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 Betreff des Beitrags: Entlang der Estrada de Coco nördlich von Salvador
BeitragVerfasst: 27 Nov 2004 20:18 
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Registriert: 26 Nov 2004 21:23
Beiträge: 2016
Rosenmontag nach Salvador. Das klingt vielversprechend. Endet aber weniger spektakulär, dafür aber sehr herzlich, auf Netos Sitio in Monte Gordo, direkt oben auf dem “fetten Hügel” mit Fernsicht aufs offene Meer aus 4 km Entfernung.......war natürlich alles so geplant, denn Karneval in Salvador mit 2 Kleinkindern fällt unter die Rubrik “Programa de Indio”.

Das letzte Mal, dass ich das Litoral Norte Bahias ausgiebig bereist habe, war 1997/98. Damals bin ich begeistert zurückgekehrt, beeindruckt vor allem von der natürlichen Schönheit Mangue Seco’s. Ausserdem lernte ich damals G.G. kennen, einen Aussteiger aus Deutschland, der im Begriff war sich eine Existenz aufzubauen. Ein Besuch bei ihm stand auch diesmal auf meinem Fahrplan. Dabei stellte sich heraus, dass seine Erfolgsstory offenbar keine Ende nehmen will, basierend auf Profissionalität und Menschenkenntnis.

........”ein bisschen Bahia”........war mal einer meiner Beiträge über einiger Highlights Bahias. Mittlerweile sind einige Infos überholt bzw. könnnen ergänzt werden.

Frühere Paradiese, wie Praia do Forte, sind mittlerweile vollends dem Tourismus erlegen. Das Preisniveau nähert sich dort langsam dem europäischen. Allerdings gibt es immer noch das sehr lohnenswerte Ziel “Projeto Tamar”, was um ein Haifischbecken und ein Becken mit Moränen erweitert wurde. Sehenswert ist die schon ältere Schildkrötenaufzucht, die wohl die grösste ihrer Art in Brasilien ist und die Ausgabe von 5 R$ Eintritt wert ist. Ansonsten würde ich mich aber von Praia do Forte fern halten, da ambulante Verkäufer und zunehmend überfüllte Strände nicht unbedingt zum “Muss” eines Nordbahia-Touristen gehören sollten.

Zwischen Salvador und Praia do Forte hat sich eine rasante Entwicklung vollzogen. Strände wie Garajuba und Barra de Jacuipe waren vor ein paar Jahren noch menschenleer. Es gab keine Pousadas. Mittlerweile ist Guarajuba ausgebaut worden und erscheint wie ein Urlaubsort in der Algarve. Beeindruckend ist hier der Unterschied zwischen Wochenende und Wochenmitte. An einem gewöhnlichen Mittwoch kann man den Strand durchaus als einsam bezeichnen, währenddesssen am Wochenende die Hölle los ist. Die Salvadorianer strömen dann in Massen aus der Stadt und bevölkern die Strände.
Barra de Jacuipe, Nachbar von Guarajuba, ist da schon wieder ganz anders. Die Barracas stehen direkt am Flussufer des Rio Jacuipe und der Strand zum offenen ist gähnend leer. Am Strand befinden sich dem Anschein nach fast nur Einheimische. Die Lage und der Blick sind atemberaubend. Für mich völlig unverständlich, warum “todo mundo” nach Praia do Forte und Guarajuba strömt.
Auf der anderen Seite der Einfahrt nach Jacuipe beginnt übrigens die Panoramastrasse nach Monte Gordo. Wer dieses Panorama direkt aus dem Schwimmbad mit Blick auf die Kokospalmenalleen und das offene Meer in Ruhe geniessen will, sollte sich mal in Netos Inbox melden. Sicherlich gibts da Möglichkeit, ein paar angenehme Tage zu verbringen, mit dem Nebeneffekt in einer völlig mückenfreien Zone zu sein und immer eine Frische Brise Seewind einzuatmen.......und wer Neto kennt, weiss, dass seine Ausflüge nicht in Richtung Strand gehen, sondern auf den noch unausgetrampelten Pfaden durch das noch touristisch unerforschte Hinterland gehen......da trifft man auch schon mal ein paar Büschelohräffchen, die neugierig dem "Bicho" Mensch hinterheräugen.

Die eigentliche Freiheit und Einsamkeit beginnt erst nördlich Praia do Forte’s. Imbassai heisst der erste Strand, der vor allem wegen seiner Flusslandschaft ein paar Meter hinter dem Strand sehr schön ist.

Über den darauffolgenden Strand, Costa de Sauipe, kann ich aufgrund fehlender finanzieller Mittel nichts schreiben, da dieser vollkommenen von einem 5-Sterne-Resort eingenommene Strand für normalsterbliche nicht mehr zugänglich ist. Vor ein paar Jahren noch war dort alles wilder Strand. Ich hatte Glück, auf einer früheren Reise durch Bahia Sauipe noch im Ursprungszustand zu sehen. Eines meiner schönsten je geknipsten Fotos habe ich dort gemacht. Es hängt heute noch in Posterformat an einer Wand.

Dass es noch weiter nördlich noch lohnenswertere Ziele gibt, bewies der Abstecher in das mir bis dahin völlig unbekannte Massarandupió. Eine waschbrettartige Erdpiste führte uns nach ca. 5 km in ein noch sehr ursprüngliches Fischerdorf. Am Dorfausgang haben wir dann einen Kokosnussverkäufer per Anhalter mitgenommen, der uns den Weg zum Strand zeigte. Nochmals 2,5 km durch Staubwolken. Als dann die Staubwolken verzogen waren, wurde mir klar, dass hier ein Paradies versteckt ist. Herrliche Sanddünen, ein Fluss, der sich durchs Hinterland schlängelt, Seen, in den die Dorfjugend sichtlichen Spass (???) hatte und ein Strand aus feinstem, weissem Sand, der ganz flach den Weg ins Meer ebnete. Insgesamt nur 3 kleine Barracken am Strand, denen am Karnevalsdienstag nachmittags um 3 das Bier ausging, was aber eigentlich nur Anlass für einen witzigen Plausch mit dem Kellner war. Auf der Fahrt durchs Dorf war uns aufgefallen, dass an vielen Häusern und Grundstücken Schilder standen mit “Vende se”. Der Kellner erklärte uns, dass die dort wohnenden Fischer an den noch nicht eingetretenen Touristenstrom aus Richtung Salvador glauben und versuchen ihre Häuser so für sie gewinneinbringend zu verkaufen. Als ich fragte, was den so ein Grundstück mit Häusschen kostet, hörte ich zuerst 15 R$ /m2. Ich sagte dann, nein nein, ich will nicht den Gringo-Preis wissen. Somit waren wir schnell bei 9 R$ angelangt. Als ich dann ersthaftes Interesse zeigte, erklärte er mir schnell, dass es auch Sonderangebote gäbe für nur 2 R$ den Quadratmeter. Mir wurde schnell erklärt, dass es mittlerweile auch schon Strom gibt, aber noch kein fliessendes Wasser, aber es gibt einen Brunnenbauer, der 60 R$ pro Tiefenmeter verlangt, wobei das Grundwasser nur 10 Meter tief liegt. Also mit 600 R$ hat man dann auch sein eigenes Wasser, naja, und ein Desconto ist auch noch möglich.
Für mich ist Massarandupió eine echte Kaufoption entlang der Linha Verde. Die Region liegt mitten in einer Gegend, die sich in einer rasanten Entwicklung befindet, aber noch nicht vom Tourismus breitgetreten wurde.

Ganz im Norden Bahias befindet sich Mangue Seco, mehr oder weniger bekannt durch die Novela “Tieta do Agreste”von Buchautor Jorge Amado. Die Anfahrt ist seit 1997 ein wenig unkomplizierter geworden, da auf der Seite des Staates Sergipe kräftig an einer Zufahrtsstrasse gebaut wird, die schon zum Teil nutzbar ist. Die Überfahrt ist aber nach wie vor per Schnellboot zu 25 R$ pro Boot für 5 Personen möglich. Das normale Boot für nur 1,50 R$ pro Person scheint nur auf dem Papier zu existieren.

Mangue Seco hat sich über die vergangenen 5 Jahre erstaunlicherweise nicht verändert. Alles läuft noch im Rythmus ab, der einem in der Vergangenheit schwelgen lässt. Die beeindruckende und informative Dünen-Buggytour kostet immer noch 30 R$ und der Fahrer hält immer noch an den gleichen (wunderschönen) Punkten an, um die Geschichte von Tieta zu erzählen. Wer einsame, endlose Traumstrände mag, sollte nie daran denken, Mangue Seco aus seinem Programm zu streichen. Einen Übernachtung lohnt sich nur für extrem mückenresistente Leute mit Humor für nächtliche Exszesse von unter Drogen stehenden schwulen Italienern. Sauerkraut kann ein Lied davon singen, denn er hatte die Ehre, sich dass Drama ab früh 3 Uhr morgens Wand an Wand anzuhören. Man könnte die Geschichte auch so nennen: “Was passiert, wenn 2 Schwule sich eine Nutte mit aufs Zimmer nehmen und anschliessend entdecken, dass sie einen Schwanz hat ?” Übrigens hat sich der Preis der Pousada seit 1997 von 25 R$ auf 60 R$ erhöht, bei gleichem Komfort, versteht sich.
Trotzdem wird mir Sauerkraut bestätigen, dass der Sternenhimmel bei fast vollkommener Dunkelheit einzigartig war und so einiges an Strapazen vergessen lässt.

Meine letzte Station war Barra do Itariri. Dort bin ich wieder in die schon mir bekannte Pousada das Bouganvilles eingezogen. Der Besitzer, ein Deutscher, hat meines Erachtens den Weg aus Deutschland in das 1991 noch völlig unerschlossene Gebiet bei Barra do Itariri hervorragend gemeistert. Damals gab es noch keine Linha Verde, aber trotzdem hat er investiert und hat damit alles gewonnen, was möglich ist. Aber er blieb damit nicht stehen. Mittlerweile gehört er zu den bestausgebildetsten Kokosfarmern Brasiliens und bringt es auf seiner Kokos farm zu Erträgen, wovon Hobby-Kokospalmenbesitzer nur träumen. Und seine Projekte laufen und laufen.....eines nach dem anderen......und alle erfogreich. Wer das Musterbeispiel des erfolgreichen Aussteigers kennenlernen will, muss sich nach Itariri begeben, 140 km nördlich von Salvador.

Fast hätte ich es vergessen. In Barra do Itariri findet man Ruhe. Ein Fischerdorf, was (leider) kurz vor seiner Urbanisierung steht und dem Modell Praia do Forte angeglichen werden soll. Deshalb habe ich mir diesmal 5 Tage Zeit genommen, um speziell die traumhaften Sonnenuntegägne am Rio Itariri in aller Ruhe zu geniessen und die einsamen kilometerlangen Strände nochmal abzulaufen. Auch eine Moqueca bekommt man für noch 10 R$ ...........dies wird sich bald ändern. Deshalb war ich wahrscheinlich auch zum letzten Mal dort. Ein Besuch lohnt sich für mich eigentlich nur noch, um den mittlerweile zum Freund gewonnenen G.G. auf seiner Farm zu besuchen.

Einziger Wermutstropfen war die Rückfahrt nach Monte Gordo, wo ein sehr gutmütiger Polizist meine Fahrzeugpapiere beäugen wollte. Nach einem schnellen Griff unter den Fahrersitz stellte ich fest, dass die notwendigen Dokumente sich gut aufbewahrt in ca. 100 km Entfernung befanden. Die Gesichtzüge des Polizisten wurden plötzlich sehr sorgenvoll. Er meinte, dass ich in einer sehr misslichen Situation bin, da mein Fahrzeug jetzt stillgelegt werden müsste und eine Strafe von 540 R$ fällig wird. Ausserdem würde ich einem Gerichtsverfahren antworten müssen. Dabei entdeckte ich ein leichtes Lächeln auf den Lippen des Polizisten. Er hätte jetzt wahrscheinlich noch stundenlang über die mir bevorstehenden Schwierigkeiten reden können, da wir já auch zu sechst im Auto waren (es gibt kein Auto mit 6 Gurten), und ich auch mit Chinellos gefahren bin und...........kurzum, er bat mich, ihm zu seinem Auto zu folgen. Dort setzte er sich in den Kofferraum seiner Perua und wir waren somit ganz alleine. Wieder wollte er mit meiner misslichen Lage anfangen. Ich unterbrach ihn jedoch und fragte , ob ich die Strafe nicht an Ort und Stelle in bar bezahlen könne. Die logische Antwort des Polizisten war: “Wieviel hast du denn dabei ?” Nachdem ich erklärte, dass ich noch 150 R$ hätte, davon aber 50 R$ zum tanken bräuchte, schlug er sein Strafgesetzbuch auf und bat mich die 100 R$ dort hineinzuwerfen.............was ich tat. Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck wieder und er gab mir die Hand und sagte ich könne jetzt weiterfahren. Zum Schluss sagte er dann fast schon mitleidig “Vielen Dank für deine Hilfe, amigo”.



Man sieht sich,
Lemi

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 Betreff des Beitrags: Re: Entlang der Estrada de Coco nördlich von Salvador
BeitragVerfasst: 16 Jun 2008 09:57 
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Beiträge: 40
Wohnort: Hamburg
Du solltest ernsthaft drüber nachdenken, Bücher zu schreiben!

Geil!



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