Ich wandere auch aus

Tipps und Fragen von Auswanderungswilligen und Leuten, die es schon in Brasilien geschafft haben / Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon donesteban » Mi 21. Nov 2007, 03:55

Ja und gleichzeitig sind die "Kurzurlauber" ein bisschen neidisch auf die "Auswanderer", die unbeschwert im schönen Klima in den Tag hinein leben können. Egal ob es nun Realität ist oder nicht. Ich mache mir nix vor und versuche dennoch zu träumen. Bisher bin ich noch nicht aufgewacht.

Finde Deine offenen Worte prima. Das hilft vielleicht dem einen oder anderen keine Dummheit zu begehen bzw. erst mal richtig nachzudenken und nicht alles durch eine rosarote Brille zu sehen. Ich fühle mich durch Deine Schilderung eher bestätigt als abgeschreckt. War erst jetzt am Sonntag auf "uma festa muita baixa." :wink: War genau auf meinem Level. Unverputzte Wände, Cachaça, feijoada, Cola (keine Caipirinha) - alles aus billigstem Plastikzeugs. Forro, Brega und Samba aus dem (zum Glück nur leicht) übersteuerten Getto Blaster. Alle kräftig angeheitert bis zur Oma und alle am Tanzen. Hin mit dem Bus über eine Stunde und das gleich wieder zurück. Schon seltsam, aber mir macht das (noch?) viel mehr Spaß als jede schicke Cocktailparty in DE.

In diesem Sinne. Gute Nacht.
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Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon amarelina » Mi 21. Nov 2007, 11:10

als wir vor etwas mehr als zehn jahren geheiratet haben, waren wir uns einig, dass wir in Brasilien/Salvador leben wollten. das halbe jahr in Europa hat meinem mann, zwar einen guten einblick in meine familie und mein umfeld gegeben, aber sonst gefiel es ihm nicht besonders. die kälte, die vielen missgelaunten leute, das fehlen seiner freunde und der familie, nicht einmal die viel bessere bezahlung der arbeit konnte ihn locken in Europa leben zu wollen. doch auch für mich war es nicht leicht, ständig in Brasilien zu leben. ich hatte meine familie in der Schweiz, einen sohn aus erster ehe und einige FreundInnen mit denen ich so reden konnte, wie mir der schnabel gewachsen ist und überhaupt vermisst man die kleinen dinge des täglichen lebens erst, wenn man sie nicht mehr hat.
in einer binationalen ehe ist immer einer nicht richtig zu hause.
so begannen wir zu pendeln, ein halbes jahr hier ein halbes jahr oder mehr da...man verzichtet auf vieles, weil das pendeln viel geld verschlingt und das gefüge noch viel wackeliger, als es sonst schon ist. eine krankheit, oder ein arbeitsausfall oder irgendetwas und schon gerät alles aus den fugen...
es wird viel zu wenig überlegt, was es bedeutet in einem anderen land zu leben, was die konsequenzen für den einzelnen in einer beziehung bedeutet. es gibt viele beispiele, wo genau aus diesem grund die ehe auseinander gebrochen ist. der eine ist unglücklich, hält "es" nicht mehr aus, will zurück...die einsamkeit und das sich unverstanden fühlen in einem fremden land, kann einen menschen sehr zum nachteil verändern...

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Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon Marlen » Mi 21. Nov 2007, 16:47

brasilblog hat geschrieben:Stellt sich nur die Frage, was man gewinnen will und verlieren kann.

Eine rein subjektive Bewertung jedes einzelnen. In jedem einzelen Fall unterschiedlich gewichtet. Die verschiedenen Präferenzen letztendlich abzuwägen, obliegt auch nur dem Auswanderer in spe selbst. Es ist am Ende die subjektive (und dadurch fehlerhafte) Entscheidungsgrundlage eines jeden einzelnen. Doch die Frage muss man sich vorher stellen.


@brasilblog
Ich finde das hast Du sehr treffend formuliert.

Ich bin ja schon einmal ausgewandert, direkt nach dem Abi nach England, wo ich noch immer lebe. Damals war ich 18, hatte keinerlei Verantwortung und meine Antwort auf Deine Frage war ein knappes: alles zu gewinnen, nichts zu verlieren.

Jetzt, was Brasilien anbelangt stehen die Dinge eindeutig anders. Allerdings ist es fuer mich auch diesmal klar was ueberwiegt: Gewinn oder Verlust. Im besten Fall gewinne ich ein Leben mit dem Mann den ich liebe, neue Freunde, neu Erfahrungen. Und dafuer gebe ich was ich hier habe (sind ja eben zu 99% materielle Dinge) gerne auf.

Nicht falsch verstehen, ich bin kein Hippie oder Aussteiger und gewisse materielle Grundwerte sind mir schon wichtig. Aber ob eine Apple Steroanlage auf Dauer gluecklich macht. Ja wohl kaum...

LG
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Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon Severino » Fr 23. Nov 2007, 12:10

Diese beiden Aussagen treffen den Kern zur Entscheidung darüber, ob man es tut oder eben nicht:

brasilblog hat geschrieben:...Stellt sich nur die Frage, was man gewinnen will und verlieren kann.....


amarelina hat geschrieben:....in einer binationalen ehe ist immer einer nicht richtig zu hause....


Und da muss jeder für sich entscheiden, wie er/sie damit umgehen will. Allerdings haben wir Europäer ja einen Trumpf: Zurück können wir immer... Ob man das dann mal will, steht in den Sternen. Jeder muss in seinem Leben das tun, was er/sie für richtig hält. Sonst wird es nichts mit einem Leben, dass man als "glücklich" oder "zufrieden" bezeichnen könnte.

@Marlen,
"Wiederholungstäter" haben es einfacher. Als ich 1991 von Deutschland in die Schweiz ging, musste ich mich auch zunächst Mal umgewöhnen. Die Uhren ticken doch etwas anders. Und wenn man sich an den Rythmus gewöhnt hat, dann klappt es schon.
Lediglich mit die Frage nach meiner Heimat habe ich so meine Schwierigkeiten. Ich kann mich da nicht festlegen... "Zuhause" lässt sich da für mich schon einfacher definieren: Zuhause bin ich da, wo ich mich wohl fühle. Und das Wohlfühlen hängt für mich eher von Menschen als vom Kontostand ab. Aber auch das darf/kann/muss ja jeder für sich definieren...
paz e amor
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Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon amarelina » Fr 23. Nov 2007, 14:01

ich denke, dass wir Europäer es einfacher haben uns in anderen kulturen und mit anderen lebensweisen zurecht zu finden. viele von uns wachsen mit menschen aus vielen verschiedenen kulturen zusammen auf und viele sind zweisprachig. (allein in der stadt in der Schweiz wo ich momentan lebe, hat es menschen aus 80 verschiedenen ländern und es werden über hundert verschiedene sprachen gesprochen)
die meisten BrasilianerInnen haben es viel schwerer. wenn sie nach Europa kommen ist es in der regel ein grosser schritt in ein komplett verändertes leben und auch wenn sie vielleicht schnell landsleute kennenlernen, es ist nie dasselbe...
ich habe selber schon einige traurige beispiele gesehen, wo BrasilianerInnen irgendwie zwischen den welten verloren gegangen sind und fast alle wollen eines tages zurück in ihre heimat...

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Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon Jacare » Mo 26. Nov 2007, 12:33

brasilblog hat geschrieben:Auswandern mit keinen finanziellen Rücklagen kann ich wirklich niemand empfehlen. Ich habs gemacht und klickere nun so vor mich hin. Mit dem Traum vom eigenen Häuschen, vielleicht einem Auto, einem Urlaub im Nordosten .... und immer mit den Gedanken, dass hoffentlich niemand ernsthaft krank wird oder nix kaputt geht (PC, Kühlschrank, usw.) ....

Aber dann ist da die Lebensfreude der Menschen. Morgen gehts wieder ans Feiern, keine Ahnung warum (nicht wegen Fussball), gibt keinen Anlass, 10 Leute legen zusammen, es wird ein bissl Fleisch und 2 Kisten Bier gekauft, Partytime. Ist auch egal wo, ob im unverputzen Backsteinbau oder im Hinterhof, es wird improvisiert, gequatscht, getanzt. Keiner nervt, kein Nachbar muckt, es macht Spass. Wer kommt, kommt - wer nicht kommt, kommt nicht. Habe eben davon erfahren.

Ja, Familie fordert Freiheit. Aber gibt viel mehr zurück, wie ich finde. Jungen Weibern hinterhersehen ist ja ganz schön, Appetit holen darf man sich ja schliesslich auch noch, aber gegessen wird daheim. Und ein Kind - ich kann es nicht beschreiben. Es ist wie ein Juwel ... und macht all den Verzicht unvergessen. Es ist für mich mit Abstand das Schönste, was mir in meinem Leben passiert ist. Und dann !&@*$#! ich auf "Heimaturlaub", eigene Karre und zur Not auch noch auf den Kühlschrank.


Oi !
Ziemlich ernüchternd ! Der stinknormale Alltag hüben wie drüben :wink: Die selben Träume hab´ich auch, das Geld reicht immer nur gerade so, keine Zeit für nix und "Spass" mit den Nachbarn haben wir auch. Tja, nur das Wetter ist eben anders.

Gruss
Jacare
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Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon Jacare » Mi 28. Nov 2007, 12:43

donesteban hat geschrieben:Was bin eigentlich ich? Ich möchte zukünftig im Sommer (April bis Oktober) in Deutschland sein und im Winter in Brasilien. Ich kenne mich zugut und weiß, dass mir auf Dauer Deutschland fehlen würde. Andererseits halte ich es dort aber auch nicht all zulange aus und dann zieht es mich fort. Vor allem wenn die kalte, dunkle Zeit kommt. Auch diese Lebensart ist mit Verzicht und Gewinn verbunden. Verzichten muss ich vor allem auf Geld und Karriere. Seit ca. 7 bis 8 Jahren richte ich meine geschäftlichen Aktivitäten diesem Ziel unter. Keine Aufträge annehmen, kein Business machen, dass mich örtlich bindet. Ich gewinne aber vermutlich sehr viel. Weniger Stress, eine andere Weltsicht und ganz wichtig, ich fühle mich hier einfach sauwohl, in den ca. drei Monaten im Jahr, die ich bereits heute hier verbringe, in der Nähe von meinem Samba und meinem Recife.


Das gleiche Prinzip gilt ja in umgekehrter Weise für Brasilianer die hier in D leben. Für diejenigen die ein-zweimal im Jahr für 2-3 Monate in die Heimat fliegen können, ist hier in D das Leben und Arbeiten einigermaßen erträglich. Aber fragt mal Brasilianer, die nur alle Jubeljahre mal nach Hause fliegen können und trotzdem hier in D oder als deutscher Auswanderer in BR feste durchhalten. Das sind in meinen Augen die wahren Champs im alltäglichen Leben hüben wie drüben. Respekt ! =D> =D>

Gruss
Jacare
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Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon Cabecao » Sa 5. Jan 2008, 22:00

Boa noite Marlen !!

Tja, denke, du hast auf jeden Fall schonma die richtige Einstellung... Das ALLERWICHTIGSTE is aber definitiv, dass du die Sprache lernst und zwar richtig gut! Ich war selbst grad erst für ein halbes Jahr dort (länger geht's ja leider nicht) :cry: und hab als erstes ne Sprachschule besucht... 5 Wochen lang, jeden Tag, 4-6 Stunden. War zwar übelst anstrengend, aber ohne Sprache geht dort gar nix!

Ansonsten kann ich mich meinen Vorrednern nur anschliessen, in Sao Paulo gibt's verdammt viele deutsche Unternehmen und solange du die nötige (finanzielle) Ausdauer hast, wird's sicherlich auch irgendwo klappen, wobei ich jetzt nicht genau weiß, wie es mit deiner Branche dort aussieht.

Boa sorte!! ...und lass mal bei Gelegenheit was hören, wie's dir dort ergeht! :mrgreen:
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Re: Ich wandere auch aus

Beitragvon nini » Sa 5. Jan 2008, 23:46

auswandern ist der versuch, nicht befriedigte bedürfnisse zu befriedigen

nach brasilien geht man, wenn man ganz ganz tief nachkuckt, wenn man das kopflastige klima in europa satt hat und sich (wie es sich ja auch gehört) nach mehr menschlichkeit sehnt.

erotik, sex, putas, gdps, currasco, sonne, sand und meer sind allesamt nur ausreden.

auswandern tut man im eingen dorf, in der eigenen suppe, im eignene gesülze. wenn man dann das hinter sich hat, dann ist man (endlich) frei...
aber dann will man warscheinlich nicht mehr auswandern ;)

ergo: bleib zuhause, denn da wo du hin willst warten schon die alten probleme auf dich :roll:

gruss
nini
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