewalt ging, berichtet Barros stolz.
„Ohne ’Lente dos sonhos’ wäre ich die Frau eines Drogenhändlers geworden oder schwanger oder eine Prostituierte“, sagt Gisèle, die heute in der winzigen Turnhalle der Wellblechsiedlung Unterricht in Körperhaltung gibt. Jeden Samstag kommen rund zwanzig junge Mädchen in ihren Kurs. Für sie ist Gisèle das große Vorbild. So zum Beispiel für die 13-jährige Flavia: „Ich will in diesem Kurs mehr lernen, mich entwickeln und schick sein. Ich gebe mehr Acht auf meine Haare und auf meine Ernährung.“
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