Familienpolitik in Brasilien: Die tägliche Familiensamba

Alles über Brasilien aus der internationalen Presse (Beiträge bitte max. anreissen, unbedingt die Quelle verlinken sowie ein eigenes kurzes Statement abgeben).

Familienpolitik in Brasilien: Die tägliche Familiensamba

Beitragvon thomas » Mo 29. Mai 2006, 15:53

Die tägliche Familiensamba

Bild

Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

Einfach ist es nicht, in Brasilien eine intakte Mittelschichtfamilie zu finden. Wer noch nicht getrennt ist, steht kurz davor: Der Anwalt hat ein Techtelmechtel mit der Sekretärin, die Bankangestellte mit dem Werbetypen. So wachsen viele Kinder bei Mutter oder Großmutter auf.

Rio de Janeiro - Der Rechercheauftrag scheint ein Kinderspiel: Berichten Sie über den Alltag einer normalen brasilianischen Mittelschichtfamilie. Vater und Mutter, zwei Kinder, beide Eltern berufstätig.

Kein Problem, denkt der Korrespondent und wählt die Nummer von Marcia, 38, und Paulo, 39*: Sie Kinderärztin, er Anwalt, zwei kleine Töchter, ein winziges Apartment in Ipanema, typische Mittelschicht in Rio.

Betretenes Schweigen am anderen Ende der Leitung, Marcia ist dran. Weißt du nicht, dass wir uns getrennt haben? Paulo hat eine Affäre mit seiner Sekretärin. Jetzt sind die Kinder bei der Mutter, die Alimente werden vor Gericht verhandelt.

Pech, kann ja passieren. Also die nächste Nummer: Adriana*, Bankangestellte, und Jorge*, Computerspezialist. Halt, Moment, hat Adriana nicht vor kurzem was mit einem Typen aus der Werbebranche angefangen? Aber da ist ja noch die Clique vom Strand: Rund 20 berufstätige Mütter und Väter, da muss eine intakte Familie dabei sein.

Fehlanzeige. Sämtliche Freunde und Bekannte sind entweder mehrfach geschiedene Singles oder stecken gerade in einer neuen Beziehung. Die Kinder wachsen bei der Mutter, dem Vater oder der Oma auf.

Etwa 20 Namen im Adressbuch hakt der Reporter ab, dann stößt er auf die letzte Hoffnung: Jorge* und Marcela*. Er Ingenieur bei dem Ölkonzern Petrobras, sie Psychologin, ein Sohn und eine Tochter, Häuschen im klassischen Mittelschichtviertel Tijuca. Perfekt.

Am Telefon meldet sich Jorge. Klar, eine Reportage über unser Familienleben, da mache ich gerne mit. Ich rede mit Marcela, dann rufe ich dich zurück.

Doch das Telefon bleibt stumm. Am nächsten Morgen ruft der Reporter bei Jorge an. Der druckst herum: Weißt du, es gibt da ein Problem. Ich bin einen Tag später als geplant von einer Dienstreise zurückgekommen. Jetzt ist Marcela sauer, weil sie glaubt, dass ich in Salvador etwas mit einer Bahianerin angefangen habe. Ist natürlich Quatsch, aber sie glaubt mir nicht. Sie hält das für einen ganz schlechten Moment, um über unser Familienleben zu reden. Ich hoffe, du verstehst.

Der Reporter versteht: Die intakte Mittelschichtfamilie aus Vater, Mutter und zwei Kindern ist eine aussterbende Lebensform in Rio, zumindest in der Altersklasse der 30- bis 50-Jährigen. Normal sind Verhältnisse wie beim "Gatão da Meia-Idade", dem typischen Single in der Midlife-Crisis, dessen Erlebnisse täglich in der Zeitung "O Globo" als Comicserie gedruckt werden.

Der Comic-Held als Realität

"Gatão" ist ein etwa 40-jähriger gut verdienender Intellektueller mit Pferdeschwanz und Bierbäuchlein, der nach etwa neun gescheiterten Beziehungen ein Verhältnis mit einer 17-jährigen Studentin angefangen hat, die kaum älter ist als seine Tochter aus dritter Ehe. Die träumt unterdessen von einem Trip nach Miami mit dem neuen Freund ihrer Mutter, die sich gerade in einen Trainer aus dem Bodybuildingstudio um die Ecke verschossen hat, nachdem sie zuvor ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hatte, der ihretwegen seine Familie verlassen wollte, dann aber doch lieber zu seiner Ex-Geliebten gezogen ist.

Der Typ aus dem Bodybuildingstudio leidet auch noch unter Trennungsschmerz, weshalb die Aussichten für die neue Partnerschaft nicht besonders gut sind: Er hat sich gerade von einer blonden Psychologin losgeeist, die zwei Söhne mit ihm hat. Ihre dritte Tochter stammt von ihrem zweiten Ex-Mann, mit dem sie sich wegen der Alimente streitet. Der will nicht bezahlen, weil er noch den Unterhalt für seinen Sohn aus erster Ehe abstottert. In Wirklichkeit hat er sich aber gerade ein neues Auto gekauft, dessen erste Monatsrate jetzt fällig wird.

Alles klar? Die meisten Mittelschicht-Cariocas, wie die Einwohner von Rio genannt werden, leben in Patchwork-Familien, jedenfalls wenn sie der Generation der Babyboomer angehören. Ihre wichtigste Orientierungsmarke im Leben ist die eigene Mutter, die sie wie eine Heilige verehren. Der Muttertag im Mai ist in Brasilien deshalb wichtiger als Weihnachten.

"Mamãe" passt auf die Kinder auf, wenn die Tochter mit dem neuen Freund zum Tête-à-Tête ins Motel will und sie gewährt Zuflucht, wenn die Ehe des Sohnemanns gerade mal wieder in Scherben liegt. Am Sonntag versammelt sie die ganze Bande aus gescheiterten Ehemännern und -frauen, Stiefvätern und Stiefmüttern, Cousins und Cousinen, Enkeln, Neffen und zugehörigen Freunden zum Mittagessen. Das Matriarchat funktioniert in Brasilien perfekt, ansonsten herrscht allgemeines Beziehungschaos.

Ausnahmen wie Luiz Claudio Franco, 55, und seine Frau Iracema, 52, die seit fast 30 Jahren verheiratet sind, bestätigen die Regel. Luiz Claudio und Iracema leben in einem geräumigen Apartment im Mittelschicht-Stadtteil Flamengo. Beide verdienen gut: Luiz Claudio betreibt mit zwei Kollegen ein Architekturbüro und entwirft Projekte für gewerbliche Bauten wie Fastfood-Restaurants und Bürogebäude. Iracema hat in der Abteilung für Stadtplanung im Gouverneurspalast gearbeitet und bezieht jetzt eine Rente vom Staat.

Luiz Claudio und Iracema zählen zur "Sandwich-Generation", wie der Familienvater das spöttisch nennt. Von ihrem Einkommen hängen acht Existenzen ab: Neben den Eltern die beiden Söhne Lucas, 25, und Pedro, 27, außerdem die Großeltern und ein Bruder. "Unsere Eltern können sich die Krankenversicherung nicht leisten, wir unterstützen sie deshalb", sagt Luiz Claudio.

Seine erwachsenen Söhne sind finanziell auf die Eltern angewiesen. Der ältere arbeitet zwar als Industriedesigner, aber sein Einkommen reicht nicht, um eine eigene Wohnung zu finanzieren. Lucas, der jüngere, studiert Architektur und wohnt noch zu Hause.

Die Sandwich-Generation

So geht es vielen brasilianischen Mittelschicht-Familien: Die Jungen und die Alten hängen von der "Sandwich-Generation" der Luiz Claudios und Iracemas ab. Alte Menschen können vom Staat kaum Hilfe erwarten, die Renten sind kümmerlich. Die 20- bis 30-Jährigen wiederum schaffen es nicht, sich abzunabeln, weil sie nicht genug verdienen oder den Komfort im Elternhaus nicht missen wollen.

So wächst in Brasilien eine Generation von Muttersöhnchen heran. Zwei Drittel aller 20- bis 30-Jährigen und knapp ein Drittel aller 30- bis 34-Jährigen wohnen noch bei ihren Eltern. Kinder haben sie frühestens mit 30 und selten mehr als zwei.

"Ich will erst Nachwuchs, wenn meine Freundin und ich uns das finanziell leisten können", sagt Lucas Franco. Das sei "frühestens in fünf oder sechs Jahren" der Fall, fürchtet sein Vater: "Die Kaufkraft der Einkommen ist in den vergangenen 20 Jahren brutal geschrumpft." Er misst den Niedergang in "Lamas": "Mit dem Geld, was ich als junger Mann verdient habe, konnte ich mir täglich ein Steak im 'Lamas' leisten, meiner Stammkneipe. Der Verdienst meiner Söhne reicht nicht einmal für die Pommes frites."

Luiz Claudio und Iracema gehören einer Generation an, die mit halbwegs funktionierenden staatlichen Institutionen aufgewachsen ist. Sie haben öffentliche Schulen besucht und auf staatlichen Universitäten studiert. "Damals waren die Lehrer gut ausgebildet, auch die Professoren auf den Unis waren kompetent", erinnert sich Iracema.

Heute schicken nur die Armen ihre Kinder auf öffentliche Schulen. Die meisten Mittelschicht-Eltern bezahlen Privatschulen, weil das öffentliche Bildungssystem kaputt ist: Staatliche Lehrer verdienen einen Hungerlohn und sind daher wenig motiviert, Streiks sind an der Tagesordnung. Schulen und Universitäten verfallen, das Bildungsniveau ist dramatisch abgesackt. "Vom Staat können wir absolut nichts erwarten", sagt Luiz Claudio.

*Namen geändert

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0 ... 76,00.html
Benutzeravatar
thomas
 
Beiträge: 1512
Registriert: Fr 26. Nov 2004, 20:45
Bedankt: 0 mal
Danke erhalten: 0 mal in 0 Post

Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Beitragvon Severino » Di 30. Mai 2006, 11:04

Guter Bericht. Wenn man das jetzt noch auf die Unterschicht transferiert, dann versteht man vielleicht, woher die Probleme in Brasilien kommen...
paz e amor
Severino
Benutzeravatar
Severino
 
Beiträge: 3399
Registriert: Di 7. Feb 2006, 15:02
Wohnort: Anapolis GO
Bedankt: 1 mal
Danke erhalten: 43 mal in 33 Posts

Beitragvon Vinhedense » Di 30. Mai 2006, 21:43

tja...
ich hatte letztens meinen 10.jährigen Hochzeitstag.. (mit der ein und der selben Frau :lol: )

Die haben mich angekuckt, als wäre ich ein Mensch vom anderen Planeten (oder Kontinent :lol: )..
so nach dem Motto..... wie immer noch die gleiche Frau....??? :D
und haben mor gratuliert als hätte ich im Lotto gewonnen :shock: :D

Wenn man überlegt, das einige unsere Bekannten bereits mit 25 Jahren schon geschieden sind und Kinder haben..... :shock: :shock:

Aber dieser Trend ist ja nicht nur in Brasilien.... auch in Deutschland ist die Scheidungsrate sehr hoch (oder sollte man lieber sagen die Träue des Partner? :roll: )
Nur wird man in Deutschland ganz schön zur Kasse gebeten... was hier nicht ganz so der Fall ist... zumd. in den unteren Schichten...
"....dumm ist der, der dummes tut...." zitat Forrest Gump
Benutzeravatar
Vinhedense
 
Beiträge: 156
Registriert: Fr 21. Okt 2005, 17:00
Wohnort: Vinhedo
Bedankt: 0 mal
Danke erhalten: 0 mal in 0 Post


Zurück zu Presse: Aktuelle Mitteilungen

 


Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Berechtigungen in diesem Forum

Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

fabalista Logo

Persönlicher Bereich

Anmelden

Empfehlung

Wortübersetzer

Deutsch/Portugiesisch - Übersetzer in Kooperation mit Transdept

Neu im IAP PortalNetwork

Please enable / Bitte aktiviere JavaScript!
Veuillez activer / Por favor activa el Javascript![ ? ]