WirtschaftDrei Milliarden Euro für einen 25 Jahre alten Atommeiler
Brasilien hat die Kernkraft wiederentdeckt. Jetzt soll ein betagter Siemens-Reaktor endlich zusammengefügt werden
Wolfgang Kunath
RIO DE JANEIRO. Ob die Arbeiten an Angra 3 demnächst beginnen, hängt formell von dem Votum des sogenannten Rates für Energiepolitik ab Dieses Gremium hat zwar die Aufgabe, den Präsidenten Brasiliens bei energiepolitischen Entscheidungen zu beraten - bloß braucht der gar keine Beratung mehr. Luiz Inacio Lula da Silva hat offenbar entschieden: Bei der Einweihung einer Öl-Plattform sprach sich der Präsident kürzlich öffentlich dafür aus, Brasiliens drittes Atomkraftwerk zu bauen. "Es ist eine saubere Energie, sie verschmutzt die Umwelt nicht, sie trägt nicht zum Treibhauseffekt bei", sagte der Staatschef, der immer wieder klagt, Umweltschutz behindere das Wachstum. Angra 3 nicht zu bauen sei sinnlos, und außerdem sei die brasilianische Nukleartechnologie "perfekt". Lula setzte hinzu: "Ich kann Ihnen garantieren, dass in Brasilien niemals das passiert, was in Tschernobyl passiert ist. Niemals."
"Mit Messer und Gabel"
Die Regierung will bis 2030 acht Kernkraftwerke mit je 1 000 Megawatt Leistung bauen, erläuterte ein Sprecher des Bergbau- und Energieministeriums in BrasÃlia. Das sehe ein Atomprogramm vor, das in den nächsten Monaten beschlossen werden solle. Dass Brasilien auf die Atomenergie setzen will, begründet die Regierung mit den Wachstumserwartungen: "Wenn wir mehr als fünf Prozent jährlich wachsen wollen, müssen wir den Investoren sagen können, dass genug Energie da ist", so Lula. Dabei steht Brasilien und die Atomkraft bisher eher für eine Kette von Fehlschlägen.
Angra 1 ist ein zunächst für Costa Rica geplantes, dann in aller Eile für Brasilien umgeplantes Atomkraftwerk, das die Amerikaner schlüsselfertig lieferten - ein Pleite-Meiler aus den Siebzigern, der im Jahr 1994 nur 14 Tage lang in Betrieb war, heute allerdings halbwegs zuverlässig läuft.
Die rechten Militärs hatten jedoch kein Interesse an schlüsselfertigen Reaktoren. Sie wollten den Atomkreislauf beherrschen und träumten dabei von der Atombombe. Das Atomabkommen, das sie 1975 mit Bonn schlossen, sah acht Reaktoren und eine Wiederaufarbeitungsanlage vor - ein Vertrag, gegen den der damalige US-Präsident Jimmy Carter Sturm lief. Das Atomabkommen mit Deutschland kostete Brasilien "rund acht Milliarden Dollar und war ein Fehlschlag", urteilte der Energie-Experte Luiz Pinguelli Rosa. Der Siemens-Reaktor Angra 2 wiederum begann, nach 25 Jahren Planungs- und Bauzeit, erst im Jahr 2000 seine Stromproduktion. Nebenan auf dem Werksgelände Angra an der Atlantikküste sollte zeit- und baugleich Angra 3 entstehen. Aber dazu kam es nie, weil Geld und politischer Wille dazu fehlten. Die Teile im Wert von 750 Millionen Dollar, die Brasilien Anfang der Achtzigerjahre für Angra 3 in Deutschland eingekauft hatte, liegen noch heute in 26 Schuppen - versichert und wohl verwahrt gegen Feuchtigkeit, Salzwasser und Tropenhitze, was jährliche Lagerkosten von 20 Millionen Dollar verursacht.
"Wir sitzen schon mit Messer und Gabel und der Serviette um den Hals am Tisch", so beschrieb Eletronuclear-Chef Othon Pinheiro da Silva die Bereitschaft Brasiliens, mit dem Bau von Angra 3 loszulegen. Der Meiler könnte in 66 Monaten fertig sein und würde umgerechnet 2,8 Milliarden Euro kosten, von denen 70 Prozent in Brasilien ausgegeben würden. Partner von Eletronuclear ist die Atom-Firma Areva NP, die 2001 durch Fusion der französischen Framatome und der deutschen Siemens Nuclear Power entstand. Auf sie entfielen die restlichen 30 Prozent des Investitionsvolumens. "Wir haben mit Areva bereits Dienstleistungs- und Lieferverträge", sagte ein Eletronuclear-Sprecher. Die Verträge mit Areva hätten Vorrang - auch weil Angra 2 und Angra 3 baugleich seien.
Während des Baus entstünden 9 000 direkte und 1 500 indirekte Arbeitsplätze. Nach Fertigstellung werde Angra 3 etwa 500 Menschen beschäftigen. Berlin ist nun in der komfortablen Lage, dass Areva NP trotz Siemens-Beteiligung als französische Firma gilt. Damit muss die Koalition, deren Partner in der Atompolitik auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, das heiße Thema gar nicht behandeln - im atomkraft-freundlichen Frankreich droht erst keine Debatte. Guilhelme Leonardi von Greenpeace Brasilien hofft dennoch, dass Angra 3 nicht gebaut wird. Er führt die Kosten gegen den Meiler ins Feld. "Das Energiesparprogramm der Regierung bringt viermal mehr als die Leistung von Angra 3. Und es kostet nur zwölf Prozent davon."
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... 63082.html