Brasilien: Auf Lastwagen ins Sumpfgebiet des Pantanal
von Gisela Gebhard | Moers | 71 mal gelesen
Mit einer Fläche von 100 000 km² liegt das PANTANAL östlich vom Fluss PARAGUAY an der westlichen Grenze Brasiliens zu Bolivien. Es ist die Heimat von...
...mehr als 600 Vogelarten, 350 Fischarten und einer Vielzahl von Säugetieren und Reptilien. Die beste Zeit für eine Reise dorthin ist während der kühleren und trockneren Wintermonate Juni, Juli und August. Sobald während dieser Monate das Wasser nach Süden abzieht, bilden sich im nördlichen Pantanal breite Sandbänke. Am besten erkundet man das Sumpfgebiet von CORUMBA aus.
Da haben wir übernachtet. Wärend des Frühstücks erscheint Claudine, die aus der Schweiz stammende Frau des Expeditions-Unternehmers. Sie berichtet, dass die Piste befahrbar ist. In einer halben Stunde werden wir abgeholt. Martina, unsere Reiseleiterin ist zuversichtlich, denn auf Claudine ist Verlass. Sie hat extra einen Unternehmer gewählt, dessen europäische Frau sich um die Organisation kümmert. Südamerikanische Zusicherungen differieren sonst oft um Stunden.
Um 7.30 Uhr fährt ein stämmiger indianischer Fahrer mit offenem Lastwagen vor. Begleitet wird er von Pedro, einem jungen Mann aus dem Pantanal, Claudine und Sohn Stefano, reichlich ein Jahr alt und ausgesprochen agil. Der zweite Lastwagen mit dem Patron ist bereits unterwegs. Wir verstauen unser Gepäck, steigen dann selbst auf die Ladefläche und plazieren uns auf die seitlichen, mit Decken gepolsterten Holzbänke. Beim Fahrer vorn sitzt Claudine mit dem Baby.
Auf holpriger Straße gehts flott voran. Bald aber verlassen wir den Asphalt und kommen auf rote Erdpiste voll ausgefahrener Spurrillen. Dann häufig Löcher und Schlamm. Wenn wir fotografieren wollen, muss einer aufs Führerhaus donnern, damit der Fahrer weiß, dass er anhalten soll.
Rechts und links nun Feuchtgebiet, von Bäumen und Büschen gesäumt. - Sittiche, Greife, Rohrdommeln, Schwarzkopfgeier, Schlangenhalsvogel, Caracaras und immer wieder Wasserschweine, Einzeltiere, Mütter mit Jungen, ganze Familien. Wasser fließt über die Straße.
Kurz darauf sitzen wir fest in der Matsche. Pedro dirigiert den Fahrer. Aber nichts geht mehr. Also runter vom Auto! Steine sammeln und unter die durchdrehenden Räder legen. Schieben! Steine hinschmeißen! Schieben! -Hauruck! – Dreck spritzt uns voll. Die Karre fährt! Schnell wieder rauf!
Interessante Pflanzen am Wege. Dann graue Ibisse, Rothaubenkardinal, Goldband-Aras, Kiebitze, Blatthühnchen, Hyazinth-Sittiche, Frosch- und Schneckenhabicht. Verschiedene Eisvögel.
Am Rio Paraguay müssen wir übersetzen. Wir warten auf die Fähre. Da kommt hinter uns, laut hupend, ein roter Kleinlaster mit Boot auf dem Dach! Unser Patron mit Koch und englisch sprechendem Guide! Sie sollten längst vor uns sein, haben aber soviel Lebensmittel und Trinkwasser geladen, dass sie an steiler Stelle nicht hochkamen. So mussten sie einen Teil abladen, hochfahren und die Ladung hinterhertragen. – Der Patron, nicht mehr der Jüngste, breit, braun, beleibt, nur in roter Lufthose, die unter dem Bauch hängt, ist barfuss.
Die Fähre naht und legt an, nicht wo wir stehen, sondern bei einer „Insel“ im Fluss. Der Rio Paraguay führt Hochwasser. Die Anlegestelle ragt gerade noch raus. Also durchs Wasser dorthin. Alle müssen laufen. Pedro geht voraus und dirigiert den Lkw, damit der nicht von der Bahn rutscht. Das Auto des Patrons muss rückwärts auffahren, wird bei uns angebunden. Dann kommt noch ein kleiner Lastwagen, und wir schippern über den Fluss. – Drüben fängt Pedro eine Anakonda zum Filmen und Fotografieren, ein schönes Tier, knapp 2 m lang. Er entlässt sie wieder ins Wasser.
Nun weiter auf unserer Straße. Die sehen wir nicht, nur links und rechts Büsche und Bäume. In der Mitte strömt Wasser! Der Patron fährt mit Vollgas hinein, Wasser schwappt bis übers Dach. Er kommt durch! Wir mit Vollgas hinterher! Auch unser Indio schaffts! – Später ab und an trockene Stellen. Dann wieder Pfützen und Matsche. Dazwischen viele kleine, oft geländerlose Holzbrücken, die eben das Auto fassen. – Kormorane rauschen in schwarzen Schwärmen auf. In der Ferne ein Jabiru (hier Tuiuiu genannt), der größte lebende Storch (mannshoch) mit schwarzem Kopf und Hals, einem tiefroten Halsband und weißem Gefieder.- Silberreiher.
Pedro sitzt jetzt auf dem Dach und gibt dem Fahrer bei jedem Wasserloch und jeder Matschsuhle seine Anweisung. Er kennt dieses Land wie kein Zweiter. Im Sand müssen wir nochmals runter.-
Rechts und links liegen Aligatoren oder Wasserschweine in der Sonne. Manchmal sitzt ein Tyrannenvogel als Madenhacker drauf. Pedro entdeckt winzige Kaimane, greift einen und bringt ihn zu uns. Dieses Baby schreit kläglich. Gleich kommts wieder ins Wasser. Ein großer Leguan faucht und verschwindet.
Um 14 Uhr erreichen wir den einzigen Kreuzweg. Hier steht eine Kneipe (Bar Curva do Leque) mit Laden und richtigem WC. Mittagsrast. Der Patron ist weitergefahren, hat aber den Koch hier gelassen. Der werkelt. Claudine hilft. Um 15 Uhr gibts dann Reis, Nudeln, Salat und eine Fleischsoße, danach süßen Kaffee. – Anschließend gehts weiter.
Das Land verändert sich, wird trockener. Schließlich ist der Matsch unserer Straße eine harte Spur zwischen Löchern. Die Sonne kommt nun schon schräg, wirft rötliches Licht in Land, Palmen und Büsche. Sittiche suchen kreischend Schlafplätze auf. Schnell senkt sich Dunkelheit.-
Wir verlassen den Weg. Pedro dirigiert ins Dunkel hinein. „Rechts!“ – „Links!“- „Voran!“-„Quer!“- Plötzlich sitzen wir im Sand! Später im Wasser! Pedro ist sauer. Der Fahrer hat zu spät geschaltet. Pedro springt barfuss durchs Gelände, bricht Holz, legt unter, dirrigiert:“Vorwärts! – Zurück!“ Er springt wieder auf.- Es geht nicht! Alle runter ins Dunkel! Schieben! – Wir schaffen’s tatsächlich und sind wieder flott.
Weiter durch die Nacht im trüben Scheinwerferlicht. Rechts, links, quer durchs Gelände mit Bäumen, Gesträuch, hohem Gras, -- bis in der Ferne endlich ein Licht leuchtet. Wir riechen den Rauch eines Feuers. – Unter Palmen steht der Lastwagen des Patrons.
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