Benedikt XVI. ist auf dem Weg nach Hause und sein Podium Brasilien hat seine Invasion überstanden. Es war dabei wieder einmal erfrischend zu sehen, mit welcher Präzision Glaubensführer in der Lage sind, Realitäten genau so auszublenden und zu verschieben, dass alles zum eigenen Dogma und - im Fall des Papstes - zu seiner eigenen, lustfeindlichen Persönlichkeitsstruktur passt.
Die Fixierung des Papstes in seinen Reden auf voreheliche Keuschheit (die selbst nach Schwüren nicht eingehalten wird), Verbot der Empfängnisverhütung und von Abtreibungen der aus dem Verhütungsverbot resultierenden Schwangerschaften, lässt einiges folgern – sowohl was das Verhältnis des obersten Katholiken zur Körperlichkeit des Menschen als auch zur Realität betrifft.
Im Kontext mit seinem vor kurzem erschienen Jesus-Buch, dass er ja als 'Privatperson' geschrieben habe (das ist etwa so, als ob der Papst ein Buch zu Jesus schreiben und behaupten würde, das sei reine Privatmeinung... hoppla, da hat wohl die Realität die absurde Analogie eingeholt), in dem er die historisch-wissenschaftliche Betrachtung der Bibel und ihrer Texte praktisch verbietet, wenn sie nicht zur Bestätigung kirchlicher Glaubenssätze führt, zeigt sich hier, dass die katholische Kirche, nach Jahrzehnten zögerlicher Öffnung der Vernunft gegenüber, wieder die Türen zu schliessen beginnt. Das Konzept eines denkenden, kritischen, mündigen Gläubigen wurde als Irrweg erkannt. Genau wie dies die Konkurrenz der evangelikalen Fundis schon lange tat.
In diesen Zusammenhang gehört auch die Bekämpfung weltlicher Regierungsformen, die autonom von der Kirche agieren. Am Wochenende fanden in Italien von der Kirche unterstütze Proteste gegen ein neues Partnerschaftsgesetz statt, dass auch nichteheliche Lebensgemeinschaften registrierbar machen würde – ein eindeutiger Versuch der Kirche, Nicht-Gläubige und dabei vor allem Homosexuelle, weiterhin benachteiligt zu halten.
Natürlich ist es schön, wenn der Papst Irrwege wie Marxismus und blindwütigen Kapitalismus als solche bezeichnet. Doch dann sollte er doch bitte seine Finger nicht in funktionierende Demokratien hinein stecken. Vor allem, wenn sich über die Zeiten hinweg jede Art der Theokratie als schlichte Katastrophe erwiesen hat, die sich nur durch die Terrorisierung und Knebelung des Volkes halten konnte.
Auch seine positiven Aussagen zum so genannten 'Intelligent Design', der durch keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg gestützten These, dass evolutionäre Auslese allein über Jahrmilliarden nicht reichen würde, einen Primaten hervorzubringen, der einen guten Teil seiner kollektiven Energie zur Vernichtung seiner Umwelt und seiner Artgenossen verbraucht, passen in das sich langsam formende Bild des deutschen Papstes als Gegenaufklärer.
Doch darf einen das Wundern? Immerhin war Kardinal Ratzinger vor seiner Berufung zum Pontifex ja der Leiter der Kongregation für die Glaubenslehre. Diese Wachinstanz über die Glaubens- und Sittenlehre ist die direkte Nachfolgerin der noch heute wesentlich bekannteren Inquisition. Von einem Mann, der 25 Jahre einer solchen Institution vorstand, ist nicht wirklich progressives Denken zu erwarten.
Und der Papst steht unter Druck. Die erfolgreichen evangelikalen Mitbewerber machen auf der ganzen Welt vor, dass verunsicherte, naive und von einer Sehnsucht nach einfachen Glaubenssätzen geprägte Menschen am liebsten gesagt bekommen, was gut und böse ist. Dass diese Leute genaue Regeln und eine Gemeinschaft wünschen, die Ihnen das Denken abnimmt und die sich darum bemüht, auch allen anderen das Denken zu verbieten, weil Skepsis diese heile Welt allzu schnell aus dem Gleichgewicht der Selbstzufriedenheit bringen könnte. Dieser christliche Fundamentalismus ist auf der Vormarsch und bietet ein Potential, dass auch der Papst ausschöpfen will.
In diesem Sinne ist Benedikt XVI. vielleicht auf dem richtigen Weg... wenn nicht für die Welt, dann wenigstens für die katholische Kirche.
http://www.nachrichten.ch/kolumne/275565.htm