Eine Reise durchs Pantanal

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Eine Reise durchs Pantanal

Beitragvon Lemi » Do 16. Dez 2004, 09:21

...... es war im Pantanal - ca. 100 km südlich von Poconé, Bundesstaat Mato Grosso, nähe bolivianische Grenze ...... der VW Kombi brachte uns über lehmige Strassen und zweifelhafte Holzbrücken zu einer Fazenda namens "Nosso Paraíso".

Die Dame, die mich begleitete, war eine Tierliebhaberin und wollte unbedingt Brasiliens Tierwelt in einem 3-Tagestrip kennenlernen ........ da es aber in Rio nur Affen und zischelnde Cariocas zu sehen gibt, entschloss ich mich mit ihr ins Pantanal zu fliegen.

Der VASP-Flug nach Cuiabá war damals noch für 300 R$ zu haben, weshalb wir uns für dieses Transportmittel entschieden ...... ich sehe heute noch meinen kleinen Fiat mit Tränen in den Scheinwerfern vor mir stehen ...... es war eine schwere Entscheidung für mich ...... aber es musste sein ...... meine Begleiterin hätte, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, die Autofahrt dorthin nie überlebt !

Gut. Wir kamen also über die Transpantaneira mit unserem angemieteten Kombi ins Pantanal rein. Außer ein paar storchenähnlichen Vögeln und Hirschen sahen wir nicht viel. Irgendwann - ich schätze, so nach ca. 4 Stunden endete die Erdstrasse. Obwohl sie auf unsere Landkarte eindeutig hätte weitergehen müssen, war die Weiterfahrt aufgrund einer eingestürzten Brücke unmöglich.

Ich fragte mich, ob das Gewicht eines VW Kombis wirklich ausreichend war, um eine aus Holzbalken gefertigte Brücke zum Einsturz bringen zu können und suchte die Umgebung nach dem Autowrack ab. Für die Überfahrt benutzten wir ein kleines Boot, um in die nahe liegende Fazenda zu fahren. Alles lief bestens.

Als wir ankamen, fragte mich meine Reisebegleiterin ganz ungeduldig, wo denn die vielen Tiere wären. Ich erklärte kurz, dass selbst die Tiere die Mittagshitze meiden und sich unter Büschen verkriechen - versprach aber im gleichen Atemzug einen Trip für den späten Nachmittag zu organisieren, auf dem wir ganz bestimmt "einiges" zu sehen bekommen würden.

Gesagt - getan. Der freundliche Bootsmann war natürlich ortskundig und bot uns die Nachmittagstour zum "Spezialpreis" von 50 R$ an. Wir schlugen ein (hatten auch keine weitere Option) und unsere Tour begann:

Der Bootsfahrer hatte sicherlich schon viele dieser Touren gemacht, denn jedes Mal bevor wir um eine Flusskurve bogen, kündigte er an, welches Tier auf welchem Baum sitzt ...... er behielt immer recht, obwohl wir die Feuersalamander, Eisvögel oder auch Affen mit unserem Großstadtaugen kaum sahen, da sie nur an Ampeln und flimmernde Fernsehgeräte gewöhnt waren.

Irgendwann bekamen wir unseren 1. Kaiman zu Gesicht - später auch Wasserschweine und Tuiuius - meine Begleiterin kreischte auf als plötzlich ein Pärchen blau-gelber Araras über sie hinwegzischte. Sie war hin und weg - so was hatte sie noch nicht gesehen.

Der Bootsfahrer bemerkte die zunehmende Begeisterung seiner Kundschaft und meinte, er habe noch etwas Besonderes.

"Vamos lá !!!" säuselte meine Begleiterin ........ wir fuhren weiter in Richtung eines Sumpfes, der beim 1. Blick etwas unwirtlich aussah ......... später dann, anscheinend durch das Motorengeräusch unseres Bootes, aber zu Leben erweckt wurde:

Ca. 100 Krokodile tummelten sich in unmittelbarer Nähe unseres Bootes. Wohlwissend, dass sie an diesem Tag kein Menschenfleisch auf ihrer Speisekarte hatten, näherte sich unser Guia mit dem Paddel ......... jedoch schien er sich nicht ganz im Klaren darüber zu sein, dass Krokos keine Paddel auf ihrem Rücken mögen ....... eines der bis dahin netten Prachtexemplare erschrak bei einem seiner Paddelstiche und schnappte es ihm in Sekundenschnelle aus der Hand.

Nachdem wir den Verlust des Paddels weggesteckt hatten - unser Bootsführer glücklicherweise nicht darauf bestand, dass das Paddel sein persönliches Eigentum war und somit das Boot auch nicht zum Kentern gebracht wurde - warf unser Bootsmann rasch den Motor an und legte blitzschnell den Rückwärtsgang ein ...... ich hatte den Eindruck, dass er sich nicht mehr ganz so sicher über den Inhalt der Kroko-Speisekarte war.

Um seine Souveränität nicht einzubüssen, zeigte uns der Bootsmann sein Ersatzpaddel - mittlerweile in sicherem Abstand zu dem Kroko-Rudel - und meinte noch so " alles kein Problem ...... ihr könnt cool bleiben". Wir waren jedenfalls froh, wieder auf der Flussmitte zu schwimmen - wohlgemerkt - innerhalb des Boots.

Als wir wieder an unserer Fazenda waren, schlug uns der Fazendeiro João eine Wanderung vor. Er meinte, dass so eine Bootstour ja ganz gut sei, aber die Tiere durch den lauten Dieselmotor verscheucht würden. Zu Fuß wäre alles schöner .......

Wir liefen also ein wenig umher ...... sahen tatsächlich wunderschöne Vögel und Schmetterlinge und auch mal ein Schlangchen ...... nur dieses Riesending hatte wohl selbst unser João nicht erwartet:

Eine Anakonda von mindestens 4 - 5 Metern Länge lag quer auf unserem Weg - direkt vor uns. Wir (die Touris) blieben wie versteinert stehen - unserer Guia João hingegen lachte und ging zur Schlange. Nachdem er eine Weile mit ihr redete, die Schlange ihm (zumindest für mich nicht hörbar) aber nichts erwiderte, hob er sie einfach in der Mitte an und rief uns zu: "so - ihr könnt Fotos machen". Mein Respekt vor diesem Mann wuchs in Sekundenschnelle. Ich hätte dieses Viech nie im Leben auch nur angefasst, geschweige denn hochgehoben. Meine Begleiterin war noch eine Ecke versteinerter als ich - ich glaube ihre Pantanaltour hatte sie sich ein wenig mehr "light" vorgestellt.

Der Abend brach ein - eine wunderschöne Dämmerung begann. Es war wie im Film "Jenseits von Afrika". Der einzige Unterschied zum Film war, dass im Pantanal mit Einbruch der Dunkelheit sofort die Mückenschwärme auf Blutsuche gingen und in uns anscheinend lohnenswerte Opfer sahen.
Wir konnten uns - trotz Jeanshosen und Jacke (João hatte uns vorgewarnt) kaum vor diesem Viehzeug retten. Unser Guia João bestand aber darauf, uns die grünen Krokodilsaugen mit seiner Taschenlampe zu zeigen. Wir stimmten widerwillig zu und gingen zum Sumpf. Dort sahen wir dann nicht nur die vielen grün leuchtenden Kroko-Augen, sondern spürten auch die zunehmende Intensität der Mücken, die sich mittlerweile durch die Hosenbeine durchgekämpft hatten. Wir flohen fast fluchtartig in unsere Fazenda.

Dort erwartete uns ein traditionelles Abendessen: Reis, Bohnen, Farofa und Fisch - sehr lecker !!!! Anschließend zeigte uns João noch mal in seinem Tierbuch alle bisher gesehenen Tiere. Dann wurden die ohnehin nicht vorhandenen Gehsteige endgültig hochgeklappt. Gegen 9 gingen wir zu Bett ………………

In unserem Zimmer müssen so um die 35 Grad gewesen sein. Es war höllisch heiß und die Luft stand. Ein Blick nach oben löste etwas Erleichterung in mir aus - wir hatten einen Deckenventilator!

Wie mir aber nach kurzer Zeit klar wurde - die Fenster konnten wir aufgrund der schon anklopfenden Mückenschwärme nicht öffnen - erfüllte der Deckenventilator maximal die Funktion eines Miefquirls. Und als ob das noch nicht genug wäre, hatte er auch noch den Geräuschpegel eines direkt neben mir gelandeten Hubschraubers. Schlafen war praktisch unmöglich.

...... irgendwann spät in der Nacht muss ich dann wohl doch abgeklappt sein - schließlich hatten wir einen harten Tag hinter uns - da stieß mich meine Bettnachbarin an und zeigte völlig verängstigt mit ihrem Finger Richtung Decke und sagte: "hör mal - das Kratzen da oben auf dem Dachboden. Das müssen Krokodile sein." Ich glaubte, ich sei in einem Albtraum. Anscheinend sah sie nur noch Krokodile seit der Begegnung im Sumpf. Ich versicherte ihr, dass es sich maximal um eine Katze handeln könne - sie aber blieb stur und meinte, dass sie seit ihrer Ankunft nicht eine einzige Katze gesehen hätte .......

...... wir stritten den Rest der Nacht weiter - sie auf ihrer Krokodiltheorie beharrend - ich mittlerweile von der Katze, über Ratten bei Gürteltieren angekommen ........ sozusagen, um ihr etwas entgegenzukommen.

Beim Frühstück - wir sahen wohl beide nicht besonders frisch aus - fragte uns der Fazendeiro, ob wir auch eine gute Nacht hatten. Die Frage nach dem Untier lag praktisch schon bereit auf der Zunge ............ und ......... es war ein Kätzchen ...... wovon wir uns später überzeugen konnten ......
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Beitragvon Lemi » Do 16. Dez 2004, 09:22

Noch mal einen Gedankensprung zurück ins Pantanal. Ein kleines Detail hätte ich beinahe vergessen zu erwähnen ........

Während unseres nächtlichen Ausflugs in die Pampa wurden wir - wie ich schon geschrieben hatte - ständig von lästigen Moskitoschwärmen begleitet ........

........ damals wusste ich, dass diese Moskitos solch unangenehme Krankheiten wie Malaria übertragen und schützte mich mit den entsprechenden Anti-Malaria-Hammertabletten.

Als ich nach einem unserer Ausflüge meine Schutzbekleidung auszog, stellte ich fest, dass die Moskitos es geschafft hatten, sich einen Weg durch Hosen und Jacke zu bahnen. Ich hatte jede Menge Stiche im Bereich der Arm- und Fußgelenke, mal ganz abgesehen vom Hals und den Händen ..... da ich weder Schal noch Handschuhe trug.

In meinen weniger gut verbrachten Nächten - ich schaltete aller halbe Stunden den Miefquirl zumindest so lange an, bis mir das Hubschraubergeräusch mehr auf den Sack ging als die 35 Grad heiße Schlafzimmerluft - scharrte ich mir unbewusst die Stiche an Beinen und Armen auf.

Die Folge war ein Verteilen der giftigen Flüssigkeit, die sich in den Stichwunden befand. Innerhalb von wenigen Stunden schwollen Arme und Beine so bedenklich an, dass ich mir etwas Sorgen machte.

Meine Begleiterin brach - wie nicht anders zu erwarten - sofort in Panik aus, als sie mich so - leicht entblößt - in Unterhosen dastehen sah. Sie wollte sofort einen Rettungshubschrauber rufen lassen (sie hatte wohl in Deutschland eine Reiseversicherung abgeschlossen, die diesen Service beinhaltete), um mich einer stationären Behandlung unterziehen zu können. Sie rechnete fest damit, dass mir beide Arme und Beine amputiert würden......

Ich konnte sie glücklicherweise davon überzeugen, dass mir weltweit kein solcher Fall von Amputation der Gliedmassen bekannt sei und deshalb eine Kühlung der betroffenen Stellen mit Eiswürfeln vorläufig ausreichend sei.

Als wir dann 2 Tage später - die Rötung bzw. Schwellung der entsprechenden Körperteile war noch etwas fortgeschritten - wieder in Poconé eintrafen, schrie meine Partnerin laut auf als sie ein rostiges Schild mit der Aufschrift "Ponto médico" las ........

Wir hielten an und ich stellte mich dem "Krankenbruder" vor. Nachdem ich ihm meine Havarieschäden zeigte, lächelte er und sagte "das haben wir hier öfters, aber du hast besonders schöne Blüten auf deinen Beinen....."

Zum Arzt wurde ich erst gar nicht vorgelassen, da der diensthabende Krankenbruder die Situation offensichtlich im Griff hatte. Ich wurde nur etwas nervös als er eine Nadel und die dazugehörige Spritze hervor holte ..... nicht das ich Angst vor Spritzen hätte, eher die Sorge im Zeitalter von AIDS ungewollt noch ein paar Extra-Viren abzubekommen, die man dann nicht so schnell wieder los wird ...... man weiß ja nie im Hinterland .......

..... ich sprach ihn dann auch direkt auf die AIDS-Problematik an und er lächelte wieder: "mach dir keine Sorgen. Das ist eine Einwegnadel, die ich gerade frisch ausgepackt habe ..... aber wenn du willst, bekommst du eine Neue, die ich vor deinen Augen auspacke" ........ langsam gewann ich Vertrauen in den medizinischen Stützpunkt ........

Der Krankenbruder erklärte mir, dass ich durch das Aufkratzen der Moskitostiche das Gift schön gleichmäßig über Beine und Arme verteilt hätte und mein Körper somit komplett mit dem Gift der Stechmücke "intoxicado" war. Glücklicherweise verstand meine Begleiterin so wenig portugiesisch, dass nicht sofort die Frage nach dem Amputationstermin kam.

Er verpasste mir mit der Spritze eine Ladung Gegengift und meinte im Vorbeigehen, dass ich jetzt möglichst erstmal kein Auto fahren sollte, da eine gewisse Müdigkeit eintreten wird.

Er behielt recht: eben noch auf der Suche nach einer Pousada in Poconé schlief ich nach ca. 30 Minuten im VW Kombi so tief ein, dass mich meine Begleiterin und der Kombifahrer in die Pousada tragen mussten.

Dort wachte ich dann nach ca. weiteren 30 Stunden Schlaf auf - allerdings nur, um etwas zu essen und zu trinken - anschließend schlief ich weitere 24 Stunden.

Erst als ich aus diesem Tiefschlaf aufwachte, bemerkte ich, dass ich nicht mehr im Pantanal war ...... auch der Juckreiz hatte etwas nachgelassen ...... schließlich hatte ich über 50 Stunden nicht an den Moskito-Stichen herumkratzen können .......
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klingt ja recht spannend...

Beitragvon der Alex » Mo 24. Okt 2005, 17:46

Das klingt ja schon recht spannend, was du da geschildert hast. Hast du vielleicht einen Tipp, wie ich einen ähnlich gelungenen Besuch im Pantanal hinbekomme?
Ich hab alle Fragen hier:

http://www.brasilienfreunde.net/viewtopic.php?t=1878

gestellt.

Danke

der alex
Wo kämen wir hin, wenn jeder fragen würde "Wo kämen wir hin?"
und keiner ginge, um zu sehen wohin wir kämen, wenn wir gingen???
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