[Buch-Kritik] FORDLANDIA

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[Buch-Kritik] FORDLANDIA

Beitragvon Careca » Fr 17. Mär 2006, 00:29

Es gibt verschieden Möglichkeiten sich einen Platz in der Geschichte dieser Welt einzumeisseln.
Egozentrische Staatslenker wählten hierzu gerne Kriege.
Oder sie benannten Städte nach sich.
Wie z.B. "Stalingrad".

Oder man versuchte Persönlichkeiten mit Städtenamen ein Denkmal zu meisseln. Karl-Marx-Stadt lies ne zeitlang grüssen.

Privatpersonen hatten mit der Wahl des Namens mehr Glück wie beispielsweise der niedersächsische Apotheker Hermann Blumenau in Brasilien. Auch wenn die Kirche in dessen Stadt von einem Geistlichen aus dem rheinischen Düren hochgemauert wurde.

Aber Privat-Person-sein bedeutete nicht, dass die eigens nach sich benannte Stadt ein Quell der Freude sein muss. Henry FORD, der Gründer von FORD MC, ist so ein Fall für so ein Scheitern, sich mit einem Städtenamen ein Denkmal zu meisseln.
Aber eigentlich auch nur fast. Denn das ganze geschieht eher als Backslash der Geschichte ...

Der argentinische Schriftsteller Eduardo Sguiglia hatte dem Bestreben der Geschichte, sich mit dem dunklen Mantel des Vergessens zu verhüllen, ein Hinderniss aufgebaut. In seinem Roman FORDLANDIA setzt er Henry Fords Bestreben ein eigenwilliges Denkmal.



FORDLANDIA


Der Inhalt:

Ein Mann, mütterlicherseits irischer Abstammung, reist von Buenos Aires nach Belém. In einer Zeitung hatte er gelesen, dass FORD MC Jobs anbietet. Seine Vergangenheit motiviert ihn dazu noch zusätzlich.
So unterzeichnet er einen Arbeitsvertrag, ohne sich im klaren zu sein, dass er eigentlich stark priviligiert sein wird.

Über die Zwischenstation Santarém gelangt er über den Rio Tapajós zu der Stadt, dessen Gelände sich Henry Ford von der brasilianischen Regierung gepachtet hatte. Das Zentrum des Geländes bildete die Stadt, die Henry Ford sich namentlich als Ruhmesblatt in die eigene Geschichte meisseln wollte:

FORDLANDIA.

Die Stadt soll das Zentrum einer Plantage werden, welches als Konkurenz zu den Engländern und Niederländern die Kautschukversorgung für die Reifenindustrie Harvey Firestones sicherstellen soll. Fords Produkte benötigen eben Reifen und Ford kann sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, sich von Engländern und Niederländern die Reifenpreise beeinflussen zu lassen.
Nun, der neu angeheuerte Mann aus Buenos Aires erlebt das Erblühen des Projektes FORDLANDIA. Er lernt die Kautschukbaum-Plantagen kennen, lernt den Dschungel Amazoniens kennen und fürchten, deren Bewohner abschätzen und wird zuletzt mit den Niedergang der Kautschukplantagen FORDLANDIAS ohnmächtig konfrontiert.
Bekanntermassen startete eben jener Niedergang mit einer Pilzerkrankung und wurde in Folge durch Insektenplagen besiegelt.


Die Geschichte hinter dem Roman:
Ich verweise einfach mal auf diese Internet-Seite. Hier finden sich gute Informationen. Hier klicken.


Meine private Kritik-Meinung:
Am Anfang ist die Erwartung höher als das, was das Buch liefert. Es liest sich für mich plätschernd dahin. Der Strom des Rio Tapajós ist mit Sicherheit zugkräftiger und aufregender. Ich erfahre unwichtiges und unbedeutendes.
Aber warum beispielsweise der Mann aus Buenos Aires floh, dass wird nie direkt in dem Roman erwähnt. Er floh offenbar wegen drei Angelegenheiten. Einfach so. Schön.
Der Roman startet in der Ich-Form. Eigentlich keine schlechte Wahl, um den Leser mit dem Protagonisten anzufreunden. Nur bleibt der beschriebene Ich-Erzähler eigentümlich blass und profillos. Zudem wird die Geschichte immer wieder von Handlungen unterbrochen, die von Henry FORD, Edsel FORD, Th.A. Edison usw. bei Dearborn/USA handeln. Klar, am Schluss werden die beiden Erzählstränge (Ich-Erzählung und Henry-Ford-Darstellung) sich treffen. Aber eben jenes Treffen bleibt irgendwie sprachlich blass und unspektakulär. Der Roman blüht an den Stellen auf, wenn der Ich-Erzähler auf den Flora und Fauna des Dschungels Amazoniens zu sprechen kommt.
Allein der Kontrast - ein Industrie-Mensch trifft auf urwüchsige Natur - fällt dabei wieder recht schwächlich beschrieben aus. Nicht das Buch ruft die Phantasie solcher Begegnungen als Bilder hervor, sondern meine eigene Vorstellungen beschreiben die Vorstellungen meiner Phanatsie.
Die Begegnungen zwischen den verschiedenen Protagonisten bleibt irgendwie schwach. Zieht der Ich-Erzähler mal seine Waffe, dann liest es sich so, als ob er sich ne 08/15-Stulle zwischen den Zähnen schiebt ... Wut drängt sich mir im Buch als rationale Entscheidung auf.
Selbst die Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen in Fordlandia bleiben blass. Nach dem Roman weiss man, dass Fordlandia bittere Realität war, aber man kennt die Stadt nicht. Man wandert nicht geistig auf deren Wege. Plantagen bleiben nur abstrakte Flächengebiete wie die Charaktere der anderen Protagonisten.
Henry Ford findet - wie oben schon erwähnt - auch seinen Platz im Buch. Aber dessen Charakterisierung fällt wieder nüchtern blass aus. Ich erfahre über bestimmte public relations Sachen zur Zeit des ersten Weltkriegs von Henry Ford. Jedoch nur am Rande wird angedeutet, dass Henry Ford sich auch einen Namen als Antisemit gemacht hat.
Aber nicht nur dieses Detail aus dem wunderlichen Leben Henry Fords wird angedeutet. Seine andere Lebensphilosophien werden auch noch gestriffen. Klar wird mir schon, dass der Henry Ford des anfänglichen 20.sten Jahrhunderts im Grunde ein Stinkstiefel erster Güte für mich sein müsste.
Es spielt sich noch eine kleine zarte Liebesgeschichte in dem Roman ab. Aber auch das rettet das Buch nicht wirklich.

Wie übrigens der Hauptdarsteller in dem Buch hiess?
Horacio.
Das ist sein Vorname.
Mehr erfahre ich nicht.
Aber das immerhin kurz vor Schluss des Buchs.


Das Buch wird in der öffentlichen Presse eigentümlich zwittrig behandelt. Zum einen wurde das Buch im in Deutschland berühmt berüchtigten "Literarischen Quartett" (mit Marrrrcel Rrrrrreich Rrrrrraniszzzzzki) hoch gelobt (s.a. hier.
Ebenfalls wurde es gar von der "Washington Post" als eines der besten Bücher im Jahre 2000 gekürt. Aber dann finden sich auch Kritiken, die darüber nachdenken, ob das Buch soviel Ruhm überhaupt verdient hat, weil es so fahrig geschrieben wurde. Oder ob es einfach nur miserabel ins Deutsche übersetzt wurde (s.a. hier.
Mir drängt sich zum Teil der Eindruck einer liederlich schlechten Übersetzung ins Deutsche auf. Aber auch andererseits denke ich mir auch nur, da wird ein landwirtschaftliches Projekt aufgeblasen. Und nur weil ein Henry Ford daran beteiligt war, kriegt das natürliche Scheitern einen bedeutenden Namen.

Fazit:

Für mich war das Buch keine Offenbarung. Flache Geschichte, flache Personencharakteriesierungen mit Stärken in der Naturbeschreibung. Emotionen aus der Klischeetube.
Als Reiselektüre taugt es zur Einstimmung auf Amazonien nicht die Bohne. Auch nicht während eines Flugs. Das Buch ist mehr was für zuhaus.

Auf einer Skala von 1 (sauschlecht) bis 10 (super gut) für mich
eine 3+ (mit gutem Willen aber nur).
Abraços
Careca

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