Tagesanzeiger, Zürich - 04.01.2005
In Salvador da Bahia spielen die Plätze die Hauptrollen. Ferner tritt das schwärzeste Ensemble Brasiliens auf.
Von Steven Schneider
Der Largo da Cruz do Pascual ist nur einer von vielen Plätzen der schwärzesten Stadt Brasiliens. Touristisch ist er unbedeutend. Der Asphalt hat Risse, die Häuser haben es auch, und ein Gewirr von Telefon- und Stromkabeln überspannt den Platz mit dem grossen Kreuz in der Mitte. Eine alte Frau schaut schon eine Weile schweigend aus dem Fenster. Aber in der brütenden Nachmittagshitze gibts wenig zu sehen. Einige Jungs beim Fussballspiel und zwei Touristen, die vorbeischlendern. Sie schliesst das Fenster. Wie immer dauert es bis Sonnenuntergang, bevor man hier den Samba hört und sich das schwarze Ensemble inszeniert.
Salvador ist voller Lebensfreude und Musik. Die Menschen lachen, streiten und leiden öffentlich, und nur wer ein zweites Mal hinschaut, sieht die Armut der Vorstädte und die sozialen Abgründe zwischen den Schwarzen und der weissen Minderheit. Drei Jahrhunderte lang wurden hier afrikanische Gefangene verkauft, fünf Millionen insgesamt, die sich auf den Plantagen der Grossgrundbesitzer zu Tode schufteten - im Schnitt schafften sie neun Arbeitsjahre. 1888 verbot Brasilien die Sklaverei, und Salvador ist zu Afrikas westlichstem Vorposten geworden.
Ein Platz für jeden Anspruch
Gerade deshalb ist Salvador heute ein Touristenmagnet mit einer Bühne, auf der ein Rund-um-die-Uhr-Programm läuft: Der Largo do Pelourinho ist das Schmuckstück der malerischen Altstadt, von der gesagt wird, sie sei das schönste Barockviertel der Welt. Tagsüber sind hier verkrüppelte Bettler an der Arbeit, strahlende Polizistinnen, zerlumpte Strassenkinder und tüchtige Edelsteinverkäufer.
An den Ecken bieten dicke, in blütenweisse Gewänder gehüllte Priesterinnen des Candomble (afrobrasilianischer Ritus) Essen feil, es spielen Musiker mit Berimbaus (Zupfinstrumente afrikanischen Ursprungs), und es tanzen junge Männer den Capoeira (den ehemaligen Kampftanz der Sklaven). All dies vor einer besonderen Kulisse: dreieckig, steil abfallend und gesäumt von Häusern in den Farben Grün, Gelb, Blau, Rot. Der Pelourinho ist nicht nur Fotosujet, sondern auch Kulturzentrum; jeden Abend gibts hier kostenlos Livemusik auf hohem Niveau, ebenso auf den Nebenplätzen, den Largos Teresa Batista, Jubiaba und Pedro Arcianjo. Allein der schönste aller Nebenplätze, der Largo Quincas Berro D’Agua, wird nur von der weissen Mittelschicht bevölkert. Wer eine Schwäche für Laienbühnen hat, kehrt aber vor Sonnenuntergang zurück an den nur fünf Minuten entfernten Largo da Cruz do Pascual. Hinter verbeulten Garagentoren öffnen kleine Lokale, Wirte tragen Stühle und Tische aus Plastik auf die Plätze und Gassen.
Die üppige Schönheit setzt sich wie eine Diva auf den klapprigen Stuhl, schlägt die nackten Beine übereinander, und das goldene Kreuz an der feinen Kette rutscht ins Decolleté. Der alte Mann schiebt hinkend seine Schubkarre mit Mangos auf den Platz und blickt die Leute mit den traurigsten Augen der Welt an. Ein VW parkt neben dem Kreuz, und aus seinen riesigen Lautsprechern dröhnt Sambamusik. Gerade rechtzeitig, um den Auftritt des jungen Paares zu untermalen: Sie strahlt reihum alle Männer an. Ihr Verlobter drückt sie grimmig an sich und küsst sie, mehr wütend als leidenschaftlich. Die alltägliche Inszenierung grosser Gefühle nimmt ihren Lauf.
[04.01.2005]
Quelle:
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/reisen/ ... 52826.html