Ein verkannter Klassiker

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Ein verkannter Klassiker

Beitragvon mikelo » Mo 12. Mär 2007, 01:06

wolfhagen. Neun Monate unter Menschenfressern - ein Buch zu diesem Thema hatte auch vor 450 Jahren das Zeug zum Bestseller. Und die "Warhaftig Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden / Nacketen / Grimmigen Menschfresser Leuthen / in der Newenwelt America gelegen", das Hans Staden nach seinem Brasilienaufenthalt 1555 in Wolfhagen schrieb, erreichte nach seiner Veröffentlichung 1557 eine für die damalige Zeit riesige Auflage. Am Wochenende trafen sich in Wolfhagen die führenden Staden-Forscher aus aller Welt, um sich über die Bedeutung und den neusten Stand der Forschung auszutauschen.

Erstveröffentlichung 1557

Eingeladen hatte das Regionalmuseum Wolfhagen, das die Veranstaltung in Kooperation mit dem Romanischen Seminar der Universität Kiel auf die Beine gestellt hatte. Anlass war der 450. Jahrestag der Erstveröffentlichung von Stadens Historia, dem ersten landeskundlichen Buch über Brasilien.

"Hier hat man noch gar nicht richtig begriffen, welche wichtige Rolle dieses Buch spielt. In Brasilien ist man da schon viel weiter."

Sven-Hinrich Siemers Museumsdirektor

In den Vorträgen, die auch für Laien zugänglich waren, wurde die Bedeutung des Renaissance-Bestsellers deutlich, der das Amerikabild der damaligen Zeit prägte. Er wurde im 19. Jahrhundert wieder entdeckt und wird seitdem von Historikern und Völkerkundlern als Quelle genutzt, da es vor Stadens Buch keinerlei Beschreibungen und Aufzeichnungen über die Kultur der brasilianischen Indianer gab.

Dementsprechend groß ist Stadens Popularität bis heute vor allem in Brasilien.

Am Freitag startete die Wolfhager Staden-Tagung, zu der Forscher aus Süd- und Nordamerika und aus verschiedenen Ländern Europas nach Wolfhagen gereist waren, offiziell mit einem Festvortrag von Dr. Franz Obermeier von der Universitätsbibliothek Kiel. Sein Thema: "Hans Stadens Brasilienbuch im 450. Jahr seines erstmaligen Erscheinens. Der verkannte Klassiker?"

Alltag der Indianer

Dabei machte Obermeier deutlich, welche Bedeutung das Buch - von dem noch etwa ein halbes Dutzend Erstausgaben weltweit erhalten sind - für die Wissenschaft hat. Die Historia sei eines der Hauptwerke der renaissancezeitlichen Reiseliteratur und das wichtigste Werk zur Frühgeschichte der brasilianischen Indianer. Die Eingeborenen hatten keine eigene Schriftkultur, so war Hans Staden der erste, der eine Dokumentation ihres Alltags verfasste und dabei nicht nur das Abscheuliche wie den Kannibalismus, sondern auch das übrige soziale Verhalten beschrieben hat. Deshalb ist er bis heute von immenser Bedeutung für die brasilianische Nation.

Sehr hohe Auflage

Franz Obermeier belegte während seiner Ausführungen, dass Hans Staden tatsächlich ein verkannter Klassiker ist, der mit seiner Historia durchaus an die Seite anderer großer deutscher Autoren zu stellen sei. Zum einen wegen der Bedeutung des Buches: Staden war zu seiner Zeit ein Bestsellerautor, sein Buch wird bis heute weltweit viel gelesen. Druckfrische Ausgaben in diversen Übersetzungen gibt es nach wie vor im Handel.

Vor allem aber in Brasilien hat Staden den Status eines Klassikers, wobei Vergleiche, was Stadens Popularität angeht, mit Goethe und Schiller nicht weit hergeholt sind. In Brasilien, war während der Tagung zu erfahren, kennt jedes Kind den Abenteurer aus Nordhessen, dessen Erlebnisse während seiner Reise und bei den Menschenfressern in Kinderbüchern, Comics und Filmen verarbeitet wurden.

Persönliches Kennenlernen

Aus der Sicht von Dr. Sven-Hinrich Siemers, dem hauptamtlichen Leiter des Regionalmuseums Wolfhager Land, war während der Wolfhager Tagung neben dem fachlichen Austausch ein weiterer Aspekt von großer Bedeutung: Forscher, die zum Teil seit Jahrzehnten schriftlich miteinander kommunizierten, haben sich in Wolfhagen endlich auch persönlich kennen gelernt. Damit wurden auch die Verbindungen unter den Staden-Forschern noch enger geknüpft.
http://www.hna.de/wolfhagenstart/00_200 ... siker.html
o sol nasce pra todos; a sombra pra quem merece.

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