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27. Mai 2006
Samba und nackte Haut: Ganz Brasilien will nach Deutschland
Von Emilio Rappold
Roberto ist bei seinen Freunden als treuer, fürsorglicher Ehemann bekannt. Wenn der Ball rollt - erst recht bei einer Weltmeisterschaft - gelten für den 35-jährigen Brasilianer aber offenbar andere Gesetze. Der Marketingberater aus Rio ist einer von rund 10 000 Brasilianern, die während der Fußball- WM nach Deutschland reisen. Dabei wird er nichts auslassen. Und das, obwohl seine Ehefrau daheim mit einem kleinen Kind sitzen bleibt und im Juli weiteren Nachwuchs erwartet. Roberto hofft, dass der sechste Weltmeistertitel der «Seleção» noch vor seinem neuen Erben kommt.
«Um bei der WM vor Ort mitjubeln zu können, zahle ich vier Mal so viel wie für einen normalen Urlaub. Aber es lohnt sich, ich freue mich auf unsere Siege und auf das Treffen mit Menschen fremder Kulturen», meint Robertos Arbeitskollege Marcelo Soares. Nicht weniger als 25 000 Real, knapp 10 000 Euro, musste der Betriebswirt auf den Tisch legen, um sich eines der «Pakete» mit Flügen, Eintrittskarten, Reiseversicherung und Unterkunfts-Reservierungen zu sichern.
Sechs Jahre Arbeit für die Karten
Für Millionen von Brasilianern, die mit dem Mindest-Monatsgehalt von 350 Real auskommen müssen, entsprechen 25 000 Real etwa dem Lohn für rund sechs Jahre. In dem 180-Millionen-Einwohner-Land mit einer der ungerechtesten Einkommensverteilungen der Erde können sich aber schon die Angehörigen der oberen Mittelklasse je nach Wechselkurs oft mehr leisten, als ihre «Schichtgenossen» in westeuropäischen Ländern. Kein Land registriert so viele WM-Übernachtungen wie Brasilien.
«Die Nachfrage war enorm», erklärt Carlos Monteiro, Sprecher des Reisebüros «Planeta Brasil», das auf Grund guter Beziehungen zum nationalen Fußballverband CBF allein für den Vertrieb des brasilianischen Eintrittskarten-Kontingents verantwortlich war. Das Unternehmen wurde von Konsumenten angezeigt, weil es Eintrittskarten nicht separat verkaufte - ohne Erfolg. «Der Brasilianer ist ja dafür bekannt, dass er alles in letzter Sekunde regelt. Diesmal war das aber ganz anders: Ganz Brasilien wollte nach Deutschland», sagte Monteiro.
Monate vor der WM schon ausverkauft
Obwohl die teuerste Reise um die 32 000 Real kostete und die billigste 12 500, gingen alle 8100 «Pakete» weg wie warme Semmeln. Bereits knapp drei Monate vor WM-Beginn waren sie in Brasilien ausverkauft. Es wird damit gerechnet, dass zusätzlich mindestens 2000 «Brasileiros» den Weg nach Deutschland antreten - zum Teil ohne Karten und gebuchte Unterkunft.
Deserteure dabei
Einer von ihnen ist Mario Castello (30). Er hat immerhin zwei Eintrittskarten. «Ich habe bei der Verlosung via Internet mein Glück versucht und ein Achtelfinalspiel und das Finale für insgesamt 367 Euro ergattert», sagt er. Ganz gewagt sind derweil die Reisepläne von Wilson. Der 25-jährige Kellner, der umgerechnet 300 Euro im Monat verdient, hat auf einem Kreuzfahrtschiff angeheuert und will kurz vor WM-Beginn (und lange vor Vertragsende) «desertieren». «Wenn mein Schiff in Italien anlegt, bin ich sofort weg: als Anhalter nach Deutschland, und dort notfalls unter freiem Himmel schlafen. Für die WM ist mir alles recht», sagt der fußballverrückte junge Mann.
Und auch Edelprostituierte
Die Koffer für Deutschland hat auch Marianne gepackt. Ein Deutsch- Portugiesisch-Wörterbuch hat sie auch gekauft - und sie blättert darin «jede freie Minute seit Dezember». Seit sechs Jahren ist sie Prostituierte «für Kunden der oberen Klasse», wie sie nicht ohne Stolz sagt. Und sie will ihren Teil vom WM-Kuchen haben. «Ich kenne Hunderte Kolleginnen allein hier aus Sao Paulo, die auch zur WM fahren», sagt die Blondine. (N24.de, dpa)
Externe Links:
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Schöne Grüße,
tinto
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