Hier endet Europa

Infos und Tipps zu Hotels, Pousadas, Städten und Regionen in den Bundesstaaten Bahia, Sergipe, Alagoas, Pernambuco, Rio Grande do Norte, Ceará, Paraiba, Piauí und Maranhão.

Hier endet Europa

Beitragvon Careca » Mo 7. Nov 2005, 02:28

[url="http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/rundschau/?cnt=752538"][Quelle: Frankfurter Rundschau vom 7-Nov-2005}[/url]

Hier endet Europa
Das brasilianische Städtchen Oiapoque liegt an der äußersten Westgrenze der EU - ein heißes Pflaster
VON WOLFGANG KUNATH

Francisco Leal ist 1987 aus Südwest-Brasilien hier hochgekommen in diesen entlegenen, nördlichen Zipfel des Landes, und heute, 18 Jahre und 53 Malaria-Anfälle später, findet er, dass sich eigentlich nichts geändert hat in dem Grenzstädtchen Oiapoque: "Nur die Gewalt und die Arbeitslosigkeit sind größer geworden", sagt er. Er selber hat sich allerdings eine Existenz aufgebaut, von der andere nur träumen können. Vor 14 Jahren ist er auf eine winzige Insel mitten im Oiapoque-Fluss gezogen, die immer bei Flut - denn der Atlantik ist nur anderthalb Stunden mit dem Schnellboot entfernt - noch mal schrumpft. Zusammen mit seiner Frau betreibt er eine einfache Pension, unter deren schiefer Holzterrasse das Wasser gluckst. Und drüben auf dem nördlichen Ufer, das die Brasilianer auf der anderen Seite des Flusses einfach "Frankreich" nennen, bestellt er ein großes Stück Land, mit Orangen, Ananas und 1600 Mahagoni-Bäumen.

Sein Telefon gehört zum Ortsnetz Saint Georges in Französisch-Guayana, aber den Strom bezieht er aus Brasilien. Die Gäste kommen meist vom nördlichen Ufer und zahlen in Euro, aber das Bier, das sie bei ihm trinken, kauft Francisco Leal mit brasilianischen Reais ein. Er hat sich also gut eingerichtet in der Mitte des Flusses, in dessen Fahrtrinne die westlichste Grenze der Europäischen Union verläuft. Aber solche harmonischen Zustände sind hier eher die Ausnahme. "In Saint Georges halten sie sich für wer weiß was, und auf die Brasilianer schauen sie herab", sagt er. Wenn es nur das wäre. In Wahrheit verläuft der Fluss zwischen zwei Welten, und die Spannungen sind weitaus stärker als nur die Hochnäsigkeiten, die Francisco erwähnt.

"Von Oiapoque bis Chui", sagen die Brasilianer, so wie die Deutschen "von Flensburg bis Konstanz" sagen, um die Nord-Süd-Ausdehnung zu beschreiben; bloß dass es eben von Oiapoque bis hinunter an die Grenze zu Uruguay ungefähr so weit ist wie vom Nordkap bis nach Sizilien. Oiapoque gilt auch als Synonym für das Entlegene, das Rückständige, das Hinterwäldlerische schlechthin - man debattiert darüber, ob Brasilien in Oiapoque beginnt oder endet. Und auf der anderen Seite des Flusses - was das Grenznest noch gottverlassener erscheinen lässt - liegt Europa. Denn Französisch-Guayana ist weder Kolonie noch souveräner Staat, sondern ein französisches Übersee-Departement.

Wirklich keine Traumstadt: Eine in die Breite gehende Ansammlung von niedrigen Häusern, dazwischen stinkige Abwassergräben und ein Gitter von rotbraunen, staubigen Straßen, die sich während der sieben Monate Regenzeit in Schlammbassins verwandeln - das ist Oiapoque.

Unten, zum Fluss hin, schließt sich ein billiges, lautes, lebhaftes Geschäftsviertel an, und hier sieht man, warum Oiapoque "a cidade do Euro e do ouro", die Stadt des Euros und des Goldes, genannt wird. Denn die Goldaufkäufer wechseln sich ab mit Klamottenläden, von denen es so viele gibt, dass Oiapoques Frauen die vollsten Kleiderschränke ganz Brasiliens haben müssten, wenn die Kundinnen nicht zum großen Teil von drüben kämen.

Das Problem ist bloß: Der Euro ist auch nicht mehr das, was er mal war. "Es fing klasse an, als ich vor zwei Jahren kam", erzählt Nelson Cabral, der früher mal Bankangestellter war und heute mit Sonnenbrillen, Sportkappen und Spielzeug handelt, "und es wurde immer besser, aber in letzter Zeit ist das Geschäft um 70, 80 Prozent gefallen".

Schuld ist der Euro-Kurs: Vor einem Jahr war er 3,60 Reais wert, heute steht er bei 2,60. Entsprechend unattraktiv ist es für die "Franzosen", in Brasilien einzukaufen. "Der Euro kommt nicht mehr, und mit dem Gold ist es auch vorbei", resümiert Graciliano Anika, der Zahnprothesen herstellt. "Allgemeine Mutlosigkeit" habe die Stadt befallen, sagt Graciliano, ein Indianer, der die Künste der Zahntechnik in São Paulo erlernt hat. Sein Behandlungszimmer besteht aus einem neun Quadratmeter großen, fensterlosen Kabuff, das ihn mehr als 200 Euro Miete kostet. Wer sich auf seinem Behandlungssessel, einem mit Schaumgummi verkleideten Gartenstuhl, eine Prothese anpassen lässt, zahlt nicht mal 150 Euro.

Warum der Euro so schwächelt, darüber kursieren in Oiapoque die schrägesten Mutmaßungen. Firmino Bispo zum Beispiel, der Präsident des örtlichen Einzelhandelsverbandes, vertritt nicht nur die vergleichsweise exotische Ansicht, Oiapoque brauche einen internationalen Flughafen, sondern er gibt auch dem gegenwärtigen Korruptionsskandal in Brasília die Schuld an der Euro-Schwäche - der doch eigentlich eher die nationale als die ausländische Währung beeinträchtigen müsste. Andere wiederum nehmen das Auf und Ab des Kurses - und vor allem das Ab - wie eine Laune des Himmels hin. Und Bürgermeister Manoel Alício sieht überhaupt keine Krise: Die Händler würden furchtbar übertreiben, und im übrigen hätten sie die Kunden aus Guayana durch überzogene Preise selber vergrault.

Auch Camila merkt den Euro-Verfall: "Franzosen kommen nicht mehr so wie früher", sagt sie. Camila, angeblich 18 Jahre alt, verdient in knappem Oberteil und noch knapperem Höschen ihr Geld in der "American Bar", und die Männer, die am späteren Abend hier einlaufen, um sie und ihre Kolleginnen in Augenschein zu nehmen, sehen eher so aus, wie man sich Garimpeiros, Goldschürfer, vorstellt: Harte, einfache Männer mit Riesenpranken und schlichtem Auftreten. Für gut anderthalb Gramm Gold oder 50 Reais, knapp 20 Euro, fangen die Mädchen an, sich auszuziehen und zu tanzen, und für das Doppelte nehmen sie die Männer mit auf ihr Zimmer. Und der Drink, den Camila für sich bestellt, steht danach mit dem Preis von knapp einem Gramm Gold auf der Rechnung.


Vorbei ist es nicht mit dem Gold, aber es ist schwerer geworden. Die Garimpos, die Goldgruben, sind praktisch alle drüben, in Frankreich, und die dort arbeiten, sind oft illegale Brasilianer. "Viele werden steckbrieflich gesucht", knurrt Gilmar Trigueiro, der örtliche Chef der Bundespolizei, "Waffen, Drogen, Gold, Weiber, das gehört ja alles zusammen". In letzter Zeit geht die französische Polizei schärfer vor gegen die Illegalen in den Goldgruben, gegen Verbrecherbanden, die die Garimpos überfallen, gegen Straßenräuber, die Autofahrer ausrauben.

Und was gibt es sonst noch so für Verbrechen in Oiapoque, Herr Kommissar? Jede Menge Geldwäsche. Von den zahllosen Klamottenläden, Sportgeschäften, Nachtclubs oder Videotheken seien viele Scheinfirmen, die schmutzige Reais in saubere Euros verwandeln. Und wie viele Menschen sind letztes Jahr ermordet worden in Oiapoque? "Ungefähr 32", antwortet der Polizist. Bürgermeister Manoel Alício schätzt Oiapoque auf 20 000 Menschen - das wäre dann eine gut doppelt so hohe Mordrate wie in Rio de Janeiro.

Eine Viertelstunde dauert die Bootsfahrt den Fluss hinunter nach Saint Georges de l'Oyapock, ein stilles, in der Mittagshitze ausgestorbenes Nest. "Kontrolle, wie Kontrolle?", fragt der Zöllner am Anleger. Na, von Pässen - werden die nicht kontrolliert? "Ça depend", das hängt davon ab, antwortet er, und das soll wohl heißen, dass der Pass- erstmal die Gesichtskontrolle vorgeschaltet wird.

Oiapoque
Eine Mordrate höher als die von Rio de Janeiro - in diesem Tropen-Idyll? Ein stiller Fluss, viel Wald und wenig Menschen, so sieht es aus an der Grenze zwischen Brasilien und Französisch-Guayana. Doch der harmlose Eindruck täuscht: Oiapoque ist Umschlagplatz für Waffen, Frauen und Drogen.
Kein Zweifel: C'est la France. Die Polizei trägt kurze Hosen und fährt die gleichen polizeiblauen Autos wie in Frankreich, die Boulangerie ist auch Patisserie, die Verkehrsschilder sehen aus wie in Frankreich. Im Supermarkt lacht "la vache qui rit" aus dem Regal, und die Schilder an Gartentörchen warnen vor den beiden französischen Hunderassen - chien méchant und chien de garde. Im Schaukasten des Rathauses hängt immer noch der Aufruf des französischen Staatspräsidenten zum Referendum über die Europäische Verfassung. Dass die Franzosen sie abgelehnt haben, dass der Euro dadurch gesunken ist - wer versteht das schon auf der anderen Seite des Flusses.

Bei "Chez Modestine" lehnen sie mittags am Tresen und trinken tatsächlich Pastis, bevor sie an Tischen mit gewürfelten Decken richtige französische Menüs verspeisen. Aber um halb vier, wenn die Gäste gegangen sind, stellen die beiden brasilianischen Kellnerinnen ihr Französisch ein. Sie suchen sich im Radio einen brasilianischen Sender und schmettern beim Aufräumen die Schlager auf Portugiesisch mit.
Abraços
Careca

"No risc, no fun!
MfG Microsoft"
Benutzeravatar
Careca
 
Beiträge: 1646
Registriert: So 28. Nov 2004, 22:25
Bedankt: 4 mal
Danke erhalten: 0 mal in 0 Post

Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Zurück zu Reiseziel: Nordosten

 


Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Berechtigungen in diesem Forum

Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

fabalista Logo

Persönlicher Bereich

Anmelden

Empfehlung

Wortübersetzer

Deutsch/Portugiesisch - Übersetzer in Kooperation mit Transdept

Neu im IAP PortalNetwork

Please enable / Bitte aktiviere JavaScript!
Veuillez activer / Por favor activa el Javascript![ ? ]