Interview mit einem Killer in Rio (ARD)

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Interview mit einem Killer in Rio (ARD)

Beitragvon carioca » So 2. Jul 2006, 10:00

Sonntag, den 02. Juli 2006 um 19.20 Uhr im Ersten in der Sendung "Weltspiegel"

Interview mit einem Killer

Brasilien ist nicht nur für seine Fußballstars bekannt, sondern auch für seine Armutsviertel in den Großstädten. Weil der Staat dort nicht für Sicherheit sorgt, greifen die Einwohner zur Selbstjustiz. In Rio de Janeiro fand sich ein Auftragskiller, der freimütig Auskunft über seinen "Beruf" gab.

Thomas Aders, ARD-Korrespondent, Studio Rio de Janeiro


Die Guanabara-Bucht von Rio de Janeiro, im Morgengrauen. Lichtjahre von Copacabana und Zuckerhut entfernt. Die stinkenden Abwässer der Millionenstadt sind Fischgründe für die Ärmsten der Armen. Hinter der Autobahnbrücke beginnt die Maré, eines der größten Armenviertel der Stadt mit 230.000 Menschen, die am Existenzminimum leben oder darunter. Hier zu filmen ist extrem gefährlich, selbst die Polizei wagt sich nur in Hundertschaften in dieses Gebiet. Wer hier lebt, ist ganz weit unten. "Das Problem ist: Niemand tut was für uns, niemand. Der Staat lässt uns allein", sagt ein Anwohner.

Selbstjustiz - ein absolutes TabuDie Drogenmafia hat in den meisten Favelas längst die Kontrolle übernommen, Aber - es gibt auch einflussreiche Geschäftsleute, die selbst für Ruhe und Ordnung sorgen. Sie stellen einen Mann fürs Gröbste ein. Sein Job: Räubern und Drogendealern den Garaus zu machen; mit allen Mitteln, angeblich bis hin zum Mord. Unsere Suche nach einem Auftragsmörder scheint aussichtslos zu sein, die Leute wollen nicht einmal mit uns reden. "Ach nein, das ist ein Ammenmärchen. Nein, nein", wehrt ein Mann ab.

Es vergehen Wochen auf falschen Fährten mit ungezählten, nichtssagenden Gesprächen, die auf eines hinauslaufen: nichts gehört, nichts gesehen, nichts gesagt. Bis wir schließlich den entscheidenden Hinweis bekommen: "Ein Auftragsmörder? Die Wahrheit ist: ja, es gibt ihn. Aber wissen Sie, ich und die meisten Leute hier meinen: das ist notwendiges Übel. Weil der Staat nicht für unsere Sicherheit sorgt, muss es in unserem Viertel so einen geben wie ihn. Ich kenne einen persönlich. Er wohnt da hinten, in dieser Richtung, hinter dem Hügel", erklärt ein Anwohner. Wir überprüfen die Glaubwürdigkeit des Mannes - erfolgreich.

Von Beruf Mörder

Nach langwierigen Vorgesprächen können wir ihn dann filmen. Seine einzige Bedingung: wir dürfen sein Gesicht nicht zeigen. Sein Sternzeichen - passend zum Beruf des 33-jährigen - ist Schütze. Er lebt in einer fast normalen Doppelhaushälfte, die Kinder verschiedener Mütter wohnen in der Nachbarschaft. Der Auftragsmörder erklärt: "Ich beobachte das Verhalten der Leute im Supermarkt. Viele Leute tun so, als ob sie Kunden sind, aber sie sind es nicht. Bewaffnete Räuber lasse ich verschwinden."

Das ganze System der privaten Sicherheit ist so pervertiert, dass ein Mörder wie João, wie wir ihn nennen wollen, in seinem Viertel als eine Art Robin Hood gesehen wird, als Kämpfer gegen das Böse.

João zeigt sein Waffenarsenal: "Das ist eine automatische Pistole. Sie kann sehr schnell viele Schüsse abfeuern. Sie ist ideal, um sich den Weg frei zu schießen, und um sich selbst zu schützen." Dazu ein Jagdgewehr. Nur ein Schuss, geeignet für große Distanzen. Doch João arbeitet lieber mit der 9 mm-Pistole.

João richtet über Leben und TodSeinen Berufsalltag beschreibt João ohne beschönigende Worte: "Wenn die Räuber bewaffnet sind, dann sind sie tot. Wenn sie unbewaffnet sind, bekommen sie Schläge, jede Menge Schläge. Als ob sie gefoltert würden."


Fast unwirklich, wie ungeniert der Auftragskiller aus dem Nähkästchen plaudert. Aber uns scheint es, als ob wir die ersten sind, mit denen er offen über seine mörderische Arbeit reden kann. Nach und nach sprudelt es förmlich aus ihm heraus: "Ich habe bislang 22 Menschen umgebracht. Es waren immer Räuber, die es nicht verdient haben, weiter zu leben."

8000 Euro für einen AuftragWie fragwürdig Joãos Rechtsverständnis und das seiner Auftraggeber ist, wird am nächsten Treffpunkt klar. Auf der Universitätsinsel hat er zwei Menschen hingerichtet, als privater Richter über Leben und Tod. Der Rechtsstaat ist eine Fiktion. Es herrscht das Recht des Stärkeren.

Von einer Tat erzählt João ausführlich: "Da waren junge Männer, 23, 25 Jahre alt. Sie haben versucht, einen Supermarkt zu überfallen. Sie sind uns direkt in die Arme gelaufen. Wir haben sie in den Kofferraum gesperrt und hierher gebracht. Hier an dieser Stelle haben wir sie exekutiert."

Für seinen ersten Auftrag vor zehn Jahren haben die Geschäftsleute ihm 12.000 Reaís bezahlt, umgerechnet 4000 Euro. Heute verdient er als Profi mehr als das Doppelte. Sein Geld hat João in drei Bars und eine Schlosserei investiert. Seinen Kindern will er eine sichere Zukunft bieten, ohne Drogen und Gewalt.

Eigentlich wollte er Polizist werden

"Es ist nicht besonders toll, jemanden umzubringen. Aber was ich von anderen gelernt habe, die noch mehr Erfahrung beim Morden haben, ist folgender Satz: Derjenige, der andere umbringt, ist nicht derjenige, der dafür verantwortlich ist. Gott bestimmt das Schicksal. Wir machen nur das Loch", beschreibt João seine Sichtweise, um mit seinem Gewissen klarzukommen.

Sein Traumberuf war Polizist, das hat wegen seiner schlechten Schulausbildung nicht geklappt. Doch João hat seine ganz private Alternative gefunden: Räuber und Gendarm, ein tödliches Spiel unter dem Zuckerhut.
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Beitragvon stefan - rio » So 2. Jul 2006, 11:33

.....Cidade Maravilhosa...........
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Beitragvon Careca » So 2. Jul 2006, 12:00

Danke für den Tipp
Abraços
Careca

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Beitragvon loiro » So 2. Jul 2006, 19:37

Interessanter Beitrag.
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Beitragvon carioca » Di 4. Jul 2006, 13:08

nur leider etwas knapp gehalten ...
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Beitragvon casparbahia » Di 4. Jul 2006, 13:14

Dachte ich mir auch, als ich gemerkt hab', dass der komplette Bericht schon hier drin steht. Trotzdem sehr interessant und so eine Story zu kriegen ist schon eine kleine journalistische Meisterleistung.
Allerdings ist der liebe Joao jetzt nicht mehr wirklich anonym.
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Beitragvon Holger3 » Di 4. Jul 2006, 15:58

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