Fernstenliebe - was für Leute in Mischehen/Mischbeziehungen?

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Fernstenliebe - was für Leute in Mischehen/Mischbeziehungen?

Beitragvon khart » Do 11. Aug 2005, 02:01

Viele Brasilienfreunde-Leser leben offenbar in Mischehen, Mischbeziehungen - haben deshalb ganz spezielle Beziehungserfahrungen. Der Frankfurter Eichborn-Verlag hatte mich mal eingeladen, mit zwei weiteren Autoren ein paar Takte zum Thema zu sagen. Vielleicht interessierts ja jemanden - angehängt eine Kritik.
Klaus Hart


Verstörende Einblicke
Wir kennen das noch aus der Debatte über das Zuwanderergesetz für die Bundesrepublik Deutschland und das Schlüsselthema Integration: Eindeutig überwogen haben finanzielle Argumente, administrative Fragen, Aspekte des Arbeitsmarktes und nicht zuletzt sicherheitspolitische Überlegungen. Was in den Menschen aus unterschiedlichen Kulturen vorgeht, wenn sie unmittelbar zusammenleben, welche Bereicherung sie erfahren, welches Glück, aber auch mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben, mit welchem Schmerz, das alles hat dabei kaum interessiert. Wenn diese Innenansichten wider Erwarten doch einmal zur Sprache kommen, strotzt die Beschreibung oftmals vor blanker Ignoranz, treiben Vorurteile wahre Sumpfblüten. Und fast keine Beachtung fand ein Spezialfall von Integration. Im Zeitalter der fortschreitenden Globalisierung, des interkontinentalen Massentourismus und beruflicher Engagements in Übersee gewinnt er immer größere Bedeutung. Die Rede ist von Liebeserfahrungen und Ehen zwischen Menschen von verschiedenen Kontinenten – oder, um es präziser zu sagen, zwischen Süd und Nord.

Um mehr darüber zu erfahren, lohnt sich ein Blick in das Buch von Georg Brunold, Klaus Hart und Kyle Hörst. Drei Autoren, die, jeder in einer eigenen literarischen Form, die zwischen Autobiografie, Reportage und Erzählung wechselt, von ihren Erfahrungen mit Lebenspartnerinnen berichten, die aus Afrika (Brunold), Lateinamerika (Hart) und Asien (Hörst) stammen. Ihr Band »Fernstenliebe« ist eines der ganz wenigen »Männer-Bücher«, das mit einer geradezu verstörenden Ehrlichkeit intime Einblicke nicht nur in die Glücksmomente gibt, sondern ebenso in die Konflikte und das Scheitern von Paaren, die über alle Kulturgrenzen hinweg zueinander gefunden haben.

Kulturgeschichtlich ist zum Verständnis der drei Berichte wichtig zu wissen, dass Liebesverbindungen über Kontinente, Kulturen und Religionen hinweg immer Ausnahmen waren, Randerscheinungen, Grenzüberschreitungen – oder gar Regelverletzungen. Sie erregten bestenfalls Aufsehen, erfuhren Ablehnung, zogen vielfältige Formen der »Strafe« seitens der Familie oder Gemeinschaft nach sich. Oftmals fand sich das jeweilige Paar an den Rand gedrängt und ausgegrenzt.

In allen drei Lebensgeschichten des Bandes ist davon immer noch unterschwellig etwas zu spüren, auch wenn heute, wie Georg Brunold in seinem Vorwort schreibt, interkulturelle Paare – zumindest in Europa – kaum mehr auf ausgesprochene Feindschaft, Widerstand und Ablehnung stoßen. Allerdings steht der Alltag der bürokratischen Hürden, der Konflikte auf Ämtern, der offenen und verdeckten Schikanen gegenüber der Lebenspartnerin aus Übersee in keinem der drei Berichte im Mittelpunkt. Er wird – wenn überhaupt – von den Autoren fast wie ein folkloristischer Exkurs mit Ironie und Sarkasmus angegangen. Vermutlich hätten die von dieser Art von »Folklore« betroffenen Frauen die entsprechenden Passagen anders formuliert.

Die entscheidenden Konflikte spielen sich innerhalb der Beziehung der Paare ab: Der Streit zweier Individuen, so die Lebenserfahrung der Autoren, lässt in einer Verbindung, welche die Grenzen von Kontinenten und Hautfarben überschreitet, unweigerlich die unterschiedlichen Kulturen aufeinander prallen. Für den Partner aus dem Norden gerät es zum Trauma, dass ihm jeder Streit, jeder Fauxpas, jede Zankerei um Alltägliches unversehens den Vorwurf einbringen kann, im Grunde seines Herzens eben doch ein Rassist zu sein. So stark die Anziehungskräfte, die Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen, ihr Wissen um die Vielschichtigkeit des Zusammenspiels der Kulturen auch sein mögen, diese Phase und diese Erfahrung durchlaufen sie alle. Bei aller Mühe ist das Thema Rassismus präsent, die Bürde der unterschiedlichen kulturellen Herkunft, der Preis dafür, dass einer der Partner, eben der Mann, aus einem Land des Nordens kommt. Im Fall von Lateinamerika ist es die Geschichte von über 500 Jahren.

Die Offenheit, mit der in »Fernstenliebe« von diesen grundsätzlichen Schwierigkeiten die Rede ist, die Einsicht, sich dieser Auseinandersetzung nicht entziehen zu können, so schmerzhaft sie auch sein mag, ist vielleicht eine der Antworten auf die Frage, warum es so wenige Bücher über Paare gibt, die über Grenzen von Kultur und Hautfarbe hinweg zu einander gefunden haben.

Selbstkritisch setzen sich alle drei Autoren damit auseinander, sich zumindest am Anfang als Fremde aus dem Norden viel zu wenig mit den Gepflogenheiten und Belangen des jeweiligen Heimatlandes der Partnerin beschäftigt und damit die Liebe erheblich belastet zu haben. Die entsprechenden Passagen des Buches gehören, gerade, weil sie mit Humor und Selbstironie gewürzt sind, zu den spannendsten.

Trotzdem zweifelt keiner der drei Autoren daran, wie faszinierend, wie bereichernd die Erfahrung einer gemischtkulturellen Liebesbeziehung für ihn persönlich ist. Multikulturalismus – am eigenen Leib erlebt, mit dem Lebenspartner, im Mikrokosmos der eigenen Familie, erstritten, erkämpft – das alles bleibt eine Herausforderung fürs ganze Leben.

Für eine Gesellschaft, die politisch kontrovers über Integration und Multikulturalität diskutiert, wäre es nützlich, sich viel stärker für die Lebenserfahrungen interkontinentaler Paare zu interessieren. Der Stoff ist, wie Brunold, Hart und Hörst gezeigt haben, voller Überraschungen, dynamisch und an Spannung kaum zu überbieten.

Jürgen Schübelin
Georg Brunold, Klaus Hart, R. Kyle Hörst: Fernstenliebe. Von den anderen Farben der Liebe. Ehen zwischen den Kontinenten. Drei Berichte; Eichborn Verlag, Frankfurt 2001, 313 S.

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Re: Fernstenliebe - was für Leute in Mischehen/Mischbeziehun

Beitragvon Careca » Do 1. Sep 2005, 00:34

khart hat geschrieben:[...]
Kulturgeschichtlich ist zum Verständnis der drei Berichte wichtig zu wissen, dass Liebesverbindungen über Kontinente, Kulturen und Religionen hinweg immer Ausnahmen waren, Randerscheinungen, Grenzüberschreitungen – oder gar Regelverletzungen. Sie erregten bestenfalls Aufsehen, erfuhren Ablehnung, zogen vielfältige Formen der »Strafe« seitens der Familie oder Gemeinschaft nach sich. Oftmals fand sich das jeweilige Paar an den Rand gedrängt und ausgegrenzt.

[...]

Die entscheidenden Konflikte spielen sich innerhalb der Beziehung der Paare ab: Der Streit zweier Individuen, so die Lebenserfahrung der Autoren, lässt in einer Verbindung, welche die Grenzen von Kontinenten und Hautfarben überschreitet, unweigerlich die unterschiedlichen Kulturen aufeinander prallen. Für den Partner aus dem Norden gerät es zum Trauma, dass ihm jeder Streit, jeder Fauxpas, jede Zankerei um Alltägliches unversehens den Vorwurf einbringen kann, im Grunde seines Herzens eben doch ein Rassist zu sein. So stark die Anziehungskräfte, die Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen, ihr Wissen um die Vielschichtigkeit des Zusammenspiels der Kulturen auch sein mögen, diese Phase und diese Erfahrung durchlaufen sie alle. Bei aller Mühe ist das Thema Rassismus präsent, die Bürde der unterschiedlichen kulturellen Herkunft, der Preis dafür, dass einer der Partner, eben der Mann, aus einem Land des Nordens kommt. Im Fall von Lateinamerika ist es die Geschichte von über 500 Jahren.


Im Falle meiner ersten brasilianischen Freundin (vor 20 Jahren
... wer mich jetzt "alter Sack" nennt, dem brenn ich eins mit dem Krückstock über, dem donnere ich meine Dritten auf den Dätz, den jade ich mit der Zwille mein Glasauge genau zwischen dessen Auge, den erschlag ich mit dem zusammengerollten Rentenbescheid, den überfahr ich mit meinem E-Rolli, den ... usw. usf.)
erlebt ich drei Reaktionen: Jungen in meinem Alter, wussten damit nichts anzufangen und behandelten uns recht neutral, wie Verliebte halt. Meine Eltern und Bruder waren überrascht bis bestürzt, weil die erste feste Freundin noch nicht mal aus dem eigenen Lebensumkreis stammte (meinem Bruder animierte es sofort nach brasilien zu fliegen, denn da war ein sofortiges Wettbewerbsverhalten in Sachen reiseziele vorhanden und wo ich war, musste er auch gewesen sein, um generell mitreden zu können ...). Ältere Menschen (also älter als meine Eltern) fanden mein Sozialverhalten befremdlich, denn es stand immer die Frage im Raum, warum kann ein Deutscher keine deutsche Frau finden ...

Später (ca. so 5 Jahre danach) lernte ich von Gleichaltrigen eben jenen Standpunkt kennen, dass bilaterale Beziehungen von der Kontaktarmut des betroffenen Deutschen zeugen müssten.

Fünfzehn Jahre danach (wieder ne Brasilianerin als Freundin) hörte ich letzteres Argument von meiner Mutter: "Warum muss es denn ne Ausländerin sein? Warum wieder eine Brasilianerin? Hast du davon nicht inzwischen genug?"
Von meinem Bruder (unwesentlich älter, aber immerhin älter) kommt dann die Reaktion, dass ich meines eigenen Glückes Schmied sei und selber damit zurecht kommen müsse, mich erneut mit einer Brasilianerin einzulassen. Das wäre dann allein mein Bier und mein Pech. Er selber nannte es sogar mal in dem Brief an meine Mutter "eine Strafe" (lang lebe die Familien-fofoca und die Mitteilungsbedürftigkeit meiner Mutter ...). Er selber ist mit einer Spanierin verheiratet.

Trotz dieser familiären negativen Reaktion sind deren überwiegenden Aussagen jedoch eindeutig positiv. Nur wenn es Spitz auf Knopf kommt, dann kommen solche dumpfen Aussagen.

Auch auf meiner Arbeitsstelle erhielt ich schon das feedback (einige wenige und keinesfalls die Mehrzahl!), warum es eine Brasilianerin sein müsse und keine Deutsche.

Auch den Vorwurf, der unter der Gürtellinie zielt (abgemildert mal so ausgedrückt: "Sind dir deutsche Frauen nicht mehr ausreichend fürs Bett?"), habe ich schon in letzter Zeit gehört. Alle gehen davon aus, meine Freundin sei ein Urlaubsimport (ein "Sextourismus-Souvenir" ... was immer das in deren Augen und privaten dunklen Phantasie auch sein soll ...).

Und was macht es mit mir?

Einiges.

Nach aussen Wut, Ohnmacht, Gleichgültigkeit, Zynismus ggb. anderen sind einige Auswirkungen davon.

Nach innen zur Beziehung pure Ohnmacht, denn einerseits verstehe ich, warum die Leute sowas sagen. Aber andererseits ist dieses "Verstehen" dem Partner nie 1:1 rüber zu bringen, ohne dass es automatisch zu Unverständnis oder gar Verletzungen führt (s.a. oben von Klaus Hart) . Denn es kann nicht rübergebracht werden, sondern muss übersetzt werden und dabei geht die Hälfte verloren ... :( ... und damit zumeist das entscheidende kulturelle Hintergrundwissen, was wichtig ist zum Verständniss ... :cry: ... manchmal ist es besser zu schweigen, als zu erzählen ... :roll:

Ich werde mir das Buch mal holen. Habe gerade ein anderes ausgelesen. Ja, der Trend zum Zweitbuch ist in Deutschland halt noch völlig ungebrochen ... toitoitoi ...
Abraços
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Beitragvon thomas » Do 1. Sep 2005, 02:05

Hör auf den Kleinen, nicht auf die Leut.. ;)
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Beitragvon Careca » Do 1. Sep 2005, 09:24

thomas hat geschrieben:Hör auf den Kleinen, nicht auf die Leut.. ;)

Den Kleinen :?:
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Beitragvon Careca » Fr 2. Sep 2005, 16:49

Das Buch ist leider vergriffen und wird vom Eichborn-Verlag offenbar auch nicht wieder aufgelegt. :( Das war die Auskunft laut Hugendubel.
Abraços
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Beitragvon Jorginho » Fr 2. Sep 2005, 18:26

Careca hat geschrieben:Das Buch ist leider vergriffen und wird vom Eichborn-Verlag offenbar auch nicht wieder aufgelegt. :( Das war die Auskunft laut Hugendubel.


Nicht verzagen, Jorginho fragen, Careca! Und schreib dir den Link hinter die Ohren. Da findest du vieles, was es nicht mehr gibt.

http://www.zvab.com/SESSz20159763361112 ... index.html

Oops, als Deep-Link funktioniert das nicht. Also "Fernstenliebe" in der Schnellsuche eingeben und ab die Post.
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Beitragvon Careca » Fr 2. Sep 2005, 19:54

Wow, super (... und auch noch billiger als neu!)
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