immer wieder aktuell...

Allgemeine Fragen & Tipps über alles, was dem Gringo in Brasilien passieren kann

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Beitragvon amarelina » Do 24. Aug 2006, 18:35

die kiste im hafen von salvador
endlich nach fast drei monatelangem ringen hatte ich meine heiratsbestaetigung, dadurch auch die aufenthaltsgenehmigung erhalten und konnte somit meinen kostbaren haushaltsplunder aus dem hafen loesen, den ich bei unserer abreise aus der schweiz in eine kiste verpackt und per schiff nach brasilien geschickt hatte. das eine ist naemlich nicht ohne das andere zu kriegen und die lieblingswoerter der brasilianischen behoerde heissen: manhã, depois, daqui a pouco. morgen, nachher, gleich...
am 26. november konnte ich endlich die definitive aufenthaltsgenehmigung in empfang nehmen, denn ohne dieses fitzelchen papier kann eine gringa mit touristenstatus nichts nach brasilien einfuehren. als ich endlich diesen so wichtigen wisch in der hand hielt, war ich dann doch ein wenig enttaeuscht. nach dem ganzen aufwand zu rechnen, haette das ein grosses, mit imposanten stempeln und unleserlichen unterschriften versehenes dokument sein muessen... nun gab es nur einen schmalen streifen papier mit einem mickrigen stempelchen drauf. aber gold wert!
mit dem ganzen papierkram sollte jetzt also unsere kiste aus dem hafen von salvador de bahia zu befreien sein. angekommen war sie schon vor wochen und jeder tag kostete uns lagergebuehren. der lesestoff war mir ausgegangen und eine reifenpanne am rollstuhl kostete uns einen halben tag suche nach dem passenden pneu, hatte ich doch gutglaeubig damit gerechnet ohne grosse schwierigkeiten und in kurzer zeit unsere habseligkeiten im hafen abholen zu koennen. in meinem haushalt fehlten mir schmerzlich alle die wohlueberlegt eingepackten kleinigkeiten, wie das naehzeug, die kuechengeraete, meine stein- und muschelsammlung und was der wichtigen dinge mehr sind. aber hoch lebe die brasilianische burokratie!
unzaehlige male fuhren wir in die stadt und dort von pontius zu pilatus und zurueck... jeder beamte forderte fuer seine arbeit sein bakschisch, sozusagen als praktischen nebeneffekt, das a. aber ebenso schlitzohrig und mit viel geduld herunter zu feilschen verstand.
am 15. dezember begaben wir uns wieder einmal guten mutes in die stadt auf dieses amt, das da heisst receita das fazendas (ungefaehr: amt fuer einfuhren) und ich schwor mir: nicht ohne meine kiste... a. hievt mich also die treppen hinauf, die es fast ueberall und im ueberfluss hat und wir quetschen uns zu fuenft in einen wackligen, altersschwachen lift. waehrend der fahrt in den vierten stock sagt der eine mitfahrende bueromensch munter zum liftjungen: mann, bist du haesslich, du hast wirklich den richtigen job, so wie du aussiehst. (ich muss ihm im stillen rechtgeben) der arme liftjunge windet sich und laechelt gequaelt.
beflissen schiebt er die altmodischen gitter auseinander und wir kommen einen duesteren korridor entlang bis vor eine tuer, die bei unserem leisen klopfen fast aus dem rahmen faellt. in dem buero, das seinen namen nicht verdient, sitzt nun also dieser seu raimundo. sonnenbrille auf der birne, fuesse auf dem tisch, im neonbeleuchteten raum ein wuestes durcheinander von schiefen aktenbergen, computer, telefon, fax, volle aschenbecher, bananenschalen, erdnuesschen, eine halbe pizza. dazwischen wuselt eine frau herum (bestimmt ein familienmitglied, in brasilien arbeiten die behoerden gerne in familienverbaenden, dann haben alle etwas davon...) sie zaehlt einen packen geld, nimmt telefonanrufe entgegen und ein pickeliger, magerer computerfreak, vielleicht der neffe oder ein enkel, versucht sich an der offenbar nagelneuen maschine. ich mache mir sorgen, dass er mitsamt dem computer abstuerzt.
seu raimundo nimmt die sonnenbrille ab, versorgt seine fuesse unter dem tisch, laechelt freundlich und sagt zu meinem angetrauten: ich sehe es deiner frau an den augen an, dass sie heute ihren haushalt haben moechte. (das sieht er ganz richtig) wir laecheln ebenfalls freundlich. nur keine ungeduld zeigen, das macht die sache komplizierter. zu allererst kommt wie immer der preis dieser neuerlichen aktion zur sprache. einige wochen zuvor verlangte seu raimundo ein honorar von 400 kreuzern fuer seine dienste. bei jeder weiteren zaehen verhandlung sinkt die forderung. im moment sind wir bei 150 kreuzern angelangt. nach einer relativ kurzen gespraechsrunde sind wir bei 80 kreuzern, was wir alle einen angemessenen betrag finden.
seufzend steht seu raimundo auf, mit soviel arbeit hat er heute nicht gerechnet und wir drei machen uns zusammen auf die runde durch saemtliche aemter und bueros, die natuerlich alle in verschiedenen gebaeuden in der ganzen unterstadt schoen verteilt sind. bei fast 33 grad schwueler hitze in langen hosen und hemden mit aermeln keine kleinigkeit. in brasilien herrscht in oeffentlichen gebaeuden kleiderzwang.
einige stunden spaeter haben wir eine ansehnliche beige papier mit unzaehligen unterschriften und stempeln und keiner davon gratis, beisammen und duerfen in den schwer bewachten hafenbezirk hinein, jedoch nur zu fuss. a. laesst mich im hafen vor einem der riesigen lagerhaeuser warten und geht einen weiteren beamten suchen, der die schluessel dazu besitzt. ich sitze im schatten eines gewaltigen krans, der container in der groesse von einfamilienhaeusern auf die kaehne schwenkt und habe zeit mit gedanken zu machen, mit wie viel blut, schweiss und traenen diese uralten pflastersteine getraenkt sind. ueber zweihundert jahre lang war der hafen von salvador de bahia einer der groessten sklavenumschlagplaetze der neuen welt.
endlich kommt der beamte mit den schluesseln und noch mehr papier angeschlurft und waehrend a. sich noch einmal auf die suche macht, diesmal nach einem wagen fur den abtransport, lamentiert der mann mit mir darueber, wie doch die gesamte buerokratie im computerzeitalter von brasilien noch undurchschaubarer geworden sei. da kann ich ihm beipflichten.
die zeit draengt. es ist inzwischen kurz vor fuenf. um fuenf uhr wird das gesamte hafengebiet hermetisch abgeriegelt. da taucht a. endlich mit einem vw-bus samt fahrer und dessen sohn auf. wir koennen nun feierlich in das gemaeuer hinein.
da steht nun also unser kistlein in einer ecke der lagerhalle, in die man bequem drei einfamilienhaeuser stellen koennte. sie wirkt ploetzlich so klein und verloren. und wegen dem bisschen haushaltzeug haben wir uns nun wochenlang herum geaergert.
aber so gluecklich kamen wir lange nicht mehr nach hause. als mir beim ersten hastigen auspacken einige 1.-august-kracher in die haende fielen, haben wir schnell einen davon im garten steigen lassen und dazu ein paar flaeschchen bier leer gemacht.

schoens taegli

amarelina
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Beitragvon Lemi » Do 24. Aug 2006, 19:17

Hi Amarelina,

nicht nur "immer wieder aktuell", sondern auch sehr authentisch.

Klasse Beitrag! =D>
Man sieht sich,
In der Unterschicht
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Beitragvon Fudêncio » Do 24. Aug 2006, 20:40

Lemi hat geschrieben:
Klasse Beitrag! =D>


Stimmt :!:

Aber was ist aus der guten alten Gross- und Kleinschreibung geworden :?: :roll: Wird auf die jetzt ganz verzichtet nach all den Rechtschreibreformen :?: :?: :?: Würde das lesen des Beitrags erleichtern, ebenso wenn hier und da öfters ein Absatz gemacht worde wäre. :?
Bin da nicht mehr so auf dem Laufenden :!: :oops:
:twisted:
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Beitragvon robertwolfgangschuster » Do 24. Aug 2006, 21:56

Fudêncio hat geschrieben:
Aber was ist aus der guten alten Gross- und Kleinschreibung geworden :?: :roll: Wird auf die jetzt ganz verzichtet nach all den Rechtschreibreformen :

Sei doch nicht so pingelig, wenn man lange hier ist und schnell schreibt vertippt man sich eben, deswegen ist man doch kein Analfabet.
Sprachverluderung ist gleich Charakterverluderung gilt nicht mehr.
Ich glaube die Scenen aus dem Artikel sind schon eine längere Zeit her.
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Beitragvon Brummelbärchen » Fr 25. Aug 2006, 20:29

robertwolfgangschuster hat geschrieben:Sprachverluderung ist gleich Charakterverluderung gilt nicht mehr.

Natürlich nicht. Allerdings gilt nach wie vor: Die Arbeit am Wort ist Arbeit am Gedanken.

Die Story ist aber wirklich gelungen, sehr amüsant!

BB'
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Beitragvon robertwolfgangschuster » Fr 25. Aug 2006, 20:59

Brummelbärchen hat geschrieben:Allerdings gilt nach wie vor: Die Arbeit am Wort ist Arbeit am Gedanken.
BB'


Wort ist Schall und Rauch, in Brasilien macht man etwas und denkt dann nach. Am Wort arbeiten hier die Politiker, Anwälte und Pastoren genug :twisted:
Sei ja nicht beleidigt, heute ist Freitag und ich bin schon wieder in Hochform: :D
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Beitragvon dumpfbacke » Fr 25. Aug 2006, 21:36

robertwolfgangschuster hat geschrieben:Wort ist Schall und Rauch, in Brasilien macht man etwas und denkt dann nach.


Hehehehe, schon wieder etwas was den Portugiesen und den Brasilianern gemein ist. Scheint aber Tradition zu haben, so hat das vor hunderten von Jahren schon die Portugiesische Botschaft in Rom gemacht und einen tollen Empfang bereitet, aber voellig vergessen die Einladungen rechtzeitig zu verschicken. Als dann die geladenen Gaeste ohne Einladung am Empfang standen, fluesterten die Bediensteten den Gaesten zu "Sagt einfach ihr seid Portugiesen". Und sie wurden ´reingelassen.

Schwarzfahrer und Zechpreller nennt man noch heute in Italien "Den Portugiesen machen".

jemand aus einem anderen Forum hat geschrieben: Der Ausdruck hat seinen Ursprung laut dem Dizionario Enciclopedico Italiano (siehe unten) im 18. Jahrhundert. Die portugiesische Botschaft in Rom hatte damals zu einer festlichen Veranstaltung eingeladen, vergaß aber die Einladungskarten rechtzeitig zu verschicken. Die Leute wurden dann informiert, daß man am Eingang, um hineingelassen zu werden, einfach sagen sollte, man sei Portugiese.

Fare il portoghese: (Non pagare il biglietto). L'origine dell'espressione risale al secolo XVIII: l'ambasciata del Portogallo a Roma, per festeggiare un avvenimento, aveva indetto una recita al teatro Argentina per la quale non erano stati distribuiti i biglietti d'invito; bastava presentarsi come "portoghesi". (Dizionario Enciclopedico Italiano)


Edit: Dabei frage ich mich gerade, woher die Gaeste von der Veranstaltung wussten, ohne Einladung? Aber da kommt wieder dieses unbeschreiblich, unerklaerliche Portugiesisch/Brasilianische ins Spiel. Sicherlich hatten sie trotzdem ein gigantisches Fest. Die Zeiten aendern sich halt nicht.
Zuletzt geändert von dumpfbacke am Fr 25. Aug 2006, 22:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon robertwolfgangschuster » Fr 25. Aug 2006, 21:42

Ich gehe hinten rein und sage "ich bin der Küchenchef" und fress auch gratis. ~ö~
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Beitragvon sorocabano » Fr 25. Aug 2006, 21:48

robertwolfgangschuster hat geschrieben:
Brummelbärchen hat geschrieben:Allerdings gilt nach wie vor: Die Arbeit am Wort ist Arbeit am Gedanken.
BB'


Wort ist Schall und Rauch, in Brasilien macht man etwas und denkt dann nach. Am Wort arbeiten hier die Politiker, Anwälte und Pastoren genug :twisted:
Sei ja nicht beleidigt, heute ist Freitag und ich bin schon wieder in Hochform: :D

danke...
seit wann unterscheidet man im i-net, forum, chat, in groß und klein..
was zählt ist der inhalt .. und der war amüsant und gut :-9
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Beitragvon dumpfbacke » Fr 25. Aug 2006, 21:50

Hahahaha, Robert, du bist glaube ich mit allen Wassern gewaschen. Von dir kann man noch was lernen!!! Deutsche Werte kombiniert mit suedlaendischer Schlitzohrigkeit.

Was anderes: Nur im Deutschen gibt es das Verb "mitdenken" und in Latinolaendern scheint es wirklich so zu sein: Erst machen, dann denken. Finales denken, scheint es dort nicht immer zu geben, kann aber auch an den vielen Hormonen in den Huehnerkoepfen liegen (s. Roberts Beitrag unter: Fishing the Brazilian Way, fand ich uebrigens sehr lustig die Geschichte mit den Rentnern)

LG, an den Koch
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