Ganz individuell: Spenden und Strompreise

Allgemeine Fragen & Tipps über alles, was dem Gringo in Brasilien passieren kann

Ganz individuell: Spenden und Strompreise

Beitragvon mikelo » Di 6. Mär 2007, 16:38

Die Brasilianer sind so was von individuell. Ganz bestimmt die im Nordosten. Und ich wette, die meisten wissen das nicht einmal. Die meisten meckern einfach – wie meine Nachbarn, meine Vermieter und diverse Bekannte – seit ein paar Monaten ganz besonders über hohe Stromrechnungen. In der Menge war das schon etwas verwunderlich, weil von den mir bekannten Fällen niemand eine Mikrowelle, einen Deckenventilator oder sonstige Stromfresser neu angeschafft hat, die das Phänomen erklären könnten. Im Gegenteil, hier in Pernambuco hat der frisch gewählte Gouverneur sogar versprochen, gleich nach der Wahl die Strompreise zu senken. Weil zugegebenermaßen viele schon im letzten Jahr und vor der Wahl gemeckert haben.



Die aktuelle Rechnung meines Nachbarn – Single, PC-User, kein Ventilador, keine Mikrowelle – beläuft sich auf 39 Reais. Klingt gar nicht so schlimm. Nur hat er im Vormonat vier Kilowattstunden mehr verbraucht und dafür knapp 20 Reais bezahlt, wie die statistischen Angaben auf der Rechnung zeigen. Hm. Sonst stimmt alles, Privathaushalt-Tarifklasse, abgelesene Werte. Was kostet denn so eine Kilowattstunde? Ein Vergleich zeigt: Ich bezahle pro kwh 0,12 Reais. Meine Nachbarin bezahlt 0,35, und Ricardo 0,49. Und die erst seit der letzten Rechnung. Vorher waren es bei ihm 0,15 (bis 30 Kilowattstunden) und 0,26 Reais (für alles, was darüber liegt).



Beim genauen Studium der Rechnungen fällt noch etwas anderes auf: Die aktuelle Rechnung weist neben dem üblichen Beitrag zur Strassenbeleuchtung einen weiteren Posten auf, der sich Spendenkampagne nennt. In Klammern dahinter steht nicht erstattbar. Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, daß neuerdings per Stromrechnung gespendet werden kann, für irgendein Kinderprojekt. Kann. Auf der Rechnung ist weder erkennbar, welches Projekt von der Spendenkampagne profitiert, noch, wie es anzustellen ist, wenn einer nicht spenden will. Ricardo spendet schon seit drei Monaten fleißig – er hat es nur nicht gemerkt.



Überhaupt sollte man der Lektüre der Stromrechnung – und zwar von allen Seiten – deutlich mehr Sorgfalt widmen. Die wichtigsten Infos verbergen sich auf der bunten Außenseite: Wer alles rechtzeitig bezahlt, kann nämlich sogar gewinnen. Und zwar einen vollkommen kostenlosen Hamburger – wenn er ein Lokal der Fastfood-Kette Bob’s aufsucht und dort zuerst einen Hamburger mit kleinem Getränk bestellt und bezahlt. Hätte man mal früher wissen müssen. Dann hätte man auch rechtzeitig gezahlt. Zum Beispiel mit der Hipercard, der Kreditkarte eines Supermarktes. Wer die Stromrechnung mit der begleicht, gewinnt automatisch eine zusätzliche Frist von 40 Tagen – und kann derweil fleissig Hamburger spachteln.



Ganz klein steht über der Hipercard-Geschichte auch noch: Du spendest, und dein Team gewinnt. Alle Fußballfans mal herlesen: Zeig deinem Verein, daß du ein besonderer Fan bist. Gestatte die Spende von einem Real auf deiner Stromrechnung – und sie wird dem Verein deiner Wahl zukommen. Daneben ist eine Telefonnummer angegeben. Das läßt zumindest hoffen, daß die Fußballspende nicht automatisch mit der nächsten Rechnung abgebucht wird, wie die Spendenkampagne. Ob man die auch über diese Servicenummer abbestellen kann? Oder muß man sich da beim Energieversorger in die Schlange stellen und persönlich vorsprechen? Am besten gleich morgen, denn die Zwangsspenden sind ja. nicht erstattbar



Im Internet, wo man zum Glück auch in Brasilien fast alles nachgucken kann, findet sich schliesslich eine lange Liste der Strompreise des ganzen Landes. Am teuersten ist demnach die Energie im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, mit 0,41 Reais pro kwh, am billigsten im Amazonas mit 0,24 Reais. Pernambuco liegt irgendwo dazwischen mit 0,33 Reais pro kwh. Soweit so übersichtlich. Nur sind die offiziellen 0,33 Reais auf den mir vorliegenden Rechnungen nirgendwo berechnet worden. Dabei ist dieser Tarif laut Internetauskunft der Stromanbieterkontrollorganisation noch bis 28. April gültig. (Über die diesjährige Erhöhung wird diskutiert, es drohen rund 10 Prozent.)



Auch ein neuer Blick auf die Rechnungen bringt keine Aufklärung. Nur so viel: der Strompreis ist seit Wahl des Gouverneurs tatsächlich gesunken. Will sagen: die Steuer auf den Strom ist gesunken. Registrierte sozial schwache Familien, die nicht mehr als 50 Kilowattstunden im Monat verbrauchen, zahlen gar keine Steuer mehr. Und die anderen immerhin fünf Prozent weniger als vorher. So steht es auf einer der Rechnungsrückseiten. Das ist doch mal ein gehaltenes Wahlversprechen. Und nicht mal individuell verschieden. Das wissen bestimmt die meisten auch nicht.
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Beitragvon Severino » Di 6. Mär 2007, 17:02

Na da bin ich gespannt, wann die CELG da den Pernambucanos nachzieht....
Aktuell zahle ich 0,448480 pro kWh inkl. 29% ICMS und 5,36% PIS/COFINS. Dazu kommt noch die PIS von 1,41 R$. Das sind die Preise für einen Verbrauch von 80 bis 220 kWh. In elektrischen Geräten ausgedrückt ist das Kühlschrank, Licht, Fernseher und Duschkopfheizung (auf Stufe 1).
Informacões gerais: Com consumo medio mensal ate 79 kWh, obserbadas as demais regras, sua conta sera automaticamente faturada como baixa renda no mes. De 80 a 220 kWh, sendo portador de um dos cartoes dos programas socias do governo federal, procure a CELG ou ligue para informar-se.

Da steht es endlich schwarz auf weiss: Nicht nur die garotas machen programa auch die Bundesregierung!
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stark...

Beitragvon brasilmen » Mi 7. Mär 2007, 06:56

..wird das schon irgendwo in Brasilien/im Netz diskutiert ???
Gruss brasilmen Thomas
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Da musste ich herzhaft lachen....

Beitragvon roman3 » Di 13. Mär 2007, 23:04

Hallo Mikolo,

jetzt musste ich aber herzhaft lachen. Das Problem hatte ich gerade aktuell. Hier in Salvador auf der Insel Itaparica hat es mich auch erwischt. Durch mein Hotel liegen die Rechnungen so um die 300-400 Reas. Da fällt so eine untergepackte Summe nicht gleich auf. Schlimm nur, dass man bei hohen Summen auch immer bei der Strassenbeleuchtung mit je 10% dran ist.
Da ich noch kein Sprachgenie bin wunderte ich mich doch über eine recht hohe wiederkehrende Summe von 60 Reais. Die Nachbarn gefragt, die hatten solches auch auf der Rechnung, aber recht kleine Summen. Eine Dreiergruppe steckte die Köpfe zusammen, das wäre wohl eine Beteiligung an den neuen Stromleitungen. Na,ja dachte ich die müssen es ja wissen. Aber da die Summe nach einem Jahr noch immer nicht verschwand bin ich doch mal ins Strombüro. Ja, ich habe da auch für ein Kinderhilfswerk bezahlt, ohne je von jemanden gefragt worden zu sein. Dagegen ist ja nichts zu sagen, aber gefragt werden möchte ich schon. Ich bat an Ort und Stelle um Klärung. Ich wurde hin und herverbunden. Man wollte mir dann weissmachen, ich hätte eine telefonische Zusage gegeben. Ich bat um Stonierung und siehe der Betrag ist diesem Monat von der Rechnung verschwunden.

Ähnliches ist mir übrigens mit Embratel passiert. Angeblich hatte ich da auch irgendeinen Plano telefonisch zugestimmt. Ich lehne generell solche telefonischen Offerten ab. Sicherlich dachte da ein Verkäufer, der versteht sowieso nicht richtig was ich da erzähle probieren wir es mal. Bekam Rechnungen um die 150 Reais, hatte aber nie mit Embratel telefoniert. Ja, das wäre mein Guthaben, beschied man mir. Täglich kamen nun Mahnanrufe und immer neue weitere Rechnungen und Mahnungen monatlich. Zum Schluss war eine angebliche Summe über 1000 Reais aufgelaufen. Kam so auch auf die berühmte schwarze Liste, wurde mir bereits nach der zweiten Rechnung mitgeteilt. Habe 4 Monate gerungen um die Angelegenheit vom Fuss zu bekommen. Immer wurde mir beschieden, die Sache sei erledigt, aber erst hätte ich die offenstehenden Rechnungen zu bezahlen. Und die Leute bekommt man ja nur per Telefon zu fassen.
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Beitragvon Severino » Mi 14. Mär 2007, 09:49

Kam so auch auf die berühmte schwarze Liste, wurde mir bereits nach der zweiten Rechnung mitgeteilt. Habe 4 Monate gerungen um die Angelegenheit vom Fuss zu bekommen. Immer wurde mir beschieden, die Sache sei erledigt, aber erst hätte ich die offenstehenden Rechnungen zu bezahlen. Und die Leute bekommt man ja nur per Telefon zu fassen.
Jaja, die berühmte schwarze Liste. Kenne das von einer Bekannten. Der Telefonanschluss lief noch auf ihren Namen. Der neue Mieter hat das fleissig ausgenutzt. Die Telefongesellschaft war unfähig eine Adressänderung oder auch nur eine zweite Rechnung auszustellen um die paar Reais zahlen zu können. Da müsse man das Anliegen schon in Sao Paulo klären und gab uns eine Fax-Nummer. Naja nach zahlreichen Faxen, Rückrufen usw. gingen die Monate ins Land.
Da entschloss ich mich zu einem weiteren Besuch im Office der BRASIL TELECOM. Ich nahm zwei gute Bekannte mit, denen eigentlich niemand nachts begegnen möchte und verlangte sofort den gerente. Auf die Wartenden in der Schlange nahmen wir keine Rücksicht sondern gingen gleich zum Schreibtisch des gerente. Und siehe da, plötzlich hatten wir eine 2a via der Rechnung in der Hand. Betrag mittlerweile 290 R$.
Die Rechnung dann gleich bei der loteria eine Strasse weiter beglichen und mit der Quittung zurück zum gerente. Die Jungs warteten nun aber draussen bei einem cervezinha.
Als der gerente mich wieder sah, schaute er sich zunächst nach meinen Begleitern um und rief mich dann zu sich. Schlussendlich konnte nun der Telefonanschluss gekündigt werden. Auf meine Frage "Warum denn das Ganze nicht schon früher hätte erledigt werden können und auch ohne den Besuch mit den Kollegen" kam eine der Standardantworten: "A sistema so mudou agora. Antes so pode ser resolvida em SP".
Ich staune heute noch, wie oft die Brasilianer einen stinkfrech und noch dazu dermassen plump anzulügen versuchen. HAben die das noch von den Portugiesen?
Ich sagte im dann nur noch, dass zum Glück ja auch einige andere Kunden gesehen hätten, wie man mit ihm Probleme zu lösen hätte und da wurde er doch etwas blass....
Achja, der Auftritt der Jungs hatte mich auch noch 50 R$ gekostet - plus die Bier, die sie inzwischen verdrückt hatten.... das war die Show aber auch Wert, denn hier in unserem 300.000 Seelen Dorf sprechen sich solche Aktionen schnell rum....
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