Die Vereinbarung - o acordo

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Die Vereinbarung - o acordo

Beitragvon rave_66 » Di 5. Sep 2006, 11:07

Hier die nächste Geschichte aus meinem Fundus:

Die Vereinbarung – O acordo
Und so geschah es:

Das Haus, eigentlich eher ein mokifo, konnte vermietet werden. Die Mieter waren vertrauenswürdig, also es waren Brasilianer, das scheint sich erst mal zu beißen, aber
man kannte sich, und so ging alles seinen Lauf. Mietvertrag brauchte man nicht, es galt das mündlich auf der Gass’ Vereinbarte, waren ja gute Bekannte, da braucht man’s nicht so genau nehmen – die sind außerdem sehr zuverlässig.
Lange wärt die Geschichte nicht, man einigte sich auf den Auszug aus dem profanen Gebäude, die Miete sei zu teuer, die Nachbarschaft lärmt und überhaupt. Dort wo die Miete billiger ist, lärmt die Nachbarschaft noch mehr, wobei man vor lauter Krach dann die Schüsse nicht hört, was ja auch Vorteile hat. Außerdem ist „teuer“ immer relativ, doch dass man mit einem salario und einem Nebenverdienst wie Fußpflege mit Babysitten keine großen Sprünge machen kann, ist klar. Nur, dass man darüber vorher auch nachdenken könnte, ist offensichtlich eben nicht so klar, so dass sich die Reihenfolge „Überlegung – Entscheidung“ manchmal vertauscht. Aber is’ ja auch Wurscht.
Man einigte sich also auf den Auszug. Die Miete war immer bezahlt, also kein Problem, soviel wenigstens zur objektiven Zuverlässigkeit. Der Schlüssel wurde übergeben, der Ehegatte der Eigentümerin (nennen wir ihn mal Dudu) wurde zum Haus geschickt, um zu schauen, ob auch alles okay ist.
Naja, es war auch so in etwa erwartungsgemäß, wie man sichs vorstellen könnte. Die Mieter waren wohl eine ausgebildete Spezialeinheit im Gebäudeverwüsten oder so. Es stand also schon mal eine komplette Renovierung an: Die Fußbodenkacheln waren z.T. gesprungen, die Wände von Kinderhand verziert, die Kloschüssel angebrochen, die Dusche marod und und und. Außerdem hat man noch einige Gegenstände mitgenommen, die eigentlich zum Haus gehörten, wie den Herd zum Beispiel. Was halt so alles in 4 Monaten passiert üblicherweise.
Besonderes Interesse fanden auch die demonstrativ liegen gebliebenen Rechnungen am Boden der sala. Man hatte also Strom- und Wasserrechnungen gesammelt und vorsichtshalber nicht bezahlt, das waren also zusammen 75,-- im Monat, also gut 300,-- für die Mietzeit.
War scheinbar doch inclusive, also „warm“ wie’s bei uns hier heißt. Warm ist es dort eh, bei der Bruthitze und wenn kein Wind geht – also auch relativ, nur so zum Verstehen.
Dudu kam heim und versicherte, dass alles okay sei (zumindest aus seiner Sicht?) und legte die Rechnungen beiläufig auf den Tisch. Er brachte nicht das nötige Verständnis mit, ob das alles so richtig sei, bekam dies aber von der Gattin doch eher lautstark mitgeteilt.
Sodann ereilte ihn der Auftrag, dies mit den Ex-Mietern zu regeln. Frisch geduscht, im Flamengo-Hemd, auf dem Fahrrad - die Rechnungen am Gepäckträger festgeklemmt – machte er sich auf und kam bereits nach 1 Stunde freudestrahlend zurück.
Auf Resultate befragt, gab er freudig Auskunft. Er hätte einen für beide Seiten sehr guten acordo vereinbart. Das wäre überhaupt das Beste für alle. „Welcher acordo“ fragte die Ehegattin bereits misstrauisch. „Nun, wir bezahlen die Hälfte der Rechnungen, und die Ex-Mieter ebenfalls die Hälfte. Und damit sei ja alles klar….“
Ich glaube, er kam nicht dazu, den Satz überhaupt zu vollenden, es ging dann sehr lautstark zur Sache „eu vou te mostrar o acordo, cabra safada sem vergonha, come pode combinar uma coisa dessa, essascarnicasafadasenvergonhaputaquepariuvaipramerda…“ und so weiter.
Den fehlenden Herd konnte er gar nicht mehr erwähnen, dazu fehlte die Zeit, und geduckt im Flur irgendwelchen Gegenständen ausweichend – so war halt die Kommunikation sehr einseitig.
Doch dazu später mehr.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass der „acordo“ noch günstig gewesen wäre. Die Ex-Mieter haben vorsichtshalber gar nichts bezahlt, haben zwar ihren Ruf in diesem Viertel ruiniert, was aber nichts macht, da sie nun ganz woanders wohnen. Dort ists ruhiger (jedenfalls wenn gerade mal kein Flieger kommt) und überhaupt machen dort Wandmalereien nichts mehr aus, weil man davon nichts sieht. Und überhaupt werden die Flieger nur von den dauernden Polizeisirenen übertönt, aber dies nur am Rande.

Nachdem sich die Wogen etwas geglättet hatten, machte sich an einem ruhigen Sonntag die Eigentümerin noch mal selbst zu ihrem feudalen Grundbesitz auf, um abschließend nach dem Rechten zu schauen. Der Ehegatte wollte dies verhindern – wollte sogar ins Kino mit Ihr, oder an den Strand – er wusste sicher, warum. Dieses offensive Umgehen mit diesem Thema roch allerdings nach Verrat – um so mehr er sie davon abhalten wollte - umso leidiger wurde das Thema diskutiert und endete mit einem „vou agora“ „se prepare quando eu volto“.
So wurde das Haus doch noch offiziell in Augenschein genommen, dem armen Dudu blieb also nichts erspart.

Aufgelöst kam die Senhora 3 Stunden später zurück, es kam alles raus:
Die Wände, die Toilette, der Herd und vieles andere noch.
Dudu wurde unverzüglich beauftragt, den Herd zurückzuholen – wie? Lass Dir was einfallen.
Aber dies Problem hatte der Zeitablauf von selbst geklärt - der Herd war bereits von den Ex-Mietern verkauft, Dudu konnte den Schaden nur etwas schmälern, dass er das Haus renovierte
und dafür seine für Fussball vorgesehene Freizeit auf Wochen hinaus opferte. Der Haussegen hing jedenfalls einige Wochen schief nach diesen Vorfällen.

Die Moral von der Geschicht:
-Vermiete niemals Häuser (nicht).
-Vereinbarungen sind dazu da, um sie zu brechen
-Was verkauft ist, ist verkauft. Verluste gibt’s immer.
-Die besten Bekannten büßen diesen Status ein, indem sie in deinen Räumlichkeiten wohnen
-Früher oder später kommt doch alles raus
-Gerade bei guten Bekannten sollte man’s genau nehmen

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Danke fürs feedback

Beitragvon rave_66 » Mi 6. Sep 2006, 12:25

Ich frage mich halt immer mal, ob solche stories noch mehr Leuten gefallen, oder eben nicht.
Kostet ja auch schliesslich ein bißchen Zeit, alles niederzuschreiben und immer die Ohren offenzuhalten, um solche Geschichten zu präsentieren.
Allerdings bin ich da einer der wenigen Schreiber hier im Forum und auf Grund des geringen/dürftigen feedbacks stellt sich mir die Frage, ob ichs zukünftig lasse, oder ob weiter Interesse besteht.
Wie seht ihr's? Vielleicht mal eine Umfrage starten?

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Beitragvon Severino » Mi 6. Sep 2006, 12:30

Oi rave_66
Mir gefallen diese Geschichten aus Brasilien. Du beschreibst das sehr gut. Das sind genau die Beiträge, die ein solches Forum braucht. Also Danke und weitermachen, auch wenn nicht alle "Autoren" hier wirklich was schreiben und einige auch nur blöde Kommentare abgeben....
paz e amor
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Beitragvon Lemi » Mi 6. Sep 2006, 12:50

Hi Rave,

jetzt verstehe ich endlich, warum Vermieter immer 3-5 Monatsmieten als Kaution im Voraus haben wollen. Wahrscheinlich entspricht das dem Wert des gesamten Wohnungsinventars inklusive eines Komplettanstrichs.

Von einem Verwandten meiner Frau habe ich mal gehört, dass er sein Apto in Cabo Frio an Touristen vermietet hat und danach sogar die Türen, Armaturen und Waschbecken fehlten. Sie streiten sich jetzt vor Gericht weiter, was aber letztendlich noch mehr Kosten erzeugt und der Angeklagte meistens nach "Armutsnachweis" sowieso nicht zum Zahlen gezwungen werden kann. Lohnpfändung wäre eine weitere Möglichkeit, worauf der Angeklagte bei seinem AG schnell um Entlassung bittet (ganz einfach: nur irgendwas klauen ....... ist er eh schon gewohnt).

Die Chancen auf Rekuperierung des Verlusts sind also eher gering, um nicht zu sagen "gleich Null".
Man sieht sich,
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Beitragvon Gamão » Mi 6. Sep 2006, 15:46

Hallo Rave 66,
kann mich meinen Vorrednern nur anschliessen!
Ich hoffe, dass du auch in Zukunft und vielleicht auch oefters was schreibst.
Aus meiner Sicht ist das eine ganz normale brasilianische Geschichte.
Nur wenn man es so geschrieben sieht, stellt sich die Frage, ob es wirklich ¨normal¨ ist oder wir uns daran gewoehnt haben.
Besten Dank
Gamão
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Hi

Beitragvon Zwitscherer » Mi 6. Sep 2006, 19:08

Rave , hört man da nicht ein bisschen Ungeduld heraus ?? :roll: Posting ist doch voll oki und dann lass laufen . Aber nicht unbedingt sofort auf die Retourkutsche warten ( die kommt eh früher oder später von ganz allein :wink: )
Ciao Zwi
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Beitragvon brasifan » Sa 28. Okt 2006, 15:05

ich finde die Beiträge super, mehr davon !
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Beitragvon Moranguinho » Sa 28. Okt 2006, 16:04

Ich finde solche Beiträge auch prima!
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Beitragvon mary13 » So 29. Okt 2006, 07:38

Sehr interessant. Schreib weiter, es gibt hier viel zu lernen! Freue mich über solche Beiträge!
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Beitragvon Pico do Corcovado » So 29. Okt 2006, 11:27

So ist es! Bitte erzähle weiterhin solche Geschichten!  :-)br =D>
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