Gute Laune und Optimismus sind in Brasilien Pflicht

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Gute Laune und Optimismus sind in Brasilien Pflicht

Beitragvon BrasilJaneiro » Sa 2. Aug 2014, 20:26

Deutschen erscheint die brasilianische Kultur weitaus vertrauter als die asiatische oder die afrikanische. Dennoch bieten auch die Mentalitäts- und Wertunterschiede zwischen Brasilianern und Deutschen viel Raum für Missverständnisse. Ohne Sympathie und Gemeinsamkeiten verlaufen in Brasilien selbst aussichtsreiche Geschäftskontakte im Sand. Ein freundliches, kommunikatives Auftreten und eine positive Lebenseinstellung sind Pflicht.

Trotz ihrer informell wirkenden Art legen Brasilianer großen Wert auf den richtigen Ton. Alles Negative sollte sich der deutsche Besucher verkneifen, und sei es die berechtigte Beschwerde über das Chaos am Flughafen bei der Einreise. Gute Laune und Optimismus sind Pflicht. Kritik am Verhalten des anderen gilt schon in kleinster Dosis als Affront und darf, wenn überhaupt, nur scherzhaft verpackt geäußert werden.

Reserviertes und schüchternes Verhalten befremdet die stets demonstrativ lockeren Brasilianer, ebenso wie ein zu schnelles und ungeduldiges Vorpreschen im Gespräch. Von der direkten deutschen Art fühlt sich der sensible Brasilianer vor den Kopf gestoßen. Es wird viel zwischen den Zeilen gesagt oder als Anekdote verkleidet erzählt. Dies ist durch ein starkes Harmoniebedürfnis zu erklären. Man möchte nicht mit der Tür ins Haus fallen und womöglich abgewiesen werden.

Ausgehend von seinem eigenen Verhalten konzentriert sich der Deutsche oft zu sehr auf den Wortlaut seines Verhandlungspartners und achtet nicht auf ergänzende Signale wie Körpersprache, Tonfall und kulturellen Kontext. Dadurch verpasst er einen Teil der Botschaft. Deutsche verlieren schnell die Geduld, wenn Brasilianer nicht gleich zum Punkt kommen. Diese indirekte Art sollte nicht als unsachlich angesehen werden sondern als kulturell bedingter anderer Gesprächseinstieg.

Begrüßungsrituale informeller als in Deutschland

Alles beginnt unter Männern mit einem festen Händedruck, wobei man sich in die Augen sieht, sich fast schon übertrieben anlächelt und sofort mit dem Vornamen anspricht. Zwischen Mann und Frau sowie unter Frauen sind Küsschen auf die Wange bereits beim ersten Treffen normal, die Dame wird ebenfalls mit dem Vornamen angesprochen, oft veredelt durch die Anrede Dona, besonders bei älteren Damen. Wem die Begrüßung mit Küsschen zu schnell geht, kann beim ersten Treffen auch die Hand geben und dann bei der Verabschiedung einen Wangenkuss wagen, schließlich hat man sich nun kennengelernt.

Gleichzeitig zum körperlichen Erstkontakt vergewissert sich der Brasilianer ausführlich und ohne Eile, dass es dem anderen auch gut geht, am liebsten mit dem klassischen "tudo bem?" (alles gut?), das der Gefragte mit denselben Worten und dem Zusatz "e você" (und selbst?) an den Fragenden zurückgibt, der dies mit einem weiteren "Tudo bem" bestätigt. Ziel dieses Rituals ist es, durch die Wortwiederholung bereits den Eindruck einer ersten Gemeinsamkeit zu schaffen. Ehrliche Antworten wie "geht so", "lange Reise gehabt" oder ähnliches sind fehl am Platz.

Persönliche Beziehung entscheidet über Geschäftserfolg

Es folgt eine Aufwärmphase mit leichtem Small-Talk. Der Direkteinstieg in die Verhandlung gilt als rücksichtlos. Man spricht über Dinge, die beide mögen, wie angenehme Erlebnisse und lustige Anekdoten. Doch Vorsicht mit Ironie: obwohl der Brasilianer gerne lacht und scherzt, bevorzugt er in der Regel den harmlosen und naheliegenden Spaß und könnte einen doppelbödigen Witz leicht missverstehen. Ein guter Eisbrecher ist Fußball, der in Brasilien Religionsstatus besitzt. Wichtiger als das Thema selbst sind eine positive Einstellung, Interesse an Brasilien und eine Art herzlicher Verbindlichkeit.

Portugiesisch-Kenntnisse können hilfreich sein. Obwohl viele brasilianische Manager Englisch sprechen, kommunizieren sie in ihrer Muttersprache wesentlich ausführlicher und fassen schneller Vertrauen. Aber auch schon ein paar portugiesische Vokabeln schaffen ein positives Klima.

Eine ablehnende Haltung oder auftretende Schwierigkeiten sind einem Brasilianer nicht leicht anzumerken. Kann er eine Frist nicht einhalten oder ist an einem Geschäft nicht interessiert, sagt er dies nicht offen. Wichtiger als Sachlichkeit und Ehrlichkeit sind momentane Harmonie und die Vermeidung von Konfrontationen. So kann es vorkommen, dass der Deutsche sich kurz vor Vertragsabschluss wähnt, obwohl der brasilianische Partner mit den Gedanken schon beim Konkurrenten ist.

Die brasilianische Unverbindlichkeit ist für Deutsche gewöhnungsbedürftig. Um sich selbst vor Enttäuschungen zu bewahren, sollte man die Charme-Attacken der Brasilianer sowie die freundschaftliche Gesprächsatmosphäre nicht überbewerten und mit Verbindlichkeit verwechseln. So kann auch eine Verabredung zum Mittagessen oder eine persönliche Einladung nach Hause nicht mehr sein als eine spontane Sympathiebekundung oder ein Zeichen von guter Laune, und ist in der nächsten Sekunde wieder vergessen. Falls sie doch ernst gemeint ist, folgt eine Bestätigung mit genaueren Details.

Entspannteres Zeitmanagement mit einkalkulieren

Lockerer als in Deutschland ist auch das Zeitmanagement. Verspätet zu Geschäftsterminen zu kommen ist in Brasilien kein Kapitalverbrechen und sollte auch vom deutschen Unternehmer nicht als Respektlosigkeit eingestuft werden. Die Widrigkeiten des Alltags lassen eine exakte Termineinhaltung oft nicht zu.

Zu diesen Widrigkeiten zählt neben Regen und Verkehr allerdings auch die notorische Improvisationslust der Brasilianer. So kann es passieren, dass der deutsche Gast zur vereinbarten Zeit von der Sekretärin im Vorzimmer erfährt, dass der Gesprächspartner noch gar nicht in der Stadt ist. Hier gilt die Regel: lieber einen Termin einmal zu oft vorher bestätigen, als hinterher zu warten und sich zu ärgern.

Aufgrund der Größe, Abgeschiedenheit und eigenen kulturellen Stärke Brasiliens haben viele Brasilianer wenig Erfahrung mit anderen Kulturen. Obwohl sie entspannte und gastfreundliche Menschen sind, tun sich viele Brasilianer schwer mit den "Gringos" (Ausländern) und deren unbeholfenem Verhalten und holprigem Portugiesisch.

Professionelles interkulturelles Training kann teure Fehlschläge verhindern

Ein Nachvollziehen der kulturellen Unterschiede und ein Interesse an der Persönlichkeit des anderen ist vielen Brasilianern zu anstrengend. Freundschaften entstehen im Kindesalter. Für Neulinge ist eine Integration in einen brasilianischen Freundeskreis nicht ganz leicht. Ein professionelles interkulturelles Training im Vorfeld eines Geschäftsbesuchs oder eines längeren Arbeitsaufenthalts in Brasilien können diesen Schritt stark erleichtern.

Quelle:http://www.imove-germany.de/
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Re: Gute Laune und Optimismus sind in Brasilien Pflicht

Beitragvon cabof » Sa 2. Aug 2014, 20:58

Alles beginnt unter Männern mit einem festen Händedruck, wobei man sich in die Augen sieht, sich fast schon übertrieben anlächelt und sofort mit dem Vornamen anspricht.

Da fehlt ein wichtiges Detail..... man klopft sich auch bis zur Hüfte ab. Warum wohl? Dieses Ritual stammt aus alten Zeiten.. um festzustellen ob der Gegenüber eine Waffe trägt.

Ansonsten sei gesagt: das voce - informell entspricht dem US amerikanischen YOU und wenn ich weiter ausholen darf.... der 2. Form der
Personalpronomen im Deutschen gibt es noch eine Extra-Form: das kölsche Du ... also unverbindlich. Die Dinos unter uns wissen es, man ist plötzlich der "o Senhor" und man spricht die jüngeren Leute (im Geschäft zB) mit voce an...

(offtopic: viele VerkäuferInnen in DE tragen Namensschilder... wer spricht diese denn mit Namen an?) In BR, in Boutiken zB stellen sich die Verkäufer mit Namen vor und begleiten einen zur Auswahl).

Ich möchte noch eine Glosse loswerden, Wahrheit. Zu meiner Rio-Zeit hatte ich Besuch von meinem Vetter, im Rio-Sul-Shopping wollte er für seine Frau einen Tanga kaufen... also rein in den Laden, english: we want to have a look. Er schaute ich spitzte die Ohren...
Sprachfetzen.... die Gringos geilen sich wohl auf... ob ich denen im Tanga auch gefallen würde? usw. usw. - Raus aus dem Laden, noch
im Schaufenster geschaut und ich dann wieder rein und auf portg. gefragt ob Größe und Farbe von XY vorrätig ist... ich weiß nicht mehr welcher Kopf mehr "glühte" :oops: von den Garotas oder meiner.... es war ein kleines Fest - eines der Highlights in BR

(PS - wenn ich gut drauf bin, bei meinen Urlaubsreisen, mache ich solche Spielchen noch heute).
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Re: Gute Laune und Optimismus sind in Brasilien Pflicht

Beitragvon Itacare » Sa 2. Aug 2014, 23:02

Gegenfrage. Was schert sich ein Brasilianer oder Russe oder Chinese oder Inder (damit die BRIC komplett ist) um die deutsche Etikette?
Wir hatten mal einen Araber am Tisch, der ließ ganz genüßlich und hörbar einen ziehen, als Zeichen dass er sich wohlfühlt oder so??
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Re: Gute Laune und Optimismus sind in Brasilien Pflicht

Beitragvon cabof » Sa 2. Aug 2014, 23:12

Deutsche Etikette ist in DE gefragt, willste im Ausland punkten oder Geschäfte abschliessen muß man sich auf die Gepflogenheiten einstellen... Infos darüber gibt es genug. Auf`s Fettnäpfchen arten...
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Re: Gute Laune und Optimismus sind in Brasilien Pflicht

Beitragvon Itacare » Sa 2. Aug 2014, 23:36

Könnte, aber will die Länder nicht mehr zählen, in denen ich beruflich schon unterwegs war. Letzter Fall, keine 2 Monate her, 1 Woche Urlaub, Rückkehr Flug Samstag 23:00 Uhr, erfahre dann Donnerstag, dass ich Sonntag um 5:00 Uhr Richtung Flugahfen abgeholt werde. Zeit um mich da in irgendwas einzulesen? Ja wann denn. Normale Zurückhaltung, Höflichkeit, ja sowieso. Aber sonst? Müssen die mit mir genauso zurecht kommen wie ich mit denen.
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Re: Gute Laune und Optimismus sind in Brasilien Pflicht

Beitragvon cabof » Sa 2. Aug 2014, 23:44

Nee, ohne !&@*$#!.... mein Ex Schwager flog beruflich nach Asien und in den Orient.... da gibt es Regeln für die Geschäftsanbahnung,
Feinheiten - kriegt man als Tourist nicht so mit. (Welcher Turi wird in BR schon mit "beijinho" oder "abraco" empfangen?) Weites Feld.
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Re: Gute Laune und Optimismus sind in Brasilien Pflicht

Beitragvon Itacare » Sa 2. Aug 2014, 23:54

cabof hat geschrieben:Nee, ohne !&@*$#!.... mein Ex Schwager flog beruflich nach Asien und in den Orient.... da gibt es Regeln für die Geschäftsanbahnung,
Feinheiten - kriegt man als Tourist nicht so mit. (Welcher Turi wird in BR schon mit "beijinho" oder "abraco" empfangen?) Weites Feld.


Cabof, in o.a. geschildertem Fall handelte es sich um eine Baustelle in Bulgarien. Zementwerk, aber den Auftrag hatte sich eine chinesische Firma ergattert. Nach 2 Tagen Floskeln musste ich mir - für unseren Teilbereich - das Kommando erzwingen, sonst wären aus den geplanten 10 Tagen am Ende 100 geworden. Welch umständliches Volk, grausig.
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