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Oi gente,
ich war zufällig in Bahia, nähe Netos Sitio in Jacuipe (um exakt zu sein ... in Monte Gordo) ...
Nachdem meine Frau und ich Neto schon aus gegenseitigen Besuchen in Bayern und der Nordsee kannten (und liebten), hatten wir uns noch nie in Brasilien getroffen. Wir beschlossen, dass bisher Unverrichtete zu tun ...
Wir liefen also von unserer Pousada in Imbassai zur Bushaltestelle an der Linha Verde und warteten, wie alle anderen, unter einem schattenspendenden Baum auf den Bus. Plötzlich klingelte das Handy .... ich dachte sofort an Probleme in meiner Firma, doch die Nummer auf dem Display kam nicht aus B.H., sondern aus Bahia ...
Ich drückte nichtsahnend auf den grünen Knopf und hörte "Bist du es Baiano ..." im mir bekannten oberbayrischen Dialekt. Unglaublich! Es war Neto ... er machte sich Sorgen, sagte er, weil wir solange nichts von uns hören lassen haben. Ich versicherte ihm, dass wir in blendender Verfassung sind, fasste mich aber kurz, da ich ja auf dem Weg zu ihm war, was er wiederum natürlich nicht ahnen konnte.
Neto hingegen, wollte mir anscheinend alle Geschichten, die er im letzten Halbjahr in Bahia erlebt hat, brühwarm auftischen. Ich unterbrach ihn.
"Neto ... lass mich doch mal zu Wort kommen" ... unterbrach ich ihn ..."Spar dir deine vielen Worte der Telefonrechnung zuliebe ... wir stehen am Bus nach Monte Gordo und werden in 1 Stunde bei dir aufschlagen!" Ihm verschlug es die Sprache ... Er meinte noch "das kann nicht wahr sein ... es muss Gedankenübertragung gewesen sein. Just nach so langer Zeit denkt der eine an der Anderen."
Als wir in Monte Gordo ankamen, war alles wie immer.
Eine herzliche Begrüssung, bei der meine Frau deutlich mehr Busserl abbekam als ich. Viele Leute auf seinem Sitio ... davon ein paar Hausangestellte, die er behandelte als wären es Freunde. So war Neto ... er liebte Freunde. Neto setzte sich sogleich an den Tisch und begann Zitronenlimo trinkend seine Geschichten zu erzählen.
Ohne es zu wissen zu können, waren wir an einem Tag aufgeschlagen, an dem ein grosses Fest bei Neto geplant war. Er lud uns natürlich ein und wies uns unverholen unsere Schlafplätze zu - ohne dass wir überhaupt eine Chance hatten "Nein" zu sagen.
Am Abend gab es das angekündigte Fest u.a. mit einer Capoeira-Truppe aus dem Nachbardorf, die laut Aussagen Netos seiner Einladung gefolgt waren und für die Vorführungen reichlich mit Churrasco und Bier belohnt worden. Alles war Beleza und das Fest nahm seinen Verlauf.
Am Morgen danach, als wir gerade am Frühstückstisch sassen, kam die unerwartete (böse) Überraschung. Eine junge Dame aus der Capoeira-Truppe und 3 recht muskulöse Begleiter gesellten sich zu uns. Allerdings war ihr Gesichtsausdruck nicht so freundlich wie am Abend zuvor als Neto grosszügig Bier und Fleisch spendierte.
Ihre Forderung an Neto war, 300 R$ für die gestrige Capoeira-Vorführung zu bezahlen.
Neto wehrte ab und erinnerte sie daran, dass sie geladene Gäste waren und ihr Bier- und Fleischkonsum nachweisslich die 300 R$-Marke überschritten habe - alle Anstrengungen der Capoeira also reichlich kompensiert worden.
Auf der Capoeira-Seite blieb man aber hart. "wir müssen Zement für unseren Club kaufen und brauchen Geld!".
Neto war aber nicht in der Stimmung zu diskutieren und schickte die Jungs und das Mädel weg. Er war jetzt ziemlich sauer und liess sich das auch etwas anmerken. Es war ziemlich frech seitens der Capoeira-Truppe im Nachhinein Geld zu verlangen, bestätigte aber nur meine (voreingenomme) Meinung über Baianos.
Ein wenig später kam einer seiner Angestellten aus dem Dorf und wollte Neto warnen. Die Capoeiristas sind wütend und wollten ihm und seinen (ausländischen) Gästen in der kommenden Nacht etwas tun. Wir wurden unruhig, schliesslich hatten wir kleine Kinder dabei. Neto aber liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Er meinte: "die tun mir nichts". Als Argumente hatte er ausser einem kläpprigen Viralata und einem sehr gesprächigen Papagei nicht viel zu seiner Verteidigung vorzuweisen, so dass wir etwas nervös den Abend verbrachten und wohl auch nicht besonders ruhig schliefen ...
Es passierte aber nichts.
Auch Neto hatte wohl nicht besonders gut geschlafen. Vielleicht auch, weil er die Sache etwas zu sorglos für sich selber gelöst hatte ... am Morgen stand er zeitig auf und ging schnurstracks zu den Baianos, um die Sache aus der Welt zu räumen. Wie er später erzählte, bot er ihnen 150 R$ zur Erledigung der Angelegenheit an ... mit Null Verhandlungsspielraum nach oben ... "wenn ihr nicht akzeptiert, bekommt ihr nichts!".
Den Baianos blieb nichts anderes übrig als einzuschlagen (natürlich nur mit den Händen). Laut Neto waren sie mit dem Kuhhandel recht zufrieden und meinten, dass sie bei Gelegenheit mal wieder Capoeira bei ihm auf dem Sitio tanzen würden.
Neto konnte wieder lächeln. Nicht, weil er der Gerechtigkeit gefrönt hatte, sondern weil er seinen Seelenfrieden zurückgewonnen hatte und vor allem keine Feinde mehr hatte.
Neto war ein Mensch, für den Freunde das wichtigste im Leben waren. Und wer Neto zum Freund hatte, spürte das auf die herzlichste Art. Schade, dass es wenige Menschen gibt, die so wie Neto sind.
Man sieht sich, Lemi
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