enyone hat geschrieben:
Ich verstehe es jedenfalls nicht wie man sich für Brasilien und auch gleichfalls wieder nicht, lieber Deutschland in Brasilien begeistern kann, sorry.

Nun, Brasilien ist nun einmal ein 99.9%iges Einwanderungsland. Was ist denn Brasilianisch? Samba, Carnaval und Copacabana? Sertão? Pantanal? Die endlosen Feijao-Felder in Paraná? Dörfer am Amazonas, die nur per Boot zu erreichen sind? Die "moderne" Hauptstadt? Cambolé in Salvador? Die Dünen bei Natal?
Ich denke, jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Brasilien. Ich bin z.B. bin nur zufällig hier, weil das Schicksal mich hierher verschlagen hat. Für mich war es am Anfang einfach Brasilien - einfach mein Brasilien.
Vor max. 60 Jahren wurde z.B. meine Region besiedelt, und zwar zu 95% von Einwanderern der zweiten oder dritten Generation, vornehmlich deutscher und italienischer Herkunft (kamen aus SC & RS) "hoch" in den Westen. Da gabs nur Urwald. Und was sie dann an Pionierarbeit geleistet haben, sieht man heute in einer sehr guten Infrastruktur, Ordnung, Sauberkeit, etc. Heute leben hier rund 1.000.000 Menschen.
Es ist nach Klischeevorstellungen bestimmt nicht brasilianisch genug. Aber es ist Brasilien. Mit Deutschland hat das sehr wenig zu tun, ausser man betrachtet die Einstellung der Menschen. Dann trifft man aber auf ein Vorkriegsdeutschland, wo "Disziplin, Zucht und Ordnung" (um es mal überspitzt auszudrücken) noch Bestandteil der Erziehung waren. Natürlich ist es auch hier aufgeweicht und hat sich mit äusseren Einflüssen vermischt, aber eine gewisse Bodenständigkeit ist geblieben. Das dort auch deutsche Traditionen gepflegt werden, die es in Deutschland schon seit Jahrzehnten aus Mangel an Nachwuchs nicht mehr gibt, ziehe ich noch nicht einmal in meine Bewertung mit ein.
Und in jeder Region ist das Leben anders: Wenn ein Geschäft keinen Umsatz machen will, legt es eine Sambaplatte auf, dann kommt garantiert keiner. Wenn ein Capoeira-Lehrer gesucht wird, dann fährt jemand nach Rio oder noch besser gleich nach Salvador um einen zu finden und mitzubringen. Grüne Kokusnüsse gibt es vielleicht fünfmal im Jahr, und nur dann, wenn in anderen Teilen des Landes anscheinend ein Überschuss besteht und man sie billigst einkaufen kann. 2 Monate im Jahr sinken die Temperaturen nachts bis zum Gefrierpunkt. Weihnachten 2004 hatte ich am 1. Feiertag morgens um 7 Uhr knappe 11 Grad. Das Meer ist rund 700 Kilometer weit weg. Hier verrecken die Fernseher nicht nach ein paar Jahren wegen der Marisa (heisst doch so, oder???) Und Cachaça wird hier meist pur gesoffen, wer macht sich schon eine Caipirinha?
Das klingt alles nicht brasilianisch. Ist es aber. Und ich behaupte mal, jede Region hat so ihre Eigenarten. Wenn ich in Recife Gaúchomusik auflege, werden sie mich vermutlich durch die Stadt prügeln.
Das Image Brasiliens im Ausland wird seit Jahrzehnten auf den Tourismus fixiert und stellt eben ein völlig falsches Bild da. Da gibt es Rio, die Wasserfälle, der Amazonas und das Pantanal. Daneben die langen Strände für "Turistas"

Als Auswanderer kann man natürlich diese Klischees finden und dort sesshaft werden, sollte aber bedenken, dass grosse Teile Brasiliens halt komplett anders sind.
Es sind andere Menschen, andere Gebräuche, andere Kulturen - aber es ist Brasilien! Und vereinen kann man sie sowieso nur mit einer einzigen Sache: Einem Sieg der Seleção .....
Somit muss sich doch jeder einzelne die Frage stellen: "Was erwarte ich von meinem Brasilien?" Und kann sich dann eine Region suchen, die dies enthält. Vielleicht ziehe ich selbst noch weiter in den Süden, dann aber auch nur wegen einer deutschen Schule für unsere Tochter. Oder ich ziehe in den Norden, weil mir die Spiessigkeit der Leute hier nach und nach vielleicht auf den Sack geht.
Aber wo ich auch hingehe, es wird immer Brasilien sein. Auch diese Kolonien sind Brasilien. Anders als z.B. die Mennoniten-Kolonien in Paraguay wo die Menschen immer in den Trachten ihrer Vorfahren rumlaufen, selbst bei einem Besuch in der Hauptstadt Asunción. Sie werden sich nie als Paraguayer fühlen. Fremde Einflüsse gibt es kaum, sie degenerieren langsam weil hier nur Cousins ihre Cousinen heiraten usw.
Das habe ich in Brasilien noch nicht erlebt und auch noch nicht gehört. Ich weiss nicht, wie es in Tirol, Pommerode oder Novo Friburgo ist (Blumenau erscheint mir schon zu gross dafür), aber die nun heranwachsende vierte Generation scheint sich 100%ig mit Brasilien zu identifizieren. Nur die Werte, die sie von Eltern und Grosseltern mit auf den Weg bekommen haben, sind halt andere wie in anderen Regionen.
Aber mit Deutschland hat das kaum noch was zu tun. Es wirkt vielleicht so, ist es aber nicht.