Viele Brasilienfreunde-Leser leben offenbar in Mischehen, Mischbeziehungen - haben deshalb ganz spezielle Beziehungserfahrungen. Der Frankfurter Eichborn-Verlag hatte mich mal eingeladen, mit zwei weiteren Autoren ein paar Takte zum Thema zu sagen. Vielleicht interessierts ja jemanden - angehängt eine Kritik.
Klaus Hart
Verstörende Einblicke
Wir kennen das noch aus der Debatte über das Zuwanderergesetz für die Bundesrepublik Deutschland und das Schlüsselthema Integration: Eindeutig überwogen haben finanzielle Argumente, administrative Fragen, Aspekte des Arbeitsmarktes und nicht zuletzt sicherheitspolitische Überlegungen. Was in den Menschen aus unterschiedlichen Kulturen vorgeht, wenn sie unmittelbar zusammenleben, welche Bereicherung sie erfahren, welches Glück, aber auch mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben, mit welchem Schmerz, das alles hat dabei kaum interessiert. Wenn diese Innenansichten wider Erwarten doch einmal zur Sprache kommen, strotzt die Beschreibung oftmals vor blanker Ignoranz, treiben Vorurteile wahre Sumpfblüten. Und fast keine Beachtung fand ein Spezialfall von Integration. Im Zeitalter der fortschreitenden Globalisierung, des interkontinentalen Massentourismus und beruflicher Engagements in Übersee gewinnt er immer größere Bedeutung. Die Rede ist von Liebeserfahrungen und Ehen zwischen Menschen von verschiedenen Kontinenten – oder, um es präziser zu sagen, zwischen Süd und Nord.
Um mehr darüber zu erfahren, lohnt sich ein Blick in das Buch von Georg Brunold, Klaus Hart und Kyle Hörst. Drei Autoren, die, jeder in einer eigenen literarischen Form, die zwischen Autobiografie, Reportage und Erzählung wechselt, von ihren Erfahrungen mit Lebenspartnerinnen berichten, die aus Afrika (Brunold), Lateinamerika (Hart) und Asien (Hörst) stammen. Ihr Band »Fernstenliebe« ist eines der ganz wenigen »Männer-Bücher«, das mit einer geradezu verstörenden Ehrlichkeit intime Einblicke nicht nur in die Glücksmomente gibt, sondern ebenso in die Konflikte und das Scheitern von Paaren, die über alle Kulturgrenzen hinweg zueinander gefunden haben.
Kulturgeschichtlich ist zum Verständnis der drei Berichte wichtig zu wissen, dass Liebesverbindungen über Kontinente, Kulturen und Religionen hinweg immer Ausnahmen waren, Randerscheinungen, Grenzüberschreitungen – oder gar Regelverletzungen. Sie erregten bestenfalls Aufsehen, erfuhren Ablehnung, zogen vielfältige Formen der »Strafe« seitens der Familie oder Gemeinschaft nach sich. Oftmals fand sich das jeweilige Paar an den Rand gedrängt und ausgegrenzt.
In allen drei Lebensgeschichten des Bandes ist davon immer noch unterschwellig etwas zu spüren, auch wenn heute, wie Georg Brunold in seinem Vorwort schreibt, interkulturelle Paare – zumindest in Europa – kaum mehr auf ausgesprochene Feindschaft, Widerstand und Ablehnung stoßen. Allerdings steht der Alltag der bürokratischen Hürden, der Konflikte auf Ämtern, der offenen und verdeckten Schikanen gegenüber der Lebenspartnerin aus Übersee in keinem der drei Berichte im Mittelpunkt. Er wird – wenn überhaupt – von den Autoren fast wie ein folkloristischer Exkurs mit Ironie und Sarkasmus angegangen. Vermutlich hätten die von dieser Art von »Folklore« betroffenen Frauen die entsprechenden Passagen anders formuliert.
Die entscheidenden Konflikte spielen sich innerhalb der Beziehung der Paare ab: Der Streit zweier Individuen, so die Lebenserfahrung der Autoren, lässt in einer Verbindung, welche die Grenzen von Kontinenten und Hautfarben überschreitet, unweigerlich die unterschiedlichen Kulturen aufeinander prallen. Für den Partner aus dem Norden gerät es zum Trauma, dass ihm jeder Streit, jeder Fauxpas, jede Zankerei um Alltägliches unversehens den Vorwurf einbringen kann, im Grunde seines Herzens eben doch ein Rassist zu sein. So stark die Anziehungskräfte, die Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen, ihr Wissen um die Vielschichtigkeit des Zusammenspiels der Kulturen auch sein mögen, diese Phase und diese Erfahrung durchlaufen sie alle. Bei aller Mühe ist das Thema Rassismus präsent, die Bürde der unterschiedlichen kulturellen Herkunft, der Preis dafür, dass einer der Partner, eben der Mann, aus einem Land des Nordens kommt. Im Fall von Lateinamerika ist es die Geschichte von über 500 Jahren.
Die Offenheit, mit der in »Fernstenliebe« von diesen grundsätzlichen Schwierigkeiten die Rede ist, die Einsicht, sich dieser Auseinandersetzung nicht entziehen zu können, so schmerzhaft sie auch sein mag, ist vielleicht eine der Antworten auf die Frage, warum es so wenige Bücher über Paare gibt, die über Grenzen von Kultur und Hautfarbe hinweg zu einander gefunden haben.
Selbstkritisch setzen sich alle drei Autoren damit auseinander, sich zumindest am Anfang als Fremde aus dem Norden viel zu wenig mit den Gepflogenheiten und Belangen des jeweiligen Heimatlandes der Partnerin beschäftigt und damit die Liebe erheblich belastet zu haben. Die entsprechenden Passagen des Buches gehören, gerade, weil sie mit Humor und Selbstironie gewürzt sind, zu den spannendsten.
Trotzdem zweifelt keiner der drei Autoren daran, wie faszinierend, wie bereichernd die Erfahrung einer gemischtkulturellen Liebesbeziehung für ihn persönlich ist. Multikulturalismus – am eigenen Leib erlebt, mit dem Lebenspartner, im Mikrokosmos der eigenen Familie, erstritten, erkämpft – das alles bleibt eine Herausforderung fürs ganze Leben.
Für eine Gesellschaft, die politisch kontrovers über Integration und Multikulturalität diskutiert, wäre es nützlich, sich viel stärker für die Lebenserfahrungen interkontinentaler Paare zu interessieren. Der Stoff ist, wie Brunold, Hart und Hörst gezeigt haben, voller Überraschungen, dynamisch und an Spannung kaum zu überbieten.
Jürgen Schübelin
Georg Brunold, Klaus Hart, R. Kyle Hörst: Fernstenliebe. Von den anderen Farben der Liebe. Ehen zwischen den Kontinenten. Drei Berichte; Eichborn Verlag, Frankfurt 2001, 313 S.
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